Samy Deluxe — Eine Koryphäe des deutschen Rap im Interview

Samy Delu­xe im Inter­view mit dem Reflex­ma­ga­zin.
Bild: Eli­as Schaub

Samy Delu­xe. Ein Mann für des­sen Vor­stel­lung es kei­ner gro­ßen Wor­te bedarf. Men­schen die auch nur im Ent­fern­tes­ten etwas mit deut­schem Sprech­ge­sang anfan­gen kön­nen ken­nen ihn. Und Lieb­ha­ber des Rap sowie­so. Dass er ein Mann der Wor­te ist, bewies Samy beim dies­jäh­ri­gen Hip Hop Gar­den Fes­ti­val mit sei­ner Live-Per­for­mance ein­drucks­voll. Vor­her tra­fen wir uns, um mit ihm über sein anste­hen­des Pro­jekt „SaMTV Unplug­ged“ zu spre­chen, wel­ches allem Anschein nach ein musi­ka­li­sches Glanz­stück wird. Anschlie­ßend plau­der­ten wir über aktu­el­le Ent­wick­lun­gen der deut­schen Hip­hop-Sze­ne und erfuh­ren was Samy Delu­xe an sei­nem Geburts­tag so erlebt hat.

re>flex: Unser Inter­view fin­det aus aktu­el­lem Anlass statt. Am 31.08.2018 erscheint dein MTV Unplug­ged Album: SaMTV Unplug­ged. War­um lohnt es sich dein Album zu kau­fen? Und was wür­dest du sagen, macht die neu arran­gier­ten Ver­sio­nen von den Lie­dern auf dem Album so beson­ders?

Samy Delu­xe: Ich habe mir sehr viel Zeit genom­men in der Aus­pro­duk­ti­on und der Aus­wahl der Songs. Und letzt­end­lich ist es auf jeden Fall so ein Best of Album. Ich bin ja nicht so ein Hit­sin­gle-Künst­ler, son­dern eher so jemand der über Alben und vie­le unter­schied­li­che Facet­ten sei­nes Schaf­fens so eine Bin­dung mit den Hörern hat. Und ich glau­be es ist echt eine gute Aus­wahl von den Songs die wir gemacht haben. Und auch die Ver­sio­nen die wir gemacht haben, haben es für mich immer ein­fach in die Gegen­wart gerückt. Es ist irgend­wie so, dass auch vie­le Sachen anders sind als im Ori­gi­nal, aber für mich immer zum Bes­se­ren. Das ist natür­lich sehr sub­jek­tiv. Und auch die Gast­aus­wahl. Die bei mir eben sehr orga­nisch ent­stan­den ist, auf­grund die­ser gan­zen Leu­te, mit denen ich gear­bei­tet habe über die Jahr­zehn­te. Auf jeden Fall hat es das — glaub ich — so noch nie gege­ben, dass so ein Unplug­ged fünf­zehn hoch­ka­rä­ti­ge Fea­ture-Gäs­te hat. Und ins­ge­samt ist es auf jeden Fall ein mega Pro­jekt, auf das ich sehr stolz bin. Jetzt gera­de die Tage bin ich die gan­ze Zeit dabei die Mixe anzu­hö­ren. Es ist wirk­lich extrem gut gewor­den, bringt super Spaß zu hören und ist echt ein Liveal­bum was sei­nes­glei­chen ein biss­chen sucht.

Du hast jetzt schon etwas ange­spro­chen auf das ich auch noch ein­ge­hen woll­te. Und zwar, dass das „Who is who“ der deut­schen Rapland­schaft auf dem Album ver­tre­ten ist. Also ich mei­ne da sind halt, neben dir, wirk­lich vie­le Deutschra­ple­gen­den dabei. Ich nen­ne ein­fach ein paar Namen: Max Her­re, die Stie­ber Twins, Kool Savas, Cur­se und die Begin­ner. Wie hat sich da die Orga­ni­sa­ti­on gestal­tet, alle Künst­ler für die­sen Auf­tritt zusam­men zu bekom­men? Und wie hast du dich ent­schie­den, die­se Kol­le­gen, die­se Weg­be­glei­ter, mit auf das Unplug­ged zu neh­men, und nicht zu sagen du willst dich so allei­ne in den Fokus rücken?

Ne, also die Fra­ge hat sich nie so gestellt. Für mich war ganz klar, dass ein gro­ßer Teil mei­ner Kar­rie­re eben auch die­se Fea­tures sind, und die­se Kol­la­bo­ra­tio­nen mit ande­ren Künst­lern, und dem­entspre­chend gab es eine Wunsch­lis­te die dann dabei raus­kam. Ich habe alle Tracks auf­ge­schrie­ben, die ich ger­ne machen wol­len wür­de. Dar­aus hat sich dann erge­ben, wel­che Gäs­te dabei sind. Dann haben wir ein­fach nur gehofft, dass alle, an dem Datum das wir uns aus­ge­sucht haben, Zeit haben. Und das hat dann auch echt geklappt so. Den­de­mann war der Ein­zi­ge mit dem ich was geplant hat­te, aller­dings nicht fürs Kon­zert, son­dern für den DVD Film. Wir haben noch ein paar Seg­men­te off­set gedreht, also unab­hän­gig von der Kon­zert­si­tua­ti­on. Noch ein paar klei­ne Musik­ses­si­ons und Flas­hes. Das war das Ein­zi­ge was nicht geklappt hat. Und sonst: Wir haben eben drei Tage gedreht und über die drei Tage ver­teilt konn­ten dann auch alle Leu­te kom­men. Wir haben sozu­sa­gen das Kon­zert drei-mal gespielt und dar­aus konn­te ich mir jetzt ein Kon­zert zusam­men­schnei­den.

Eine ande­re Per­son, die jetzt eher für die deut­sche Pop­land­schaft bekannt ist, ist Nena. Die ist zum Bei­spiel bei „Fan­ta­sie Part 1“ mit dabei. Ihr wart ja auch zusam­men bei „Sing mei­nen Song“. Wür­dest du sagen, das war auch ein biss­chen ein ers­ter Schritt in Rich­tung Unplug­ged, wo du dir Inspi­ra­tio­nen holen konn­test? Weil hier wur­den ja auch Lie­der von dir neu arran­giert. 

Also ich hat­te die­se Idee von einem MTV Unplug­ged schon rela­tiv lan­ge. Aber alles was so in den letz­ten Jah­ren pas­siert ist, hat defi­ni­tiv den Pro­zess geprägt und das auch für mich leich­ter gemacht so ein Rie­sen­pro­jekt umzu­set­zen. Weil ich eben in den letz­ten Jah­ren sehr viel pro­du­ziert habe und sehr in die­se Stu­dio­all­tagrol­le rein­ge­rutscht bin. Ich habe eben mein Haus, mein Stu­dio, und so. Und da bin ich die gan­ze Zeit am Machen. Und auch nur durch die Art, dass ich so die­sen Zugang zum Musik­ma­chen sel­ber habe, konn­te ich das auch nur so umset­zen, dass es wirk­lich mei­ne Musik ist. Klar, man kann sich mit gro­ßen Bud­gets immer irgend­wie talen­tier­te Leu­te kau­fen, Musi­ker. Ich mei­ne Mie­ten, kau­fen kann man die lei­der nicht. Aber mir war es voll wich­tig, dass die Art von Musik auch total wider­spie­gelt, obwohl es ein Liveal­bum ist, wie sich mei­ne Musik in den Ori­gi­nal­ver­sio­nen anfühlt. Die­se Tex­tur. Also die­ses Hip Hop Fee­ling.

Einen ande­ren Punkt, den du auch schon ange­spro­chen hast: Du hast ja selbst gesagt, es ist auch ein biss­chen eine Art Best-Off-Album. Und wenn man sich so dei­ne Song anguckt, sind die fin­de ich auch zeit­los und immer noch hoch­ak­tu­ell. Zum Bei­spiel eben „Weck mich auf“, was jetzt sieb­zehn Jah­re alt sein müss­te. Was wür­dest du sagen zeich­net dei­ne Musik aus, dass sie immer so prä­sent bleibt?

Vie­le der Songs dre­hen sich um ech­te Sachen. Wenn du jetzt einen Song machst der irgend­wie ein Par­ty­song ist, der sich um die Vod­ka-Mar­ke geht die in dem Jahr „In“ ist, dann ist irgend­wie in drei Jah­ren Gray Goo­se nicht mehr „In“. Und dann ist in drei Jah­ren dein Gray Goo­se Song nicht mehr „In“. Wenn du Songs machst über Sachen die wirk­lich im Leben jeder ein­zel­ner Per­son im Land, oder auf der Welt eine Rol­le spie­len. Von Fami­li­en­si­tua­tio­nen, Freund­schaft, Erfolg, Selbst­ver­wirk­li­chung und auch gesell­schaft­li­che The­men, wie Ras­sis­mus oder kor­rup­te Poli­tik, und die gan­zen Sachen. Die­se Sachen sind halt eben etwas zeit­lo­ser als aktu­el­les Phra­sen­ge­dre­sche.

Samy Delu­xe im Inter­view mit dem Reflex­ma­ga­zin.
Bild: Eli­as Schaub

Auch gleich dar­an ange­knüpft: zum aktu­el­len Phra­sen­ge­dre­sche. Ein Track der natür­lich auch drauf ist: Poe­si­al­bum. Wo du ja auch zu der Zeit Lines hat­test wie: „Kennt ihr das noch ech­ten Hip Hop?“, oder „Denn die Sän­ger sing´n und die Rap­per kling´n als hät­ten sie nie Hun­ger gehabt“. Wie siehst du es aktu­ell? Also ich rede jetzt von die­sem Main­stream­deutschrap der gera­de beliebt ist. Natür­lich gibt’s auch Aus­nah­men. Ich will da jetzt nicht alles über einen Kamm sche­ren. Ich fin­de im Ver­gleich zu dir, zu dei­nen tief­grün­di­gen Tex­ten, geht es ja viel nur um Frau­en, Geld, Alko­hol und Dro­gen. Und gene­rell fehlt auch so ein genau­er Auf­bau wie bei dir, so die kras­se Wort­akro­ba­tik. Viel mehr wird über den Flow, die Vibes und die Adlibs gene­riert. Wie fin­dest du gene­rell die­se Ent­wick­lung? 

Letzt­end­lich reflek­tiert es den Zeit­geist und auch das Alter von vie­len Künst­lern. Man kann nicht von jedem Anfang Zwan­zig­jäh­ri­gen erwar­ten, dass er krass tief­sin­ni­ge Philso­phie schreibt. Aber was ich so gemerkt habe, dass vie­le Rap­per die ich dann schon so wahr­neh­me als kras­se Rap­per wenn sie raus­kom­men mit ihrem ers­ten Ding, ein Jahr spä­ter ein­fach kras­se Pop­künst­ler sind. Das ist so hef­tig weil wir in mei­ner Genera­ti­on so lan­ge gegen die­ses Kom­mer­zi­mage kämp­fen muss­ten und sobald mal irgend­ei­ne Melo­die in einem Song war, war’s schon so: „Whua und jetzt singt da jemand“, und so. Und jetzt ist es ein­fach so kom­pro­miss­lo­ser Pop, den so Typen machen die eben vor nem hal­ben Jahr noch der hot­test New­co­mer Rap­per waren. Und auf ein­mal ist es so ne Auto-Tune Bal­la­de die Mil­lio­nen von Spo­ti­f­yklicks gene­riert. Und das ist aber auch okay. Aber das ist eben nicht das was ich machen will. Und ich den­ke ich habe immer noch vie­le jun­ge Zuhö­rer. Sehe ich ja bei mei­nen Kon­zer­ten. Ist jetzt nicht so, dass es da bei Ü30 anfängt oder so. Da sind auch immer noch Teen­ager dabei. Aber natür­lich extrem viel weni­ger als in Zei­ten in denen ich selbst noch Anfang zwan­zig war. Und des­halb ist das glau­be ich ein­fach eine natür­li­che Ent­wick­lung. Und die Zeit wird immer die Aus­le­se tref­fe, von den Leu­ten die dann lan­ge da sind. Und ich den­ke, von den neu­en Rap­pern jetzt, wird’s auch viel­leicht irgend­wel­che Dudes geben die zwan­zig Jah­re nach ihrem ers­ten Erschei­nen ein fet­tes MTV Unplug­ged machen, oder auch so gro­ße Kul­tur­mo­men­te haben. Aber ich sehe eben, dass vie­le Sachen nicht so rich­tig kul­tur­prä­gend sind. Ich fin­de vie­le Sachen, auch wenn sie vie­le Klicks haben oder so, sind trotz­dem kei­ne Hits die hän­gen blei­ben. Vie­le von die­sen neu­en Rap­per haben nicht die Songs die rich­tig pene­trie­ren.

Kon­zert. Das Unplug­ged war jetzt ein­ma­lig, aber gibt es dazu viel­leicht noch eine Tour?

Genau. Wir machen nächs­tes Jahr eine Unplug­ged Tour. So März / April wird eine rich­ti­ge Tour statt­fin­den, und dann über die Fes­ti­val­sai­son eben auch mit so einem Set Up gespielt. Ich weiß jetzt nicht ob’s ganz genau so vie­le Leu­te sind. Weil es war schon über­trie­ben viel. Fünf Strei­cher sind jetzt viel­leicht nicht unbe­dingt drin. Aber grund­sätz­lich will ich das, was wir vom Fee­ling da auf der Plat­te kre­iert haben auch auf jeden Fall live umset­zen.

Kom­men wir zur letz­ten Fra­ge. Du bist auf alle Fäl­le auch schon ziem­lich lan­ge dabei. Gibt’s für dich irgend­wo so eine Gren­ze wo du sagt: Da ist Schluss? Also wie lan­ge willst du uns noch mit dei­ner Musik berei­chern?

Nett, dass du berei­chern sagst auf jeden Fall.

Kann man schon sagen. Sagst du mit acht­zig machst du noch Musik, wenn du noch was zu sagen hast, oder sagst du irgend­wann geht die Authen­zi­tät ver­lo­ren?

In Deutsch­land hab ich weni­ge Vor­bil­der, sozu­sa­gen, im Sin­ne von. Wo ich jetzt hin­gu­cken kann und sag: „Ahja, in zehn Jah­ren könn­te ich ja so sein wie der. Es gibt eben kei­nen der zehn Jah­re älter ist als ich, und noch ne kom­mer­zi­ell rich­tig kras­se Kar­rie­re hat. Es gibt noch Eizi. Und Max. Ein biss­chen so ähn­li­che Künst­ler, die noch ein biss­chen über mir ste­hen in der kom­mer­zi­el­len Nah­rungs­ket­te sozu­sa­gen. Aber die sind auch alle nur zwei, drei Jah­re älter als ich. Das ist jetzt nicht so ein rich­ti­ger Mess­wert. In Ame­ri­ka gibt’s schon nen Jay‑Z der auf jeden Fall glaub ich min­des­tens sie­ben, acht Jah­re älter ist als ich. Also ich habe mir letz­ten Dezem­ber in San Die­go, an mei­nem Geburts­tag, ein Jay‑Z Kon­zert ange­guckt. Und der ist immer noch ein ham­mer Live-Rap­per. Kenn ich weni­ge Zwan­zig­jäh­ri­ge bzw. kei­nen Zwan­zig­jäh­ri­gen der jetzt kras­ser live rappt als er. Also der beherrscht wirk­lich sein Hand­werk. Und ich bemer­ke das eben auch bei mir. Auch wenn du dir die­ses Unplug­ged anhörst. Das gan­ze Album. Ich rap­pe wirk­lich extrem viel bes­ser als ich je gerappt habe. Ich habe mein Organ, mei­ne Stim­me, mei­ne Stimm­be­herr­schung, mei­ne Flow-Pat­terns, mei­ne Deut­lich­keit. Es ist ein­fach ein kras­ses Hand­werk, was eben auch nur über die Zeit gewach­sen ist. Und es gibt mitt­ler­wei­le auch echt jun­ge Rap­per, die sehr früh schon kras­ses Talent haben und auch live gut sind. Aber in Deutsch­land fin­de ich ist das über­schau­bar. Hier gibt es kei­nen Kendrick Lamar der Mit­te zwan­zig ist, weiß­te? Und jeden erwach­se­nen älte­ren Rap­per unter den Tep­pich rappt. Hier ist es auch oft schon noch so, dass die Alten die sind, die ihr Hand­werk beherr­schen, und die Jun­gen sind oft die, die das Exci­te­ment rein­brin­gen. Letz­tes Jahr haben wir auch bei die­sem Red­bull Sound­clash mit­ge­macht. Da war für mich das ande­re Team alles kei­ne guten Live-Rap­per, aber die Ener­gie die dann teil­wei­se rüber­kommt, wenn dann die­ser Beat droppt, und die gan­ze Crowd von denen da den Move macht, ist irgend­wie auch ne gei­le Ener­gie. Am Ende ist es dann oft auch so Äpfel und Bir­nen. Man kann das nicht alles ein­fach nur ver­glei­chen weil Hip Hop als Gen­re drun­ter steht.

Vie­len Dank für das Inter­view.

Samy Delu­xe im Inter­view mit dem Reflex­ma­ga­zin.
Bild: Eli­as Schaub

                                                                                    Das Inter­view führ­te Nico Hil­scher

Tour Daten zur Unplug­ged Tour im nächs­ten Jahr, sowie das aktu­el­le Album „SaMTV Unplug­ged“, fin­det ihr auf der offi­zi­el­len Home­page von „Samy Delu­xe“ und des­sen Face­book­sei­te.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.