Was soll’s, wir sind im Pau­lus­jahr. Der hat sich auch nicht drum geküm­mert, ob er eine gute Presse hat.“ Sprach’s und ließ die Zei­tun­gen lie­gen und ging ins Haus. „Wie gut, dass wir die Kat­zen haben.“ Dann hat er uns gestrei­chelt, aber hung­rig wie wir waren, haben wir uns nicht wirk­lich über die Zutrau­lich­keit gefreut. „Tobias, Sara, was meint ihr? Heute Abend gril­len wir! Und ihr Kat­zen sollt auch was davon haben!“ Er hat wohl gehört, dass uns schon der Magen knurrte, Sara hätte ihm fast in den Fin­ger gebis­sen. An der Haus­tür seufzte der Ratz­in­ger noch­mals und fragte den Sekre­tär: „Gäns­wein, was sagen Sie zu den Scha­fen da dro­ben, die einen sind fast schon über dem Berg und die ande­ren trauen sich nicht ins Weite.“ Und auf unse­ren hung­ri­gen Blick erklärte er: „Da geht man den ver­lo­re­nen Scha­fen nach und die bra­ven, selb­stän­di­gen, um die man sich keine Sor­gen machen sollte, hal­ten einen, wenn man zurück kommt, für den Wolf.“ Sara sagte Miauu, ich meinte Miaoou, viel­leicht gibt es ja Lamm­fleisch heute Abend, und er ließ mich auf sei­nen Arm sprin­gen. Die Urlaubs­über­ra­schun­gen haben auch ihre schö­nen Sei­ten – zumin­dest für uns. Schrei­ben dür­fen jetzt der Sekre­tär und wir für ihn – sobald er sein Dik­tier­ge­rät im Griff hat. Im Urlaub darf auch der Papst mal nicht alles sel­ber machen müs­sen. Schließ­lich ist er auch nur ein Mensch. Sein Sekre­tär ist übri­gens ein fescher jun­ger Mann und macht eine gute Figur in Hoch­glanz­ma­ga­zi­nen. Zu uns Kat­zen ist er vor allem eines: dis­kret. „Pas­sen Sie auf, wenn die Post kommt!“, beauf­tragte ihn der Ratz­in­ger, als er den Schlüs­sel ans Brett gehängt hat. „Erst dann ist der Abend geret­tet.“ Grrrr… ist so ein Gips­ver­band schön rau um sich das Fell daran zu rei­ben… Könnt ihr euch einen Papst mit Hund vor­stel­len? Ein Hund? Der ist stolz dar­auf, wenn er sei­nem Herrn die Zei­tung brin­gen kann, ohne viel zu sab­bern. Für so nie­dere Dienste wie Appor­tie­ren waren wir uns schon immer zu schade. Wer in den Haus­halt des Paps­tes ein­zie­hen will, muss erst das Auf­nahme– oder Ratz­in­ger­ver­fah­ren beste­hen. Allein dafür würde sich das Leben lohnen.

Für das Ratz­in­ger­ver­fah­ren soll­tet ihr dem Kratz­baum schon ent­wöhnt sein. Denn ganz egal, wo ihr gebo­ren und auf­ge­wach­sen seid, von den Tape­ten, den Wän­den und den Möbeln gilt: Rühr’ sie nicht an! Um unsere Kral­len zu schär­fen, gibt es erle­se­nes Papier, täg­lich frisch bedruckt. drau­ßen neben dem Holz liegt es. Dass wir sorg­fäl­tig damit umge­hen, dar­auf wird schon bei unse­rer Erzie­hung geach­tet. Und die hatte er lange Zeit selbst in der Hand. Der Ratz­in­ger war, bevor er Papst wurde, im Vati­kan der Hüter des Glau­bens und darum auch, das wis­sen die wenigs­ten, der Hüter der Kat­zen. Tief im Kel­ler des Vati­kan hat er in grauer Vor­zeit eine ein­fa­che Abma­chung mit uns getrof­fen: Wenn er dort wie­der raus­kommt, aus sei­nem vor­he­ri­gen Arbeits­platz, nimmt er uns mit. Das ist der Ratzinger-Katzen-Pakt. Weil er jetzt der Chef im Haus ist, hat er uns aus der dau­ern­den Unsi­cher­heit des halb lega­len, halb domes­ti­zier­ten Kat­zen­da­seins. Das Ratzinger-Verfahren kann ich vor dem Mit­tag­es­sen noch beschrei­ben. Solange die bei­den geist­li­chen Her­ren im Wohn­zim­mer das Mit­tags­ge­bet, die Sext lesen, ist der Schreib­tisch im obe­ren Stock­werk ver­waist. Das Ratzinger-Verfahren ist ein Examen mit drei prak­ti­schen Prü­fun­gen an jedem neuen Auf­ent­halts­ort des Paps­tes. Wer sie besteht, ist fortan eine Ratz­in­ger­katze auf Lebens­zeit (alle Kat­zen­le­ben zusam­men gerech­net). Aller­dings ist das Ver­fah­ren, sobald zwei Kat­zen die Prü­fung bestan­den haben, been­det. Die erste Prü­fung ist die Geschick­lich­keits­test, das zweite der Samt­pfo­ten­test, das dritte ist die Presseschau.

Ers­tens. Die Geschick­lich­keit besteht darin, einen Rosen­kranz, ganz gleich wo ihr ihn fin­det, in der­sel­ben Lage und Stel­lung zurück­zu­las­sen wie er war. Spie­len dürft ihr damit, aber ja nicht durch­ein­an­der brin­gen! Das ist die ein­fachste Übung. Wer dafür antritt, sollte sich schon selb­stän­dig aus einem Woll­knäuel befreien kön­nen. Der Rosen­kranz ist ja ein beschau­li­ches Gebet und kein Wett­kampf. Johan­nes XXIII hat an jedem Tag alle drei damals bekann­ten Rosen­kränze gebe­tet, den freu­den­rei­chen, den schmerz­haf­ten und den glor­rei­chen. Johan­nes Paul II hat auf die alte Per­len­schnur noch eine neue Serie von Geheim­nis­sen, die licht­rei­chen auf­ge­legt. Von ihm selbst auf CD gespro­chen wurde der Rosen­kranz sogar ein Hit.

Für uns Kat­zen wurde der Rosen­kranz erst inter­es­sant, als der Ratz­in­ger nach Rom kam. Er traf unsere Vor­fah­ren dort an, wo sie leb­ten oder vege­tier­ten, heim­lich tief im Kel­ler, ganz unten. Konnte auch Johan­nes Paul II mit Musi­kern im Schein­wer­fer­licht Son­nen­bril­len tau­schen, für uns im Schat­ten hat der Ratz­in­ger eine trös­tende Übung und eine rechte Kat­zen­mu­sik mit­ge­bracht, den Rosen­kranz und sei­nen gelieb­ten Mozart. Beide wurde uns nie lang­wei­lig. Mit unse­ren Pfo­ten durf­ten wir Perle für Perle mit ihm mit­zäh­len, uns in Geduld zu üben, bis wir aus dem Kel­ler her­aus­kom­men, das war schön.

Die Heils­ge­heim­nisse wer­den durch die Wie­der­ho­lung nie lang­wei­lig. Nur das Belang­lose braucht die Abwechs­lung“, sagte der Ratz­in­ger immer. Und auch das: „Lei­den ist das Prin­zip der Ver­än­de­rung.“ Wer lange auf etwas war­ten muss, kann es eines Tages mit aller Macht genie­ßen. Darum darf als Gedulds– und Geschick­lich­keits­übung der Rosen­kranz nicht durch­ein­an­der­ge­bracht wer­den. Ord­nung muss sein.