Lange Nacht der Wissenschaften 2019

European Time Machi­ne (Bild: Sebas­ti­an Schroth)

Erlan­gen in Grün. Am ver­gan­ge­nen Sams­tag­abend fand die nun schon neun­te Lan­ge Nacht der Wis­sen­schaf­ten statt, bei der wie­der tau­sen­de wis­sens­durs­ti­ge Men­schen in Nürn­berg, Fürth und Erlan­gen inter­es­san­ten Vor­trä­gen lausch­ten, infor­ma­ti­ve Aus­stel­lun­gen besuch­ten und span­nen­de Expe­ri­men­te bestaun­ten.

Mit über 1000 Pro­gramm­punk­ten bzw. Ver­an­stal­tun­gen war das Ange­bot auch die­ses Jahr am 19. Okto­ber wie­der rie­sig. Trotz des tags­über eher weni­ger viel­ver­spre­chen­den Wet­ters klar­te es in der Nacht aus­rei­chend auf, sodass am Abend und bis in die tie­fe Nacht ein reges Men­schen-Gewu­sel das Stadt­bild bestimm­te. Lan­ge Schlan­gen bil­de­ten sich an den Abend­kas­sen und besu­cher-begrenz­ten Ver­an­stal­tun­gen, die Leu­te ström­ten in den extra ein­ge­rich­te­ten Shut­tle-Bus­sen von Pro­gramm­punkt zu Pro­gramm­punkt oder ver­sam­mel­ten sich vor fas­zi­nie­ren­den Aus­stel­lungs­stü­cken um ihren Wis­sens­durst zu stil­len.

Zwi­schen vir­tu­el­len Zeit­rei­sen und dem Ende der Demo­kra­tie

In der Oran­ge­rie wur­de am frü­hen Abend das inter­na­tio­na­le Pro­jekt der European Time Machi­ne vor­ge­stellt, wel­ches die größ­te euro­päi­sche all­ge­mein-zugäng­li­che und digi­ta­le Daten­bank der Geis­tes­wis­sen­schaf­ten dar­stellt. Hier­für wer­den aus Scans anti­ker Bücher, Gebäu­de uvm. Mus­ter erkannt und dadurch Rück­schlüs­se auf die Ver­gan­gen­heit gezo­gen. Tages­ak­tu­ell kön­nen die­se Scans z.B. beim Wie­der­auf­bau der Not­re Dame in Paris sehr hilf­reich sein, da schon vor dem kata­stro­pha­len Feu­er Scans und 3D-Model­le erstellt wur­den. Das Ziel soll es sein, vir­tu­el­le Zeit­rei­sen antre­ten zu kön­nen.

Mar­kus Hör­ath und Hei­ner Bie­le­feldt (Bild: Sebas­ti­an Schroth)

Prof. Dr. Hei­ner Bie­le­feldt zeig­te in einer Vor­trags­rei­he des Cent­re for Human Rights Erlan­gen-Nürn­berg (CHREN) und des Insti­tuts für Deut­sches, Euro­päi­sches und Inter­na­tio­na­les Öffent­li­ches Recht wel­chen Stel­len­wert und welch gro­ße Bedeu­tung die loka­le Pres­se für die Demo­kra­tie und die Men­schen­rech­te hat. Lei­der habe der Jour­na­lis­mus und die Pres­se im kom­mu­na­len Raum kaum mehr eine Chan­ce der Lügen­pres­se ent­schei­dend gegen­zu­wir­ken. Für einen gelun­ge­nen Gegen­schlag im öffent­li­chen Dis­kurs­raum brau­che es „pro­fes­sio­nel­len Jour­na­lis­mus“. Falsch und nicht ordent­lich auf­be­rei­te­te Inhal­te im schnell­le­bi­gen Inter­net sind hier­für kein pro­ba­tes Mit­tel. Der frü­he­re Son­der­be­richt­erstat­ter für Reli­gi­ons- und Welt­an­schau­ungs­frei­heit des UN-Men­schen­rechts­ra­tes leg­te auch dar, dass der Ver­lust der Mög­lich­keit mit­ein­an­der ohne ein Voka­bu­lar der Rück­lo­sig­keit zu reden „das Ende der Poli­tik und der Anfang des uni­la­te­ra­len Tweets sei.“

Die­ses Defi­zit kann sich die (natio­nal- und welt­po­li­ti­sche) Demo­kra­tie in ihrem aktu­el­len Zustand nicht leis­ten. Mar­kus Hör­ath, Redak­ti­ons­lei­ter der Erlan­ger Nach­rich­ten, nahm auch an der Dis­kus­si­on teil und berich­te­te Besorg­nis­er­re­gen­des: 2034 wird die letz­te gedruck­te Tages­zei­tung erschei­nen. Sin­ken­de Auf­la­gen­zah­len und eine zu gerin­ge gesell­schaft­li­che Wert­schät­zung der Jour­na­lis­ten beschleu­ni­gen die­sen Pro­zess auch zuneh­mend. Eine Stim­me aus dem Publi­kum mein­te auch zu Recht: „Der Zustand bzw. der Begriff der ver­meint­li­chen Anony­mi­tät im Inter­net wird dazu genutzt unter­mensch­lichs­te Regun­gen aus­zu­le­ben und damit ande­re Leu­te anzu­grei­fen.“ Gegen die­se Strö­mun­gen sei man oft macht­los – es wäre auch das Ende des Lokal­jour­na­lis­mus. Ein Ende der Lokal­zei­tung bedeu­tet auch das Ende der Demo­kra­tie. Und die Lokal­zei­tung wird ver­schwin­den.

Rie­si­ge Wis­sens­be­gier­de

Han­no Sahl­mann (Bild: Sebas­ti­an Schroth)

Span­nen­de Vor­le­sun­gen der Vor­trags­rei­he „Die Zei­chen der Zeit“ füll­ten auch das Audi­max. Beson­ders attrak­tiv waren The­men wie der Kli­ma­wan­del (Prof. Dr. Wolf­gang Kieß­ling), die Raum­zeit (Prof. Dr. Han­no Sahl­mann) oder Zeit­bil­der im Sci­ence-Fic­tion-Film (Dr. Sven Grampp). Es wur­de aber auch geklärt, war­um wir im Kino wei­nen (Prof. Dr. Kay Kirch­mann): Die Fil­me­ma­cher trig­gern ganz bewusst mit ver­schie­dens­ten Mit­teln eines der mensch­lichs­ten Din­ge über­haupt – das Wei­nen. Dreh­buch­au­toren nut­zen hier­zu oft die Ohn­macht der Zuschau­er: Wir wol­len, dass Per­son X und Per­son Y zusam­men­fin­den und sind dann umso mehr zer­bro­chen, wenn es nicht klappt. Auch nicht ganz unschul­dig für trie­fen­de Nasen und nas­se Augen ist anschwel­len­de Musik. Aber egal wel­che Beweg­grün­de es sein mögen, ob aus Trau­er oder Freu­de, kei­ner soll­te sich im Kino für Trä­nen schä­men müs­sen.

Wis­sen­schaft im Rausch“

Selbst­tests aller Art lock­ten den gan­zen Abend über Wiss­be­gie­ri­ge an. Beim Sprach­test des Spra­chen­zen­trum der FAU konn­te man com­pu­ter­ba­siert sei­ne eige­nen sprach­li­chen Fähig­kei­ten und Kennt­nis­se in Deutsch, Eng­lisch und wei­te­ren Spra­chen tes­ten und die Aus­wer­tung gleich mit­neh­men. Außer­dem konn­te man beim Uni­ver­si­täts­kli­ni­kum zum einen mit einem Blick durch die „Rausch­bril­le“ erle­ben, wie man im betrun­ke­nen Zustand sei­ne Umwelt wahr­nimmt und zum ande­ren durch den Alters­si­mu­la­ti­ons­an­zug GERT die typi­schen Ein­schrän­kun­gen älte­rer Men­schen erfah­ren.

Das unge­mein gro­ße und nah­ba­re Ange­bot an Pro­gramm­punk­ten ist also sicher­lich das Erfolgs­mo­dell der Lan­gen Nacht der Wis­sen­schaf­ten, denn nicht nur teils anspruchs­vol­le Theo­rie, son­dern auch aktu­el­le The­men wie der Kli­ma­wan­del oder das Imp­fen wur­den wis­sen­schaft­lich dis­ku­tiert. Die nächs­te Lan­ge Nacht der Wis­sen­schaf­ten fin­det im Okto­ber 2021 statt.

Die­ser Arti­kel stellt nur einen gro­ben Abriss der Ver­an­stal­tun­gen der Tour W01 Erlan­gen Nord dar.

Von Sebas­ti­an Schroth

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