für V.

Manch­mal denke ich, Kamp hat die Exis­ten­zia­lis­ten gele­sen: Ich wach mor­gens auf und frag mich wofür. Es gibt schon Gründe: die Musik selbst, oder Mäd­chen, die man viel­leicht liebt und über­haupt die Sti­li­sie­rung des eige­nen Ver­sa­gens. Und es gibt die Hoff­nung, viel­leicht mal die­sen einen Tag zu fin­den, die­sen Tag für Eva (for ever).

Die Blau­pause des Anti­hel­den, trotz­dem werd ich geklatscht / für jeden ehr­li­chen Satz / was dich nicht umbringt, das här­tet dich ab / und mitt­ler­weile sind die Wan­gen taub / Im Kran­ken­haus / grüßen’s mich mit „Kamp One“, von wegen Under­ground / er will eigent­lich die Comics zu die­sem Leben zeich­nen, der Malerei-Student, und das soll er auch tun, aber davor will ich noch die Opium EP und VOZ 2.
Es ist schein­bar ohne Zukunft, aber mit einer Her­kunft, die nicht so ver­kehrt scheint. Ich weiß noch, wie ich mal mit mei­ner Ma aus Nürn­berg heim­fuhr. Wir saßen in der S-Bahn und es war schon dun­kel, kurz vor Weih­nach­ten, über­all Pakete, Tüten und Schach­teln, ich war viel­leicht 4 und gegen­über saß eine Frau, die wirk­lich fas­zi­nie­rende Beine hatte. Sie schim­mer­ten wie Bour­bon, obwohl ich damals noch nicht wusste, was Bour­bon ist, ich erin­nere mich daran, wie man sich an einen Traum erin­nert. Ich über­legte minu­ten­lang, ob diese Beine real sind, oder ob sie Nylon­strümpfe trägt. Als ich genug über­legt hatte, ohne mehr zu wis­sen, beugte ich mich vor und strei­chelte ihre Beine, als wär es ges­tern, ah, das Leben des Künst­lers als klei­ner Junge. Und so wie ich mei­nem Pa damals alles nach­ge­macht hab, Feder­ball und Schwer­mut, betont Kamp immer wie­der, dass er „Gil­dos Bei­spiel“ folgt, dem Vor­bild sei­nes Vaters.

Jetzt mit 22 ist es ähn­lich, aber anders: „Nie­mand soll mir sagen, was ich zu tun und las­sen hab…“ Kamp ist ein biss­chen älter, mitt­ler­weile 29, direkt aus Wien, er erzählt sein Leben in Tex­ten, in Rei­men, in einem Stil, an dem er Jahre gefeilt haben muss – wenn man VOZ schon 50mal gehört hat, fällt einem auf, dass es lyrisch und tech­nisch noch ein­drucks­vol­ler und bes­ser ist, als man schon ange­nom­men hat. Ich hab in Geld­bör­sen nichts / In Zell­kör­pern Gift / und VOZ kam 2009 raus, die­ses Album, dass angeb­lich keins ist, nur ein Schlaf­mohn­feld, es ist ein instant clas­sic, ein Kom­plex aus Songs, die alles nötige sagen sol­len, somit schon ein Album, näm­lich das erste und das letzte. Aus Inter­views ist zu ent­neh­men, dass er nicht auf­ge­hört hat mit der Musik, nur mit dem Alko­hol, aber die­ser Sound­track bleibt enorm, eine Platte für Alko­ho­li­ker, für Men­schen, die sich gerade tren­nen, für ein paar andere Mäd­chen, die man nie hatte, für eine Fami­lie, für eine Bewe­gung. Ich habe in den letz­ten Jah­ren nichts gehört, was voll­en­de­ter ist, als diese Scheibe.

Es ist kein Zufall, dass D’Evils von JAY-Z gesam­pled ist, I’d rather die enor­mous than live dor­mant thats how we on it, wobei bei Super­hel­den schon klar ist, dass sie nicht ster­ben, obwohl sie wie ange­deu­te­ter Selbst­mord leben – Ich mach mich mit har­tem Alk und Shit kaputt, wenn man ein Por­trait von Kamp machen will, das den Kerl dar­stellt, der sich auf VOZ prä­sen­tiert, braucht man für die Haut einen gel­ben Sack und Zähne aus Joint-Stummeln zum Wal­nüsse knacken.

Wir machen trotz­dem wei­ter, es bleibt viel­leicht eine dau­er­hafte Schä­di­gung von frü­her, aber heute sind wir selbst ver­ant­wort­lich, Pa trifft keine Schuld, wir sind auf dem Weg hoch und wenn wir wol­len, kön­nen wir Feder­ball spie­len und den Schwer­mut vergessen.

Jos­hua Groß