Wir Ottonormalverbrauchten… Lucas Fassnacht im E-Werk

Laue Sommernächte sind Poetennächte, oder sollten es zumindest sein, selbst wenn es noch April ist und das Wetter uns augenscheinlich zum Narren hält – es liegt also nahe, an diesem Abend in das E-Werk zu schlendern, um ein wenig Lucas Fassnacht zuzuhören, der, nun durch eine Buchveröffentlichung geadelt, einige seiner Texte auf der Kellerbühne vorträgt. Fassnacht ist hier, um sein Buch „Ottonormalverbraucht“ vorzustellen, dass zusammen mit einer CD veröffentlicht wird und einige seiner Poetry Slam-Texte, sowie Kurzprosa und Gedichte versammelt; Texte, die der Künstler mitunter schon seit geraumer Zeit auf deutschen Slam-Bühnen performt.

Eskortiert von einem Cellisten und einem Pianisten, deren Musik den ein oder anderen der zahlreich erschienenen Zuschauer wohl an Pariser Straßencafés im Sommer und eine gute Flasche Wein denken lässt, betritt Fassnacht die Bühne, und lässt dann die Wirklichkeit herumgehen, um die Leute mit einem energisch vorgetragenen Intro aus solchen Träumereien zu reißen. Er erzählt über etwas, was manch einer wohl idealen Werdegang nennt:

Krabbelgruppe, Kindergarten, Grundschule, Sieb. Gymnasium. Jackpot.

Unterstufe, Mittelstufe, Oberstufe, Sieb. Uni. Jackpot.

2 Semester, 4 Semester, Bachelor, Sieb. Master. Jackpot.

Praktikum, Praktikum, Praktikum, Sieb. Job. Jackpot.

Und danach: Arbeit, Arbeit, Arbeit, Arbeit, Arbeit. Aus.

Es wird gelacht, anschließend, wenn Fassnacht das schizophrene Verhältnis des Ottonormalverbrauchten zu Arbeit, Geld und Statussymbolen weiter ausführt – und vielleicht auch ein wenig nachgedacht. Ein Vorgang, der sich während der Melange aus Dichtervorlesung und Kabarett, und der inhaltlichen Mischung aus persönlichen Stories und pointierter Gesellschafts-, Konsum-, und Kapitalismuskritik öfter wiederholt.

Fassnacht läuft dabei nie Gefahr, zu sehr in Richtung Klamauk abzudriften, so wie es auf Poetry-Slam-Veranstaltung durchaus einmal der Fall sein kann, bei denen man sich bisweilen auf einer Akademie für verkappte Nachwuchskomiker wähnt. Auf abstrus-komische, mit reichlich Wortspielen angereicherte Texte, wie den absolut wörtlich zu nehmenden „Burgerkrieg“, folgen daher introvertiertere Passagen, Geschichten vom täglichen Verpassen, von diversen Stadien in Beziehung und Liebe, vom Verlassen und Verlassen-werden und der Hoffnung, dass alles gut wird, alles noch hinhaut, vielleicht, irgendwie.

Zwischendurch darf es dann auch gerne mal ein Power-Point-Vortrag im Stil eines routinierten, selbstsicheren Managers sein, welcher das exponentiell ansteigende Marktpotential von Waffen für Kinder anpreist, und zwecks Zielgruppenorientierung Kalaschnikows im Hello Kitty-Look vorschlägt. Man kann das komisch und abstoßend zugleich finden, weil man weiß, dass die Wirklichkeit näher wie die Pointe ist; man kann auch leise Verwünschungen gegen solch pervertierte Formen des Kapitalismus ausstoßen – nur um später schuldbewusst die Lippen zu schürzen, etwa, wenn es in „Wer bin ich?“ heißt: Wir wollen keinen Goldeimer am Ende des Regenbogens, wir wollen Dividende.

Die schnellen Lacher sind hier also selten zu holen, aber die Texte bleiben dennoch zugänglich und immer publikumswirksam, Fassnachts Erfahrungen als Poetry Slammer zahlen sich an dieser Stelle aus: Und auch wenn manches Wortspiel etwas bemüht, mancher Reim etwas vorhersehbar wirkt, gelingt es ihm doch, dass durch eine sympathische Performance und linkischen Charme wettzumachen. Seine Bühnenpräsenz lässt dann auch kein Zweifel daran, dass die Texte am besten da funktionieren, wo sie hingehören: Auf die Bühne, in Symbiose mit Stimme, Mimik und Gestik ihres Verfassers.

Am Ende, nach zwei melancholisch-traurigen Schlusstexten gibt es reichlich Applaus, Zugaben, Jubelrufe von einem Publikum, dass den Eindruck macht als könnte es sehr gut nachvollziehen, wovon der Künstler auf der Bühne da spricht, das Identifikationspotential ist hoch, es ist für jeden etwas dabei – Lucas Fassnacht weiß längst um diese  Konsensfähigkeit: Der Untertitel seines Buchs lautet „Betroffenheitspoesie in schmerzlosen Dosen“.

 

Lucas Fassnacht: „Ottonormalverbraucht – Betroffenheitspoesie in schmerzlosen Dosen“. Periplaneta Berlin, Edition Mundwerk, Buch mit CD, 13,90 € (D)

 

 

Joshua Groß & Manuel Weißhaar

 

 

 

 

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