Kollegah — Ein politisches Gespräch mit dem Boss

Kri­tisch und selbst­re­flek­tiert – Kol­le­gah im Polit-Inter­view mit dem re>flex Maga­zin. Bild: Nico Hil­scher

Kol­le­gah ist ein Mann der Taten und nicht der Sym­bol­po­li­tik! Die Mau­ern zu Tabu­the­men durch­bricht er ohne auch nur im ent­fern­tes­ten dar­über nach­zu­den­ken, ob dies poli­tisch kor­rekt ist. Er ist von einem aus­ge­präg­ten Gerech­tig­keits­sinn gelei­tet, die Men­schen­wür­de ist der Nor­den sei­nes mora­li­schen Kom­pas­ses. Die har­ten Angrif­fe der eta­blier­ten Medi­en ver­moch­ten es ent­spre­chend nicht, ihm Scha­den zuzu­fü­gen. Im Gegen­teil! Das re>flexmagazin sprach weni­ge Wochen vor der Ver­öf­fent­li­chung sei­nes neu­en Album „Monu­ment“ (: 07.12) mit ihm statt über ihn. In die­sem poli­ti­schen Inter­view spricht Kol­le­gah offen, scho­nungs­los und mit einer har­ten Wort­wahl über The­men wie die welt­wei­te Über­wa­chung, die Medi­en­ma­ni­pu­la­ti­on und die Herr­schafts­stra­te­gie der Eli­ten über die Mas­sen. Dabei zeig­te er sich als ein selbst­kri­ti­scher und reflek­tier­ter Beob­ach­ter des Welt­ge­sche­hens.

re>flex: Seit dem Echo-Kri­mi sind jetzt rela­tiv vie­le Media­le Kugeln auf dich geflo­gen – von der BILD-Zei­tung bis zur New York Times. Was mich dann gewun­dert hat: Auf dei­nem letz­ten Koll­abo-Album „Pla­tin war Ges­tern“ haben die Medi­en und ihre Schreib­tischram­bos rela­tiv wenig Dis­ses abbe­kom­men. War­um?

War­um soll­te man jetzt auch als Löwe, der oben auf dem Berg rum­steht, gegen jedes Schaf noch­mal run­ter­bel­len? Die sind ja in der Posi­ti­on, in der sie kei­ner­lei Ver­ant­wor­tung dafür tra­gen kön­nen, was die da schrei­ben, weil sie eben in die­sem Job sind und auch Anwei­sun­gen haben. Die meis­ten Redak­teu­re der Main­stream­me­di­en, der gro­ßen Maga­zi­ne dür­fen ja nicht ein­fach das schrei­ben, was sie wol­len. Das war ja wochen­lang The­ma Num­mer eins in Deutsch­land, da wird schon ganz genau gesagt, was geschrie­ben wird, in wel­che Rich­tung das gehen soll, ob das eine posi­ti­ve oder ob das eine Schmäh­kri­tik sein soll oder ob es halt eine rich­ti­ge Schlamm­schlacht wird – oder eben eine Hetz­kam­pa­gne. So wie das bei uns war. Und wenn das in dem Moment die Anwei­sung ist, du bist der Redak­teur, der das jetzt schrei­ben soll und du weißt, du ver­lierst dei­nen Job, wenn du das jetzt nicht machst, dann bist du zwar immer noch eine Fot­ze, wenn du es machst – aber nicht die größ­te Fot­ze im Laden. Du bist halt ein­fach nur ein klei­ner Pis­ser, der das tut, was ihm gesagt wird.

Du meinst also, dass sie, die Jour­na­lis­ten, des­we­gen nicht wür­dig waren, ange­grif­fen zu wer­den, weil sie Skla­ven wie EGJ-Mit­glie­der sind, oder?

Das wür­de ich jetzt nicht sagen! Skla­ven? Die müs­sen das ja nicht machen. Die haben sich ja dazu ent­schie­den, die­sen Job aus­zu­füh­ren. Und ich den­ke mal, die wuss­ten, wor­auf sie sich ein­ge­las­sen haben. Das spie­gelt ja schon mal die grund­sätz­li­che Geis­tes­hal­tung: „Okay, ich steh gar nicht für das gera­de, was ich hier her­um­po­sau­ne und even­tu­ell füt­ter‘ ich die gan­ze Welt mit fal­schen Infos – aber wenn es mein Job ist und es von mir ver­langt wird, dann mach ich das für das Geld.“

Das zeigt, dass man für nichts steht, für nichts ein­steht und sein Gewis­sen noch nicht ein­mal so aus­ge­prägt hat, dass man nicht über die mög­li­chen Kon­se­quen­zen nach­denkt, die Berich­te anrich­ten kön­nen. Es haben sich schon Leu­te umge­bracht wegen Zei­tungs­ar­ti­keln! Es ist nicht zu unter­schät­zen, der Ein­fluss und die Macht, die ein ein­zel­ner Redak­teur haben kann! Wenn er die­sen Schritt geht und sagt: „Ich wer­de jetzt ein­fach Teil die­ses Sys­tems und mache  das, was ich machen soll. Die Kon­se­quen­zen sind mir doch scheiß­egal, Haupt­sa­che, ich krieg mei­ne Koh­le und hab ein Dach überm Kopf.“

Ich möch­te jetzt das Echo-The­ma nicht noch­mal breit­tre­ten, aber über das letz­te Kapi­tel in die­sem Echo-Kri­mi spre­chen. Die­ses Kapi­tel spielt in Ausch­witz. Du hast das KZ mit Farid Bang besucht. Wie hast du das wahr­ge­nom­men? Was hast du dabei gefühlt? Was hat sich da bei dir viel­leicht ver­än­dert?

Ausch­witz war ein kras­ser Besuch! Genau wie damals mei­ne Paläs­ti­na-Rei­se eine kras­se Erfah­rung war. Ich bin ein Mensch mit aus­ge­präg­tem Gerech­tig­keits­sinn, ich sehe es nicht ger­ne, wenn ande­re Men­schen benach­tei­ligt wer­den, unmensch­lich behan­delt wer­den, gequält wer­den, mas­sa­kriert wer­den, getö­tet wer­den. Ich has­se so etwas! Egal, wo das pas­siert. Und in Ausch­witz sind ja auch Sachen pas­siert, die haben mit Mensch­lich­keit nichts mehr zu tun! Und wenn du dann mal an so einem Ort bist und du siehst, wie das damals pas­siert ist, du stehst dann viel­leicht auch mal vor einer Gas­kam­mer oder auf einem Wach­turm und siehst, wo die KZ-Insas­sen anka­men. Wenn du siehst, wie pro­fes­sio­nell und infra­struk­tu­rell das orga­ni­siert war, was für eine Tötungs­ma­schi­ne­rie das war, dann ist das schon eine ekel­haf­te Erfah­rung, die dir auch ein beklem­men­des Gefühl gibt. Es ist auch was ande­res, als wenn man sich dar­über was durch­liest oder eine Doku­men­ta­ti­on dar­über sieht.

Grund­sätz­lich wür­de ich schon sagen, dass mei­ne Sen­si­bi­li­tät seit dem Aus­schwitz-Besuch erhöht ist. Nicht nur gegen­über Juden, son­dern all­ge­mein gegen­über…

Men­schen?

Men­schen. Gegen­über Völ­kern, die etwas Bestimm­tes durch­ge­macht haben. Man kann immer sagen, das ist nur ein Ver­gleich (Gemeint ist die kon­tro­ver­se Text­zei­le von Farid Bang: „Mein Kör­per defi­nier­ter als von Ausch­witz-Insas­sen“ Anm. d. Red.). Aber die­ses Wort „Ausch­witz“ ruft in den Köp­fen der Betrof­fe­nen oder Fami­li­en der Hin­ter­blie­be­nen schon Asso­zia­tio­nen her­vor, die die gar nicht wol­len! Ich bin da sen­si­bler und rück­sichts­vol­ler gewor­den seit­dem, noch mehr als ich eh schon war. Man muss auch immer dazu­sa­gen – die Line ist auch nicht von mir!

Die ist von Farid.

Die ist von Farid. Ich hab‘ sie nicht geschrie­ben und bin trotz­dem mit dafür ver­ant­wort­lich. Klar. Aber ich sel­ber wür­de sol­che Zei­len jetzt nicht mehr schrei­ben. Farid auch nicht.

Dei­ne Musik, dei­ne Video­state­ments sind suk­zes­si­ve poli­ti­scher gewor­den. Man kann sagen, ab 2013, als Tracks wie NWO raus­ka­men. Und im Gegen­satz zu vie­len ver­meint­lich auf­ge­klär­ten Stu­den­ten­rap­pern, sprichst du ja wirk­lich extrem heik­le The­men an, zum Bei­spiel Piz­za­ga­te, was ja eben­falls eine rich­tig ekel­haf­te Sache ist. Aber eben auch unser Wirt­schafts­sys­tem. Ein Sys­tem, wel­ches Geld aus dem Nichts schöpft und uns mit dem Zin­ses­zins-Kon­zept rund um die Uhr ent­eig­net. Wie hast du dich dazu ent­schie­den, die­se wirk­lich hei­ßen Eisen anzu­fas­sen und woher schöpfst du die­sen Mut, das auch zu machen?

Ja, was soll mir denn im schlimms­ten Fal­le pas­sie­ren? Woher der Mut kommt? Ich emp­fin­de es als die Pflicht eines jeden Bür­gers, der etwas durch­schaut hat, was ande­ren Bür­gern scha­det, zu ver­su­chen, die ande­ren Bür­ger dar­über auf­zu­klä­ren.

Ich sehe mich da ein­fach in einer Ver­ant­wor­tungs­po­si­ti­on. Ich kann nicht damit leben, kei­ner­lei Initia­ti­ve zu ergrei­fen, um einen Umstand, der offen­sicht­lich unge­recht und falsch ist, zu ver­än­dern. Auch wenn das nur in einem ganz klei­nen Rah­men ist und viel­leicht erreicht das nur zwei bis drei Leu­te und die ver­ges­sen das viel­leicht auch wie­der. Aber zumin­dest der Ver­such soll­te unse­re Pflicht sein. Da ist es ganz egal, wel­ches The­ma das ist oder wel­che Kon­se­quen­zen sich dar­aus ent­wi­ckeln kön­nen. Denn wenn du es mal zu Ende denkst – wenn jeder ein­fach denkt: „Oh, ich kann nichts dadurch errei­chen oder es ist mir zu gefähr­lich“, dann ist die Mensch­heit dem Unter­gang geweiht!

Dann wird es immer so sein, dass ein paar mäch­ti­ge abge­fuck­te Wich­ser alle ande­ren kon­trol­lie­ren und so weit ein­schüch­tern, so weit in einer Gefan­gen­schaft hal­ten, meta­pho­risch gese­hen, dass die­se sich nichts mehr trau­en oder nichts mehr sagen kön­nen oder nichts mehr dage­gen machen kön­nen. Und irgend­wann ist es auch zu spät! Die glo­ba­le Über­wa­chung ist schon so weit fort­ge­schrit­ten – wir sind alle trans­pa­rent. Der nächs­te Schritt ist: wir bekom­men irgend­was imple­men­tiert.

RFID-Chips?

Das kann alles noch kom­men! Wir müs­sen dar­auf vor­be­rei­tet sein, dass die­se Schrit­te noch kom­men wer­den. Wir müs­sen wach sein! Wir dür­fen uns nicht ver­ar­schen las­sen! Wir dür­fen uns ein­fach nicht mehr die­se Über­wa­chung auf­zwin­gen las­sen, indem man uns vor­her ein­schüch­tert und sagt, „das ist nur zu eurem Schutz!“

Die Wahr­schein­lich­keit ist ja höher, dass man im Haus­halt ums Leben kommt, als dass man von einem Ter­ro­ris­ten ermor­det wird. Aber trotz­dem wer­den unter die­sem Vor­wand, die­sem Deck­man­tel, die Sicher­heits­vor­keh­run­gen – wobei „Sicher­heit“ in Anfüh­rungs­zei­chen zu set­zen ist – suk­zes­si­ve aus­ge­baut. Dar­auf möch­te ich gleich noch­mal zu spre­chen kom­men, aber du hast vor­hin bereits einen sehr wich­ti­gen Punkt genannt: Ver­ant­wor­tung! So wie ich das wahr­neh­me, bist du der ein­zi­ge MC mit die­ser Reich­wei­te, der auch wirk­lich die­se The­men anspricht. Da frag ich mich, wo sind denn da dei­ne Weg­ge­fähr­ten? Leu­te wie Prinz Pi, der frü­her unglaub­lich radi­ka­le Tex­te gedroppt hat. Wenn er das heu­te machen wür­de, er hät­te ja sofort den Ver­fas­sungs­schutz am Hals. Und auch Cas­per, der sich auf sei­nem letz­ten Solo­al­bum über soge­nann­te „Ver­schwö­rungs­theo­re­ti­ker“ lus­tig gemacht hat. Wo sind denn die­se gan­zen Leu­te? War­um stehst du damit allein auf wei­ter Flur?

 Ich kann nicht für die Leu­te spre­chen. Ich wür­de denen auch Unrecht tun, wenn ich die jetzt dafür ver­ur­tei­len wür­de.

Dann reden wir mal über MCs, die du jetzt nicht kennst. War­um trau­en sich ande­re das nicht?

Ich kann es nur ver­mu­ten. Ein­fach anhand mei­ner Erfah­rung. Es hat direk­te Kon­se­quen­zen. Wenn du nach Paläs­ti­na gehst, muss dir bewusst sein, dass du danach den Axel-Sprin­ger-Ver­lag für immer gegen dich hast. Und der steu­ert nun mal die Main­stream-Medi­en. Das muss dir bewusst sein in die­sem Moment. Gewis­se Schrit­te haben gewis­se Kon­se­quen­zen, die dei­ner Kar­rie­re scha­den kön­nen oder dei­ne Kar­rie­re sogar been­den kön­nen. Und die­sen Schritt zu gehen, sind vie­le nicht bereit. Ihre Kar­rie­re auf­zu­ge­ben, das auf­zu­ge­ben, was sie sich in müh­sa­mer Arbeit über Jah­re hin­weg auf­ge­baut haben für irgend­wel­che Idea­le, wo sie wis­sen: „Ey, da kann ich als Ein­zel­per­son nichts dran ändern“. Ich glau­be, das ist auch der Punkt, wo die Leu­te sagen: „Komm, ich hal­te ein­fach die Schnau­ze und der Laden läuft hier so wei­ter. Und ich bin hier ja auch gar nicht in einer päd­ago­gi­schen Funk­ti­on und auch gar kein Poli­ti­ker. Ich bin doch gar nicht in der Ver­ant­wor­tung.“ Ich glau­be, das ist dann oft die Denk­wei­se, mit der man sich das schön­re­det. Aber ich glau­be, wir sind eben alle in der Ver­ant­wor­tung! Egal wer!

Ich glau­be, vie­le haben da auch eine fal­sche Denk­wei­se: „Der Kol­le­gah, der regelt das dann schon für uns.“

 Das will ich gar nicht!

Das glau­be ich dir sofort! Ich den­ke, du willst auch, dass dei­ne Fans, dei­ne Hörer – aber auch ande­re, die du irgend­wie erreichst – sel­ber die Initia­ti­ve ergrei­fen und über­le­gen, was sie in ihrem Rah­men machen kön­nen.

Hun­dert­pro­zen­tig! Nur so kann man auch was errei­chen! Wenn jeder für sich sel­ber denkt! Ich will kein Sek­ten­füh­rer oder ein Guru sein oder einer, der eine Gefolg­schaft hat, die alles tut, was der sagt. Ich will die Leu­te ja dazu brin­gen, dass sie sel­ber nach­den­ken. Wer etwas sel­ber ver­steht und die Augen auf­macht und dann merkt, da sind auch Ande­re und sich mit denen zusam­men­tut – dar­aus kann sich dann was ent­wi­ckeln. Da kann sich ein ganz star­kes Netz­werk dar­aus ent­wi­ckeln. Wir sind immer in einer ganz star­ken Über­zahl. Das sind viel­leicht zehn Pro­zent der Men­schen, die die rest­li­chen 90 Pro­zent der Men­schen steu­ern. Das darf man nie ver­ges­sen! Es geht nur dar­um: Ist man im geis­ti­gen Gefäng­nis oder bricht man dar­aus aus?

Und es ist für den Ein­zel­nen schwer. Du sitzt jetzt viel­leicht irgend­wo in dei­nem Freun­des­kreis und da sind viel­leicht ein bis zwei Leu­te, die dir zustim­men. Aber die sind pas­siv! Die haben ihre All­tags­pro­ble­me. Die haben ganz ande­re, direk­te, rea­le Sor­gen. Die kön­nen sich nicht um die Welt­ret­tung oder irgend­wel­che poli­ti­schen Fra­gen küm­mern. Die kön­nen ein biss­chen dar­über dis­ku­tie­ren. Das ist der Punkt, an dem es auch immer schei­tert. Auch in der Trut­her-Sze­ne hier in Deutsch­land oder welt­weit. Es gibt halt sehr weni­ge, die die Initia­ti­ve ergrei­fen oder die Mög­lich­keit bie­ten, dass Men­schen einem Netz­werk mit einer kla­ren Auf­ga­ben­ver­tei­lung bei­tre­ten kön­nen. Eine Art Ver­ein, bei dem man hand­fes­te Din­ge macht. Das war ja immer der Ansatz bei mei­ner Anpa­cker­stif­tung.

Was hältst du dann von der #auf­ste­hen-Sam­mel­be­we­gung von Sarah Wagen­knecht?

 Damit habe ich mich nicht inten­siv beschäf­tigt.

Lass uns mal über die immer repres­si­ve­ren Poli­zei­be­fug­nis­se spre­chen. Du bist ja jetzt hier in Bay­ern im repres­sivs­ten Poli­zei­staat Deutsch­lands. Das The­ma ‚Über­wa­chung‘ hast du vor­hin schon ange­spro­chen und auch gezeigt, dass du dafür ziem­lich sen­si­bi­li­siert bist…

 …wir wer­den in zehn Jah­ren sagen: „Weißt du noch, wie frei wir vor zehn Jah­ren waren?“

Das ver­mu­te ich auch! Da muss man auf jeden Fall mas­siv gegen­len­ken. Triffst du in die­ser Hin­sicht irgend­wel­che Maß­nah­men? Hast du ein No-spy-case oder ver­deckst du dei­ne Front­ka­me­ra?

Natür­lich ver­de­cke ich mei­ne Front­ka­me­ra! Das macht ja Mark Zucker­berg auch. Kennst du die­ses Foto von Mark Zucker­berg, wo er auf sei­nem eige­nen Lap­top die Front­ka­me­ra zuge­klebt hat?

Ja. Dafür gibt es ja gute Grün­de.

Natür­lich. Du wirst über­wacht.

Du nimmst auch manch­mal bei gewis­sen Situa­tio­nen dein Han­dy nicht mit, oder?

Natür­lich!

Dann scheinst du schon sehr sen­si­bi­li­siert für die­se Pro­ble­ma­tik zu sein. Im Vor­ge­spräch mein­test du, die Stim­mung sei hier­zu­lan­de mitt­ler­wei­le „rougher“ als in den Ver­ei­nig­ten Staa­ten?

Du siehst das ja auch an die­sem soge­nann­ten Rechts­ruck. Das sind ja kei­ne Nazis! Das sind ja kei­ne Leu­te, die sagen „Wir sind die Her­ren-Ras­se und alles ande­re ist Dreck“. Das sind ein­fach nur Leu­te, die sich unsi­cher füh­len. Die füh­len sich nicht mehr sicher in die­sem Land! Die haben kei­nen Bock, ihre Toch­ter um halb sie­ben am Mor­gen raus und zur Schu­le zu schi­cken, wenn es noch dun­kel ist, weil da alles Mög­li­che pas­sie­ren kann. Im Win­ter nach 17.00 kannst du doch dei­ne Toch­ter nicht mehr mit den Freun­din­nen ins Kino schi­cken! Das kannst du in den Groß­städ­ten nicht mehr machen!

Meinst du, das ist schlim­mer gewor­den?

Natür­lich ist das schlim­mer gewor­den! Durch die gan­ze Flücht­lings­wel­le ist das noch so viel schlim­mer gewor­den! Was meinst du, wie das in zehn Jah­ren ist? Ich rede ja von der Flücht­lings­wel­le im fol­gen­den Sin­ne: Klar gibt es Kriegs­op­fer! Es gibt Leu­te, die sind gebil­det, aka­de­misch aus­ge­bil­det und leben in einem Land, in dem sie bom­bar­diert wer­den. Wenn wir die auf­neh­men, ist das noch dis­ku­ta­bel. Es ist trotz­dem nicht unse­re Pflicht und unse­re Ver­ant­wor­tung. Du bist nicht der­je­ni­ge, der das Land kaputt­bombt! Ich auch nicht! Aber ich muss mich dann mit den Kon­se­quen­zen rum­schla­gen. Ich, auf der rea­len Street. Ich tra­ge die Kon­se­quen­zen. Weil mit einem Rutsch hun­der­te Kri­mi­nel­le hier rüber­kom­men, die nichts ande­res im Sinn haben, als hier zu schma­rot­zen. Die in die­sem Land leben und einen Scheiß drauf geben, was sie hier anrich­ten. Leu­te töten, den Staat aus­neh­men und teil­wei­se bes­ser leben als deut­sche Staats­bür­ger.

Da möch­te ich mal auf Chem­nitz zu spre­chen kom­men. Dort wur­de näm­lich genau die­ser Punkt behan­delt. Da hat jemand mit Migra­ti­ons­hin­ter­grund einen ande­ren mit Migra­ti­ons­hin­ter­grund ermor­det und dar­auf­hin wur­de eine Demons­tra­ti­on gegen Rechts gemacht. Siehst du das auch, dass ein Groß­teil der gebil­de­te­ren Stu­den­ten eine ziem­lich rosa­ro­te Son­nen­bril­le auf­ha­ben und vor lau­ter Avo­ca­do-Essen und „Refugees-Welcome“-Jutebeutel-Tragen gar nicht mer­ken, was hier eigent­lich wirk­lich abgeht?

Ich habe kei­nen Kon­takt mehr zu Stu­den­ten. Ich hat­te auch mei­ne Stu­den­ten­zeit von 2009 bis 2012. Klar, die meis­ten sind ein­fach, naja … die lesen ihre Bücher und das war es dann auch. Die haben dann ein biss­chen Wis­sen, wel­ches sie wie­der­ge­ben kön­nen. Ich hab‘ das immer fest­ma­chen kön­nen an den gan­zen Kom­mi­li­to­nen, die ewig lan­ge gelernt haben. Die konn­ten auch die gan­zen Geset­zes­tex­te aus­wen­dig, die konn­ten irgend­wel­che Beschei­de aus­wen­dig refe­rie­ren – aber die konn­ten am Ende kei­ne Ana­ly­se machen.

Sie konn­ten es auf­neh­men, aber nicht damit arbei­ten?

Ja. Bei Jura geht es ja dar­um: „con­nect dots!“ Du musst ana­ly­tisch vor­ge­hen. Da brauchst du auch gar nicht viel aus­wen­dig zu ler­nen, da reicht ein Lexi­kon. Ich hab‘ nie gelernt für die scheiß Klau­sur! Das reicht, wenn du eins und eins zusam­men­zäh­len kannst. Die grund­sätz­li­chen Para­gra­phen kennst du. Die ste­hen! Dann reicht dir das, denn so kannst du allein durch dei­ne Logik und durch dei­nen Ver­stand schon ein gutes Jura­stu­di­um absol­vie­ren. Der Mei­nung bin ich! Ich hab‘ nie gelernt. Klar ist das Staats­ex­amen noch­mal eine ande­re Num­mer, aber das ist, glau­be ich, was den meis­ten Leu­ten fehlt. Weil das den Leu­ten in der Schu­le auch nicht bei­gebracht wird. Du hast in der Schu­le kaum Fächer, die dich for­dern, was Trans­fer­leis­tung angeht, was Ana­ly­se angeht. Das meis­te ist: „Lern das aus­wen­dig! Gib das wie­der!“

Neu­ro­bio­lo­gen sind ja mitt­ler­wei­le der Ansicht, dass hun­dert Pro­zent der Kin­der hoch­be­gabt in die Schu­le gehen, aber nur ein bis zwei Pro­zent hoch­be­gabt die Schu­le wie­der ver­las­sen. Die ande­ren sind dann dar­auf redu­ziert, obrig­keits­hö­ri­ge Befehls­emp­fän­ger bezie­hungs­wei­se Indus­trie­sol­da­ten zu sein, die ein­fach ihr Werk ver­rich­ten.

Genau! So wer­den die Men­schen ja pro­gram­miert. Die Schul­zeit ist ja nicht umsonst so ewig lang. Wenn du bei uns in Rhein­land-Pfalz auf das Gym­na­si­um gehst, dann sind es drei­zehn Klas­sen. Ich war 19, als ich mein Abitur gemacht habe. Da bist du ein erwach­se­ner Mensch! Dein Gehirn und dein Mind­set sind schon so beein­flusst über die­se 19 Jah­re. Und vom Eltern­haus bekommst du ja auch nichts ande­res vor­ge­lebt, als was die wie­der­um von ihrem Eltern­haus gelernt haben.

Mei­ne Mut­ter hat es kapiert, muss ich sagen! Die hat immer gesagt, das Schul­sys­tem erzieht dich zu einem Skla­ven! Das habe ich auch gerappt. Mei­ne Mut­ter hat es immer ver­stan­den! Das Schul­sys­tem, so wie wir es haben, bie­tet dir einen Grad an All­ge­mein­bil­dung – aber dar­über hin­aus bringt es dir nicht viel für dein per­sön­li­ches Fort­kom­men, vor allem für dei­nen Kopf, für dein Gehirn. Du wirst erzo­gen zu einem Robo­ter im Sys­tem, der sei­nen Platz ein­nimmt und das noch nicht ein­mal hin­ter­fragt.

Man müss­te Grund­kur­se anbie­ten: „Wie mache ich mich selbst­stän­dig?“, „Wie gehe ich mit Steu­ern um?“, „Wie kann ich Din­ge im All­tag bewäl­ti­gen?“ Man müss­te den Leu­ten bei­brin­gen, …

…Kon­flik­te zu lösen!

Kon­flik­te lösen, ja! Man müss­te auch mal his­to­ri­sche Ereig­nis­se aus ver­schie­de­nen Blick­win­keln beleuch­ten, anstatt immer nur aus dem der Sie­ger. Sodass die Leu­te ler­nen, es gibt ver­schie­de­ne Mei­nun­gen zu einem The­ma und mei­ne Auf­ga­be ist es dann, mir das Logischs­te da raus zu picken aus den ein­zel­nen Puz­zle­tei­len. Puz­zle­tei­le zusam­men­zu­fü­gen – das ler­nen die Men­schen nicht in der Schu­le!

Du hast vor­hin gemeint, dei­ne Mut­ter hät­te zu dir gesagt, das Schul­sys­tem erzieht dich zu einem Skla­ven. Das heißt, du konn­test auch mit zahl­rei­chen 6er-Noten nach Hau­se kom­men und dei­ne Mut­ter hat gesagt „Jun­ge, du bist nicht dei­ne Noten! Ich lie­be dich trotz­dem!“ Das ist ja etwas, was über­haupt nicht selbst­ver­ständ­lich ist.

 Mei­ne Mut­ter hat nie­mals Anfor­de­run­gen gestellt. Mei­ne Mut­ter hat gesagt, wenn ich eine sechs habe, dann war der Leh­rer schuld. Egal, was ich für Unsinn gemacht habe in der Schu­le – und ich hab echt viel Schei­ße gebaut, weil ich teil­wei­se auch unter­for­dert war. Mei­ne Mut­ter stand immer hin­ter mir! Die hat die­ses Schul­sys­tem gar nicht so ernst genom­men. Sie hat gesagt: „Jun­ge, lern das, was dich inter­es­siert. Mach das alles ver­nünf­tig, bring mir nur kei­ne fünf nach Hau­se. Aber die war nie­mals sau­er, wenn ich in Che­mie null Punk­te hat­te. Ich bit­te dich! Die wuss­te, ich wer­de kein Che­mi­ker. Die kennt doch ihren Sohn! Sie kennt doch die Stär­ken und Schwä­chen ihres Soh­nes. Du kannst ja auch aus einem Stein kein Stück Gold machen oder umge­kehrt. Das funk­tio­niert nicht!

Du hast dich ja auch nicht dazu ent­schie­den, Crack zu kochen. Von daher ist die Che­mie-Note auch ziem­lich egal.

 (Lacht) Eben! Ich habe Crys­tal nie sel­ber gekocht. Ver­kauft und kon­su­miert wohl  – aber gekocht haben das dann ande­re.

Ich möch­te noch­mal auf die Flücht­lings­the­ma­tik ein­ge­hen, von der wir vor­hin auf das The­ma Bil­dung abge­drif­tet sind. Ich fin­de es ja bemer­kens­wert, dass du sagst, dass eine gro­ße Wel­le an kri­mi­nel­len Flücht­lin­gen zu uns rüber­kommt. Dir kann man ja nun wirk­lich beim bes­ten Wil­len nicht vor­wer­fen, du seist irgend­wie ras­sis­tisch! Gera­de, wenn man sich dein Umfeld ansieht.

 Das sind halt die­se typi­schen Keu­len! Die sol­len die Leu­te mund­tot machen, sodass man gar nicht erst kri­ti­siert, denn man könn­te ja ein Nazi, ein Anti­se­mit oder wha­te­ver sein. Das sind die ein­fa­chen Werk­zeu­ge, um Leu­te mund­tot zu machen. Ich sit­ze hier (deu­tet auf sei­ne Beglei­tung) mit einem Ita­lie­ner, einem Liba­ne­sen und einem Schwarz­afri­ka­ner. Das hat über­haupt nichts mit­ein­an­der zu tun! Es geht um einen Men­schen­ty­pus, der absicht­lich hier in das Land kommt, um dem Land, den Men­schen, die dort leben, zu scha­den und der sich rück­sichts­los an die­sem Land berei­chert. Das ist scheiß­egal, wo der her­kommt! Das macht man nicht und da muss die Poli­tik vor­ge­hen. Man muss ver­ste­hen, dass das eine geziel­te poli­ti­sche Maß­nah­me ist, um genau die­se bür­ger­li­chen Unru­hen her­vor­zu­ru­fen. Es geht immer nur dar­um, zu tei­len und zu herr­schen. Immer nur! Das fängt ganz klein an. Da kommt eine Flücht­lings­wel­le, zwei bis drei Jah­re spä­ter kom­men dann ent­spre­chen­de Geset­ze, die unse­re Frei­heit ein­schrän­ken. In Bay­ern hat es ja jetzt bei euch ange­fan­gen!

Das Poli­zei­auf­ga­ben­ge­setz, kurz PAG. Genau. Blei­ben wir aber noch­mal ganz kurz bei der Flücht­lings­the­ma­tik. Du sagst, es liegt in der Ver­ant­wor­tung der Poli­tik. Eine gro­ße Ursa­che für die­se Flücht­lings­wel­le ist ja unter ande­rem auch die US-Air­ba­se Ram­stein bei Kai­sers­lau­tern. Von dort aus wer­den Droh­nen­krie­ge koor­di­niert, die auch die­se Flücht­lings­wel­len erzeu­gen. Es fin­den nun schon seit meh­re­ren Jah­ren Demons­tra­tio­nen an der Air­ba­se Ram­stein statt, immer auch mit einem musi­ka­li­schen Pro­gramm. Kannst du dir vor­stel­len, dass du mal bei Ram­stein auf die­ser Büh­ne auf­trittst?

Wer ver­an­stal­tet das denn? Was ist der Sinn von die­ser Sache?

Ziel ist es, dass die Air­ba­se geschlos­sen wird. Die Air­ba­se ist ein Dreh- und Angel­punkt für das US-Mili­tär. Auf­grund der Erd­krüm­mung kön­nen die Droh­nen im Nahen und Mitt­le­ren Osten nicht von US-Boden aus gesteu­ert wer­den. Des­halb wird die Air­ba­se in Deutsch­land als Relais­sta­ti­on benö­tigt. Kurz: Ohne die­se Air­ba­se könn­ten die Droh­nen nicht gesteu­ert wer­den!

 Ja, dann lass uns doch ver­su­chen, das weg­zu­ma­chen! Ich sup­por­te das auf jeden Fall!

Das fin­de ich sehr cool! Die Initia­ti­ve zur Schlie­ßung der Air­ba­se heißt „Stopp­Ram­stein“. Das heißt, du könn­test dir vor­stel­len, …

 …das in irgend­ei­ner Wei­se zu unter­stüt­zen, ja!

Kannst du dir gene­rell vor­stel­len, mal auf ganz ande­ren Ver­an­stal­tun­gen auf­zu­tre­ten? Zum Bei­spiel auf Frie­dens­fes­ti­vals wie dem Pax Ter­ra Musi­ca? Du hät­test ja mitt­ler­wei­le genü­gend „Frie­dens­tracks“ wie „NWO“ oder „Fokus“.

Natür­lich. Grund­sätz­lich bin ich über­all bereit, auf­zu­tre­ten.

Im Gespräch ver­tieft — Kol­le­gah und re>flex-Redakteur Nico­las Riedl. Bild: Akay Kay­ed

Die letz­te poli­ti­sche Fra­ge: Wenn man dir zuhört, bekommt man den Ein­druck, dass du die Sicht­wei­se ver­trittst, dass die wah­ren Ent­schei­dungs­trä­ger, die eigent­li­chen Macht­zen­tren im Hin­ter­grund, in einem ‚Tie­fen Staat‘ lie­gen, der von den demo­kra­ti­schen Wah­len nicht tan­giert wird. Mei­ne Fra­ge lau­tet daher: Warst du letz­tes Jahr über­haupt wäh­len?

 Nein!

Ich möch­te jetzt mal ein ganz ande­res Fass auf­ma­chen, ein The­ma anspre­chen, wel­ches noch nie in einem Kol­le­gah-Inter­view behan­delt wur­de. Wir hat­ten die­ses Jahr einen uner­träg­lich hei­ßen Som­mer, ver­brann­te Wie­sen und dür­re­be­ding­te Ern­te­aus­fäl­le. Kurz gesagt: Wir haben den Kli­ma­wan­del live, in HD und in Far­be erlebt. Von daher möch­te ich dir mal die öko­lo­gi­sche Gret­chen­fra­ge stel­len: Wie hast du es mit Umwelt­schutz und Nach­hal­tig­keit? Siehst du dir manch­mal dei­ne Öko­bi­lanz an?

Mei­ne Öko­bi­lanz?

Oder ver­drängst du das immer ein klein wenig?

 Da bin ich wirk­lich kein Vor­bild, muss ich sagen. Wenn ich da mit mei­nem S63 AMG wie­der durch die Stra­ßen rau­sche und da drinsit­ze wie die Queen und aus dem Fens­ter win­ke. Er (deu­tet auf sei­ne Beglei­tung) sagt dann immer „Komm! Jetzt las­sen wir mal das Kätz­chen schnur­ren.“ Und dann geht es wie­der mit 150 km/h durch die Düs­sel­dor­fer Innen­stadt.

Ich bin da auch kein Hei­li­ger. Ich ver­su­che immer, so gut ich das kann, den Umwelt­schutz zu beach­ten. Aber ich den­ke, am Kli­ma­wan­del bin ich zumin­dest nicht kom­plett schuld.

Wir nähern uns lang­sam dem Ende. Ich möch­te mit dir mal über dein kürz­lich erschie­ne­nes Buch „Das ist Alpha“ spre­chen. Ich darf aus jour­na­lis­ti­schem Anstand nicht über die Inhal­te des Buches reden, da ich nur den Trai­ler gese­hen, aber das Buch sel­ber nicht gele­sen habe. Wenn ich mich jetzt aber mit dir unter­hal­te, habe ich das Gefühl, es gibt da eine Dif­fe­renz zwi­schen dem, was du im Trai­ler anpreist und dem, was du hier im Inter­view erzählt hast. Du hast gemeint, du hast einen aus­ge­präg­ten Gerech­tig­keits­sinn. Bei dem Trai­ler von „Das ist Alpha“ hat­te ich das Gefühl, es geht vor allem dar­um, die Ellen­bo­gen aus­zu­fah­ren und sich in einem Kon­kur­renz­kampf nach oben zu schla­gen.

 Nein. Das ist alles abge­deckt. Der Gerech­tig­keits­sinn wird auch the­ma­ti­siert im Buch. Ich weiß aber, was du meinst. Der Grund­te­nor ist viel­leicht ein biss­chen, dass man mit Ellen­bo­gen vor­ge­hen muss – aber das ist lei­der auch die Rea­li­tät. Das ist die jet­zi­ge Welt. Das Spiel ist halt, wie es ist. Um das Spiel zu spie­len, musst du halt mit den Regeln auch ein Stück weit mit­ge­hen, um über­haupt mal auf ein Feld zu kom­men, wo du viel­leicht dann auch mal ande­re Optio­nen hast.

Du meinst, man muss einen gewis­sen Scha­den anrich­ten, um anschlie­ßend im Umkehr­schluss wie­der Gutes zu voll­brin­gen?   

 Was heißt „Scha­den anrich­ten“? Du musst auf­pas­sen, dass du über­lebst in die­ser Welt! Die Men­schen sind nicht alle wie du selbst. Nicht jeder hat Empa­thie. Nicht jeder hat einen Gerech­tig­keits­sinn. Nicht jeder hat ein Gewis­sen. Nicht jeder hat einen mora­li­schen Kom­pass. Das ist ein­fach die Rea­li­tät! Und als Hase in der Schlan­gen­gru­be über­lebst du nicht lan­ge. Das ist in dem Moment, wo man sel­ber empa­thisch ist, ein Selbst­schutz­me­cha­nis­mus. Aber es ist das, was funk­tio­niert und es ist das ein­zi­ge, was funk­tio­niert. Bis zu einem gewis­sen Grad. Bis du dich viel­leicht irgend­wann davon lösen kannst und sel­ber bestim­men kannst, wie du vor­gehst.

Zwei letz­te Fra­gen noch: Du sagst, du liest kei­ne Zei­tun­gen mehr und schaust auch kei­ne Nach­rich­ten. Wie infor­mierst du dich? Schaust du manch­mal alter­na­ti­ve Medi­en? So etwas wie KenFM?

 Ja. Bei KenFM habe ich ab und zu mal rein­ge­schaut. Ich kenn vie­le Por­ta­le. KenFM hat­te mal einen Arti­kel über mich gebracht, der war ganz cool. Aber so kon­kre­te Namen kann ich dir nicht nen­nen. Ich schau mal hier und da rein und ver­su­che, mir dann was zusam­men­zu­rei­men. In letz­ter Zeit aber weni­ger. Ich ver­su­che, auf dem Lau­fen­den zu blei­ben, was grund­sätz­lich auf der Welt abgeht, aber nicht so tief­ge­hend.

Was kannst du einem Lauch oder einer Lau­chin mit­ge­ben, die jetzt nicht die klas­si­schen Kol­le­gah-Hörer sind oder den Anspruch haben, ein soge­nann­ter Alpha zu wer­den, die aller­dings ver­su­chen, sich mit all ihren ver­füg­ba­ren Res­sour­cen für eine bes­se­re Welt ein­zu­set­zen?

Du musst eigent­lich nur ganz logisch über­le­gen. Wenn du was ver­än­dern willst, dann brauchst du Ein­fluss. Du musst was aus­rich­ten kön­nen. Dei­ne Taten müs­sen Kon­se­quen­zen haben. Wie du den Weg gehst, dass du Ein­fluss hast, ist jedem selbst über­las­sen. Aber es führt nie­mals dar­an vor­bei, sich selbst­stän­dig zu machen.

Was sind die zwei stärks­ten Mit­tel, um etwas zu ver­än­dern? Geld und Ein­fluss! Mit Ein­fluss kannst du Leu­te dazu brin­gen, an einem Pro­jekt teil­zu­ha­ben, damit erreichst du einen Domi­no­ef­fekt. Je mehr Leu­te mit­ma­chen, des­to grö­ßer der Impact. Mit Geld kannst du auch schon viel bewir­ken. Das sind die zwei Kom­po­nen­ten. Ein­fluss und Geld sind sehr wich­tig. Zu die­sen Fak­to­ren kommst du nicht als Dienst­leis­ten­der mit einem zehn-Stun­den-Job, der viel­leicht zwei bis drei Stun­den Frei­zeit bie­tet. Des­we­gen soll­te in der heu­ti­gen Zeit das Ziel eines Jeden sein, aus dem Hams­ter­rad raus­zu­kom­men. Erst dann kannst du über­haupt eine Per­son in die­ser Welt sein, die wirk­lich Ein­fluss hat.

Du kannst natür­lich auch – mal ange­nom­men, du bist nicht in so einer Posi­ti­on – ver­su­chen, durch Auf­klä­rung Men­schen dazu zu brin­gen, auf­zu­wa­chen, sich viel­leicht einer Sache anzu­schlie­ßen. Viel­leicht ist dann dort ein Mensch dabei, der Ein­fluss oder Geld hat. Im End­ef­fekt geht es dar­um: Schaffst du es, ein Netz­werk zu bil­den? Allei­ne ist es eben sehr schwer. Allei­ne kannst du so gut wie nichts aus­rich­ten!

Also mehr Koope­ra­ti­on statt Kon­kur­renz?

Du kannst als Ein­zel­ner natür­lich schon auch was bewir­ken. Wir fah­ren jetzt zum Bei­spiel nach Ungarn und ret­ten dort einen Hund aus einer Tötungs­sta­ti­on und doku­men­tie­ren das. Ein­fach auch mal, um die­se Umstän­de zu zei­gen. So etwas kann im Prin­zip jeder machen. Oder mal zehn Euro an eine Orga­ni­sa­ti­on spen­den, bei der man auch weiß, da pas­siert was Gutes mit die­sem Geld. So etwas tut kei­nem weh, das ist schon mal ein Anfang. Und damit pro­gram­mierst du schon mal dein Mind­set dar­auf, dass du Ein­fluss nimmst auf das Welt­ge­sche­hen, Ver­ant­wor­tung über­nimmst. Dass du nicht sagst: „Das geht alles sei­nen Lauf und ich schaue, dass ich mei­ne Lebens­zeit über die Run­den krie­ge und was mit mei­nen Kin­dern ist, das ist mir dann im End­ef­fekt auch scheiß­egal!“. Es geht dar­um, Ver­ant­wor­tung zu über­neh­men! Und wenn dir dei­ne Kin­der nicht egal sind und dir dei­ne Fami­lie nicht egal ist, dann soll­test du ver­su­chen, aus dem Hams­ter­rad aus­zu­bre­chen! Du brauchst die finan­zi­el­le Frei­heit. Du musst aus dem Skla­ven­tum raus.

Da gibt es auch nichts schön­zu­re­den. Mir kann kei­ner erzäh­len: „Ich habe einen Job, der gefällt mir! Da krieg ich mei­ne 3.000 Euro.“ Was ist denn, wenn der Chef mor­gen sagt: „Du bist mir zu alt! Ich hab‘ eine neue­re Kraft. Die bläst mir einen unter dem Holz­tisch in mei­nem Office. Du bist gefeu­ert!“ Du machst dein Schick­sal von ande­ren Men­schen abhän­gig in dem Moment, in dem du sagst: „Oh, mein Job ist schön, da geht’s mir gut, da hab‘ ich genug.“ Das kann jeden Moment vor­bei sein!

Vie­len Dank für das boss­haf­te Gespräch!

                                                                                    Das Inter­view führ­te Nico­las Riedl.

Ein Gedanke zu „Kollegah — Ein politisches Gespräch mit dem Boss

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