Surreale Paranoia und experimentelle Neoavantgarde

Cover von Gianni Celatis "Die wilden Reisen des Otero Aloysio". Quelle: Verlag Klaus Wagenbach

Cover von Gianni Celatis „Die wilden Reisen des Otero Aloysio“. Quelle: Verlag Klaus Wagenbach

Eindrücklich, experimentell, surreal, anarchisch und subversiv – all das ist der Debütroman Die wilden Reisen des Otero Aloysio vom italienischen Schriftsteller und Übersetzer Gianni Celati, der nun endlich, übersetzt von Marianne Schneider und herausgebracht vom Verlag Klaus Wagenbach, auf deutsch vorliegt. Ein Weihnachtsgeschenktipp für abgefahrene Geschmäcker.

Otero Aloysio, der Ich-Erzähler dieses Romans, ist ein paranoider Professor, der sich ein Pensionszimmer am Meer nimmt und glaubt, die drei Grundschullehrer Bevilacqua, Mazzitelli und Macchia wollten ihn, in einer Diktatur der Schullehrer, mit allerlei Demütigungen und Misshandlungen zwingen, ihre beleibte Schuldirektorin Lavinia Ricci zu heiraten. Diese Torturen sowie die eigenartigen Ereignisse und anderen Protagonisten trägt er in sein Notizheft ein, aus dem der Roman besteht, bis es ihm abhandenkommt. Und immer spielt der Konflikt zwischen Monarchisten und sozialistischen Republikanern eine Rolle, mal implizit, mal laut und deutlich, wenn über die Rettung Italiens gestritten wird.

Der Wagenbach Verlag hat dabei in diesem Band nicht nur Celatis Debütroman verlegt, sondern auch gleich noch dessen zweite Fassung, die wesentlich mehr erotische oder groteske Sexszenen und allerlei herrlich Unappetitliches beinhaltet. Celati und sein Werk stehen dabei der neoavantgardistischen Gruppo 63 nahe, die experimentell Realismus und Kausalität ablehnen.

Die Diktatur der Schullehrer

Vor allem eines macht das Buch zu etwas Außergewöhnlichem: Viele Szenen sind entzückend skurril oder grotesk, entsagen jeder literarischen Konvention und zeichnen sich ergo durch anmutig-subversive Anarchie aus. Besonders spannend wird das Ganze auch, da der Ich-Erzähler scheinbar geistig nicht gesund ist und durch den surrealen und fantasievollen Erzählstil nicht immer klar ist, was gerade Traum, Fakt oder paranoide Fiktion ist; ja, man weiß nicht einmal sicher, ob Otero Aloysio sein echter Name ist, denn alles in seinem Leben in der Pension scheint ihm aufoktroyiert zu werden: Wen er zu ehelichen hat, mit wem er wann Sex zu haben hat, dass er das Klo nicht aufzusuchen hat, wie er sich zu erniedrigen hat, wen er in sein Notizheft aufzunehmen hat und welchen Namen er zu tragen hat, der durch ein wirres Vertauschen der Klingelschilder ihm zugespielt wurde.

Dabei ist der Roman nichts für sanfte Gemüter: Es geht schon derb her in der Geschichte. Ein Beispiel:

Ich brülle: – Bitte. Und: – Ich hab es eilig. Aber dann: Lass mich los, katholische Hündin. Aber sie wirft mich in die Brennnesseln auf die Erde, und als ich aufstehen will, zieht sie mich wieder hinunter zwischen ihre bis zum Kinn hinaufgeschobenen Röcke. Ich sehe nichts mehr, sage: – Was ist hier los? Und wegen der Anzüglichkeiten: – Dieses Haus ist ein Bordell. Die Direktorin antwortet: – Dann ficke! Ich sage: – Ich habe immer Träume. Sie: – Dann träume, dass du fickst. Ich sage: – Immer schlüpfrige Träume. Sie erklärt mir: – Wo man Spaß hat, gibt es keinen Verlust.

Das Werk ist also sehr speziell und sicherlich nicht für jeden geeignet. Außerdem ist es zuweilen durch die Stilistik anspruchsvoll und erschließt sich oft nicht so leicht, vor allem durch die Negierung von Kausalzusammenhängen. Wer aber Freude an surrealer Paranoia und subversiv-experimenteller Neoavantgarde hat, findet mit diesem Buch vielleicht ein geeignetes Weihnachtsgeschenk.

 

Gianni Celati: Die wilden Reisen des Otero Aloysio, übersetzt von Marianne Schneider, Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2013. Gebunden, 221 Seiten, 19,90 Euro.

von Philip J. Dingeldey

 

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