Hustlin‘ ain’t a thang

Nehmen wir mal eine Großstadt an (natürlich nach der offiziellen Definition des Internationalen Instituts für Statistik von 1887: Mehr als 100.000 Einwohner machen eine Stadt zur Großstadt!). Nehmen wir mal an, wir sind mitten im Dezember und es liegt kein Schnee (ich mein, schaut mal raus und nehmt das an). Nehmen wir mal an, in einem kleinen Zimmer hockt ein blondes Mädchen und hört gerade die neue Crooked I EP In None We Trust (veröffentlicht am 13. Dezember).

Nehmen wir weiter an, sie sitzt im Schneidersitz und singt: „All I need in this life of sin, is me and my hustlin’“. Nehmen wir an, in ihrem Zimmer stehen zwanzig Holzschlitten und sie wurde deshalb von ihrem Freund verlassen. Was soll das alles? Ah, nehmen wir an, es ist 2Uhr morgens und draußen leuchten die Pfützen wie weißes Neon, weil sich Weihnachtsbeleuchtung darin spiegelt. Nehmen wir an, sie ruft mich an und fragt, ob ich mein NBA Fantasy Team schon beisammen hab, weil die Saison schließlich am 25. Dezember beginnt. „Was denkst du denn?“ antworte ich, „natürlich steht mein Team, vielleicht werde ich noch ein paar Spieler tauschen, aber eigentlich ist alles klar.“ Nehmen wir an, sie will wissen, welche Spieler ich gewählt habe. „Kyrie Irving von den Cavaliers, Austin Daye von den Pistons, auch Greg Monroe, Andrea Bargnani von den Raptors und Eric Gordon von den Warriors.“ Nehmen wir an, ich merke, dass sie nickt (natürlich ist sie nicht zufrieden: Immerhin habe ich ihr nur offensichtliche Picks verraten und nicht vermeintliche Sleeper, die eine bessere Saison spielen werden, als die meisten erwarten, so wie…). Nehmen wir an, mir fällt plötzlich auf, dass ich sie überhaupt nicht kenne. Nehmen wir an, sie sagt: „Mein Freund hat mich verlassen. Wir wohnten zusammen in einem Zimmer. Letzten Winter wollten wir Schlitten fahren, aber schon Ende Oktober gab es in der ganzen Stadt keinen einzigen Schlitten zu kaufen, Trempelmärkte wurden zu Schwarzmärkten, die Preise für Schlitten waren für uns nicht zu bezahlen. Einmal spazierten wir zu einer Piste und fragten Leute, ob sie uns einen Schlitten leihen können, wenigstens für eine Fahrt. Aber niemand wollte. Hörst du? Es ist cold outside. Dieses Jahr habe ich Anfang Oktober 20 Schlitten gekauft, ich hab mein Sparbuch geleert, ich ging von einer Preissteigerung von mindestens 400% aus, leichtes Geld also. Aber du siehst, es schneit nicht. Wir konnten uns im Zimmer nicht mehr bewegen, weil alles voll Schlitten stand. Mein Freund hielt es nicht aus. Jetzt ist er weg.“ Nehmen wir an, ich kratz mich am Kopf und überlege. Ist das Kapitalismus? Oder ist nur die berüchtigte „Schlitten-Blase“ geplatzt (Experten sprechen seit Jahren davon). Natürlich wird es noch schneien, natürlich wird das Mädchen zu ihrem Geld kommen. Aber vielleicht wird sie in ihrem Bett sitzen und Hollywood-Romanzen schauen (da, wo der Schnee selbst stilisiert wird), vielleicht wird sie dabei an ihren Freund denken. „Weißt du, dass es völliger Blödsinn ist?“ fragt sie und ich sage: „Kannst du aufhören, die literarische Realität zu hinterfragen!“ Nehmen wir an, sie legt auf und ihr Blick rutscht lächelnd über die gestapelten Schlitten. I hit you with the virgin face, that I-don’t-give-a-fuck look. Nehmen wir an, sie hat keine Lust mehr, Schlitten zu fahren…

Joshua Groß

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