(6/6) Das Smartphone in Raum und Zeit

Vic­tor Hugo hat 1831 mit dem his­to­ri­schen Roman „Not­re-Dame de Paris“ die Begeis­te­rung sei­ner Epo­che, der Roman­tik, für das Mit­tel­al­ter ein­ge­fan­gen. Haupt­fi­gur des Romans ist nicht wie der deut­sche Titel nahe­legt, Qua­si­mo­do, son­dern die Kathe­dra­le selbst. Woll­te jemand heu­te einen ver­gleich­ba­ren Roman schrei­ben, müss­te er ihn „iPhone5“ nen­nen, aller­dings scheint das Fas­zi­no­sum unse­rer Zeit nicht eine ver­gan­ge­ne Epo­che zu sein, son­dern die unmit­tel­ba­re Gegen­wart. Byung-Chul Han spricht von Ato­mi­sie­rung: Unse­re Zeit ist zer­stü­ckelt, wir erle­ben jeden Augen­blick für sich, aber kei­ne Zusam­men­hän­ge mehr. In sei­nem Essay ‚Duft der Zeit‘ (Tran­skript Ver­lag 2009) erklärt er, „die Hyper­ki­ne­se (der stän­di­ge Reiz­zu­stand, d.V.) des All­tags nimmt dem mensch­li­chen Leben jedes kon­tem­pla­ti­ve Ele­ment, jede Fähig­keit zum Ver­wei­len. Sie führt zum Ver­lust von Welt und Zeit. (…) Not­wen­dig ist eine Revi­ta­li­sie­rung der vita con­tem­pla­ti­va.“1

Bam­ber­ger Dom, Mühl­hau­se­ner Altar. Foto: Tho­mas Wer­ner

Ange­bo­te zur Kon­tem­pla­ti­on fin­den sich im Bam­ber­ger Dom neben den Apos­tel- und Pro­phe­ten­ga­le­ri­en mit dem Veit-Stoß-Altar, dem Kirch­gat­ten­dor­fer, dem Mühl­hau­se­ner, dem Rie­men­schnei­der-Altar und dem moder­nen Kreuz­weg zuhauf. Sie alle haben auf eige­nen Wegen in den Dom gefun­den, unge­fähr so plan­voll wie heu­te unse­re pri­va­ten Bil­der­ga­le­ri­en ent­ste­hen. Es erin­nert etwas an die Schauf­röm­mig­keit des Mit­tel­al­ters, mit wel­chem Stolz wir digi­ta­le Bil­der von unse­rem Besitz, unse­rer Fami­lie und Freun­den her­um­zei­gen.

Wäh­rend die goti­sche Archi­tek­tur dem Licht- und Raum­emp­fin­den eine neue Qua­li­tät ver­lie­hen hat, erleuch­tet uns heu­te das elek­tri­sche Fla­ckern unse­rer Dis­plays. Per­ma­nent online zu sein, macht nicht nur Stress, son­dern es ent­zieht der Zeit eine sinn­vol­le Struk­tur, es ver­än­dert auch unse­re sozia­len ‚offline‘-Beziehungen. Viel­leicht wäre hin und wie­der eine „Puri­fi­zie­rung“ unse­rer Kom­mu­ni­ka­ti­ons­mit­tel ange­bracht. „Das Auge gibt dem Kör­per Licht“, sagt Jesus im Mat­thä­us-Evan­ge­li­um (Mt 6, 22). Was wir mit den Sin­nen auf­neh­men, kommt dem gan­zen Kör­per zugu­te oder schä­digt ihn. Dage­gen kann das Smart­pho­ne auch das spi­ri­tu­el­le Leben berei­chern, wenn wir es sorg­sam benut­zen und jeder unse­rer Bezie­hun­gen Raum und Zeit zur Ent­fal­tung las­sen. Unter zahl­lo­sen Apps gibt es mitt­ler­wei­le einen Got­tes­dienst­fin­der für das Bis­tum Essen, eine App zum Köl­ner Dom, zum Münch­ner Lieb­frau­en­dom und auch den Pocket-Islam, der neben dem Koran­text auch über die Gebets­zei­ten infor­miert.

Bam­ber­ger Dom, Blick in den West­chor gegen Mit­tag. Foto: Tho­mas Wer­ner

Eine zeit­ge­mä­ße rea­le Appli­ka­ti­on war im Bam­ber­ger Dom vor­ge­se­hen. Wenn im West­chor das Son­nen­licht ein­fällt, blen­det es die Gläu­bi­gen im Kir­chen­schiff und die Kreu­zi­gungs­grup­pe von Juli­us Gles­ker am Hoch­al­tar erscheint wie ein Sche­ren­schnitt. Zum Bis­tums­ju­bi­lä­um 2007 und zum Dom­ju­bi­lä­um soll­ten Fens­ter nach dem Motiv des „Volk Got­tes auf dem Weg durch die Zei­ten“ instal­liert wer­den. Aus Grün­den der Haus­halts­kon­so­li­die­rung hat das Metro­po­li­tan­ka­pi­tel den Plan nicht wei­ter ver­folgt. Die drei Modell­fens­ter, die seit 2004 dezent im süd­li­chen Sei­ten­schiff hän­gen, las­sen ahnen, wie zeit­ge­mäß der Dom wir­ken könn­te.

Das Logo des Jubi­lä­ums­jah­res zeigt drei Seli­ge aus dem Tym­panon des Fürs­ten­por­tals. Ihr Gesichts­aus­druck wird ‚das Bam­ber­ger Lächeln‘ genannt. Die Stadt wur­de in ihrer tau­send­jäh­ri­gen Geschich­te nie zer­stört, dar­um blieb nicht nur ihre Alt­stadt, son­dern auch die Lebens­freu­de ihrer Bewoh­ner wei­test­ge­hend intakt. Auch wenn vie­len heu­te die tech­no­lo­gi­sche Infra­struk­tur mehr bedeu­tet als die spi­ri­tu­el­le, das Bam­ber­ger Lächeln bleibt nicht vir­tu­ell, es lebt.

1By­ung-CHul Han, Duft der Zeit, tran­script Ver­lag Bie­le­feld 2009, S. 8.f

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