Wenn ich beim Lesen lache, lerne ich immer ganz andere Menschen kennen…

Ich packe in meinen Koffer... Photo Uta Hoeß

Ich packe in meinen Koffer…
Photo Uta Hoeß

Mein Koffer steht auf dem Bett, die Rollläden sind zugezogen. Alle Punkte meiner Checkliste sind angekreuzt. Nur da, eine Idee, ein Innehalten, kurz bevor ich den Koffer zuklappe. Wäre da nicht noch ein Plätzchen für ein Buch gewesen? Doch welches? Ich nehme die Stille im Zimmer und die Hektik in der Diele wahr. Ich muss mich jetzt beeilen: Das ideale Buch für den Urlaub…. Ein Buch, das ich “in einem Zug” lesen könnte. Aber dann würde ich vielleicht das Zulächeln einer schönen Unbekannten verpassen, die im Abteil mir gegenüber säße. Oder lieber ein dickes Buch, dessen Handlung sich in die Länge dehnt. Aber wenn ich dann beim Aufschauen und Betrachten der vorbeieilenden Landschaft den roten Faden verliere? – Eine Literaturkritik von Pierre Rousseaux

Und während ich überlege – die Rufe aus der Diele werden fordernder – fallen mir zwei Bücher ein: Finnische Schlagfertigkeit dank des diebisch-schelmischen Witzes von Arto Paasilinna einerseits und unendliche Sprachspiele und Kofferwörter in einer sprachwissenschaftliche Minilektion von Bernard Cerquiglini anderseits. Praktisch kommt mir diese Wahl vor. Während das größere Buch Der Sohn des Donnergottes von Arto Paasilinna im Kofferraum oder im Gepäckraum ordentlich eingepackt wäre, bliebe das kleinere Büchlein über Lewis Carolls Gedicht zur Hand, schnell greifbar.

Für lustige Stunden unterwegs ist der Roman Paasilinnas empfehlenswert. Die Leser dürfen die finnische Seele erforschen, erfahren Details über die Heidenlehre. Eine grandiose humorvolle Darstellung der modernen finnischen Gesellschaft und ihrer Entwicklung, wenn es um Geldgier, Religion, Aberglaube und Rückkehr zur Natur geht. Ein modernes Märchen über fühlende Menschen, vernetzte Wahrheiten und Frustrationen. Paasilinna gelingt es, mit Possenelementen die Menschen- und Götterverwechslung im Sinne von Nestroy und Karl Valentin in einer nordisch unnachahmlichen Pointe unterhaltsam darzustellen. Und nicht selten muss man aufpassen, dass man nicht plötzlich inmitten einer Menschenmenge beim Lesen dieses Buches laut auflacht. Man amüsiert sich über die Figuren aus Blut und Fleisch, die an Rabelais‘ Gargantua erinnern.

Ein sinnlich lustiger Roman, der herrliche Diskussionen über Moral und über Normalsein und Verrücktheit auszulösen vermag. Gesteigert durch die Frage, ob Geisteskranke wirklich diejenigen sind, die in psychiatrischen Anstalten leben müssten. Die Antwort bleibt offen.

Lesenswert für alle, die über tiefsinnigen und manchmal derben Humor lachen. Oder lachen wollen.

Das andere von mir ausgewählte Buch ist A travers le Jabberwocky de Lewis Caroll. Ein unterhaltsamer, genau dokumentierter, sehr gut nachvollziehbarer Vergleich der verschiedenen literarischen Übersetzungen von Carolls Jabberwocky ins Französische. Jabberwocky ist ein Gedicht aus einem Kapitel von Alice im Wunderland: Through the Looking-Glass – And What Alice Found There aus dem Jahr 1871. Das Buch gehört zu einer Sammlung, die jährlich von Studenten der Universität ParisX-Nanterre von der Abteilung “Métiers du Livre” durch das Technologische Institut herausgegeben wird. Der Autor Bernard Cerquiglini erklärt in diesem Büchlein elf Kofferwörter (sogenannte “portmanteau”) aus Lewis Carolls sechsstrophigem Gedicht. Des Weiteren kommentiert er die vielen Übersetzungen französischer Autoren. Die Leser werden in die Arkanisierung der Übersetzungskunst und deren Komplexität eingeweiht.

Wenngleich dies nun langweilig klingen könnte – das kleine Werk ist kurzweilig, sehr unterhaltsam und geistreich. Aber es liegt derzeit leider nur in französischer Sprache vor.

Pierre Rousseaux

 

Arto Paasilinna. Der Sohn des Donnergottes. Bastei Lübbe Verlag. 304 Seiten. ISBN-10: 3404920821

Caroll Lewis. Bernard Cerquiglini. A travers le Jabberwocky de Lewis Caroll Onze mots-walises dans heuir traductions alnalysés et commentés par Bernard Cerquiglini. VerlagLe Castor Astral“ Sammlung „l’Iutile“ 44 Seiten. ISBN 2-85920-307-9 oder ISBN 978-2859203078

 

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