(5/6) Der smarte Stil des Mittelalters

Der gotische Kathedralbau war zu seiner Zeit ebenso revolutionär wie heute das Smartphone. Nicht die einzelnen äußeren Merkmale, Strebebögen, Kreuzrippengewölbe, Spitzbogen und Buntglasfenster sind entscheidend für den gotischen Stil, sondern die neuen Proportionen, die Wirkungen von Licht und Schatten und das neue Raumgefühl, das sie vermitteln.

Bamberger Dom, Modellfenster im südlichen Seitenschiff. Foto: Thomas Werner

‚Pulchritudo‘, die Schönheit des Kirchenraums entstand durch das Licht, das durch die Buntglasfenster herein scheint. In einer Zeit ohne elektrische Beleuchtung war Licht ein Symbol Gottes, weshalb die meisten Kirchen nach der aufgehenden Sonne ausgerichtet sind. Der Bamberger Dom nach dem Vorbild der Peterskirche in Rom – nach Westen.

Das ganze mittelalterliche Welt- und Menschenbild war auf den Himmel ausgerichtet, von dem die Kathedralen eine Vorahnung bieten. Die Portale, Skulpturen und Buntglasfenster der gotischen Kathedralen erzählenin ganzen Bilderserien die Geschichte Gottes mit den Menschen: Geschichten aus der Bibel und der Tradition der Heiligen, mit zahlreichen Querverweisen von der Fassade in den Innenraum, von Stein zu Glas und zurück – für das Volk, von dem die wenigsten lesen und schreiben konnten. Lange vor dem Betriebssystem ‚Windows‘ (Fenster) haben die Buntglasfenster das Programm einer Kathedrale illustriert. Während wir ignorant oder rätselnd davor stehen und keinen Zusammenhang mit unserem Leben erkennen, hatten die Menschen im Mittelalter andere Sehgewohnheiten. Sie konnten die Bibel aus Stein und Glas dechiffrieren, wie wir es heute mit Internetseiten gewohnt sind.

Teil 6/6 ab Dienstag 4. Dezember 20:00h

Thomas Werner