Bist mein großer Bruder, du bist immer da

Nicht Jesus: Thees Uhlmann

Eigentlich sollte die Überschrift ja anders lauten, nämlich „Born In The B.R.D.“, um diesen ohnehin so offensichtlich provozierten Springsteen-Vergleich noch ein bisschen deutlicher zu betonen. Dummerweise hat das seltsame Werbemagazin einer bekannten Kaufhauskette diesen Titel schon abgestaubt, weshalb ich hier jetzt ein bisschen improvisieren muss. Im übrigen sollte diese ganze Springsteen-Geschichte sowieso erst mal hinten angestellt werden, weil der Thees ja noch gar nicht da ist. Stattdessen steht da jetzt einer dieser als „Vorband“ immer so beliebten Singer/Songwriter-Typen mit Gitarre, nämlich der unter dem Moniker „Monta“ firmierende Tobias Kuhn, dessen Stimme ernsthaft verblüffend der von Jeff Tweedy ähnelt. Leider gelingt es ihm im Gegensatz zum genialischen Wilco-Boss (der für gewöhnlich noch aus der langsamsten Nummer eine rundherum spannende Sache machen kann) nicht, mit seinen mitunter doch arg eintönig dahinplätschernden Songs mehr als mäßige Begeisterung auszulösen – aber schwamm drüber, immerhin ist die böse verschleppte Coverversion des 80er-Jahre-Klassikers „Wonderful Life“ dafür ganz wunderbar geraten. Und es ist, wie sich später herausstellt, ja auch nicht der letzte Auftritt des Herrn Kuhn an diesem Abend gewesen.

Der Herr Uhlmann scheint es heute allerdings nicht besonders eilig zu haben – erst nach einer gefühlten Ewigkeit schreiten im wirbelnden Rotlicht ein paar unerkennbare Gestalten auf die Bühne, deren Aufmarsch von sehr pathetischer Musik untermalt wird. Ehe ich mich darüber echauffieren kann, was zum Teufel Thees sich denn bei diesem anmaßenden, aufgeblasenen Mucker-Einmarsch gedacht hat, wird es hell und der, der da vorne steht, mit Lederjacke und Gitarre, ist gar nicht Thees, sondern der Gitarrist der kanadischen Band „Imaginary Cities“. Irritation, Verwirrung! Was ist da los? Ach so, es gibt noch eine Vorband. Ja dann…

Zugegeben, diese Überraschung hätte sich vermeiden lassen können, wenn man denn wahlweise das Ticket oder die Plakate näher unter die Lupe genommen hätte, aber dann wäre auch der kurze, aberwitzige Moment des Irrglaubens, dass der „Große Bruder des deutschen Indierock“ (Joko und Klaas) hier tatsächlich mit großem, pathetischen Getöse unter interpoligem Rotlichtflackern in die Arena einläuft, unweigerlich dahin gewesen – so reicht es immerhin noch für eine Erwähnung dessen, was ansonsten natürlich die Paukenschlag-Eröffnung dieses Textes gewesen wäre.

Imaginary Cities, die nicht Thees Uhlmann sind, spulen dann relativ zügig ihr Programm ab; eine Art beschleunigten Hochdruckpoprock, der stets angenehm poppig mit der schön quäkenden Kleinmädchenstimme der Sängerin Marti Sarbit eingeleitet wird – bis dann die breitärschige GitarreSchlagzeugBass-Fraktion mit Vollgas drüber brettert und damit fast jeden Song auf unangenehme Art und Weise über den Haufen fährt. Wie man da auf die abenteuerlich-absonderliche Idee kommen kann, hierbei handele es sich um „Kanadas neueste FOLKhoffnung“ (VISIONS), ist mir völlig rätselhaft – wenn der Sound der Band tatsächlich über Folk-Wurzeln verfügt, sind die unter dem lärmigen Gitarrenbohei schwerst verschütt gegangen. Aber nun gut, die Band bringt ihren Auftritt jedenfalls souverän zu Ende und macht dann brav den Weg frei für Thees, während das Publikum artig klatscht.

Ich bin Deutschlands ältester Newcomer: Thees Uhlmann

Er kommt dann auch gleich, der Herr Uhlmann und bläst einsam, aber inbrünstig in eine Mundharmonika (da ist es wieder: dieses Springsteen-Ding). Die Band (die auch den Jeff Tweedy-Folkbarden vom Beginn, Thomas Kuhn, als Gitarristen mit an Bord hat) folgt nach diesem, äh, Intro, auf dem Fuß und zusammen werfen sie sich energisch in „Römer am Ende Roms“. You know, we are just dancers in the dark. Okay, jetzt ist’s eindeutig, jetzt können wir es dann offen aussprechen: Thees Uhlmann gibt den deutschen Springsteen, Born in the B.R.D, of course. Alles da, die „Born in the U.S.A.“-Hommage auf dem Plattencover, die Jeansjacke, der hymnische Gestus der Songs und die Texte, die fleißig Storytelling betreiben, wie in „Das Mädchen von Kasse 2“ oder „Zum Laichen und sterben ziehen die Lachse den Fluß hinauf“: Aus Born down in a Dead Man’s Town wird Ich wurde gebor’n in ein’m Kadett. Übersetzt heißt das, dass Thees Uhlmann sich hiermit energisch auf die nun vakante Position (Herbert G. ist ja mittlerweile auch nicht mehr so richtig da, seit sein Schiffsverkehr verhältnismäßig abgesoffen ist) für das „Gute Gewissen des deutschen Pop“ bewirbt, so mit allem, was dazu gehört.

Zum Beispiel die große Verbrüderungsgeste mit dem Publikum: Erlangen weiß gar nicht, wie ihm geschieht, so schnell wird es mit Uhlmann’schen Lobkaskaden überhäuft, „Ich lache nicht über Erlangen“, heißt es da etwa, „Besser als auf dem Time Square“ oder „Kleinstädte sind wie H-Milch, weniger fetthaltig, aber genauso gut“ (so in etwa, aber Bernd Stromberg hätte es definitiv nicht schöner ausdrücken können) und derlei Dinge evozieren natürlich lautes, begeisterndes Johlen beim Großteil der Zuhörerschaft. Da kann man dann auch darüber hinwegsehen, dass der gute Thees sich anfangs aufführt wie ein durchgeknalltes Eichhörnchen auf Speed (der hat doch nicht etwa…), mit Grimassen, Tänzeleien und Sprüchen nur so um sich wirft, als wüsste er nicht wohin mit all seiner Euphorie, dem Überschwang und der Energie. Ich war noch nie auf einem Tomte-Konzert, aber es scheint, als hätte der doch erhebliche Erfolg seines Soloausflugs Tomte-Thees zusätzlich unter heftig brzzzzzzzzzenden Starkstrom gesetzt, vorausgesetzt er hat nicht anderweitig nachgeholfen um den selbigen Effekt zu erzielen.

Die Band spielt sich, offensichtlich beflügelt vom begeisterten Publikumszuspruch, mit ordentlich Druck und breitem, aber dennoch sehr klarem Sound durch die Platte, deren Songs stets der gleiche epische Odem innewohnt. Der Drang zur Hymne, er schreit förmlich aus allen Ecken und Enden dieser Stücke. Das funktioniert mal sehr gut („17 Worte“, „Und Jay-Z singt uns ein Lied“) oder auch mal weniger, wie beim etwas zu platten „Die Nacht war kurz (Ich stehe früh auf)“, geht aber ganz ausgezeichnet bei „Zum Laichen und sterben ziehen die Lachse den Fluß hinauf“ auf, dass noch ein Stückchen heller funkelt wie der Rest – ein Hit, zweifellos, trotz des schreiend uncoolen, aber dann doch irgendwie netten Titels.

Besser wird es nicht mehr, obwohl sich Thees alle Mühe gibt, seinem inneren Clown freien Lauf zu lassen und den Alleinunterhalter zu geben: Ob er jetzt das schnarchnasige Sunshine-Countrypopgirl Sheryl Crow veralbert, einen seltsamen PacMan-Spruch vom Stapel lässt („Der muss ja auch die Kirschen essen, damit die Geister wiederkommen“) oder mit kreischender Stimme seine Mutter imitiert – der Herr Uhlmann macht den Herrn Hans Dampf in allen Gassen und witzelt dabei: „Ich bin der älteste Newcomer Deutschlands“. Wie schön.

Römer am Ende Roms: Thees Uhlmann und Tobias Kuhn

Wir erleben hier im übrigen ein vorbildliches Gegenmodell zu dem, was die Herren von „Ja, Panik“ den Abend zuvor auf der Clubbühne zelebriert haben und obwohl es natürlich ein Zufall ist, dass diese beiden Gegenpole direkt hintereinander das E-Werk beehren, mutet es wie ein gewaltiger Witz an. Oder wie die alberne Veranschaulichung eines fiktiven, „Die Spielarten des deutschen Indierock“ heißenden Uni-Seminars. Hier die wütenden, affektierten, immer stets kunstsinnigen und „irgendwie linksradikalen“ (Spiegel Online) Dandys von Ja, Panik, die in der Tradition von „Ton, Steine, Scherben“, den frühen „Blumfeld“ und natürlich „Tocotronic“ stehen – da große Versöhner und brüderliche Umarmer wie eben Tomte, deren herausragendes Erkennungsmerkmal der mit unbedingtem Authentizitätsanpruch versehene Kumpelcharme ist. Eine musikgewordene Fußball-Eckkneipe, in der beim letzten Pils des Abends über das Leben sinniert wird, nur um in semi-melancholischer US-Indie-Spielfilm-Manier zum Schluss zu kommen, dass alles vielleicht gar nicht so schlimm ist, also dass mit dem Leben jetzt, wenn man sie denn nur aufrichtig würdigt, die kleinen, schönen Dinge. Macht kaputt, was euch kaputt macht? Nee, lass mal.

Thees Uhlmann allein verkörpert noch viel mehr mit jeder Faser seiner Bodenständigkeit diesen Typus, bist mein großer Bruder, du bist immer da, den er im Zuge seiner Springsteen-Werdung, sogar noch auf die Pfeilspitze treibt (wobei es jedem selbst überlassen ist, zu urteilen, ob er seinen Bogen dabei endgültig überspannt oder nicht). Folglich kann man auf die Tatsache, dass er bei der Zugabe tatsächlich das monströs-sakrale „Van Diemen’s Land“ von „U2“ covert in etwa wie folgt reagieren:

  • Man findet das toll.
  • Man lauscht andächtig und erinnert sich daran, wie gut U2 anno dazumal waren, bevor Bono Jesus wurde.
  • Man stellt sich folgende Frage: Wenn Bono Jesus ist, wer ist dann Thees Uhlmann? The German Jesus?
  • Man möchte brechen.

In jedem Fall schwer zu sagen ob, hätte tatsächlich Thees statt Imaginary Cities den pompösen Einmarsch von vorhin veranstaltet, das wirklich prätentiöser gewesen wäre als diese U2-Zugaben-Kiste.

Am Ende singt uns Jay-Z dann nochmal ein Lied, denn das Arsenal ist ausgeschöpft, das Album gespielt, Tomte-Stoff wird es (von einer Ausnahme zur Mitte des Konzerts hin) heute nicht mehr geben, entgegen den Erwartungen von so manchen im Publikum. Das kann man als logisches Statement betrachten: I am Thees Uhlmann, schon kapiert.

Und so beobachten wir also Thees oder Bruce oder wie auch immer Uhlmann „den Großen Bruder des deutschen Indierock“ und „ältesten Newcomer Deutschlands“ ein letztes Mal an diesem Abend, wie er sich gekonnt für Größeres empfiehlt, wobei groß im Sinne einer Größenangabe und nicht als qualitativ bewertendes Adjektiv zu verstehen ist.

Ein gutes Konzert, danke Thees, und was das andere angeht: Naja, schon gut…

 Manuel Weißhaar

 

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