Vollendete Leere

Laboratorium 1 - Die Graue Stunde 3

Steven Scharf, Sylvana Krappatsch, Fotograph: Julian Baumann

Weiches Licht erhellt eine karg eingerichtete Wohnung. Im Hintergrund sind dumpfe und eintönige Maschinengeräusche zu hören. Eine Frau und ein Mann kommen herein. Sie setzen sich. Er steht auf und gießt sich einen Kaffee ein. Die Frau setzt sich und schweigt. Raucht eine Zigarette. Nach zehn Minuten fällt der erste Satz: „Wie geht es dir?“ Er lässt sich Zeit mit seiner Antwort.

Und doch kann man in jeder Sekunde einen intensiven Dialog erleben: In Blicken, Haltungen und kleinen Veränderungen im Ausdruck vollzieht sich, das merkt man schon nach kürzester Zeit, etwas Großes. Die Blicke im Publikum um mich herum sind nach anfänglichem Tuscheln schon bald starr nach vorne fixiert und folgen jeder einzelnen Bewegung. Erstaunlich, denn diese karge Art der Inszenierung steht in großem Kontrast zu unseren sonstigen Sehgewohnheiten. Es gibt hier nur das Langsame, Eindringliche. Nicht mehr und nicht weniger als die graue Stunde vor Sonnenaufgang ist zu sehen. Und doch enthüllen sich zwei komplette Leben in der wundervollen Sprache der Autorin Ágota Kristóf. Kargheit und psychologisches Spiel lassen Lebendigkeit entstehen, die fesselt. Ein guter Anfang für die neue Laboratorium- Reihe der Münchner Kammerspiele, die Zino Weys Inszenierung „Die graue Stunde“ am Freitag anlässlich der bayrischen Theatertage im Redoutensaal in Erlangen präsentierten. Weiterlesen