Stadt aus Glas – nur zu durchscheinend

Schnell, schnell, schon kurz vor halb Acht! Hoher Besuch in der Hugenottenstadt, HH, haha. Tennessee Williams – Die Glasmenagerie. Was macht noch mal Boris Becker? Tennis! Nein, klingt eher nach Cognac, oder war es Scotch?

„Wegen technischer Pannen fangen wir fünfzehn Minuten später an. Tut uns leid (Sänk ju foa trävelling!).“ Plappernde Frauen auf allen Rängen. Statt Kaffeeklatsch kultivierter Theaterbesuch.

Nicht ganz voll der Saal. Hoffentlich ist es gut! Na endlich, der Vorhang öffnet sich. Blaues Bühnenbild, Fenster, Couch, Tisch, vier Stühle, das verspricht ungewöhnlich zu werden. Maschendrahtzaun, und das dahinter? Eine Welle? Jack Johnson Surfing auf Hawaii?

Der Erzähler ist gleich der Sohn, gleich der Bruder Tom, gleich der Lagerarbeiter, gleich der Kuppler. Abenteuer will er. Doch langweiliger könnte er nicht sein. Seine Schwester Laura weiß wahrscheinlich noch nicht einmal, wie man das Wort Abenteuer buchstabiert. Naiv, still, schüchtern. Verkrüppelt! „Das will ich nicht hören in meinem Haus!“ Unter der Fuchtel der Mutter mit ihren 17 Verehrern aus den Blue Mountains. „Vorsicht, meine Glasmenagerie!“, kreischt das Mädchen. Ihr einziges Spielzeug. Durchsichtige Tierchen aus Glas, so zerbrechlich wie sie selbst.

Husten im Publikum.

„Ich wünschte, ich hätte noch Zeit zu tapezieren“, seufzt die blonde Mutter, die doch nur das Beste für ihre beiden Kinder will.

Unbequem so langsam.

Die Zeit zieht sich wie Kaugummi, „Mr. Wrigley ist ein reicher Mann!“. Quietschend, hoch aufschluchzend, säuselnd bestreitet die Mutter den Abend, an dem ihre Tochter endlich einen jungen Mann kennen lernen soll. „Denn was soll aus uns werden?!“ Sie gibt sich alle Mühe und mutet dennoch an wie eine grausame Tyrannin. Dabei tut sie doch alles für ihr Kind. Neuer Teppich, neue Lampe, Vorhänge und Kleid, und dann geht das Licht aus. Die Geschichte plätschert so dahin wie die lange vergangenen Jugendgeschichten der Mutter. Ich schaue auf die Uhr. Der Freund James trägt einen adretten Anzug und besucht Rhetorik-Kurse. Spannenderes gibt es über ihn nicht zu berichten. Nicht umsonst wird wahrscheinlich „Vom Winde verweht“ erwähnt. Zweimal. Wiederholung ist Programm. So zieht sich die Schmonzette dahin. Die Hoffnung auf eine Wendung habe ich aufgegeben. Der Unterschied zu einer Telenovela? Ich hatte mehr erwartet.

Johanna Meyr

 

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