Eine sehr spezielle WG

Ich packe in meinen Koffer... Photo Uta Hoeß

Ich packe in meinen Koffer…
Photo Uta Hoeß

Zusammen ist man weniger allein. Was für eine banale Aussage, ungefähr wie: Ohne Essen stirbt man. Ist doch logisch. Und doch enthält dieser eine Satz, der zugleich der Titel von Anna Gavaldas Roman ist, so viel mehr – ein Augenzwinkern, etwas Optimismus und den gesamten Inhalt, in wenigen Worten auf den Punkt gebracht. Aber erst, wenn auch die letzte Seite des Buches gelesen ist, offenbart sich die wahre Bedeutung dieses Titels, dieses ersten Satzes.

 

Denn, so die Autorin, das Buch beschreibe „einen umgekehrten Domino-Effekt: wie einer den anderen aufrichtet und aus dem Schlamassel zieht.“ Gerade deswegen ist es die ideale Urlaubslektüre. Anna Gavalda bannt das Leben, wie es ist, auf Papier. Einfach ist es nicht immer, bisweilen scheint es die sprichwörtliche Hölle auf Erden zu sein. Die 26-jährige Protagonistin Camille durchlebt eine solche Phase. Mit eindrücklichen Bildern beschreibt die Autorin, wie diese sich nach einem Besuch beim Arzt fühlt.

Sie war müde. Sie hätte die Ellbogen auf den Schreibtisch stützen und ihm die Wahrheit erzählen sollen. Ihm sagen, dass sie nichts mehr aß, oder so wenig, weil die Steine den ganzen Platz in ihrem Bauch einnahmen. Dass sie jeden Tag mit dem Gefühl aufwachte, auf Kies zu kauen. Dass sie noch nicht die Augen geöffnet hatte und schon erstickte. Dass die Welt um sie herum schon keine Rolle mehr spielte, und dass jeder Tag ein großes Gewicht war, das sie nicht hochzuheben vermochte.

Ihr Leben ist trostlos. Nachts geht sie putzen, obwohl sie viel mehr könnte. Tagsüber lebt sie in einem kleinen, schmuddeligen Dachzimmer; im Sommer ist es zu heiß, im Winter zu kalt. Magersüchtig ist sie und süchtig nach Alkohol. Zur Mutter hat sie kein gutes Verhältnis, der Vater ist tot. Trotzdem zieht sich durch den Roman ein leichter, heiterer Grundton. Camille hat ihren Humor nicht verloren, gibt ihr – wie sie es nennt – kleines Leben nicht auf, obwohl sie allen Grund dazu hätte.
Es ist ein Glücksfall, dass sie ihren Nachbarn Philibert (36) kennenlernt. Der Mann scheint aus einem anderen Jahrhundert entsprungen, redet formvollendet, wenn er nicht stottert, und ihm fällt es schwer, mit Menschen umzugehen. Als sie in ihrer eiskalten Dachkammer krank wird, holt er sie in seine Wohnung – der Beginn einer langen Freundschaft und einer, sagen wir, sehr speziellen WG.

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Bild: Hanser Verlag

Es gibt noch einen dritten Mitbewohner, Franck (34). Als Koch arbeitet er in zahlreichen Überstunden die Schulden für sein neues Motorrad ab. Er ist gutaussehend, ungehobelt und wechselt sehr regelmäßig und schnell die Frauen. Den einzigen freien Tag in der Woche opfert er seiner Omi, der 83-jährigen Paulette, die im Altenheim ihren großen Garten vermisst. Schließlich wird auch sie in die Pariser WG aufgenommen. Vier grundverschiedene Menschen leben zusammengewürfelt in einer schönen, uralten Wohnung. Sie alle haben Träume und Ängste und Hoffnungen. Es gibt größere und kleinere Probleme. Aber irgendwie halten sie zusammen, lernen, sich gegenseitig zu helfen. Die vier Einsamen, die sonst niemanden haben. Franck und Camille, die beide kein leichtes Leben hatten, kommen sich näher. Sehr langsam. Anfangs verabscheuen sie sich abgrundtief, doch daraus entsteht ein interessantes Katz-und-Maus-Spiel. Wie an Weihnachten, als Franck von der Arbeit kommt und duschen geht, während Camille im Wohnzimmer ein Glas Wein trinkt.

Camille versteckte sich hinter ihrem Glas. Sie hatte vermutlich den ganzen Heißwasserboiler geleert.
„Scheiße! Wer hat denn das ganze heiße Wasser aufgebraucht?“
Eine halbe Stunde später kam er zurück, in Jeans, mit nacktem Oberkörper. Lässig zögerte er den Moment hinaus, bis er den Pulli anzog. Camille lächelte. Das war nicht mehr die trapsende Nachtigall, das war die Methode mit dem Zaunpfahl.

Menschen wie Du und Ich mit all ihren kleinen Fehlern und Macken treffen in diesem Buch aufeinander. Von ihnen erzählt Anna Gavalda mit dem nötigen Ernst, verliert dabei aber nie den humorvollen Blick auf das Leben aus den Augen. Es ist eine Freude zu sehen, wie die Charaktere im Miteinander wachsen. Es stimmt: Zusammen ist man weniger allein.

Patricia Achter

Anna Gavalda: Zusammen ist man weniger allein. 560 Seiten, ISBN: 978-3446206120

 

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