Goldroger“ — Ein Interviewschatz zu „Diskman Antishock“ Teil 2

Bild: Fre­de­ri­ke Wet­zels

Gold­ro­ger“ hat aktu­ell viel zu erzäh­len. Das fällt nicht nur auf, wenn man sich sei­nen bei­den Releases „Diskman Antis­hock 1+2“ anhört, son­dern auch bei unse­rem Inter­view, dass wir im Som­mer die­ses Jahr online führ­ten. Die­ses extrem span­nen­de und auf­schluss­rei­che Gespräch wol­len wir euch natür­lich nicht vor­ent­hal­ten. Des­we­gen folgt hier Teil 2 des XXL-Inter­views. Im zwei­ten Teil erfahrt ihr mehr über die Messa­ges der Songs, den psy­chi­schen strugg­le des Artist und war­um er Musik als The­ra­pie nicht emp­feh­len kann.

Trig­ger­war­nung: In die­sem Teil des Inter­views geht es viel um psy­chi­sche Pro­ble­me und Belas­tung.

Reflex: Du hast gera­de auch noch­mal gesagt, dass du durch dein aktu­el­les Umfeld, durch dein Leben, dazu kamst einen Song zu machen, der gut zur Zei­le gepasst hat. Wir haben 2017 mal dar­über gere­det, dass ich gesagt habe, ich fin­de das ist ein biss­chen als wür­dest du dich in eine musi­ka­li­sche The­ra­pie bege­ben. Du hast gesagt du siehst die­sen Begriff jetzt nicht so, es wäre jetzt nichts was du benut­zen wür­dest. Als ich „Diskman Antis­hock“ gehört habe hat­te ich aber wie­der die­ses kras­se Gefühl, dass es sich hier­bei doch um eine musi­ka­li­sche The­ra­pie han­delt. Hat sich die Sicht­wei­se da seit­dem geän­dert?

Gold­ro­ger: Nee man. Für mich ist das eher wie so ein Tage­buch.  Ich fin­de auch an dem Bei­spiel mit „Wie leicht“ ist es für mich tat­säch­lich eher komisch. Weil in dem Song geht es ja auch dar­um so eine Wun­de und so ein Gefühl offen zu hal­ten. Und das ist ja der Punkt. Bis der Song raus ist bin ich ja immer noch damit beschäf­tigt und ich glau­be das Bes­te ist, irgend­wann auch mal Sachen zie­hen zu las­sen und Ver­gan­gen­heit Ver­gan­gen­heit sein zu las­sen. Und ich fin­de, wenn so ein Song noch unre­leased da liegt oder man dar­an arbei­tet, dann holt man sich das ja immer wie­der vor Augen zurück. Ich habe irgend­wann mal zu Hen­drik von Dienst & Schul­ter die­sen Satz gesagt: Ich glau­be ich bin die­ser Typ auf dem Album. Und ich fands erschre­ckend, weil ich habe auf „Diskman“ die­se Musik gehört und dach­te so: Yo, das ist frus­trie­rend. Ich bin die­ser Typ, der die gan­ze Zeit die­se trau­ri­gen Sachen rappt. Und ich weiß nicht ob man damit auch in die Rea­li­tät spricht. Das ist ja wie so Moti­va­tio­nal­talk. Wenn das hilft, die­ses Posi­tiv­den­ken, bes­ser klar zu kom­men, dann mach ich es ja immer noch schlim­mer indem ich mir stän­dig sel­ber ein­re­de: Ich bin die­ser Typ aus „Speed­ball Dri­ve“. Ich bin die­ser Typ aus „Poti­on“. Und ich habe schon Angst, dass ich damit die­ses nega­ti­ve Selsbtimage bei mir fest­setz­te. Aus the­ra­peu­ti­scher Per­spek­ti­ve wür­de ich auf jeden Fall davon abra­ten. Es hilft mir aber mit Abstand, viel­leicht in 5 Jah­ren oder so, auf Sachen zurück­zu­bli­cken und dann ist es eher wie ein Tage­buch. Weil ich dann den­ken kann, dass es krass ist, an was für einem Punkt ich vor 5 Jah­ren war und jetzt kann ich damit gar nicht mehr con­nec­ten. Das ist dann irgend­wie ein schö­nes Tes­ta­ment, was man für einen Fort­schritt als Per­son gemacht hat.

Das Pro­blem ist wahr­schein­lich auch, dass die­se Ver­gan­gen­heit, die du ja auf­scheuchst beim Schreib­pro­zess, nicht weg ist, wenn du den Track released hast, weil du den ja auch live per­formst. Du machst ja also wie­der die­ses Fass auf. Oder geht das, dass du dann live in dei­ner Zone bist?

Nee, also ja. Denn genau das ist auch so ein Pro­blem. Ich habe irgend­wann auch bei mir sel­ber gemerkt, dass ich zum Bei­spiel „Per­woll“ so total abge­klärt per­for­me und mich dann so gefragt: Boah war das gut heu­te? In der Fol­ge habe ich dann ange­fan­gen, wenn ich „Per­woll“ spie­le, mich sel­ber an etwas zu erin­nern was mich ver­letzt, um mich mit dem Gefühl zu con­nec­ten und das authen­tisch zu per­for­men (grinst). Und das, weil ich dach­te, das ist doch völ­lig unan­ge­mes­sen, wenn ich bei einem Track die gan­ze Zeit lache oder so. Ich muss ja auch betrof­fen aus­se­hen, um das irgend­wie zu füh­len und gut rüber­zu­brin­gen für die Leu­te. Und dann dach­te ich auch so: Hmm, das ist ja echt schei­ße. Weiß ich nicht. Ich weiß auch nicht wie lang das mög­lich ist. Ich mache Gott sei Dank ja nicht so kid­die­mä­ßig trau­ri­ge Mucke. Ich mache oft ja schon trau­ri­ge Mucke, aber ich mache jetzt nicht so was und hof­fe auch, dass das nicht so rüber­kommt. So kid­die­mä­ßi­ge trau­ri­ge Mucke, wo ich mir auch vor­stel­len kann, dass ich so in 5–6 Jah­ren viel­leicht den­ke: Jaaa, schon ein­fach hän­gen geblie­ben. Ich will damit gar nicht mehr con­nec­ten. Ich kann das aus mei­ner Per­spek­ti­ve irgend­wie gar nicht mehr ernst neh­men. Gibt es bestimmt auch Künst­ler, die dann dar­an schei­tern. Ich will jetzt kei­ne Namen nen­nen. Aber ja, du hast Recht. Man kann damit nicht wirk­lich abschlie­ßen. Spä­tes­tens wenn wir „Hor­crux“ per­for­men, muss ich jedes Mal wie­der da durch. Und das ist so einer die­ser Momen­te, da fin­de ich das super ätzend und bereue, dass ich das gemacht habe. Ich muss mir das immer wie­der vor Augen füh­ren, dass ich ein Idi­ot bin und das ist nicht so geil (lacht).

Also wie gesagt ich wür­de kei­nem emp­feh­len Musik zur The­ra­pie zu machen.

Das klingt auch wirk­lich hef­tig. Alles was das du gesagt hast. Ich mei­ne das sind vie­le ver­schie­de­ne Facet­ten, die da irgend­wie zusam­men­tref­fen. Zum einen einen Selbst­zer­stö­rungs­trieb, zum ande­ren so ein: Ich will mich viel­leicht irgend­wie ver­än­dern, aber wenn ich mich jetzt so ver­än­de­re passt das dann noch? So vie­le Facet­ten die da irgend­wie den Kopf ficken kön­nen.

Ich glau­be auch. Aber das hat mir jetzt auf jeden Fall eine gute Idee gege­ben. Tat­säch­lich soll­te ich mir beim nächs­ten Album viel­leicht selbst so eine Geschich­te aus dem Loch schrei­ben und das wird dann so self full­fil­ling pro­phe­cy (grinst). Und das kann ich dann immer, wenn es mir schlecht geht, rap­pen und dann geht es mir wie­der bes­ser. Aber ja du bist im Zwei­fels­fall dann schuld, dass ich dann bald so „Kon­tra K“ mäßi­ge Self­mo­ti­va­tio­nal Mucke mache. Aber ist okay. Könn­te ich eigent­lich auch mit leben. Wäre ganz geil (grinst). Wäre eine schö­ne Geschich­te von dem depres­si­ven Typen hin zum Start­up Mil­lio­när (alle lachen).

Ich mei­ne, wenn es dir dadurch auf der Büh­ne bes­ser geht ist das doch schon mal ein Anfang. Dann bin ich ger­ne dafür ver­ant­wort­lich.

Mache ich auf jeden Fall. Geil! Ich schreib dich dann in die Credits (lachen).

Blei­ben wir doch kurz mal noch bei „Hor­crux“. Du sagst da, die­se eine Pas­sa­ge, die­se eine Line, die ich ziem­lich krass fin­de und die auch oft zitiert wur­de: „Es ist ver­rückt wie dem einen etwas die Welt bedeu­ten kann, was für einen ande­ren nichts wei­ter als nur ein Lied ist“. Wir hat­ten es gera­de so schön davon, dass es ein nega­ti­ves Kli­ma bei dei­nen Songs gibt. Trotz­dem kann es sein, bezie­hungs­wei­se ich bin mir ziem­lich sicher, dass es vie­le Men­schen gibt, die dei­ne Mucke hören und denen das die Welt bedeu­tet.  Wenn die jetzt auf dich zukom­men und sagen, dei­ne Musik hat mein Leben ver­än­dert, die hat mich aus einem Loch geholt, kannst du das dann nach­voll­zie­hen aus dem Stand­punkt?

Ja schon, aber Leu­te machen das auch auf so ne… Das ist manch­mal sehr schwie­rig. Das hat so eine Ten­denz, dass mir Leu­te ohne Fil­ter am Merch­stand auf ein­mal davon erzäh­len, dass die Mucke für sie etwas wich­ti­ges in einer super schwie­ri­gen Zeit war. Und das sagen sie mir ori­gi­nal in dem einen Moment, wo ich mal total eupho­risch von der Büh­ne kom­me und es mir blen­dend geht. Und in dem Moment kann ich damit über­haupt nicht con­nec­ten. Aber will dann auch kein Arsch­loch sein und muss mir dann selbst inner­lich auf die Fres­se hau­en und das so ganz nah an mich ran­las­sen, was mich dann auch jedes Mal wie­der ein biss­chen ins Loch zieht. Aber ne, freut mich voll, wenn Leu­te auf so einer wich­ti­gen Ebe­ne mit Musik con­nec­ten kön­nen. Mit mei­ner Musik. Weil das ist das was ich mir immer gewünscht habe. Das mei­ne Musik ande­re Leu­te genau­so berüh­ren kann, wie mich Musik von ande­ren Leu­ten berührt hat, und sie nicht nur so eine Hin­ter­grund­be­schal­lung ist. Und das ist schon geil. Es ist nur wie schon gesagt manch­mal sehr schwie­rig.  Die Momen­te, wo es mir zuge­tra­gen wird, das sind meist die unpas­sends­ten Momen­te um damit zu con­nec­ten. Lei­der. Aber es sind auch die ein­zi­gen Momen­te, wo ich Leu­te mal sehe. Am Merch dann.

Aber es wäre doch auch komisch, wenn dich jemand dann im Super­markt erkennt und sagt Hey …

Ich schwö­re dann könnt ich es. Meist gehe ich ja sel­ber mit so tra­gi­schen Gedan­ken durch den Super­markt. Da könn­te ich dann viel­leicht bes­ser con­nec­ten als nach einer Show (grinst).

Nach einer Show bin ich wirk­lich ein­fach nur voll auf Adre­na­lin und das ist manch­mal dann schon voll der Schock. Vor allem mach ich mir dann auch oft Sor­gen. Dann sind das so klei­ne Mäd­chen oder so. Manch­mal steht dann so ein 18-jäh­ri­ges Mäd­chen vor einem und sagt dann echt schlim­me Sachen. Was sie für Gedan­ken hat­te und da den­ke ich mir dann auch so: Wow, wie reagiert man dar­auf jetzt ange­mes­sen? — Voll scha­de, hey guck, dass du dar­ein nicht abglei­test?!

Ich hof­fe mei­ne Musik ist da eher so… Und das ist tat­säch­lich auch so ein Punkt. Ich habe „Bom­ber­man“ fast als letz­ten Song gemacht. Weil ich irgend­wie auch dach­te und zu viel Angst hat­te, dass durch „Poti­on“ und „Speed­ball Dri­ve“ das Gan­ze zu depres­siv sein könn­te und Dro­gen neh­men glo­ri­fi­ziert. Und ich woll­te noch irgend­ei­nen Song machen, der auch klar stellt, dass ich da sel­ber auch mit unzu­frie­den bin und raus will. Ich hof­fe eher, dass die Leu­te damit con­nec­ten kön­nen.

Ich weiß ja du magst zu Bei­spiel ja auch Kendrick Lamar. Ich weiß nicht ob du die­ses Video kennst? Ich weiß gera­de nicht wel­cher Auf­tritt. Da spielt er „A.D.H.D.“ live auf der Büh­ne und im Publi­kum ist ein jun­ges Mäd­chen. Und er merkt da ist irgend­was, der Song trifft sie und er holt sie auf die Büh­ne. Und sie sagt „You saved my life“. Und er dann irgend­wie so „No, you saved my life“. Das ist ja schon irgend­wie eine schö­ne Con­nec­tion. Ich weiß nicht, geht es dir auch irgend­wann mal so, dass du auf der Büh­ne merkst: Oh hey, der Per­son habe ich viel­leicht was Gutes mit dem Song getan?

Auf jeden. Auch die Leu­te, die dann nach der Show kom­men.  Ich will das auch gar nicht schlecht reden so. Das ist auch immer krass. In den Momen­ten bei Shows, nach Shows, wird’s für mich immer total real.  Dass das gera­de pas­siert, dass das wirk­lich so ist. Des­we­gen ist das aktu­ell auch so trau­rig, dass auf­grund von Coro­na kei­ne Shows statt­fin­den kön­nen. Und ne, ich bin damit super, super hap­py.  Ich mer­ke das dann regel­mä­ßig.

Bom­ber­man“ haben wir gera­de schon ange­spro­chen. Für das Inter­view habe ich auch noch­mal zu „Bom­ber­man“ recher­chiert, noch­mal alle Lyrics gele­sen und bei­spiel­wei­se bei Geni­us geschaut und Bedeu­tun­gen nach­ge­le­sen. Dort waren natür­lich die Lyrics, so wie ich sie schon kann­te, von dem Song, aber dazu waren noch Erklä­run­gen von jeman­den.  Um was es geht in dem Song, mit dem Dro­gen­kon­sum und so wei­ter und so fort. Und ich muss auch ehr­lich sagen, dass ich selbst jetzt auch nicht wirk­lich so Kon­takt mit Dro­gen hat­te und ich das nicht wirk­lich ver­stan­den habe. Also was heißt nicht ver­stan­den. Ich habe, als ich das so gehört habe, nicht gerafft um was es geht, im Sin­ne das ich eine ande­re Sicht­wei­se auf den Song hat­te. Ich dach­te, dass es nicht nur um Dro­gen­kon­sum geht, son­dern die­ses wie „Bom­ber­man“ das Hoch­ge­hen, also die­ses Hoch, dass man durch Dro­gen hat, habe ich so gese­hen, als dass man eben die­ses Dra­ma im nor­ma­len Leben will und konn­te mich damit iden­ti­fi­zie­ren.

Viel­leicht ist das auch falsch was da auf Geni­us steht. Ich guck par­al­lel noch­mal (lachen). Aber ja hey, stel­le die Fra­ge sor­ry.

Alles gut. Du kannst neben­bei schau­en.

Wäh­rend du den Song schreibst guckst du, dass die offe­ner blei­ben? Dass man da ver­schie­de­ne Her­an­ge­hens­wei­sen hat? Auch für die Wort­spie­le, dass man die in ver­schie­de­ne Rich­tun­gen inter­pre­tie­ren kann, oder bedenkst du das gar nicht beim Schreib­pro­zess?

Ne, doch, tat­säch­lich fin­de ich das bei Rap auch immer super scha­de. Rap hat so viel Text und hat meis­ten dann im Ver­gleich zu Musik, die so gesun­gen ist und weni­ger Text hat, so ein sehr eng gefass­tes Kor­sett. Weil man so viel sagen muss, kon­kre­ti­siert man den Punkt immer wei­ter und um einen Punkt wage zu hal­ten, ist es natür­lich bes­ser weni­ger Text zu haben. Des­halb ver­su­che ich manch­mal schon so ein biss­chen bei zen­tra­len Meta­phern, das so ein biss­chen offen zu hal­ten. Meis­tens mei­ne ich sel­ber meh­re­re Sachen damit und ich fin­de es auch gut, wenn Leu­te ihren eige­nen Zugang zu dem Song fin­den kön­nen.

Aber was steht hier denn jetzt bei „Bom­ber­man“?

(liest es sich durch)

Also das ist bei­des tat­säch­lich rich­tig. Ich mei­ne bei die­sem: „ich bin wie Bom­ber­man, ich hoff nur das es knallt“, meint es tat­säch­lich auch das mit den Dro­gen, aber auch, dass ich irgend­wie so einen Drang nach Dra­ma und Zer­stö­rung habe. Falls du das mein­test. Das ist auch so ein gutes Bei­spiel dafür, wo es auch ambi­va­lent gemeint ist. Also es ist tat­säch­lich jetzt nicht so, dass das Dro­gen­d­ing bei mir das Zen­tra­le ist. Es ist ein Teil des Pro­blems, aber das stemmt sich ja auch aus irgend­was und ist wahr­schein­lich auch nur  eine Sucht nach Selbst­zer­stö­rung. So wür­de das jetzt irgend­ein Psy­cho­the­ra­peut sagen (lacht). Des­halb nö, so eng mein­te ich das gar nicht.

                                                                                     Das Inter­view führ­te Nico Hil­scher

Wei­ter­füh­ren­de Infor­ma­tio­nen zum aktu­el­len und kom­men­den Releases, sowie die Mög­lich­keit das Album oder Tour­ti­ckets zu erwer­ben, fin­det ihr auf den Soci­al Media Kanä­len von „Gold­ro­ger“ (Face­book und Insta­gram) und Land­strei­cher Boo­king.

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