Tresenlesen III: Im Rausch mit Hermann Große-Berg

Bild: Sebastian Schroth

Er kokst, hängt an der Nadel, trinkt regelmäßig und gibt sich mit Joints den Rest – und liest nebenbei noch aus Werken von Goethe, Benjamin Stuckkrad-Barre oder auch Walter Benjamin vor: Hermann Große-Berg präsentiert einen etwas anderen Literatur-Abend im Entla’s Keller auf dem Gelände der Bergkirchweih.

Das im Allgemeinen fast schon trist und langweilig wirkende Bild einer konventionellen (Wasserglas-)Lesung ist jedem bekannt: Sauber nebeneinander aufgereiht stehen etliche Stühle in einem großen Saal. Diesen einsam gegenüber steht ein Tisch auf dem man meistens eine Lampe und ein Glas Wasser findet. Und wollen sich die Veranstalter wirklich aller Klischees bedienen, lassen sie die Lesung in einem frisch renovierten barocken Ballsaal oder auf dem alten maroden Dachstuhl eines Gemeindehauses stattfinden.

Ganz anders ist das Konzept der Reihe Tresenlesen (neu seit Saison 2017/18) des Theater Erlangen. Hier stellen Schauspielerinnen und Schauspieler des Stadttheaters in Bars, Kneipen, Biergärten oder Cafés ihre Lieblingstexte vor. Allein aufgrund der immer wieder wechselnden Location ist eine besondere Grundstimmung praktisch vorprogrammiert. Den Namen der Reihe wörtlich genommen, ist das Grundsetting der Open-Air-Lesung im Sommer 2018 von Hermann Große-Berg und seinen Lieblingstexten zum Thema „Substanzen, Ekstase, Abstürze“ im Gegensatz zu konventionellen Lesungen mit ein paar Änderungen verbunden: Der langweilige Gemeindesaal wird durch die Dachterrasse des Entla’s Keller ersetzt, als Stühle dienen Bierbänke, die Bühne und der Lesertisch werden durch Europaletten und eine Bierzelttischgarnitur ausgetauscht und das Wasserglas – selbstverständlich durch eine Maß.

Bild: Theater Erlangen

Passend zum Thema des Abends läuft Große-Berg zum Song Das Trinklied ein, welches aus den Lautsprechern rechts und links von der provisorischen Bühne dröhnt. Es folgen Textausschnitte aus Angst und Schrecken in Las Vegas (Drogensammlung) von Hunter S. Thompson und der Autobiographie Junkie von William S. Burroughs, der selber lange Zeit heroinsüchtig war. Während The Passenger von Iggy Pop aus der Trainspotting-Verfilmung von Danny Boyle zu hören ist, packt Große-Berg immer mehr Requisiten (Alkoholflaschen und Drogenpäckchen) aus einem Koffer aus und stellt sie gut sichtbar auf den Tisch vor sich hin. Ab und zu nimmt er dann auch etwas Schnupftabak, einen wohldosierten Schluck aus dem Flachmann oder raucht ganz in Ruhe einen Joint. Natürlich alles nur angedeutet – bis auf die Maß, die ist echt.

Zum Thema Kokain präsentiert er Teile aus Panikherz von Benjamin von Stuckrad-Barre und Gottfried Benns Gedicht Cocain, welches den Ich-Zerfall eines Menschen während der kurz anhaltenden Wirkung des Rauschgifts beschreibt. Auch Heroes von David Bowie spielt er, um die Junkie-Ästhetik auch wirklich perfekt wiederzugeben.

„David Bowie gehört zu Christiane F. wie Iggy Pop zu Trainspotting“ – Hermann Große-Berg

Aber nicht nur vergleichsweise neuere Werke wie Sachlicher Bericht über das Glück, ein Morphinist zu sein (Hans Fallada über Morphin), Becher des Zorns (Upton Sinclair über Alkohol) oder Superman ist tot (Holger Schober über Tilidin) werden von Hermann Große-Berg zum Besten gegeben. Auch alte Klassiker wie Goethes Sitz‘ ich allein oder Novalis‘ Hymnen an die Nacht (nur 2. Hymne) sorgen für Lacher.

Der Kreis schließt sich als Große-Berg wieder all seine Rauschmittel einpackt oder wegschüttet und im Hintergrund quasi als Abgesang Hurt von Johnny Cash läuft. Danach endet Tresenlesen III schließlich mit einer äußerst gestenreichen Interpretation von Sergej Michalkows Der Hase im Rausch.

Die Reihe wird mit Tresenlesen IV: Reisen auf Russisch (mit Ralph Jung) und Tresenlesen V: Lisa Fedkenheuer isst georgisches Obst (mit Lisa Fedkenheuer) fortgesetzt.

Von Sebastian Schroth

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