Unheimliche Kalenderschätze

TEST II

Meister von San Severino, um 1480/82, “Exorzismus einer Besessenen”
(akg-images)

Freunde des gepflegten Horros aufgepasst! Sie berichten von Teufelsaustreibungen, Kometenschauern oder Wundergeburten: Die geschichtenerzählenden Kalender aus Nürnberg. Kommt mit auf eine Zeitreise in die Welt des Horrors im Kalenderformat.

Im niederländischen Leeuwarden hatte sich vor rund 300 Jahren Schreckliches ereignet. Es ist die traurige Geschichte einer erst 14-jährigen Bauernmagd. Das Mädchen führt ein arbeitsreiches, bescheidenes Leben. So erscheint es ihr wie ein Geschenk des Himmels, als sich unverhofft der wohlhabende Bauernsohn um sie zu bemühen beginnt und sie mit viel Gold und Schmuck beschenkt. Die beiden Verliebten verbringen schöne Jahre und das junge Mädchen glaubt das große Glück gefunden zu haben. Doch an ihrem 18. Geburtstag sollte sich alles ändern. Der Bauernsohn verlässt die Magd völlig unerwartet und offenbart dabei sein wahres Gesicht: „Du dummes Ding! Du hast dich mit mir, dem Teufel, eingelassen und jetzt bist du mein und wirst es auf immer bleiben“. Die verängstigte Magd macht nun seltsame Begegnungen. Zunächst erscheint ihr nachts ein gelber Hund, der droht sie umzubringen und wenig später überrascht sie ein blutrünstiges Kalb. Voller Verzweiflung wendet sich das Mädchen an den Priester, der das Böse sogleich erkennt. Unter Eile ordnet er eine Teufelsaustreibung an, bei der die junge Frau von dem Geistlichen und seinen Gehilfen an einen Stuhl festgebunden wird. Der Pfarrer hält ihr das Kreuz vor das Gesicht und spricht seinen Psalm. Doch der Teufel, voller Wut und Zorn, will nicht nachgeben und lässt die Besessene leiden, indem er sie wie eine Schlange winden lässt. Erst nach vielen Stunden voller Gebrüll und Leid kann das Mädchen von dem Bösen befreit werden.

Beststeller Kalender

Zerstörung und Krieg auf dem Titelbild des »Zeit- und Wunder-Kalenders«, ThULB Jena

Die Geschichte der vom Satan besessenen Bauernmagd ließe sich durchaus dem filmischen Horrorgenre der jüngsten Vergangenheit zuordnen. Tatsächlich entstammt die Teufelserzählung jedoch einem Kalender, der vor über 300 Jahren in Nürnberg gedruckt wurde. Die als Zeit- und Wunder-Kalender bezeichnete Kalenderreihe lieferte ihren Lesern noch weitaus mehr Rätselhaftes und Erstaunliches. Zu lesen war von Missgeburten mit zusammengewachsenen Köpfen und verformten Gliedmaßen, von furchteinflößenden Tiergestalten oder zerstörerischen Naturgewalten. Die Kalenderherausgeber bespielten die gesamte Klaviatur des menschlichen Grauens, informierten aber auch über politische oder historische Themen – und das äußerst erfolgreich: Kalender wie der Zeit- und Wunder-Kalender gehörten zu den meistgelesenen Druckwerken ihrer Zeit. Die jährlich erscheinenden Kalender waren ein Beststeller, die bei Jung und Alt, Arm und Reich, Bauer und Adel, gleichermaßen bekannt waren.

Kalenderstadt Nürnberg

Wie auch der Zeit- und Wunder-Kalender wurde ein Großteil aller Kalenderreihen des 17. Jahrhunderts in Nürnberg gedruckt. Die fränkische Reichsstadt galt als Hochburg der Kalenderproduktion. Kalender aus Nürnberg waren ein Exportschlager und wurden selbst über deutsche Ländergrenzen hinweg gelesen. Umgekehrt galt die Stadt dank der guten Anbindung an die öffentlichen Verkehrsnetze als buntes Sammelbecken für Geschichten aus der ganzen Welt. Täglich trafen aus allen Himmelsrichtungen Boten mit neuen Meldungen ein. So fand auch das Ereignis der besessenen Bauernmagd den weiten Weg bis nach Franken und wurde anschließend im handlichen Kalenderformat weitererzählt.

Damals wie heute ist die Lust am Horror, dem Übermenschlichen und Verbotenen, ungebrochen. Im 21. Jahrhundert findet der kollektive Grusel vor der großen Leinwand statt und auch vor gut 300 Jahren waren Horrorgeschichten ein gemeinsames Erlebnis. Da nur ein Bruchteil der damaligen Bevölkerung lesen konnte, versammelten sich die Zuhörer um die Kalenderlektüre und lauschten voller Begeisterung den Erzählungen. Heute sind die geschichtenerzählenden Kalender aus Nürnberg beinahe vergessen und nur eine Handvoll Forscher kennt sie noch. Die Geschichten jedoch werden in neuer Form immer und immer wieder erzählt und kopiert, denn die Faszination am Grauen lebt weiter.

Wer nun selbst Interesse hat, dem Horror im Kalenderformat nachzuspüren, dem sei ein Besuch in der Nürnberger Stadtbibliothek empfohlen. Hier kann man einige der Kalenderhefte noch im Original bestaunen!

Anja Groß

 

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