Blumenhüte, Riesenbonbons und sprechende Krähen

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Die Frühlingskönigin möchte Gerda am liebsten behalten. Bild: © Jochen Quast

Eine Stimmung, die es wohl nur im Märchen gibt: Im Publikum sind auffallend viele Kinder, die aufgeregt darauf warten, dass sich der schwarze Vorhang hebt. An den seitlichen Plätzen im Zuschauerraum des Markgrafentheaters legen die Jungen und Mädchen erwartungsvoll ihre Arme auf die gepolsterte Balustrade und schauen neugierig zur Bühne. Der Schriftzug Die Schneekönigin wird auf den Vorhang projiziert. Es ist die zwölfte von 35 Vorstellungen, die das Ensemble des Erlanger Theaters innerhalb eines Monats zeigt. Und sie ist wirklich märchenhaft.
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„Gott ist in einer Tüte“

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Christian Wincierz, Violetta Zupancic. Foto: © Jochen Quast.

In einer Tüte? Gott? So schnell kann ein Zitat, aus dem Zusammenhang gerissen, für Verwirrung sorgen. Und schon sind wir mitten im Theaterstück Unschuld, geschrieben von Dea Loher, inszeniert von Katja Ott am Theater Erlangen. „Gott ist in einer Tüte“, sagt der illegale afrikanische Einwanderer Fadoul (Patrick Nellessen) zu den anderen Charakteren. Verständnislosigkeit. Nur die Zuschauer haben eine Ahnung, wovon er spricht. Weiterlesen

„Jede Anzahl ist ein Schock“

Daniel Seniuk, Hermann Große-Berg Foto: Jochen Quast

Daniel Seniuk, Hermann Große-Berg
Foto: Jochen Quast

Ein Vater führt seinen Sohn in die Geheimnisse des Rasierens ein – eine alltägliche Szene. Nur, dass es von diesem Sohn zwanzig gibt, weil er ein Klon ist. Dass deswegen sowohl Vater als auch Sohn gezwungen sind, Fragen nach Original und Kopie zu stellen, herauszufinden versuchen, was Identität bedeutet. Caryl Churchill wirft in ihrem Drama „Die Kopien“ (Originaltitel: A Number) abseits von moralapostolischen Plädoyers die Fragen auf, die sich im Zeitalter technologischer Reproduktionsmöglichkeiten unwillkürlich aufdrängen. Katja Blaszkiewitz gelingt es in ihrer Inszenierung, die vergangenen Samstag in der Erlanger Garage Premiere feierte, diese Fragehaltung auf verschiedenen Ebenen an den Zuschauer weiterzugeben. Weiterlesen

„Dies Ich“ – “Ein Ich“ – Wer bin ich…

Kleist

Foto: Jochen Quast

…und wenn ja wie viele? Diese Frage könnte sich nicht nur Amphitryon in der gleichnamigen Inszenierung der Tragikomödie von Heinrich von Kleist ab der ersten Minute des Stückes im Sekundentakt stellen. Denn Jakob Fedler verstrickt das Ensemble des Theaters Erlangen tiefer und tiefer in ein Netz aus Täuschungen, Verwechslung und Scheinidentitäten und fängt damit auch sein Publikum. Weiterlesen

Mach’s noch einmal, Frank!

Foto: Andreas Donders

Foto: Andreas Donders

Falls man sich im All dieselbe Frage stellt wie in diesem Festivalmotto, muss man mit etwas Glück nur lange genug warten, um eine Antwort zu erhalten. Die kommt dann mit einem Satelliten aus den siebziger Jahren, der diejenigen Informationen enthält, die uns Menschen und unseren Planeten Erde charakterisieren sollen. Weiterlesen

Vollendete Leere

Laboratorium 1 - Die Graue Stunde 3

Steven Scharf, Sylvana Krappatsch, Fotograph: Julian Baumann

Weiches Licht erhellt eine karg eingerichtete Wohnung. Im Hintergrund sind dumpfe und eintönige Maschinengeräusche zu hören. Eine Frau und ein Mann kommen herein. Sie setzen sich. Er steht auf und gießt sich einen Kaffee ein. Die Frau setzt sich und schweigt. Raucht eine Zigarette. Nach zehn Minuten fällt der erste Satz: „Wie geht es dir?“ Er lässt sich Zeit mit seiner Antwort.

Und doch kann man in jeder Sekunde einen intensiven Dialog erleben: In Blicken, Haltungen und kleinen Veränderungen im Ausdruck vollzieht sich, das merkt man schon nach kürzester Zeit, etwas Großes. Die Blicke im Publikum um mich herum sind nach anfänglichem Tuscheln schon bald starr nach vorne fixiert und folgen jeder einzelnen Bewegung. Erstaunlich, denn diese karge Art der Inszenierung steht in großem Kontrast zu unseren sonstigen Sehgewohnheiten. Es gibt hier nur das Langsame, Eindringliche. Nicht mehr und nicht weniger als die graue Stunde vor Sonnenaufgang ist zu sehen. Und doch enthüllen sich zwei komplette Leben in der wundervollen Sprache der Autorin Ágota Kristóf. Kargheit und psychologisches Spiel lassen Lebendigkeit entstehen, die fesselt. Ein guter Anfang für die neue Laboratorium- Reihe der Münchner Kammerspiele, die Zino Weys Inszenierung „Die graue Stunde“ am Freitag anlässlich der bayrischen Theatertage im Redoutensaal in Erlangen präsentierten. Weiterlesen

ARENA ohne Grenzen

ARENA...der jungen Künste; Eröffnung

ARENA…der jungen Künste; Eröffnung

Am Dienstag, 25. Juni, eröffnete ARENA… der jungen Künste das diesjährige Festival feierlich im Markgrafentheater. Den Beginn macht eine mehrsprachige Reflexion über Grenzen, die Bühne ist leer und schwarz, man hört nur Stimmen, die durcheinander sprechen: auf deutsch, englisch und französisch. Schon gibt es die erste Grenze: Man versteht nicht alles – sei es, weil man einer Sprache nicht mächtig ist, sei es, weil sich die Stimmen überlappen und sich akustisch immer mal wieder selbst blockieren. Das ist aber auch eine Dichotomie von Grenzen: Einerseits grenzen sie zwei Teile voneinander ab, wie etwa zwei verschiedene Sprachen. Andererseits sind Grenzen Schnittstellen. Sie verbinden zwei Teile miteinander: Durch die Übersetzung des Audiotextes wird die Botschaft auch denjenigen zugänglich, die der deutschen Sprache nicht mächtig sind: Kann es ein Limit für Grenzen geben oder sind Grenzen einfach grenzenlos?        – Ein Text von Timo Sestu Weiterlesen

Von grausamer Rache und Vergeltung

Jochen Quast: Hermann Große-Berg, Christian Heller

Jochen Quast: Hermann Große-Berg, Christian Heller

Wer kennt nicht die Figur des jüdischen Wucherers Shylock von William Shakespeare? Als Robin Telfer in der letzten Spielzeit Dürrenmatts „Das Versprechen“ inszenierte, stiegen am Theater Erlangen die Besucherzahlen. Nicht weil die Erlanger Dürrenmatt besser kennen als Kleist, sondern weil das Stück einen Sog entwickelte, dem man sich nicht so leicht entziehen konnte. Dieser Sog findet sich in dieser Spielzeit bei „Der Kaufmann von Venedig“ wieder. Schon vor der Premiere hatte ich die Möglichkeit, mir eine der Hauptproben anzusehen. Ein großes Schauspiel! Weiterlesen

Computeranimierter Gaddafi tötet belgischen König

 

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Superamas – Foto: Christophe Demarthe

Die „Superamas“ waren am 8.5.2013 im Erlanger Markgrafentheater zu sehen

„Theatre“ ist ein visuelles und musikalisches Spektakel: Bunte Musik trifft auf schreiende Bilder, Muammar al-Gaddafi auf Nikolas Sarkozy, Fiktion auf Realität. Die „Superamas“ provozieren, schockieren und unterhalten mit ihrer Aufführung. Mit Erfolg. Ein Bürgerkrieg in Belgien? Eine Frau als türkische Präsidentin? Tanzende Politiker? All das ist möglich, und noch vieles mehr. Weiterlesen

Heilige oder Monster?

 

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Foto: Gert Kiermeyer

 

„Meine Kältekammer“ – eine Inszenierung des Puppentheaters Halle

 

Plötzlich ein Lichtkegel, in dem eine Novizin steht. Sie möchte Nonne werden. Sie möchte glauben können. Doch sie wird abgewiesen. Dunkelheit. Unter einer Stehlampe beginnt ein Angestellter des Supermarkts, eine Geschichte zu erzählen. Die Geschichte von Estelle. Er betont, dass sie reine Fiktion sei. Am Anfang lacht das Publikum noch darüber.

 

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