Vom Wald in den Konsumdschungel

Ben

Ben (Viggo Mortensen) hält seine Kinder auf Trab Bild: Universum

Regisseur Matt Ross inszeniert mit Captain Fantastic einen Kulturclash zwischen einer Aussteigerfamilie und der amerikanischen Großstadt. Dabei gelingt ihm das Kunststück weder seine weltfremden Protagonisten noch die naturentfremdeten Städter vorzuführen. – Am Ende wird er sogar überraschend kompromissbereit.

Leben inmitten unberührter Natur, weit entfernt von Großstadtlärm und Büroarbeit – was für viele nach einem Traum klingt ist für Ben (Viggo Mortensen) und seine sechs Kinder rauer Alltag. In ihrer kleinen Kommune irgendwo in den Wäldern Washingtons beginnt jeder Morgen mit einem ausführlichen Fitnessprogramm, das Mittagessen muss selbst gejagt werden und abends hält nur ein Lagerfeuer wilde Tiere auf Abstand. Der Aussteiger Ben tut alles um seine Familie von der verachteten kapitalistischen Zivilisation fernzuhalten. Als die Kinder zur Beerdigung ihrer Mutter zum ersten Mal in die große Stadt kommen ist der Kulturschock damit vorprogrammiert. Die Kleinen verstehen weder warum man im Supermarkt bezahlen muss, noch warum ihre Cousins den ganzen Tag auf kleinen Maschinen herumtippen. Und ihre Großeltern haben große Probleme mit Bens Erziehungsmethoden – kann er seine kleine Kommune zusammenhalten?

Viele Kinder, wenig Zeit

Matt Ross nimmt sich in seinem Zwei-Stunden-Film die Zeit, seine Protagonisten in ihrer natürlichen Umgebung kennen zulernen. Am Anfang steht eine minutenlange Jagdszene ohne jeden Dialog, nach Sonnenuntergang hört man nur noch das Knistern des Lagerfeuers und das Rascheln von Buchseiten. Der Regisseur setzt damit auf eine Entschleunigung, die sich nicht nur wohltuend von anderen Wildnis-Filmen abhebt, sondern auch Bens Ideologie ohne pathetische Erklärungen greifbar macht. Erst als die Familie den Wald verlässt nimmt der Film Fahrt auf und schleudert die Aussteiger in die schnelllebige Welt einer amerikanischen Großstadt.

Spätestens beim gemeinsamen Abendessen mit der Familie seiner Frau entfaltet sich das ganze Ausmaß von Bens unorthodoxer Erziehung, wenn er seiner jüngsten Tochter den Selbstmord ihrer Mutter mit nüchterner Präzision erklärt („Dopaminmangel im Gehirn“). Ein erfrischend ehrlicher Umgang mit unbequemen Wahrheiten, der sich bezahlt macht. – Tatsächlich wird Ross‘ Gesellschaftskritik gerade in den Szenen mit der städtischen Verwandschaft teilweise etwas plakativ. Die durch staatliche Schulen und Smartphones geprägten Cousins wirken gegen Bens Kinderschar reichlich beschränkt. Neben fundierten Kenntnissen in Botanik und Biologie lesen die kleinen Aussteiger auch noch klassische Literatur, diskutieren politische Ideologien und werden – natürlich – von allen Eliteuniversitäten angenommen. Das wäre ein bisschen subtiler gegangen.

Guter Kompromiss

Bild: Universum

Mit Mütze am Esstisch? Die kleine Zaja (Shree Crooks) hat noch viel zu lernen Bild: Universum

Überhaupt sind sechs Kinder tatsächlich ein bisschen viel. Für individuelle Charakterisierung bleibt da wenig Zeit. So schwankt der älteste Sohn etwas unmotiviert zwischen seinen politischen Idealen und dem Wunsch nach einem normaleren Leben, während sich sein kleiner Bruder von Videospielen und Luxus einlullen lässt, nur um dann überraschend wieder in den Wald zu ziehen. Glücklicherweise gelingt es Ross das familiäre Hin und Her auf dem schmalen Grad zwischen Außenseiterkomödie und Tragödie zu balancieren. Mit dem Tod seiner Frau steht immerhin Bens ganzes Lebensmodell auf der Kippe und der Regisseur schafft es immer wieder das Gewicht der emotionaler Szenen mit leichteren Passagen abzufedern.

Dabei schafft es das Drehbuch immer wieder auch die andere Seite des Familienkonflikts zu beleuchten. Bens Schwiegereltern sind keine herzlosen Kapitalisten und seine Kinder sind in der Wildnis nicht so sicher, wie er sich einreden möchte. Ross weicht die anfangs so verhärteten Fronten damit immer weiter auf und findet schließlich zu einem gelungenen und konsequenten Kompromiss zwischen dem abgeschiedenen Waldleben und der Großstadt. Ein erfrischend konstruktives Ende im gern so dramatischen Genre der Gesellschaftskritikfilme.

Simon Lukas

Captain Fantastic läuft aktuell im Cinecitta‘ in Nürnberg.

Ein Gedanke zu „Vom Wald in den Konsumdschungel

  1. Danke für die Kritik, ich fand den Film auch recht gelungen ( schade, dass er so wenig Beachtung findet ), aber man hätte von der Kinderschar wirklich 2,3 abziehen können 😀

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