Wir müs­sen zahm sein und krat­zen dür­fen wir nicht, denn seine Hände braucht er für seine Arbeit. Wir sind seine Pri­vat­sphäre und seine klei­nen Hel­fer hier und da. Horch, Sara! Ruft da nicht jemand die Treppe her­auf: „Es gibt Fres­sen“? Hur­tig sind wir hin­un­ter­ga­lop­piert! Beim Essen konn­ten wir ihm aller­dings nicht hel­fen. Vor dem Tisch­ge­bet schaute der Sekre­tär (mit Küchen­schürze) auf seine Uhr, Ratz­in­ger sagte: „Es hilft nichts, sonst wird es ja kalt.“ Sehens­wert war, wie der Ratz­in­ger mit 1 ½ Hän­den bei erhöh­ter Unfall­ge­fahr – „Pas­sen Sie auf Ihren Ver­band auf. Die Sauce!“ Spa­ghetti isst… wir haben wäh­rend­des­sen am Kat­zen­tisch so getan, als hät­ten wir’s nicht bemerkt und uns an der Bolo­gne­se­sauce schad­los gehal­ten. Nie­mals scheint der Mensch lie­bens­wür­di­ger als in sei­ner Unbe­hol­fen­heit. Das habt ihr mit uns Kat­zen gemein­sam. „So tro­cken rutscht das ein­fach nicht run­ter.“, mur­melte er unwil­lig. Da klin­gelte es an der Haus­tür. Mit den Wor­ten „Das ist die Post!“ war­fen sie beide die Ser­vi­et­ten hin, spran­gen auf und eil­ten hin­aus. Ich bin natür­lich hin­ter­her getappt. Der Post­bote staunte erst, wer vor ihm stand, war sprach­los, bekreu­zigte sich und über­reichte ein gel­bes Paket der Deut­schen Post. Der Sekre­tär unter­schrieb das übli­che For­mu­lar und las den Absen­der vor, Ratz­in­ger fragte den Post­bo­ten auf Ita­lie­nisch: „Und sonst haben Sie nichts dabei? Ein Paket aus Bam­berg?“ Der Post­bote schüt­telte den Kopf, bekreu­zigte sich erneut und ging von dan­nen. Sie brach­ten das Paket zum Küchen­tisch. „Machen Sie nur auf, es ist ja noch nicht ganz zu spät.“ Der Sekre­tär tat wie ihm gehei­ßen und brachte zwei bau­chige Fla­schen Wein und eine Karte zum Vor­schein. „Ver­ehr­ter Wein­lieb­ha­ber. Herz­li­chen Glück­wunsch zu Ihrer vor­züg­li­chen Aus­wahl. Wohl bekomm’s. Ihr Franken-Wein-Gut.“ Zuerst fragte der Sekre­tär irri­tiert, ob die Anrede nicht etwas respekt­los wäre, der Ratz­in­ger meinte, die behan­deln alle Leute gleich, das muss kein Nach­teil sein. Dann las der Sekre­tär die Eti­ket­ten vor, dabei wurde es mir etwas mul­mig. „Som­mer­a­cher Kat­zen­kopf, Müller-Thurgau, Zwei­tau­send­un­d­vier“ – „Wie bestellt, Müller-Thurgau. Das ist der Wein der ein­fa­chen Leute. Den machen Sie gleich auf. Been­den wir damit unser Mit­tags­mahl.“ Dann strei­chelte er mir den Kopf, weil ich auf den Stuhl gesprun­gen war, „keine Sorge, da ist nichts von einer Katze drin, der Wein­berg sieht nur so aus.“ Die bis­her noch leer und tro­cken her­um­ste­hen­den Glä­ser erfüll­ten ihre Bestim­mung. Der Ratz­in­ger impro­vi­sierte einen Trink­spruch: „Ein­fa­che Leute, sol­che gibt es in Fran­ken, erdig und ker­nig wie die­ser Wein –aber gewür­felt sind sie.“ Auf den ver­ständ­nis­lo­sen Blick sagte er: „Der echte Franke ist ein gewür­fel­ter, haben sie das nicht gewusst?“ Kopf­schüt­teln. „Naja, sie haben Ecken und Kan­ten“, dann spreizte er Dau­men und Zei­ge­fin­ger der unver­sehr­ten Hand und bewegte sie wie ein Pen­del hin und her, wie wenn er sich an die­sen Hand­griff eben erin­nerte, sagte er bedäch­tig: „manch­mal polar– polar– pola­ri­sie­ren sie gern… aber ist das nicht das Salz in der Suppe? Was wäre die Kir­che ohne Salz?“ Dann hob er fei­er­lich das Glas, und sprach: „Trin­ken wir auf das ein­fa­che Volk, und auf die wacke­ren Anwälte des Volk Got­tes.“ Auf einen wei­te­ren fra­gen­den Blick ergänzte er, „weil einige davon aus Fran­ken kom­men, und nicht die gerings­ten.“ Dann ließ sein Glas an das andere klim­pern und sagte nur noch „Den ande­ren heben wir auf für heute Abend.“ Die letz­ten Run­den der Spa­ghetti been­dete er mit deut­lich mehr Schwung. „Aber wenn wei­ter nichts gekom­men ist“, sagte er am abge­ges­se­nen Tisch zum Sekre­tär, „dann müs­sen Sie in der Metz­ge­rei ein paar Steaks mehr neh­men. Und was geben wir den Kat­zen?“ Auf dem Weg vom Ess­zim­mer in die Küche strei­chelte er Sara das Köpf­chen und ver­si­cherte uns „Ihr sollt ja auch was vom Grill bekom­men!“ Was das sein wird, wuss­ten wir beide nicht, aber sei­nem Urlaub haben wir unser gan­zes Glück zu ver­dan­ken. Er kann zwei Kat­zen beschäf­ti­gen, das könnt ihr mir glau­ben! Von wegen her­um­lie­gen und gäh­nen, das geht wenn dann nur in der Mit­tags­zeit. Den Sekre­tär hat er nach dem Abwasch zur Metz­ge­rei im Dorf geschickt. „Gehen Sie nur, gehen Sie, wir hal­ten hier Siesta.“ Drei Tage Urlaub sind drei Tage rau­schende Blät­ter, da kommt eine Mit­tags­pause schon recht. Sonst sit­zen wir bei ihm auf dem Schreib­tisch und blät­tern die Bücher um, set­zen Lese­zei­chen, hal­ten Ord­nung. Wenn er von einer von uns genug hat, kommt die andere dran. Wer glaubt denn, dass der Hei­lige Vater an einem Bild­schirm arbei­tet? Recher­chie­ren mit Such­ma­schi­nen? Damit holt man keine Katze hin­ter dem Ofen her­vor. Mit Tref­fer­an­zei­gen? Wer das glaubt, ver­steht nichts von der Arbeit eines Paps­tes. Wurde sein Vor­gän­ger der eilige Vater genannt, weil er rast­los unter­wegs war, ist der Ratz­in­ger der Papst mit der eili­gen Schrift. Wir sind die Groß­meis­ter im beschau­li­chen Lesen, im Umblät­tern, wir sind krea­tiv, damit er schrei­ben kann, aber erst seit­dem wir aus dem Kel­ler des Vati­kan befreit sind.