Entweder Wir oder Die – „Waisen“ in den Nürnberger Kammerspielen

Liam (Philipp Niedersen) und Helen (Julia Bartolome)

Liam (Philipp Niedersen) und Helen (Julia Bartolome). Fotografin: Marion Bührle

Es sollte ein romantisches Abendessen werden. Der Kleine bei der Oma, endlich mal einen Abend mühsam freigeschaufelt vom stressigen Alltag, der eine Familie so auf Trab hält. Doch es sollte anders kommen. Denn als ein blutüberströmter junger Mann ins bürgerliche Schrankwand-IKEA-Sofa-Wohnzimmer stürzt, sollte sich das Leben für Helen und Danny für immer ändern.

Lügen, Gewalt, Verzweiflung, das sind die Themen, mit denen sich Dennis Kelly in seinem Stück „Waisen“, aufgeführt in den Kammerspielen Nürnberg, auseinandersetzt.  Die Inszenierung nahm Caro Thum auf sich. Sie fragte sich: Wie schnell rutscht man auf die dunkle Seite? Wie weit ist man zu gehen bereit, wenn es die eigene Familie betrifft?

Liam und Helen sind Waisen und stehen sich sehr nah. Liam (Philipp Niedersen) ist ein Pechvogel, schon vorbestraft, weil er immer schuldbewusst errötet, wenn die Polizei mit ihm spricht. Danny (Stefan Lorch), mit Helen (Julia Bartolome) verheiratet, hat einen guten Job, Haus und Kind, und ist zufrieden mit seinem Leben. Er belächelt Liam, für ihn ist der Schwager ein Ärgernis, das er ertragen muss, seiner Frau zuliebe. Nun wirbelt Liam sein geordnetes Leben allerdings heftig durcheinander: Der Junge habe einen verletzten Bewusstlosen in den Armen gehalten, daher die Blutflecken. Plötzlich sei dieser aufgestanden und weggelaufen. So ganz scheint ihm diese Geschichte keiner abzunehmen. Und langsam bröckelt das Lügengerüst, das sich Liam aufgebaut hat. Helen kennt das schon, sie versucht logisch nachzudenken.
Was kann man konkret in dieser Situation tun?
In dieser gefährlichen Wohngegend ist ihr unschuldiger Bruder schon wieder in etwas reingerutscht, natürlich würde die Polizei ihn verdächtigen. Danny will die Polizei rufen, schließlich liegt irgendwo ein blutender Junge herum.
Sollen wir uns dafür entscheiden, ihn sterben zu lassen?
Helen kann es nicht fassen. Danny würde ihren Bruder der Polizei ausliefern? Liam betont, er würde eher krepieren, als in den Knast zu gehen. Helen setzt Danny unter starken psychischen Druck, wir, die Familie, oder einer, den wir gar nicht kennen, irgendein gewaltbereiter Jugendlicher? Entscheide dich, du Feigling! Es geht soweit, dass Deckung eines Täters zur Täterschaft wird. Die Schlinge zieht sich zu. Es wird brenzlig. Schließlich weiß das Opfer, wer Liam ist, er hat ihm seinen Führerschein gezeigt. Und er war doch auch nur so ein Araber, der in der Gruppe die ganze Nachbarschaft terrorisiert! Sei doch nicht so naiv! Da musste Liam doch handeln! Da ist er ihm hinterher…

Der Lachs an Basmati-Reis ist inzwischen kalt geworden und auch das Kleine Schwarze wird gegen Jeans und Sweatshirt-Jacke eingetauscht. Immer wieder steht auch das ungeborene Kind in Helens Bauch zur Debatte. Will sie überhaupt ein Kind in diese Welt setzen? Auch die Ehe scheint nicht mehr ganz stimmig zu sein.
Das Leben der hübschen Vorzeigefamilie zerfällt, eine Schicht nach der anderen, bis nichts mehr übrig bleibt von der heilen Welt.

Philipp Niedersen spielt den Liam einfältig, unterwürfig, bis er seine bedrohliche Seite zeigt. Er hatte immer Pech, er hat immer Scheiße gefressen, aber das ist ok. Es tut ihm ja auch leid. Julia Bartolome hingegen zeigt Helen als eine junge Frau, die viel durchgemacht hat und sich mit dem ordentlichen Leben, das ihr Mann ihr bietet, noch nicht identifizieren kann. Und Stefan Lorch macht als Danny die größte Veränderung durch. Appellierte er anfangs noch an Menschlichkeit und Nächstenliebe, verwandelt er sich in einen kaltherzigen Mann, dem die Augen geöffnet wurden, über die grausame Wirklichkeit draußen auf den Straßen.

Eine Aufführung, die gemächlich beginnt, und den Zuschauer am Ende atemlos zurücklässt. Wie hätte man sich selbst verhalten? Wie konnte das nur passieren?
Es lohnt sich, darüber nachzudenken.

Johanna Meyr

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