The World of Hans Zimmer – A Symphonic Celebration

Bild: Semmel Concerts

Tolle neue Arrangements bekannter Filmmusiken, ein eingespieltes Orchester mit Mini-Chor, überzeugende Solisten und LED-Projektionen, ein zurecht gefeierter Komponist und ein teilweise schrecklich respektloses Publikum – all das war die perfekt inszenierte Show The World of Hans Zimmer – A Symphonic Celebration in der Arena Nürnberger Versicherung.

Bereits 2016 und 2017 war Hans Zimmer mit seiner eigenen Band weltweit auf Tour. Weil seine gefühlvolle Musik aber mehr auf Schlagwerk, elektronische Klänge und „Krach“ reduziert wurde, waren einige Zuhörer von dieser Art der Performance etwas enttäuscht. Ganz anders bei der aktuellen Tour: Zu seinem 60. Geburtstag setzen ihm nun Freunde und langjährige Weggefährten ein musikalisches Denkmal. Sie lobpreisen ihn während der Show bei fast jeder Gelegenheit in den Himmel. So führt erstmals ein großes Symphonieorchester zusammen mit einem Chor und der hypnotischen Stimme von Lisa Gerrard Zimmers größte Soundtracks konzertant auf. Eine Auswahl aus den über 100 Filmen zu treffen war hier sicherlich keine leichte Aufgabe – und dennoch entstand bei der Ausarbeitung des Programms ein stimmiges Gesamtpaket. Persönlich ist der Oscar-, Grammy- & Golden Globe-Gewinner leider bei keiner der Konzerte anwesend. Allerdings wirkt Gavin Greenaway, einer seiner engsten Vertrauten, als Dirigent aller Stücke mit.

Akt 1

Ein gewaltiger „Rumms“ eröffnet den Abend. Gerade noch redet das Publikum in der ausverkauften Multifunktionsarena wirr durcheinander und wird sogleich mit den ersten Takten aus The Dark Knight von den Schlagwerkern in die Stühle gedrückt. Die langen vorantreibenden Streicher-Melodien und das markante lang gezogene Echo der Hörner-Fraktion leiten fast nahtlos zum nächsten Heldenthema über: Mit der Musik aus King Arthur wird es düster, furchteinflößend und unheimlich bedrückend.

Während Injection aus Mission: Impossible 2 mit dem Gitarrenspiel von Amir John Haddad und dem besonders eindringlichem Gesang das Publikum fesselt, wird es sogleich von der vollkommen bombast-freien Musik aus Pearl Harbor wieder erlöst. Genau passend dazu sieht man Ben Affleck auf der imposanten LED-Leinwand zu harmonischen Streicher- und Klavier-Klängen in einem Propellerflugzeug unbeschwert leicht über die Felder Tennessees in den Sonnenuntergang fliegen.

Wesentlich rasanter geht es mit Rush weiter, während die Arena in rotes Licht getaucht wird. Dass Hans Zimmer aber nicht nur „laut“ kann, sondern auch die leisen Töne beherrscht, beweist er mit seiner Musik zu The Da Vinci Code: Mehr als 15 Minuten lang taucht das Orchester und vor allem der hier im Vordergrund stehende Rundfunk- und Fernsehchor Belerus die Arena in einen nicht geahnten mystisch-sakralen Klangkosmos. Gänsehaut. Zuvor war Ron Howard, Regisseur beider zuletzt gespielten Filme, im Interview mit Zimmer zu sehen und beim Erzählen seiner Erfahrungen mit dem Komponisten kaum zu stoppen.

Akt 2

Bild: Sebastian Schroth

Nicht weniger spektakulär geht es auch nach der Pause mit Zimmers Musik zu drei Zeichentrickfilmen aus den DreamWorks Animation Studios weiter: Aus Madagascar spielt das Symphonieorchester des Bolschoi Staatstheaters nicht etwa den bekannten Track Zoosters Breakout, sondern den eher unbekannten aber nicht weniger heiteren und lebendigen Track Best Friends. Die verspielten Animationen der Film-Charaktere auf der LED-Leinwand sorgen dabei zusätzlich für kleine Lacher. Das schnelle und sprichwörtlich befreit wirkende Run Free aus Spirit und das hochemotionale Oogway Ascends aus Kung Fu Panda folgten.

In einem wieder eingespielten Interview mit Hans Zimmer leitet die Regisseurin Nancy Meyers zum nächsten Titel (Maestro) aus ihrem Film The Holiday über. Sie schwelgt von der überaus romantischen Musik und erzählt es sei nicht verwunderlich, dass so viele Frauen zu dieser Musik zum Altar geführt werden. Kontrastreicher könnte das nächste Stück kaum sein. Noch düsterer als bei King Arthur wird es jetzt beim Thema aus Hannibal. Vorgetragen wird es ausschließlich von den Celli. So, sagte Hans Zimmer, habe er sich dieses Stück ursprünglich vorgestellt. Eliane Correa (Klavier), Amir John Haddad (Gitarre) und Lucy Landymore (Schlagzeug) überzeugen bei The Holiday, wohingegen Marie Spaemann am Cello während Hannibal beeindruckte.

Dem ohnehin schon epischen und traurigen Track This Land aus The Lion King wird eine besondere Note verliehen. In einem Einspieler davor erzählt Zimmer, er habe es für seine verstorbenen Vater komponiert. Lebo M, jeder kennt ihn aus The Circle Of Life, verbinde es mit dem Ende der Apartheid in Südafrika. Nach Gladiator und der Hymne Now We Are Free, etwas verhaspelt gesungen von Lisa Gerrard, meldet sich Zimmer dann ein letztes Mal zu Wort: „So, jetzt möchte ich noch etwas Kleines für euch spielen.“ Es folgt Time aus Inception – mit dem Maestro höchstpersönlich am Klavier. Allerdings natürlich nur auf der Leinwand. Das Orchester setzt wenig später ein und zündete perfekt abgestimmt – wie alles an diesem Abend – ein Feuerwerk. Jeder im Saal fieberte diesem Moment sichtlich entgegen und war sicherlich umso überraschter in welcher Art und Weise Time präsentiert wurde. Dies sollte der eigentliche Höhepunkt an diesem Abend sein. Nicht, wie es eigentlich bei solch einem Konzertabend zu erwarten ist, die darauffolgende Zugabe: Ein Medley der Pirates-of-the-Caribbean-Filmreihe. Zu hören sind unter anderem One Day, Teile aus I Don’t Think Now Is the Best Time und natürlich auch das teilweise viel zu oft gespielte und deswegen langweilig wirkende He’s a Pirate. Trotzdem gibt es erneut und minutenlang Standing-Ovations: Hans Zimmer feiert sich und wird gefeiert.

Rote Aufnahme-Buttons statt einzigartigem Live-Erlebnis

Der Abend war nahezu perfekt. Daran besteht kein Zweifel. Sowohl allen Musikern als auch der Show in ihrer Gesamtheit kann man nichts, das negativ aufgefallen war, vorwerfen. Einzig und allein das Publikum war an diesem Abend oft von dreister Unverschämtheit kaum mehr zu überbieten. Dies lag aber nicht etwa daran, dass während des Konzerts getuschelt oder nicht applaudiert wurde – es wurde sogar überschwänglich, fast schon euphorisch den Musikern entgegen gejubelt. Es lag viel mehr daran, dass einige Zuhörer fast während des gesamten Konzerts das Geschehen mit ihren Handy-Kameras filmten oder Fotos machten. Getreu dem Motto: „Ich war nicht hier ohne einen Snap gemacht zu haben!“ oder „Seht her, ich habe Spaß!“ Der Moment muss festgehalten und vor allem um alles in der Welt geteilt werden. Es genügt auf YouTube nach „The World of Hans Zimmer“ zu suchen und es erscheinen zig Videos dieser Art. Traurig. Es wird sich mehr darauf konzentriert möglichst alles einzufangen und auf den winzigen Bildschirm zu starren, als den Moment oder viel mehr die Musik live zu erleben und zu genießen – wie oft im Leben hat man dazu die Möglichkeit? Viele halten die Bildschirme ohne Umsicht und Respekt vor den Musikern hoch, andere wiederum sind so listig und klug, muss man fast schon sagen, und legen das Handy auf den Schoß um nur den Sound aufzunehmen. Mit Sicherheit lässt sich feststellen, dass niemand diese verwackelten, unscharfen und übersteuerten Videos jemals wieder anschauen wird. Und wenn, nur dann, um zu schauen, was man verpasst hat – und hoffentlich auch, um sich zu schämen.

Die Tour wird im November unter anderem in München und Dortmund fortgesetzt. Zusätzlich macht sie auch noch Halt in der Schweiz, den Niederlanden und Spanien.

Von Sebastian Schroth

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