Goldroger“ — Ein Interviewschatz zu „Diskman Antishock“ Teil 3

Bild: Fre­de­ri­ke Wet­zels

Gold­ro­ger“ hat aktu­ell viel zu erzäh­len. Das fällt nicht nur auf, wenn man sich sei­nen bei­den Releases „Diskman Antis­hock 1+2“ anhört, son­dern auch bei unse­rem Inter­view, dass wir im Som­mer die­ses Jahr online führ­ten. Die­ses extrem span­nen­de und auf­schluss­rei­che Gespräch wol­len wir euch natür­lich nicht vor­ent­hal­ten. Des­we­gen folgt hier Teil 3 des XXL-Inter­view. Im drit­ten Teil erfahrt ihr mehr über die Mei­nung des Artist zur aktu­el­len Deutschrap-Ent­wick­lung, wel­che Sam­ples er ger­ne noch benut­zen wür­de und was mit der Figur auf dem Cover der bei­den „Diskman Antishock“-Teile auf sich hat. 

Reflex: Du hast auch gera­de noch­mal von einer Ambi­va­lenz gere­det. Ich fin­de zum Bei­spiel auch, dass wir bei „Lavalam­pe Lazer“ eine Ambi­va­lenz haben. Wir haben das aktu­el­le Sound­bild, was im trap­pi­gen Deutschrap herrscht, der ja viel auf Vibe und so geht, in der Hook und trotz­dem die­se deepen Tex­te. Hast du da auch so ein biss­chen das Ziel gehabt: Hey ich zei­ge jetzt mal der Deutschrap­sze­ne, also so den alten Hasen, neu­er Deutschrap ist nicht immer gleich so, und den neu­en Hasen: Das könn­tet ihr viel­leicht ein biss­chen mit ein­bau­en, so ist das Kon­strukt von Rap?

Gold­ro­ger: Das mein­te ich tat­säch­lich auch, als ich gera­de gesagt habe das war für mich wie so Stu­di­en bei irgend­wel­chen Künst­lern. Alle haben irgend­wie nur noch davon gequatscht, dass der Vibe stim­men muss und ich sehe das auch so.  Und ich mag auch die­sen Non­sens-Talk und die gan­ze Zeit nur irgend­wel­che Wor­te, die irgend­wel­che Emo­tio­nen und Bil­der trig­gern. Ich fin­de es ja auch geil, wenn irgend­wer die gan­ze Zeit nur irgend­wel­che Luxus­mar­ken auf­zählt, weil dann die­se Asso­zia­tio­nen von Luxus irgend­wie rüber geschwemmt wird. Und das hat so eine beru­hi­gen­de Wir­kung. Man kann selbst mal für einen Moment ver­ges­sen, dass man nicht mega reich ist, aber das war für mich auf jeden Fall der fal­sche Ansatz. Das wäre bei mir ein zu gro­ßer Bruch und auch nicht das gewe­sen, was ich machen woll­te. Nur irgend­wie Machi­al­la und Guc­ci auf­zu­zäh­len. Und daher haben die Tracks auch so Titel wie „Poti­on“ oder „Bom­ber­man“ und „Speed­ball Dri­ve“. Weil ich dach­te, wenn es am Ende eh egal ist was man sagt, in dem neu­en Rap-Kapi­tel, dann kann ich ja ein­fach Sachen sagen, wo ich irgend­was mit mei­ne und dann bin ich sicher das hat irgend­ei­ne Mei­nung und irgend­je­mand wird auch eine Mei­nung für sich da rein­pro­ji­zie­ren kön­nen. Aber ich bin gar nicht so fest. Also ich habe für mich so einen Mit­tel­weg gefun­den. Wie kann ich die Text­dich­te im Ver­gleich zu „Avraka­dav­ra“ dras­tisch redu­zie­ren? Und wie kann ich coo­le Wör­ter benut­zen, um das zu kom­pen­sie­ren, um mehr Anknüp­fe­be­nen für Asso­zia­tio­nen zu schaf­fen. Und von daher ja. War für mich auf alle Fäl­le so ein: Okay ich will Musik machen, die einen coo­len Vibe hat, aber ich will, dass es irgend­wie Sub­stanz hat. Ich will aber auch, dass die Sub­stanz im Zwei­fels­fall eine Neben­sa­che sein kann. Ich fin­de das ner­vig, wenn Musik einem das auf­zwingt, dass es jetzt so ein „Ach­tung das ist jetzt ein kul­tu­rell wert­vol­les Stück / Erzeug­nis“ ist (grinst) — „Hor­crux“ ist viel­leicht sogar ein biss­chen so.  Das fin­de ich manch­mal ner­vig und woll­te es selbst irgend­wie aus­he­beln. Ich fin­de in vie­len Inter­views habe ich jetzt „Frank Oce­an erwähnt, aber „Frank Oce­an“ war da auch für mich ein Vor­bild. Denn der hat auch so Songs, wo ich manch­mal nicht so rich­tig pei­le, ob der ein­fach high war und irgend­wie so coo­le Wör­ter zusam­men­ge­reimt hat. Aber manch­mal macht es dann so wirk­lich Klick. So krass, der meint da wirk­lich was und meint er viel­leicht noch mehr als ich da gera­de drin sehe? Und das fin­de ich auch geil, wenn es so zu einer Über­in­ter­pre­ta­ti­on ein­lädt. Wenn es so for­mu­liert ist, dass Leu­te viel mehr dar­in sehen kön­nen, als da drin ist. Das fin­de ich dann auch span­nend. Da habe ich so ein biss­chen rum­ex­pe­ri­men­tiert, um mei­nen Style zu fin­den. Und so der Haupt­an­satz­punkt des „Discman“ — Dings war für mich auf jeden Fall wie­der Spaß an der Sache zu fin­den. So wie ich damals Spaß hat­te mir mal lan­ge Reim­ket­ten aus­zu­den­ken, so in die­ser Post-„Kol­le­gah“-Pha­se. Das war, als ich ange­fan­gen habe zu schrei­ben. Mir ein­fach irgend­wel­che Wie-Ver­glei­che und Rei­me aus­zu­den­ken. Und jetzt brauch­te ich irgend­wie eine Bau­stel­le, an der ich ein­fach Spaß am Expe­ri­ment habe und das war das auf jeden Fall. Der Vibe.

Zum The­ma Vibe. Wir haben auch 2017, in einem Inter­view, dar­über gere­det, dass du zum Bei­spiel RIN oder „Euni­que“ sehr span­nend fin­dest, sowie die gan­ze Ent­wick­lung, die damit kommt. Auto-Tune fin­dest du auch inter­es­sant, aber nur solan­ge man es benutzt, sodass es nicht blub­bern ist und nur halt dazu da ist, dass man nicht sin­gen kann. Jetzt hat man aber aktu­ell Künst­ler wie „Eno“ oder „Lore­da­na“ denen genau das vor­ge­wor­fen wird. Denen auch vor­ge­wor­fen wird, dass sie Songs aus Ame­ri­ka neh­men und die­se dann fast 1:1 kopie­ren. Wie siehst du denn die­se gan­ze Ent­wick­lung?

Pfff… Ich über­le­ge gera­de ob wir einen Song 1:1 kopiert haben.  Ich würd es jetzt näm­lich ger­ne lea­ken so (lachen). Aber mir fällt tat­säch­lich gera­de kei­ner ein. Das ganz gro­be Vor­bild, aber das klingt ganz anders irgend­wie, für „Lip Gall­lag­her“ war „Macau­lay Cul­kin“ von „JPEGMAFIA. Aber ist auch ein­fach nur ein Lofi Boom Bap Hip Hop Beat mit einer Gitar­re.

Ne, soll jeder machen was er will. Teil­wei­se fra­ge mich da immer nur: Wer­den die dafür nicht ver­klagt? Das sind teil­wei­se Sachen, die so ähn­lich sind. Und da geht es ja schon um rele­van­te Strea­mingn­um­bers. Das ist echt das Ein­zi­ge was mich scho­ckiert. Im Zwei­fels­fall, wenn sie dafür bezahlt haben, sol­len sie machen was sie wol­len. Also ich fin­de das okay. Ich habe tat­säch­lich auch schon über­legt, ob ich das nicht auch so machen soll­te (lacht). Aber ich bedie­ne mich, anstatt den gan­zen erfolg­rei­chen Rap-Hits die es jetzt gibt, an allen ande­ren Gen­res. Ich neh­me „The Sci­en­tist“ von „Cold­play“. War ein Rie­sen­hit, mache ich 1:1 nach. Oh der und den Song von „Arc­tic Mon­keys“ mache ich jetzt nach und viel­leicht kann ich dann noch „I fol­low rivers“ von „Lykke Li“ und so machen. Mir wür­den da noch Hits ein­fal­len, die ich auch noch­mal nach­ma­chen kann (lachen). Ich weiß es nicht. Ich glaub um so erfolg­reich in dem Busi­ness wie „Eno“ oder „Lore­da­na“ zu sein, braucht es ande­re Talen­te, auch jen­seits vom Song­schrei­ben. Man muss eine kras­se Soci­al-Media-Affi­ni­tät haben. Man muss einen kras­sen Arbeits­ei­fer haben. Man muss auf hun­der­te Meter rie­chen, ob irgend­je­mand einen abfu­cken will oder so. Weil stän­dig jemand sol­che erfolg­rei­chen Leu­te abfu­cken will. Und das ist dann glaub ich so Zeit auf­wen­dig, dass man dann gar nicht so viel Zeit hat sich Musik von scratch aus­zu­den­ken. Und das ist ja auch ein Rie­sen­er­folgs­druck. Wenn „Lore­da­na jetzt nach­ein­an­der zwei Songs machen wür­de, die so durch­schnitt­lich sind oder so, dann wür­den ja alle direkt sagen, okay „Lore­da­na“ ist jetzt vor­bei. Ich glau­be aus die­sem Druck kommt man dann irgend­wann dahin, dass man so eine Hit­ga­ran­tie braucht. Ich bin mitt­ler­wei­le auch an einem Punkt, wo ich defi­ni­tiv… YRRRE das ist so ein Rap­per mit dem wir mal auf Tour waren, kann ich defi­ni­tiv emp­feh­len. Wir haben auch dar­über gere­det, ob wir nicht mal zusam­men einen Text schrei­ben wol­len. Weil ich auch den­ke, ich hal­te bei mir den Stan­dard, den ich für mich hal­te, so hoch, dass es auf Dau­er mir zum Bei­spiel mehr um das End­pro­dukt gehen wür­de, als mei­ne eige­ne Eitel­keit jede Zei­le sel­ber geschrie­ben zu haben. Und ich kann mir sowas auch vor­stel­len. Von mir aus, wenn am Ende coo­le Mucke rum­kommt, gibt es tau­sen­de Wege das zu machen. Ist natür­lich bei „Eno“ so ein biss­chen Meme mäßig (lachen).

Das „Deutschrap ist fres­her denn je“-Meme.

Aber „Bau­sa“ hat es jetzt durch­ge­spielt. Dadurch, dass jetzt „Qua­vo“ „Was du Lie­be nennst“ macht. Aber da ist es bei „Qua­vo“ wahr­schein­lich genau das Glei­che. Da wird ja „Qua­vo“ wahr­schein­lich nicht irgend­wo den Song gediggt haben. Da wird jemand zu „Qua­vo“ gekom­men sein und gesagt haben: „Ey guck mal in Deutsch­land. Das war der erfolg­reichs­te Deutschra­phit seit Jah­ren. Mach das doch.“ Und dann sagt „Qua­vo“ : „Klar, wie­so nicht? Wenn es ein Hit wird. Wenn es in Deutsch­land ein Hit war wird es bestimmt auch hier ein Hit.“ Ich glau­be das ist ein­fach die Zeit. Ori­gi­nel­le Ide­en sind viel­leicht so ein biss­chen 20.-Jhd.-Scheiß.

Ich glau­be die haben die Rech­te an „Qua­vo“ auch ver­kauft. Es gab noch eine wei­te­re Ver­si­on von dem Song. Ich glau­be rus­sisch war das. Auch Beat und Hook 1:1 über­nom­men und die war auch mega der Erfolg dann. Die machen damit schon gut Geld. Wie du gesagt hast. Der hat das durch­ge­spielt.

Wenn der Song läuft und der Song von „Qua­vo“ noch­mal ein Hit wird aber eine Ebe­ne grö­ßer als bei „Bau­sa“, dann hat „Bau­sa“ auf jeden Fall, wenn nicht eh schon, so krank aus­ge­sorgt. Schon absurd. Ich weiß es nicht. Also ich glau­be heut­zu­ta­ge geht es um was ande­res beim Musik­ma­chen als viel­leicht jetzt in den 60ern oder so. Und für das ist es ein­fach wich­tig, dass da die Maschi­ne am Lau­fen gehal­ten wird. Und dann machen Leu­te ger­ne Songs nach. Ich wür­de aber auch echt ger­ne Songs 1:1 nach­ma­chen. Tat­säch­lich hat Moritz ges­tern einen Beat gebaut, der klang wie die­ser „Riri“ von „Ami­né“ und dach­te ich auch so mega geil. Manch­mal fin­de ich Songs auch selbst so gut, dass ich ger­ne mei­ne eige­ne Inter­pre­ta­ti­on davon machen wür­de. Das kam nur noch nie so dazu, weil weiß ich nicht. Noch nie so 1:1 lei­der (grinst)

Das ist auch glaub ich so ein Pro­blem. Da sind wir wie­der bei der aktu­el­len Genera­ti­on, die auch viel­leicht auch nicht so die Bestand­pfei­ler von Hip-Hop kennt und direkt sagt das ist eine Kopie. Die kei­ne Ahnung hat was über­haupt ein Sam­ple ist. Ich mei­ne es gibt das Prin­zip von Sam­pling, wor­auf die Hip Hop Kul­tur ja eigent­lich basiert. Da wird dann immer direkt Kopie geschrien, obwohl es bei­spiels­wei­se mal ein Sam­ple ist oder die Rech­te gekauft wur­den wie du gesagt hast.

Das ältes­te Bei­spiel aus der jün­ge­ren Zeit was mir ein­fällt, aber schon ein Stück her ist, ist fol­gen­des. „Cro“ hat damals die­sen Song gemacht: „Du“. Und das war auf jeden Fall „Your Song“ von „Left Boy“. Und die haben ja bei­de auf alle Fäl­le „Daft Punkt“ „Some­thing about us“ ges­am­pled. Und ich weiß nicht, aber „Cros“ Ver­si­on war geis­tes­krank nah an der „Left Boy“ Ver­si­on dran. Und ich kann mir auch vor­stel­len, dass er den Song ein­fach mega gefei­ert hat und er das Glei­che auch für sich machen woll­te. Und das ist auf jeden Fall ein Hip Hop Ding. Jeder Rap­per, der irgend­wie rappt, hat auch schon mal auf einen ande­ren Beat gerappt und dach­te sich: „Ja man. Ich will auf die­sen „Snoop Dogg“-Beat rap­pen.“ Und dann merkt man: „Oh, das geht nicht so ein­fach. Ich kann jetzt nicht ein­fach die­sen Song auf Spo­ti­fy hoch­la­den oder so.“ Doch ich wür­de voll ger­ne mei­ne eige­ne Ver­si­on von „Hum­ble“ von „Kendrick Lamar“ machen. Ich fin­de das nicht schlimm. Das ist so ein Hip Hop Ding. „Lil Way­ne“ hat das frü­her dau­ernd gemacht. Irgend­ei­nen Song von irgend­je­mand ande­ren genom­men. Eine super aktu­el­le Sin­gle, auf den glei­chen Beat gerappt, sei­ne eige­ne Inter­pre­ta­ti­on der Hook und hat Leu­ten ihre Songs unter der Nase weg­ge­klaut. Ich fin­de das schon cool und ich fin­de da soll­te es auch kei­ne Gren­zen geben. „Shape of my heart“ von „Sting“ wur­de so oft ges­am­pled und war immer ein Hit. Und auch Flows 1:1 klau­en fin­de ich nicht schlimm so.

Fin­de ich ja auch. Was auch krass ist, sind die­se gan­zen Remi­xe von Deutschrap­pern, bei denen Ami­rap­per drauf­sprin­gen, oder „Ufo“ hat das ja auch krass gemacht, dass er immer sag­te: „Hey ich ori­en­tie­re mich an „Future“ und irgend­wann habe ich „Future“ auf mei­ner Plat­te so“.

Das ist krass ne.

Also was da alles so an Ent­wick­lun­gen geht. Ich fän­de das auf alle Fäl­le mal span­nend, da etwas von dir zu hören, wo man merkt, dass das dar­an ori­en­tiert / ges­am­pled wur­de — wenn das natür­lich recht­lich klappt, wäre das auf alle Fäl­le cool.

Voll. Ich habe tat­säch­lich auch mal einen Rap­per ange­fragt. Wir haben auch geschrie­ben. Aber dann ist er schnell so erfolg­reich geant­wor­tet, dass er dann nicht mehr geant­wor­tet hat. Das ist so ein Eng­län­der. Bakar“ . Denn habe ich gediggt, als er ganz klein war und dann haben wir geschrie­ben. Yeek“ auch, das ist ein ande­rer Rap­per. Ich habe dann nur immer Pech, dass das pas­siert, bevor ich den Pay­pal Link so: „Come on bro lets get it!“ mäßig raus­haue (lachen). So macht Ufo“ das. Ufo“ hat in einem Inter­view gesagt, dass er direkt so ein­steigt: „Gib mir dein Pay­pal.“ Damit Leu­te wis­sen, dass er serious ist.  So soll­te ich das viel­leicht auch machen (grinst). Dig­ge ich wie­der irgend­ei­nen klei­nen Künst­ler und wenn er dann big ist, habe ich das Fea­ture zu nem Schnäpp­chen­preis bekom­men.

Das war ja auch bei 6in9ine so. Der hat ja auch bei so vie­len deut­schen Künst­lern Kol­la­bos gemacht und irgend­wann kam ja dann der kom­plet­te Blow-Up bei ihm.

Wie ist das eigent­lich? Wir hat­ten jetzt ja eigent­lich nur das Fea­ture mit Naru auf der Plat­te. Auf „Avraka­da­bra“ gar kein Fea­ture. Jetzt hast du ja trotz­dem gesagt du ver­suchst Fea­tures ran­zu­krie­gen. Weil ich hat­te immer das Gefühl, Fea­tures ver­mei­dest du irgend­wie.

Das ist ein­fach mega anstren­gend. Ich hat­te mit einem sehr, sehr gro­ßen deut­schen Rap­per schon zwei Mal einen Beat gepickt. Und war auch mega cool alles und so. Aber Rap­per sind halt unzu­ver­läs­si­ge Leu­te. Und ich hat­te dann irgend­wie auch kei­nen Bock mehr dar­auf zu war­ten, dass das Fea­ture kam. Und dann habe ich den Track gemacht. Ich habe Tracks mit Lugat­ti & 9ine. Die haben jetzt aber nicht auf das Album gepasst. Ansons­ten bin ich da aber auch seit die­ser Erfah­rung mit dem grö­ße­ren Rap­per erst­mal nicht mehr so hin­ter­her gewe­sen, weil ich froh war, dass über­haupt das Album fer­tig ist. Und dann woll­te ich nicht noch irgend­ei­nen Song auf die Kip­pe stel­len so nach dem Mot­to: Okay ich war­te jetzt und dann kommt der am Ende nicht raus oder so. Da gibt’s belas­ten­de Sto­ries. Dass der eine Rap­per jetzt sagt, dass kann jetzt kei­ne Sin­gle wer­den, weil er sel­ber ein Album raus­bringt. Des­we­gen hat sich das jetzt ein­fach nicht erge­ben. Es gibt da auf alle Fäl­le ein paar Rap­per, mit denen ich jetzt noch unbe­dingt Songs machen möch­te. Und ich glau­be lang­sam kommt es jetzt auch in so eine Posi­ti­on, wo ich den Leu­ten selbst­be­wuss­ter sagen kann: „Yo, Jun­ge krieg mal dei­nen Arsch hoch so. Mach jetzt mal.“ Aber in der Ver­gan­gen­heit stan­den die Ster­ne bei mir jetzt nicht so gut.

Auf „Bom­ber­man“ hast du ja auch gesagt: „Was du nicht savest geht ver­lo­ren“. Ich habe immer über­legt was für Momen­te das so sein könn­ten in dei­nem Leben. Aber wären das auch so Momen­te gewe­sen? So hey, hät­test du mal das Pay­pal Geld über­wie­sen, dann hät­test du jetzt das Fea­ture.

Alles. Kon­kret habe ich als ich das geschrie­ben habe, glau­be ich im Kopf gehabt, dass wir nach „Avraka­da­bra“ so einen Auf­wind hat­ten und dass ich dann aber nicht in Stan­de war direkt wei­ter­zu­ma­chen. Und wir hat­ten jetzt aber das Glück, dass das Rad sich trotz­dem wei­ter­ge­dreht hat. Es gibt auch Rap­per, die haben das lei­der nicht. Manch­mal ist das so bei Rap­pern. Sie war­ten zu lan­ge und das Fol­ge­al­bum kann nicht da anknüp­fen, wo es hät­te anknüp­fen kön­nen, wenn man direkt wei­ter­ge­macht hät­te. Das ist alles wie Treib­sand, die­ser Fort­schritt. Man muss immer in Bewe­gung blei­ben und zwi­schen­durch wie­der eine Mar­ke set­zen, sonst ver­liert man qua­si die Yards die man sich erkämpft hat.

Da hast du defi­ni­tiv Recht.

Und ich glau­be bei uns war es auch so. Wäre jetzt „Diskman“ direkt gekom­men oder schon „Diskman 3“ fer­tig, dann wür­de da auch mehr gehen. Aber es ist nichts garan­tiert. Selbst für jeman­den wie Cas­per. Wenn er dann irgend­wann „Lang lebe der Tod“ raus­bringt, kann er nicht unbe­dingt da anknüp­fen, wo er mit „Hin­ter­land“ auf­ge­hört hat.

Cas­per hat­te sich ja zum Glück eta­bliert, der hat­te halt sei­ne Fan­ba­se. Aber wenn man auf die neue Genera­ti­on schaut. Eno der bringt 3 Alben im Jahr raus…

Das ist ein­fach cra­zy.

Das ist unvor­stell­bar, wenn man sich die alte Rap­schie­ne anschaut, wo man gefühlt viel­leicht auch mal 8 Jah­re auf ein Album gewar­tet hat.

Voll. Und des­halb ist ein ande­rer Grind. Ich glau­be das habe ich, in dem Moment, mit der Zei­le mehr gemeint. Aber das gilt für alle Sachen. Für alle Sachen, wo man irgend­ei­ner ver­pass­ten Chan­ce hin­ter­her­trau­ern kann. Du merkst also, tat­säch­lich mei­ne ich mit sol­chen Zei­len oft tat­säch­lich alles und nichts. Das ist so ein biss­chen der Weg, den ich so für mich zum Tex­ten gefun­den habe. Das ist ab irgend­ei­nem Punkt so eine kras­se Erkennt­nis gewe­sen. Und das habe ich tat­säch­lich durch sol­che Leu­te wie RIN oder so gelernt. Das ein Track nicht zwin­gend Sinn erge­ben muss. Am Ende muss nur irgend­ei­ne wis­sen­schaft­li­che Arbeit oder Mas­ter­ar­beit Sinn erge­ben. Aber Kunst nicht. Das ist rich­tig geil. Ich mag das auch bei Gemäl­den und so. Wenn irgend­wo die Per­spek­ti­ve auf­ge­bro­chen wird, dann ist das ganz geil. Es muss kei­nen kras­sen Kau­sal­zu­sam­men­hang geben. Man kann das vor­täu­schen. Man kann meh­re­re Sachen auch gleich­zei­tig sagen. Es hält einen ja nichts davon ab. Man kann sagen, dass es schlecht ist. Aber grund­sätz­lich hält einen ja nichts davon ab in einem Song­text zwei kom­plett sich wie­der­spre­chen­de Posi­tio­nen zu ver­tre­ten. Und das ist ganz geil, dass es dafür irgend­wie so einen Raum gibt. Im ech­ten Leben gibt es dafür nicht so einen Raum. Aber in der Musik schon. Und das war für mich so eine mega Erkennt­nis. Ein Song muss kein The­ma haben und kann doch ganz vie­le The­men haben.

Noch eine letz­te Fra­ge. Da ich glau­be, dass die­se echt noch ganz gut zum Abschluss passt. Du hast gesagt, dass die­ses gan­ze Gesamt­kon­strukt kei­nen Sinn erge­ben muss. Und eine Fra­ge, die da schon die gan­ze Zeit rum­schwirrt, da sie für mich kei­nen Sinn erge­ben hat war zum Cover von „Diskman Antis­hock 1“ und „2“. Auf dem ers­ten Teil ist die Rüs­tung an. Auf dem zwei­ten Teil ist kei­ne Rüs­tung. Und ich habe ja gesagt, dass der zwei­te Teil für mich fröh­li­cher und hel­ler wirkt, aber auch, der ers­te viel mehr Deep­ness hat. Also, dass du im ers­ten Teil viel mehr von dir raus­gibst. Aber das wäre ja eigent­lich anders­rum. Wenn man die Rüs­tung abge­legt hat zeigt man ja eigent­lich so den Wah­ren inne­ren Kern. Dem­entspre­chend wären die Cover bei mir ver­tauscht so. Was hat es damit auf sich?

Ich sag dir das ist genau das (grinst). Ich fin­de das so geil. Ich hat­te mir erhofft das es auch so ein Ambi­va­lenz Ding ist. Weil grund­sätz­lich sagt ja nie­mand, dass das auf dem zwei­ten Cover der Diskman ist (grinst). Für mich ist das näm­lich gar nicht der Diskman. Aber ich dach­te auch, dass das durch­aus auch so wir­ken kann. Genau durch den Gedan­ken­gang den du hast. Ja, jetzt ist da kein Helm mehr und jetzt ist da ne Frau. Dann muss es ja sein. Und krass dann war es eine Frau. Und das ist ein Spiel mit den Erwar­tun­gen und für mich. Ich habe das auch an kei­ner Stel­le so kom­mu­ni­ziert und des­we­gen muss ich da auch gar kei­ne Deu­tungs­ho­heit haben, bezie­hungs­wei­se bestehe ich da gar nicht drauf. Für mich ist das tat­säch­lich die Frau, die in allen Tex­ten ange­spro­chen wird. Für mich ist das auf dem zwei­ten Cover die Frau aus „Hor­crux“, „Wie leicht“, „You“. Wobei es an vie­len Stel­len auch eine Lie­bes­ge­schich­te zwi­schen zwei Leu­ten ist und ich bei­de Leu­te abbil­den woll­te. Aber mir war auch total bewusst, dass man auch den­ken könn­te, dass das der Diskman ist. Dann fän­de ich das aber auch cool, weil die so super sava­ge aus­sieht auf dem Zwei­ten. Aber auch nicht wie so ne klas­si­sche ste­reo­ty­pe Frau. Man könn­te auch den­ken, dass das viel­leicht nen Typ ist, oder es ist extra so nen biss­chen gen­der­flu­id gehal­ten. Und auch da wie­der: Es muss ja nicht gesagt sein, dass ich das auf dem ers­ten Cover sein soll als Diskman. Es ist eigent­lich egal. Und dar­in habe ich für mich so Rie­sen­frei­heit gefun­den. Ich konn­te das vor­her nicht. Vor­her muss­te für mich alles immer eine fes­te Bedeu­tung haben. Das kann dann aber nur ent­täu­schen. Weil, wie du gera­de gezeigt hast, haben Leu­te zwangs­läu­fig ja immer ihre eige­ne Inter­pre­ta­ti­on. Das klingt echt weird oder? (lacht). Aber für mich war, dass der gan­ze Pro­zess. Für mich war das, das mit die­ser „Stu­die“. Ich habe dadurch sehr vie­le über mei­ne ästhe­ti­schen Vor­stel­lun­gen her­aus­ge­fun­den und was für einen Raum Kunst oder Musik haben kann, oder soll­te in mei­nem Raum. Wel­chen Raum ich bean­spru­chen kann. Was gehört mir an der Kunst, was gehört ande­ren Leu­ten und ihrer Vor­stel­lung dar­an? Ohne, dass ich da jetzt irgend­wie einen Ein­fluss dar­auf neh­men kann.  Und ich bin nicht high wenn ich das erzäh­le (lacht). Das klingt wie so ein übels­ter Kif­fer Talk. Ich mei­ne das dead serious. Ich habe viel Zeit über Musik nach­ge­dacht und das sind so die Schlüs­se, die ich dar­aus gezo­gen habe.

Ich fin­de, wenn man unter dem Gedan­ken „Avraka­da­bra“ hört, merkt man den Kon­trast und das bei „Avraka­da­bra“ ande­re ästhe­ti­sche Vor­stel­lun­gen hat­te.

Ich möch­te noch vie­len Dank sagen.

Ich dan­ke dir auch.

                                                                                     Das Inter­view führ­te Nico Hil­scher

Wei­ter­füh­ren­de Infor­ma­tio­nen zum aktu­el­len und kom­men­den Releases, sowie die Mög­lich­keit das Album oder Tour­ti­ckets zu erwer­ben, fin­det ihr auf den Soci­al Media Kanä­len von „Gold­ro­ger“ (Face­book und Insta­gram) und Land­strei­cher Boo­king.

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