Er kam aus der Tür gelau­fen, nach­dem ich schon eine Weile schwei­gend in der Kälte ver­harrt hatte. Bist du der Neue, der Dich­ter, fragte der Typ. Ich zuckte mit den Ach­seln und drehte mich zu dem Haus, aus dem er gerade gekom­men war, betrach­tete die schwärz­li­che Back­stein­fas­sade, die jetzt, in der Dun­kel­heit, noch ein biss­chen schwär­zer wirkte, schaute auch auf die ein­ge­schla­ge­nen Fens­ter, die ver­na­gel­ten Türen, das Schild. Irgend­was stand dar­auf in Let­tern geschrie­ben, die aus einem Jahr­hun­dert gefal­len zu sein schie­nen. Das Haus war schon lange leer und ver­las­sen, ein Refu­gium aus Staub, mor­schem Holz und Glas­split­tern, des­sen Musik das Kna­cken der Böden, das Knar­zen der Möbel in der Nacht war, Zeug­nis der Zei­ten, als man Büro noch Bureau gehei­ßen hatte. Ich schaute den Typ an. Hier soll eine Lesung statt­fin­den, ich hab’s auf einem Flyer gele­sen. Er beäugte mich inter­es­siert, sah auch irgend­wie selt­sam aus, groß und hager, extra­ter­res­tri­sche Züge, ein Thin White Duke mit schwar­zem Haar, eine halbe Kippe im Mund­win­kel, die weder qualmte noch glimmte und auf eine natür­li­che Weise zu sei­nem Gesicht zu gehö­ren schien.

Er fragte, um was für eine Lesung es sich han­delte und ich sagte, man hört von eini­gen Lyri­kern, sie behaup­ten, mit neuen Aus­drucks­for­men zu expe­ri­men­tie­ren, und spre­chen von Revo­lu­tio­nen, und Tex­ten, die den Wind fürch­ten müs­sen, ihn aber akzep­tie­ren, so wie man den Tod akzep­tiert. Ich streckte ihm den Flyer ent­ge­gen, der frü­her grau war, ein­fach nur grau, aber man musste ihn abkrat­zen wie auf Rubbel-Losen, und die Worte kamen zum Vor­schein, wenige Worte, eigent­lich stand da nur Das Böse schreibt man in Stein, das Gute in Staub, und der Typ stu­dierte den Flyer, ließ dabei seine Ziga­rette auf den Boden fal­len und trat sie aus, ohne das da etwas aus­zu­tre­ten gewe­sen wäre. Neben­her nickte er bedäch­tig oder bestä­ti­gend, so genau konnte man das nicht sagen, mur­melte schließ­lich komm‘ mit und so ging ich mit, fragte noch, wie er denn hieße und er meinte Pol­vor­oso, er komme von etwas wei­ter weg und ich erwi­derte nichts mehr, schwieg, folgte dem Poe­ten der sich Pol­vor­oso nannte in seine Enklave aus brö­ckeln­dem Mör­tel und Wollmäusen.

Wir stie­gen die Trep­pen hin­auf, im stump­fen Rhyth­mus sei­ner klon­ken­den Schuhe schraub­ten wir uns empor, atme­ten Schmutz, atme­ten Ver­fall, bis wir unter dem Dach anka­men, in einem Raum vol­ler Stühle, die auf­ge­sta­pelt waren und sich unter der Nei­gung des Daches beug­ten, eine Kaverne aus Holz und muf­fi­gen Büro­ses­sel­be­zü­gen bil­de­ten. Und dar­un­ter, soweit ich das über­bli­cken konnte, ein Meer aus Staub. Eine sepia­far­bene See des Ver­ges­sens, grau meliert, in der mit­ten­drin ein wei­te­rer Typ im Schnei­der­sitz saß und mit den Hän­den im Staub pin­selte. Das ist Pol­vo­ri­ento, flüs­terte mir Pol­vor­oso zu, viel­leicht der größte Künst­ler hier im Staub­haus, ein wah­rer Poet, sieh nur – er wies mit den Hän­den über dunk­lere Schat­tie­run­gen im Staub­meer und erst jetzt konnte ich erken­nen, dass es Buch­sta­ben waren, feine Druck­buch­sta­ben, in säu­ber­li­cher Hand­schrift in die Flä­chen aus Grau gestanzt. Spar­sam­keit ist Über­fluss, der karg glänzt, stand da, oder Ernähre doch Bör­sen­kurse, Hip­pie; ich konnte auch ein paar län­gere Poeme aus­ma­chen, eines war mit der Über­schrift Stau­bap­fel beti­telt, eines ande­res mit Genese des Todes.

Siehst du — Pol­vor­oso flüs­terte immer noch – siehst du, mit wel­cher Ele­ganz er seine Verse malt, ich habe Werke von ihm im Staub gele­sen, die sich so lange ihrer Beer­di­gung wider­setz­ten, dass man glaubte, nun wäre alles hin und der Gedanke zer­stört. Ich ver­stehe, mur­melte ich, ehe sich Pol­vo­ri­ento, der andere Bohe­mien des Staubs vom Boden erhob. Und wäh­rend Pol­vor­oso mich noch ein­dring­lich anschaute (Ja, aber ver­stehst du?), brei­tete der andere schon die Arme aus und rief, la poe­sía, das hier ist la poe­sía, und ich blickte über die grauen Verse hin­weg, die selt­sa­men Slo­gans und Gedan­ken­fet­zen, wäh­rend Pol­vo­ri­ento wie wild rief, der Staub ist unsere Lein­wand, der nackte Fin­ger der Pin­sel, Buch­sta­ben in der grauen Wüste, im grauen Ozean, in der grauen Prä­rie, der grauen Ark­tis, der grauen Steppe, ein­gra­viert in Fasern und Haut­schup­pen und Haare und Stra­ßen­abrieb, in Pol­len und Blü­ten­par­ti­kel und Samen, in Krü­mel und Schim­mel­spo­ren und Bak­te­rien, in Schorf und Mil­ben­kot, das hier, das ist Staub­poe­sie, ein Auf­schrei gegen die Ver­gäng­lich­keit und gleich­zei­tig ein Tri­but an sie, wir sind Staub, unsere Gedichte sind Staub, sie stau­ben ein, wie wir ein­stau­ben und zu neuem Staub wer­den und Staub für neue Gedichte lie­fern, immer und immer wie­der, Staub, alles Staub — Staub, das ist die trübe Gla­sur unse­res Lebens und des­halb muss die wahrste aller Dich­tun­gen in ihn gemalt werden.

Und er sah mich an, nach­dem er geen­det hatte, sie beide sahen mich an, und auch ich betrach­tete die Staub­poe­ten, diese Bohe­mi­ens der Kleinst­par­ti­kel­gra­vur und plötz­lich musste ich hus­ten, hus­ten wie ein Ver­rück­ter von all dem Staub, der sich in mei­ner Luft­röhre, mei­nem Hals, mei­ner Seele fest­ge­setzt hatte, so hef­tig und so lange, bis ich schwar­zen Schleim auf den Boden würgte, und einen Fleck dar­auf hin­ter­ließ, ein schmie­ri­ger Kra­ter im grauen Schnee.

 

Aldo Han­sen