Stand up für das Kabinett der Poesie

Ein Tag auf der Frankfurter Buchmesse 2014

Foto: Rebekka Knoll

Foto: Rebekka Knoll

 

Über 7.300 Aussteller überschwemmen die Besucher der Frankfurter Buchmesse mit ihren Neuerscheinungen und Veranstaltungen. Was bleibt hängen, wenn man sich einen Tag lang durchkämpft? Bei mir: eine laute Diskussion, eine leise Poesie-Ecke, Bodyguards und ein magisches Schokoladenrezept. Außerdem drei Bücher, die ich unbedingt lesen muss.

Ich betrete die erste Halle mit dem wehmütigen Gefühl, zu wenig Zeit zu haben: Ich will meine Lektorin treffen, die Pressesprecherin, ein Fernsehteam, ich will die Finnland-Halle sehen und zwischendurch ganz zufällig auf mein Lieblingsbuch 2014 stoßen.
Zum Glück ist der Freitag ein Fachbesuchertag. So können die Besucher wenigstens selbst entscheiden, wie schnell und wo lang sie laufen. Sie werden nicht durch die Gänge geschoben, ohne Rücksicht auf Verluste. Und zwischendurch ist es sogar möglich, an einem freien Tisch ein überteuertes Baguette zu essen!
Entspannt schlendere ich zwischen meinen Terminen durch die Reihen und hab so doch noch alle Zeit der Welt, ein paar Entdeckungen zu machen.

Blick in die Finnlandhalle, Foto: Rebekka Knoll

Blick in die Finnlandhalle, Foto: Rebekka Knoll

Die enttäuschendste Halle: Besuch beim Ehrengast Finnland

Der Raum, den ich in den letzten Jahren schon unter Wasser und voller berauschender Projektionen gesehen hab, ist bei Finnland einfach nur ein Raum. Es gibt ein paar runde Wände, in denen gelesen und finnisch gesprochen erden kann. Dabei werd ich das Gefühl nicht los, dass die für uns so ungewöhnliche Sprache hier die größte Attraktion ist. Ich verzichte auf die Kopfhörer und lausche der Moderatorin. Für ein paar Sekunden macht das Spaß, dann wünsch ich mir Samu Haber herbei. Der Pro7-Finne würde vielleicht etwas mehr Schwung in diese Veranstaltung bringen. Vielleicht ist er aber auch nur seine Schuld, dass ich vom Ehrengast Finnland viel Gelächter, lauten Gesang und blendend schöne Menschen erwartet habe. Ich drehe mich um und auf dem Boden der Buchmesse angekommen gehe ich zurück zu den Büchern.

 

Nino Haratischwili bei ihrer Lesung, Foto: Rebekka Knoll

Nino Haratischwili bei ihrer Lesung, Foto: Rebekka Knoll

 

Die schönste Lesung: „Das achte Leben (Für Brilka)“ von Nino Haratischwili
Vom „Spiegel“ inspiriert, besuche ich Nino Haratischwili, die aus ihrer Familiensaga vorliest. Der mehr als tausendseitige Band erzählt eine Geschichte, die sich über Georgien, Russland, England und über einen Zeitraum von 1900 bis 2007 erstreckt. Die junge Autorin spricht so sachlich ernst über ein blumig anmutendes Buch, dass ich es unbedingt lesen will – mir für 34 Euro wohl aber erstmal verkneifen werde.
Ich höre ihr noch ein wenig zu, wie sie von einem magischen Schokoladenrezept liest, wie sie von Selbstbestimmung in diktatorischen Systemen spricht, und stelle mir die kleine Brilka vor, für die das achte Buch, das achte Leben, freigehalten wird. Sie kann sich glücklich schätzen – vor allem, wenn das Rezept bis 2007 nicht verloren gegangen sein sollte.

 

 

Das leiseste Zuhörerlebnis: Theresa Hahl
Als ich nicht mehr stehen kann, laufe ich planlos weiter – zum Glück, denn in einer gemütlichen Leseecke stoße ich auf Theresa Hahl. Laut einem Bildschirm ist sie keine kleine Frau mit Mütze, sondern eine lebende Poetry Jukebox. Und tatsächlich: auf Wunsch trägt sie immer wieder verträumte Stücke aus ihrem „Kleinen Kabinett der Poesie vor“, das diesen Namen dank seiner bezaubernden Sprache und den bestechend schönen Ideen eindeutig verdient hat.
„Es ist schön, auf dieser lauten Buchmesse doch noch Ecken voller Stille zu erleben“, fasst der Moderator schließlich zusammen und auch Theresa Hahl freut sich: „Sie waren mir wundervolle Ohren.“ Nach ihrer Verabschiedung stürmen so viele Leute zu ihrem kleinen Kabinett vor, dass ich nur noch zurück auf den Gang flüchten kann.

 

Die spannendste Sachbuch-Entdeckung: „Stand up“ von Julia Korbik

Postkarte zu "Stand up" von Julia Korbik

Postkarte zu „Stand up“ von Julia Korbik

Es gibt immer wieder Menschen, die dem Feminismus ein neues Gesicht geben wollen und uns daran erinnern, was er eigentlich will. Julia Korbik ist so ein Mensch. Auf einer Postkarte verrät sie: „How to tell if you’re a feminist in two easy steps“. Die einfache Auflösung nach Korbik: Jeder, der sich gleiche Rechte für Frauen und Männer wünscht, ist einer. In ihrem Buch „Stand up. Feminismus für Anfänger und Fortgeschrittene“ geht sie allerdings etwas tiefer. Ihr Ziel: Der Feminismus soll inklusiver werden. Dafür nimmt sie auf der Buchmesse auch an einem Gespräch mit Manuela Schwesig teil. Und während deren Bodyguards der Runde einen Hauch von Berlin und Bundestag verleihen, findet die Ministerin überraschend aktivierende Worte über die Berechtigung der Frauenquote und einen ausgewogenen Geschlechtermix in allen gesellschaftlichen Bereichen.
Obwohl wegen der zwei sehr ähnlichen Standpunkte keine Diskussion aufkommen kann, bleibt es so spannend, dass ich trotz träger Beine bis zum Schluss stehen bleibe.

 

Meine Muss-ich-kaufen-Liste
Nach der letzten Messe hab ich dazu gelernt und eine Top Drei gewählt – statt einer Top 30.

Nr. 3: Jessica Keener: „Schwimmen in der Nacht“
Eine reine Cover-Entscheidung. Ich will mit diesen Leuten schwerelos werden und durch die Luft tauchen.

Nr. 2: Thomas Melle: „3000 Euro“
Eine Trotz-Cover-Entscheidung. Schließlich geht’s um die Liebesgeschichte zweier abgefuckter Underdogs. Da darf das Cover auch mal ziemlich schrecklich sein.

Nr. 1: Lucy Fricke: „Takeshis Haut“
Das erste Buch, das ich auf dieser Messe in die Hand genommen hab. Es hat mich sofort angezogen, handelt von einer Geräuschemacherin, die in Kyoto eine verloren gegangene Tonspur rekonstruieren soll, und schon die ersten Seiten konnten mich sofort von dieser Buchmesse weg tragen.

Schade, dass ich es noch nicht dabei hatte, als ich in dieser Welt mit schmerzenden Messebeinen auf meinen verspäteten Zug warten musste. Die Zeit ist doch nicht zu kurz gewesen. Am Abend bin ich froh, es geschafft zu haben – aber auch, all diese Erlebnisse und Entdeckungen mitnehmen zu können.

 

von Rebekka Knoll

 

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