Der Künstler und das Stahlgerüst

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Foto: Christian Flamm

Der Künstler ist einer, der in den Seilen hängt. Der manchmal dagegen ankämpft, lieber wirr vor sich hin redet und am liebsten singt. Er ist gebeutelt, natürlich, schließlich ist er eine Marionette. Das weiß er, obwohl er ungern darauf reagiert. An diesem schwülen Donnerstag Abend hängen auch die paar Zuschauer mit ihm in den Seilen, die sich zu Belacquas „Uraufführung! Kafka“ anlässlich der Bayrischen Theatertage eingefunden haben. Denn allzu schnell wird klar, dass sich einiges in diesen Seilen verknotet hat. Nur leider nicht der gesuchte Künstler.

In vielen seiner Texte beschäftigt sich Kafka mit dem Schicksal des Artisten, des Vorgeführten, des Künstlers. Für das bayrische Privattheater Belacqua ein Anreiz, sich auch einmal dieses Schicksal vorzunehmen. Dafür stehen am Donnerstag einige Menschen in Businesskleidung und mit Rucksack auf der Bühne. Sie hängen an dicken Seilen, die kreuz und quer im Raum angebracht wurden. Aber nicht im ganzen Raum. Laut Kafka ist die Kunst ein Apparat und auch auf dieser Bühne steht einer, symbolisiert durch ein Stahlgerüst. In seiner Mitte hängen sich ein paar Darsteller in die Seile, an seinen Rändern sitzen Musiker. Wenn sie nicht spielen, gießen sie Blumen. Oder sehen den Darstellern zu, von denen jeder seinen eigenen Kafka-Text hat. Das Spotlight entscheidet, wer ihn rezitieren darf, und unterbricht den Sprecher durch plötzliches Umschwenken schonmal mitten im Satz. Das wäre ein spannender Auftakt für diesen Abend. Wenn es denn nur der Auftakt wäre. Doch der Künstler ist einer, der es durchzieht. Komme, was da wolle.

Aber dann geschah, was immer geschah

Und so rezitieren sie, werden unterbrochen und sprechen weiter, sobald der Apparat es ihnen gewährt. Wird der jeweilige Sprecher zu Anfang davon noch verwirrt, ist er später leicht genervt. Aber das war’s dann auch schon mit Entwicklung. Der Künstler ist einer, der bleibt wie er ist. Über 100 Minuten lang. Kurz kämpft er, dann rezitiert er. Und er hört auf den Apparat. „Singen Sie jetzt in drei, zwei, eins“, sagt dieser mit sanfter Computerstimme. Also versucht der Künstler zu singen. „Ich kann Sie nicht verstehen.“ Also singt er deutlicher, melodischer, bis der Apparat schweigt. Der Künstler ist einer, der sich sehr bemüht. Und das ist schon schön, denn zumindest die Künstler dieses Abends sind welche, die nicht nur überzeugend spielen, sondern auch wirklich gut singen können. Da hört man gern zu – hofft in den Phasen des Rezitierens aber immer wieder auf das nächste Lied. Und während des Liedes darauf, dass danach noch eines kommen möge. „Aber dann geschah, was immer geschah“, sagt einer und das Rezitieren geht weiter.

Ganz ohne Spektakel

Eine tritt kurz aus ihrem Spot, es passiert nichts. Keine Strafe, keine Belohnung. Sie tritt dorthin zurück, wohin sie gehört. Der Künstler ist einer, der Aufmerksamkeit braucht. Mal klettert er am Stahlgerüst hoch und alles hofft auf ein überraschendes Spektakel. Doch oben weiß er nicht weiter, er kommt wieder runter. Der Künstler ist einer, der nicht weit kommt. Er redet, er singt, er redet. Und als eine Darstellerin davon erzählt, dass Gesang zwar Hoffnung gibt, doch das Unglück auch nicht verstecken kann, kann ich mich bestens mit ihr identifizieren.

Fly me to the moon

Einerseits beeindruckt mich die musikalische und schauspielerische Leistung der Akteure immer wieder, andererseits ist mir das Korsett dieses Abends eindeutig zu eng. Die Anordnung der angeleinten Personen verändert sich kaum, der Apparat sagt die immer gleichen Dinge, die Figuren bleiben bei ihrem Text und am Ende ist alles so, wie es am Anfang war. Ist das wirklich das Schicksal eines Künstlers? Beschränkt es sich darauf, dass Kunst und Publikum ihn beschränken? Können die Texte Kafkas auf diese eine Erkenntnis herunter gebrochen werden? Mich beschleicht die Vermutung, dass es da noch mehr geben muss als dieses starre Konstrukt mit seinen kurzgreifenden Interpretationsansätzen.

Mit „Fly me to the moon“ kommt dann doch noch ein wenig Fahrt auf, zumindest musikalisch. Ich würde gern mitfliegen, klatschen und dann nach Hause gehen, doch ein paar Sätze sind noch nicht aufgesagt worden, ein paar Lieder noch nicht gesungen. Als es endlich geschafft ist, verlassen die Musiker nacheinander ihre Plätze. Die Musik geht trotzdem weiter – der Künstler ist einer, der nicht weiß, wann Schluss ist, – aber dann, irgendwann, geht dann doch noch das Licht aus. Und ich gebe die Hoffnung nicht auf, dass der Künstler eigentlich ein ganz anderer ist.

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