Hexenjagd auf Rapper Kollegah

In einer media­len Hetz­jagd soll Kol­le­gah der Anti­se­mi­tis­mus-Stem­pel auf­ge­drückt wer­den. War­um soll der Rap­per gesell­schaft­lich geäch­tet wer­den und was ist an den Vor­wür­fen dran?

Vom Axel-Sprin­ger-Ver­lag, über Anti­deut­sche, dem Pseu­do-Pun­ker Cam­pi­no bis hin zu Außen­mi­nis­ter Hei­ko Maas sind sich alle einig: Kol­le­gah und Farid Bang sei­en Anti­se­mi­ten und müss­ten mit allen Mit­teln bekämpft wer­den. Die Schmutz­kam­pa­gne gegen den selbst­er­nann­ten Über­boss-Rap­per mit Hüh­nen­fi­gur fand im Rah­men der Echo-Ver­lei­hung ihren trau­ri­gen Höhe­punkt. Es ist kei­ne neue Metho­de, unlieb­sa­me Per­so­nen mit dem Vor­wurf des Anti­se­mi­tis­mus zu über­zie­hen, wobei sich die­ser Vor­wurf durch eine kur­ze Gegen­re­cher­che meist selbst ent­larvt, jedoch durch die flei­ßi­ge Arbeit von Strg+C‑Journalisten lan­ge an den Geäch­te­ten anhaf­tet. Dies­mal haben sich die Ver­leum­der jedoch einen über­mäch­ti­gen Geg­ner aus­ge­sucht, der sich nicht leicht bezwin­gen lässt, über eine im dop­pel­ten Sin­ne brei­te Fan­ba­se ver­fügt und sich sol­che Anschul­di­gun­gen nicht gefal­len las­sen wird.

Echo vor dem Echo

Ein gro­ßes Echo vor und nach der Echo-Ver­lei­hung. Kol­le­gah und Farid Bang waren für die­sen begehr­ten Musik­preis in der Kate­go­rie „HipHop/Urban Natio­nal“ nomi­niert. Wer den Preis erhält, ent­schei­den bereits Wochen vor­her die Ver­kaufs­zah­len. Nach dem bahn­bre­chen­den Boxen­ver­kauf des jüngs­ten Kol­la­bo­ra­ti­on-Wer­kes „JBG 3“ (Jung Bru­tal Gut­aus­se­hend), war die­se Plat­te selbst­ver­ständ­lich die wirt­schaft­lich stärks­te in die­ser Kate­go­rie.

Nicht auf der Plat­te „JBG 3“ selbst – wie vie­le Medi­en fälsch­li­cher­wei­se berich­te­ten – son­dern auf der sich in der Pre­mi­um-Box befind­li­chen Zusatz-EP „§185 EP“, genau­er gesagt auf dem Track „0815“ befin­det sich die Text­zei­le von Farid Bang: der Fun­ke, der zur media­len Deto­na­ti­on führ­te.

Mein Kör­per defi­nier­ter als von Auschwit­zinsas­sen“

Selbst als Rap-Fan, der schon so eini­ges gewohnt ist, kann man die­se Zei­le als enorm geschmack­los emp­fin­den. Die Tex­te von Kol­le­gah und Farid Bang bewe­gen sich in einem Bereich, der bei klar über­spitz­ter und somit nicht ernst­zu­neh­men­der Gewalt­dar­stel­lung beginnt:   

geb dir Hie­be mit der Faust /

stampf dich in den Boden und du kommst in Chi­na wie­der raus“

König­saura (2014)

box dei­nen Lieb­lings-MC weg /

Und er kre­piert in ‘ner ande­ren Zeit­zo­ne

[…]

Ich hab bei Dri­ve-Bys kei­ne Pan­zer­faust dabei /

Ich mach Fly-Bys im Kampf­hub­schrau­ber /

Weil so mein Anzug sau­ber bleibt“

Red Light District Athem (2015)

…und bei Text­zei­len endet, die nun wirk­lich die Gren­ze des guten Geschma­ckes über­schrei­ten, wie zum Bei­spiel fol­gen­des Exem­plar:

sie kochen für mich das Crys­tal Meth in Trailercamps/

Freaks mit aus­ge­fal­le­nen Frisur’n wie’n Krebs­pa­ti­ent“

Kal­ter Krieg (2015)

Wenn der ehe­ma­li­ge Jura­stu­dent Felix Blu­me in die Rol­le des Zuhäl­ter- und Über­bos­ses Kol­le­gah schlüpft, scheint es lyrisch kei­ne Tabu­gren­zen zu geben. Die Kri­tik an har­ten Tex­ten im Deutschrap hat­te in den Nuller­jah­ren ihre Blü­te­zeit. Da waren die pro­ble­ma­ti­sier­ten Akteu­re des Deutschraps vor allem Bushi­do und das Aggro-Ber­lin-Lager. Das Augen­merk rich­te­te sich aller­dings auf die Gewalt­ver­herr­li­chung, den Dro­gen­kon­sum und den Sexis­mus. Anti­se­mi­tis­mus spiel­te in der „alten“ Debat­te über­haupt kei­ne Rol­le. Dabei rapp­te Kol­le­gah bereits 2006 (!) auf sei­nem zwei­ten Zuhäl­ter­tape:

ich ver­kauf Rausch­gift in Mas­sen /

An blas­se Frau­en, die aus­sehn wie Auschwit­zinsas­sen“

Nacht (2006)

Hat das damals irgend­je­man­den gejuckt? Wo war da der gro­ße Auf­schrei? Er blieb aus und kam auch in den Fol­ge­jah­ren nicht, in denen Begrif­fe wie „Über- oder Unter­mensch“ inte­gra­ler Bestand­teil von Kol­le­gahs Wort­schatz wur­den oder er über die „End­lö­sung der Rap­per­fra­ge“ sin­nier­te.

Die Fra­ge war rhe­to­risch, da sie sich sehr schnell beant­wor­ten lässt: 2006 war Kol­le­gah

1. nicht poli­tisch,

2. nicht berühmt, wes­we­gen Punkt 1 im umge­kehr­ten Fal­le kei­nen Effekt gehabt hät­te,

3. noch nie in Paläs­ti­na gewe­sen.

War­um die­se drei Fak­to­ren, nach­dem sie jetzt erfüllt sind, aktu­ell die­se Dif­fa­mie­rungs­wel­le aus­ge­löst haben, möch­te ich erst spä­ter beant­wor­ten. Vor­ab soll­ten wir die Chro­nik die­ser Schlamm­schlacht genau­er unter die Lupe neh­men.

Chro­nik einer Schlamm­schlacht

Die BILD, die ich nun wirk­lich als „Zei­tung“ bezeich­nen möch­te, eröff­ne­te das Feu­er und war in der gesam­ten Debat­te um Anti­se­mi­tis­mus und künst­le­ri­sche Frei­heit an vor­ders­ter Front. Ein Arti­kel jag­te den nächs­ten. Die rest­li­chen Medi­en zogen mit in die Schlacht, der WDR ver­öf­fent­lich­te gar eine drei­vier­tel­stün­di­ge Doku­men­ta­ti­on über Anti­se­mi­tis­mus im Deutsch-Rap. 

Kol­le­gah und Farid Bang zöger­ten nicht lan­ge. Auf dem Kanal von Kol­le­gahs Label Alpha Music Empi­re erschien ein acht­mi­nü­ti­ges Video, das sti­lis­tisch – ins­be­son­de­re was die dra­ma­ti­sche Musik im Hin­ter­grund anbe­langt – mehr wie  ein bil­li­ges Pro­pa­gan­da-Video wirkt, aber inhalt­lich zu glän­zen ver­mag. Kol­le­gah hält den Medi­en wie BILD und RTL den Spie­gel vor, pran­gert den zwar abneh­men­den, aber stets noch schlech­ten Ein­fluss ihrer Inhal­te auf die Kon­su­men­ten an sowie die heuch­le­ri­sche Hal­tung, Din­ge wie Zen­sur oder Ein­schrän­kung der Mei­nungs­frei­heit, die die­se ande­ren Staa­ten wie Russ­land vor­wer­fen, selbst zu prak­ti­zie­ren. Wie all­seits bekannt, gehört es im Hau­se BILD zum guten Ton, gegen Grup­pen wie Mos­lems, „gie­ri­ge Grie­chen“, „gefähr­li­che Aus­län­der“ und „fau­le Hartz-IV-Schma­rot­zer“ zu het­zen. Sich als ein Hetz­blatt wie die­ses als Schutz­pa­tron für eine bedroh­te Min­der­heit auf­zu­spie­len, ist – gelin­de gesagt – unglaub­wür­dig! Wei­ter ver­ur­teilt er ins­be­son­de­re RTL, For­ma­te wie DSDS zu unter­hal­ten, die von der Bloß­stel­lung ein­zel­ner lebt, was im Gegen­satz zu einem Rap-Batt­le nicht auf Gegen­sei­tig­keit beruht.

Wei­ter­hin weist er die Vor­wür­fe des Anti­se­mi­tis­mus zurück und ver­weist auf sei­ne Freund­schaf­ten mit Leu­ten unter­schied­lichs­ter Eth­ni­en und Glau­bens­rich­tun­gen, unter denen sich frü­her auch der Jude Sun Die­go aka. Spon­ge­b­ozz befand.

Er belässt es nicht bei Kri­tik und Recht­fer­ti­gung. Er ruft die Medi­en dazu auf, das The­ma adäquat zu behan­deln oder die Waf­fen nie­der­zu­le­gen, um einen nicht zu gewin­nen­den Kampf nicht sinn­los fort­zu­füh­ren. Dem fol­gend ruft er sämt­li­che Künst­ler sowie sei­ne Fans dazu auf, sich für die­se Sache mit ihm und Farid zu soli­da­ri­sie­ren und neben dem Hash­tag #jesuisjbg3 auch mit #Alpha­Kel­lerB­an­ger Far­be zu beken­nen.

Die Medi­en, allen vor­an die BILD, reagier­ten augen­blick­lich auf das Video, gehen dabei jedoch nicht auf die Punk­te Kol­le­gahs ein, son­dern bei­ßen sich an einer kur­zen Stel­le fest, in der eine ein­deu­tig anti­se­mi­ti­sche Kari­ka­tur zu sehen ist. Und hier hat die BILD wie­der am sel­ben Köder ange­bis­sen, der ihr schon mal vom Bord der TITANIC in Form eines insze­nier­ten Rus­sia-Gate zwi­schen Juso-Chef Kevin Küh­nert und einem omi­nö­sen rus­si­schen Hacker zuge­wor­fen wur­de. Das Video wur­de näm­lich – und das erklärt viel­leicht auch die teils schlud­rig-dilet­tan­ti­sche und pro­pa­gan­dis­ti­sche Mach­art – von dem You­Tuber Mois im Auf­trag von Kol­le­gah geschnit­ten. Die­ser hat die Kari­ka­tur – hört, hört – mit Absicht rein­ge­schnit­ten. Rein­ge­schnit­ten, um zu tes­ten, ob die Medi­en das acht­mi­nü­ti­ge Video auf eine Sekun­de redu­zie­ren und sich über ein Stil­mit­tel echauf­fie­ren, wel­ches man bei Char­lie Heb­do ein­fach durch­win­ken wür­de. Wet­te gewon­nen!

Farid Bang äußer­te sich indes auf Face­book mit einer Ent­schul­di­gung an Auschwitz­über­le­ben­de und Rap­pe­rin Esther Beja­ra­no, die sich im Vor­feld über die­se Nomi­nie­rung echauf­fiert hat­te, in der er für sei­ne „Unre­flek­tiert­heit“ um Ver­zei­hung bat und ihr anbot, mit ihr zusam­men einen Track mit Kol­le­gah zu recor­den und die­se Ein­nah­men einer Ein­rich­tung ihrer Wahl zu spen­den.

Etwa zeit­gleich erschien ein State­ment von Kol­le­gah als Insta­gram-Sto­ry, in dem er den Medi­en geziel­te Ruf­schä­di­gung vor­warf, ihnen aber gleich­zei­tig anbot, ein Inter­view mit ihm zu machen, wel­ches er selbst auf­zeich­nen wür­de, um es dann unge­schnit­ten hoch­zu­la­den. Gleich­zei­tig wen­de­te er sich fra­gend an sei­ne jüdi­schen Fans, ob die­se sich auf anti­se­mi­ti­sche Art und Wei­se von ihm ange­grif­fen füh­len wür­den. Zum Ende pack­te er dann den „Finis­hing-Move“ aus und gestat­te­te allen Juden lebens­läng­lich (!) kos­ten­lo­sen Zugang zu sei­nen Kon­zer­ten, inklu­si­ve Back­stage-Zutritt! Dies, sowie die öffent­li­che Ent­schul­di­gung von Farid, fand in den Medi­en – wie Kol­le­gah es bereits ver­mu­te­te – nicht ein­mal den Hauch einer Erwäh­nung. Die­ses Weg­las­sen, das Haupt­in­stru­ment von Lücken­pres­se, demas­kiert das Vor­ha­ben der Medi­en, gezielt Ruf­schä­di­gung zu betrei­ben. Zu erwäh­nen, dass ein Rap­per auf aber­tau­sen­de Euros zuguns­ten jüdi­scher Fans ver­zich­tet, wür­de näm­lich die Nar­ra­ti­on eines Anti­se­mi­ten-Rap­pers in ihren Grund­fes­ten zer­stö­ren.

Obwohl nun eigent­lich klar war, nach wel­cher Agen­da die Medi­en arbei­ten, woll­te es Kol­le­gah in einer wei­te­ren Insta­gram-Sto­ry genau­er wis­sen. Er for­der­te die gro­ßen Medi­en­häu­ser auf, über Piz­za-Gate zu berich­tet und bot dem­je­ni­gen Jour­na­lis­ten, der berich­tet, sogar 25.000 Euro an. Piz­za-Gate ist ein The­ma, wel­ches von den Main­stream-Medi­en vor­ei­lig mit dem Kampf­be­griff „Ver­schwö­rungs­theo­rie“ abge­stem­pelt wird, dabei aber im Hin­blick auf den Fall Dutroux in Bel­gi­en oder dem Sach­sen­sumpf hier­zu­lan­de, kei­nes­wegs so abwe­gig ist. Wei­ter­hin bie­tet der gele­ak­te  Mail­ver­kehr zwi­schen Hil­la­ry Clin­ton und ihrem befreun­de­ten Wahl­kampf­lei­ter John Podes­ta kei­ne stich­hal­ti­gen Bewei­se, aber durch­aus Grund zum Stirn­run­zeln! Und da bei die­ser gan­zen Debat­te das Fass auf­ge­macht wur­de, wie weit Kunst­frei­heit gehen darf, kann man sich beim Anblick von John Podes­tas wirk­lich absto­ßen­der und pädo­phi­le Ele­men­te ent­hal­ten­der „Art Collec­tion“ die Fra­ge stel­len:

Ist das Kunst oder kann das ange­kotzt wer­den?

Die Ethik-Kom­mis­si­on des Echos ent­schied in einem State­ment, das Duo zuzu­las­sen. Wer nun glaubt, die Sache sei damit geges­sen, der hat sich geirrt!

Die Echo-Ver­lei­hung und Cam­pi­no

Als der Echo in der Kate­go­rie „Rock natio­nal“ an Cam­pi­no ging, gab er die­sen schnell an die Mode­ra­to­rin zurück um zu sei­nem Haupt­an­lie­gen zu kom­men. Statt es in rebel­li­scher Pun­ker-Manier in die Men­ge zu rot­zen, fisch­te er ein DINA-4-Papier aus sei­ner Gesäß­ta­sche, wel­ches er mit zit­tern­der Hand mehr oder weni­ger sto­ckend vor­las. Pro­vo­ka­ti­on und Grenz­über­schrei­tun­gen sei­en Stil­mit­tel, mit wel­chen er und sei­ne Band sel­ber ope­riert hät­ten, wes­we­gen er vom Fach sei, was er aller­dings im nächs­ten Atem­zug mit sei­ner zum Brül­len komi­schen Aus­spra­che von „Batt­le-Rap“ wider­leg­te. Nach einer lan­gen Volks­re­de um den hei­ßen Brei her­um ver­ur­tei­le er den Song 0815. Eine Gren­ze sei zu zie­hen, wenn es um „frau­en­ver­ach­ten­de, homo­pho­be, rechts­ex­tre­me, anti­se­mi­ti­sche Belei­di­gun­gen geht“. Für die­se, im Grun­de genom­men rich­ti­ge Aus­sa­ge, ern­te­te er tosen­den Bei­fall.

Das „Jung Bru­tal Gutaussehend“-Duo reagier­te bei der Ent­ge­gen­nah­me ihres Echos ent­spre­chend dar­auf. Kol­le­gah imi­tier­te mit einem Blatt in der Hand Cam­pi­nos Zit­tern und bezeich­ne­te des­sen Auf­spie­len als „mora­li­sche Instanz“ als „rela­tiv stil­los“. Es gebüh­re einem so gro­ßen Musi­ker wie Cam­pi­no nicht. Gegen einen Schwall aus Pfif­fen und Buh­ru­fen, hielt er, mal­be­gabt wie der Boss ist, ein spon­tan ent­stan­de­nes Por­trät von Cam­pi­no mit einem Hei­li­gen­schein auf dem Haupt in die Höhe, mit dem Ver­spre­chen, die­ses klei­ne Werk für einen guten Zweck zu ver­stei­gern.

Es tut fast weh, wenn man mit Cam­pi­no und den „Toten Hosen“ auf­ge­wach­sen ist, nun so scho­nungs­los mit ihm ins Gericht zie­hen muss. Nur steckt hin­ter Kol­le­gahs Cam­pi­no-Por­trät mehr als nur ein Fun­ke Wahr­heit. Cam­pi­no ist schon lan­ge kein Pun­ker mehr! Ganz abge­se­hen davon, dass die Musik der „Hosen“ seit die­sem Jahr­zehnt aller­höchs­tens noch als Kuschel-Punk­rock bezeich­net wer­den kann, der für das Sys­tem kei­ner­lei Gefahr dar­stellt; Man kann so eine Musik auch nicht von einem „Pun­ker“ erwar­ten, der sei­nen Bru­der dafür lobt, dass die­ser Ban­ken ret­tet, die sich auf Kos­ten der Bür­ger im Bör­sen-Kasi­no des Kapi­ta­lis­mus ver­zockt haben – und der sich dafür kai­ser­lich bezah­len lässt – oder der sich auf die Sei­te einer kon­ser­va­tiv-christ­li­chen Kanz­le­rin stellt.

Es stellt sich zudem die Fra­ge, ob sich Cam­pi­no dar­über Gedan­ken gemacht hat, ob die die von ihm selbst gezo­ge­nen Gren­zen nicht auf sei­nem eige­nen Label JKP über­schrit­ten wer­den . Dort fin­den wir näm­lich die anti­deut­sche Rap-Grup­pe Anti­lo­pen Gang, die nicht müde wer­den, ihrem Hass und Ver­ach­tung gegen­über Deutsch­land zu frö­nen und sich in ihren Tex­ten den in einem Bag­ger­see mün­den­den ato­ma­ren Fall­out auf dem Gebiet der BRD her­bei­zu­seh­nen. Ein Wun­der, dass es noch kei­nen Auf­schrei von Hiro­shi­ma- oder Naga­sa­ki-Über­le­ben­den oder der IPPNW gab. An der Stel­le sei ver­merkt, dass die Anti­lo­pen selbst­ver­ständ­lich eben­falls auf die­sen Zug auf­spran­gen, da die­ses The­ma das gefun­de­ne Fres­sen für Anti­deut­sche ist.

Echo vom Echo

Künst­ler gaben ihre Echos zurück, BILD feu­er­te wei­ter gegen die bei­den Rap­per, Ano­rak-Revo­luz­zer-NGO Cam­pact rief zur Soli­da­ri­tät mit Cam­pi­no auf. Auch Pro­mis und Poli­tik misch­ten sich nun in das Gesche­hen ein. Sido bezeich­ne­te auf Twit­ter das State­ment von Cam­pi­no prompt als „Opfer­ak­ti­on“, auch Bushi­do soli­da­ri­sier­te sich – dem Rap­beef zum Trotz – mit Boss und Ban­ger. Car­men Geis­sen empör­te sich über Farid Bang. Ein Glück, dass die Geis­sens ledig­lich auf RTL II ihr ver­blö­den­des Unwe­sen trei­ben und nicht rap­pen, da wir ansons­ten im Deutschrap kei­ne Anti­se­mi­tis­mus- son­dern eine Leg­asthe­nie-Debat­te hät­ten.Ali­ce Wei­del, ehe­mals bei Gold­man Sachs und nun bei der AfD, for­der­te gar die Abschie­bung von Farid Bang.

Beson­ders bezeich­nend war die Reak­ti­on des Außen­mi­nis­ters Hei­ko Maas. In Anbe­tracht der Tat­sa­che, dass in der Woche der Echo-Ver­lei­hung die Welt­po­li­tik eine Situa­ti­on ver­gleich­bar mit der Kuba­kri­se erleb­te, erstaunt es doch, dass ein Poli­ti­ker die­ses Amtes nichts ande­res im Sin­ne hat, als eine Text­zei­le zwei­er Düs­sel­dor­fer Rap­per. In einer Situa­ti­on, von der man ver­mu­ten kann, dass Außen­mi­nis­ter Tag und Nacht wach sind, um auf diplo­ma­ti­scher Ebe­ne für Dees­ka­la­ti­on zu sor­gen, hat­te Maas also noch genü­gend Zeit und Nerv, um sich mit Cam­pi­no zu soli­da­ri­sie­ren.

 

Kol­le­gah und die Poli­tik

In den ers­ten acht Jah­ren sei­ner Rap­kar­rie­re hat sich Kol­le­gah mit poli­ti­schen State­ments kom­plett zurück­ge­hal­ten. Im Win­ter 2013/14 ging es dann aller­dings schlag­ar­tig und sehr schnell damit los. Der fast zehn­mi­nü­ti­ge Sto­ry­tel­ling Free­track Arma­ged­don, mit dem er sich für eine Mil­li­on Face­book-Fans bedank­te, ent­hielt das ers­te Mal ein­deu­ti­ge Quer­ver­wei­se auf die Poli­tik, war aber ganz klar als eine fik­tio­na­le Hel­den­ge­schich­te gekenn­zeich­net, in der die Figur Kol­le­gah die Welt vor Dämo­nen ret­tet.

Wesent­lich ein­deu­ti­ger wur­de es dann kurz vor Weih­nach­ten in dem eben­falls als Free­track ver­öf­fent­lich­ten Werk NWO (New World Order), wel­ches die Macht­ver­hält­nis­se, die Krie­ge der Rei­chen gegen die Armen, die Aus­wei­tung des Über­wa­chungs­staa­tes, expli­zit den Nah­ost­kon­flikt the­ma­ti­sier­te und … für den Frie­den appel­lier­te!

Ich kann mich noch sehr gut dar­an erin­nern, als ich das ers­te Mal die­sen Track samt Video hör­te und sah und mir die Kinn­la­de auf die Tat­sta­tur fiel! Kol­le­gah macht einen Frie­dens­track!

Wir sind Brü­der, wir sind Schwes­tern /

Nach­kom­men von Adam /

Ganz egal, ob wir nun „Jah­we“, „Gott“ oder /

Allah“ sagen“

NWO (2013)

Die­se Text­stel­le ent­kräf­tet die Kri­tik, die sich Kol­le­gah in sei­nem Arma­ged­don Nach­fol­ge­track Apo­ka­lyp­se im Jahr 2016 ein­heims­te. Zwi­schen­zeit­lich hat­te er sich in Face­book-State­ments klar zu dem Nah­ost-Kon­flikt geäu­ßert und sich ten­den­zi­ell auf die Sei­te der Paläs­ti­nen­ser gestellt. Auch mach­te er in einem Inter­view vage Andeu­tun­gen auf Okkul­tis­mus in der Musik­sze­ne. Zurück zu Apo­ka­lyp­se:

Der Track den wir uns im Fol­gen­den genau­er anse­hen wol­len, ist vom Plot her ähn­lich auf­ge­baut wie Arma­ged­don. Eine dämo­ni­sche Macht möch­te sich die Welt unter­tan machen. In drei Akten kann Kol­le­gah den teuf­li­schen Plan ver­ei­teln. Im vier­ten Akt brei­tet sich der Welt­frie­den aus und aus­ge­rech­net die­ser Akt wird Kol­le­gah bei sei­nen Kri­ti­kern zum Ver­häng­nis. Aber eines nach dem ande­ren.

Ein Hexa­gramm in dem Musik­vi­deo zu „Apo­ka­lyp­se“ genügt Kri­ti­kern, um Kol­le­gah Anti­se­mi­tis­mus nach­zu­sa­gen. Bild: Screen­shot aus You­tube.

Poli­tik­wis­sen­schaft­ler Jakob Bai­er hat in der eben schon erwähn­ten WDR-Doku­men­ta­ti­on das Werk genau­er unter die Lupe genom­men. Im ers­ten Akt des Wer­kes wird eine Post­apo­ka­lyp­se beschrie­ben, der zwei­te Akt han­delt davon, wie „dunk­le Magie“ beher­ber­gen­de Schrif­ten aus Baby­lon, in der al-Aqsa-Moschee zwi­schen­ge­la­gert, schließ­lich durch die Tem­pel­rit­ter bei den Illu­mi­na­ten lan­den.

 

In die­sem zwei­ten Akt sieht man bei 07:10 eine Arbeits­flä­che mit drei Moni­to­ren, einem Lap­top und zwei­er sich auf der Tat­sta­tur befind­li­chen Hän­de, von denen die Lin­ke einen Hexa­gramm-Ring auf dem Ring­fin­ger ste­cken hat. Dies wird von Bai­er als unwi­der­leg­ba­rer Beweis für eine unter­schwel­lig anti­se­mi­ti­sche Bot­schaft aus­ge­macht. Die Her­kunft des Hexa­gramms reicht aller­dings weit zurück und wird erst deut­lich spä­ter mit dem Juden­tum asso­zi­iert. Ers­te­res wird dabei gekonnt weg­ge­las­sen. Wei­ter­hin dien­te es auch als Schutz­sym­bol gegen Dem Strick nach, den Bai­er Kol­le­gah damit dre­hen möch­te, sitzt in die­ser Ein­stel­lung ein Jude an den Hebeln der Macht und kon­trol­liert die Gescheh­nis­se auf der Welt. Das ist aber rei­ne Inter­pre­ta­ti­on. Das Gesicht wird näm­lich nicht gezeigt. Die Hän­de könn­ten genau­so gut zu Kol­le­gah gehö­ren, der im dar­auf fol­gen­den Akt gegen die Dämo­nen kämpft. Dage­gen spricht, dass Kol­le­gah in den ande­ren Ein­stel­lun­gen kurz­ärm­lig ist, was bei 07:10 nicht der Fall ist.

Im drit­ten Akt kämpft Kol­le­gah in Ost-Jeru­sa­lem gegen eine Dämo­nen-Armee und kann ihren Anfüh­rer durch einen Tele­por­ter – wer spä­tes­tens hier das Fik­tio­na­le nicht erkennt, dem ist nicht mehr zu hel­fen – in die zer­stör­te City of Lon­don fol­gen und ihn ver­trei­ben. Die Frames „Ost-Jeru­sa­lem“ und „City of Lon­don“ und die damit ver­bun­de­ne Asso­zia­ti­on mit dem (jüdi­schen) Groß­ka­pi­tal, ist der Stoff, mit dem der Strick des Anti­se­mi­tis­mus-Vor­wur­fes wei­ter gefloch­ten wird.

Ganz hei­kel wird es dann im vier­ten Akt „Eden“. Die Welt wur­de geret­tet und „man sieht, wie Bud­dhis­ten, Mus­li­me und Chris­ten gemein­sam die zer­stör­ten Städ­te wie­der errich­ten“.

Das Pro­blem wird schnell deut­lich. In die­sem Plot gibt es in der „schö­nen, neu­en Welt“ schein­bar kei­ne Juden mehr, nach­dem die Dämo­nen in Ost-Jeru­sa­lem bekämpft wur­den. Waren die Juden etwa die Scher­gen der Dämo­nen? So lau­tet zumin­dest die Schluss­fol­ge­rung Bai­ers. Ist das nun der Anti­se­mi­tis­mus-Beweis? Hin­du­is­ten, Natur­völ­ker, Athe­is­ten und Agnos­ti­ker wur­den aller­dings eben­falls nicht auf­ge­zählt. Selbst­ver­ständ­lich hat das Juden­tum auf­grund sei­nes jahr­tausend­lan­gen Bestehens und sei­ner wei­ten Ver­brei­tung eine pro­mi­nen­te­re Stel­lung als die eben auf­ge­zähl­ten Aus­rich­tun­gen und hät­te es eigent­lich ver­dient, in die­ser Auf­zäh­lung auf­ge­nom­men zu wer­den.

War­um die­se Auf­zäh­lung nur drei Reli­gio­nen ent­hält, lässt sich aller­dings auch mit dem Metrum, bezie­hungs­wei­se – im Fal­le von Rap – mit dem Flow erklä­ren. Eine sau­be­re Auf­zäh­lung besteht aus drei Ele­men­ten. Bei­spiel: Son­ne, Mond und Ster­ne. Wenn man zur besag­ten Stel­le bei 11:42 geht und auf den Takt des Beats ach­tet, merkt man, dass eine Auf­zäh­lung mit vier Welt­re­li­gio­nen Kol­le­gah zum Dou­ble­time (schnel­len Rap­pen) „zwin­gen“ wür­de und der Text nicht mehr so sau­ber auf den Beat pas­sen wür­de.

Die­ses wuch­ti­ge Rap-Epos, das zu allem Über­fluss auch noch mit einer Bücher­ver­bren­nung der Schrif­ten mit der „dunk­len Aura“ endet – was den Kri­ti­kern noch mehr in die Hän­de spielt – kann nun viel­sei­tig gedeu­tet wer­den und bedarf auf jeden Fall eines umfas­sen­den Geschichts­ver­ständ­nis­ses. Ich ganz per­sön­lich hal­te die­ses Werk für eine Demons­tra­ti­on von Kol­le­gahs sprach­li­cher Raf­fi­nes­se, gepaart mit des­sen Rap-Skills, das auf der einen Sei­te unter­hal­ten möch­te (Kol­le­gah springt aus Kampf­hub­schrau­bern und ver­prü­gelt Dämo­nen mit blo­ßer Faust) und auf der ande­ren mit dem geziel­ten Ein­satz von Eas­ter-Eggs arbei­tet und die aktu­ell vor­herr­schen­de Finanz­eli­te kri­ti­sie­ren möch­te. Die­se Finanz­eli­te ist dabei kei­nes­falls mit den Juden gleich­zu­set­zen! Der öster­rei­chi­sche Rap­per Kilez More brach­te es auf sei­nem Track New World Order gut auf den Punkt:

Man spricht von Ban­ken /

doch ver­gisst dabei die City of Lon­don /

Willst du Kri­tik ver­fas­sen /

Dann kommt die Anti­se­mi­ten-Klat­sche /

Als wür­den nur Juden in Finanz­eli­ten han­deln“

New World Order (2017)

Den gesam­ten Kasi­no- und Raub­tier­ka­pi­ta­lis­mus den Juden in die Schu­he zu schie­ben wäre abso­lut falsch und durch­aus anti­se­mi­tisch! Es gibt genau­so rus­si­sche wie chi­ne­si­sche Olig­ar­chen. Die Kluft zwi­schen Arm und Reich ist ein glo­ba­les, Län­der- und Reli­gi­ons­gren­zen über­schrei­ten­des Pro­blem! Rei­che, jüdi­sche Groß­fa­mi­li­en sind ledig­lich ein paar von vie­len Spiel­teil­neh­mern, sowie der FC Bay­ern in der UEFA Cam­pi­ons League nur eine Mann­schaft von vie­len ist und nie­mand auf die Idee kom­men wür­de zu behaup­ten, Bay­ern wür­de welt­weit den Fuß­ball domi­nie­ren.

Wenn wir nun aber schon beim The­ma Raub­tier­ka­pi­ta­lis­mus ange­langt sind, kom­men wir zu der jüngs­ten Geschich­te vor dem Echo-Kri­mi, bei der Kol­le­gah der Eli­te in die Knie­keh­le trat.

Kol­le­gah spricht das Geld­sys­tem an!

Nun mal Bud­dha bei de Fische! Wel­cher ver­meint­lich auf­ge­klär­te, intel­lek­tu­el­le Stu­den­ten­rap­per hat das vor ihm getan? Wer hat das so klar und deut­lich aus­ge­spro­chen wie Kol­le­gah in sei­ner drin­gend zu emp­feh­len­den Instra­gram-Sto­ry? Statt simp­le Plat­ti­tü­den von sich zu geben, spricht er in aller Deut­lich­keit aus, wie die Mensch­heit, ohne es zu mer­ken, ver­sklavt wird, durch das Zin­ses­zins-Sys­tem durch­ge­hend – jede Sekun­de – ent­eig­net wird und Ban­ken aus dem Nichts(!) Geld dru­cken. Der anschlie­ßen­de Auf­ruf, das Geld gewinn­brin­gend zu inves­tie­ren, anstatt es auf der Bank lie­gen zu las­sen, dürf­te den Finanz­eli­ten so gar nicht schme­cken!

Hier­auf folg­te medi­al kein so gro­ßes Echo, wie auf Kol­le­gahs Paläs­ti­na-Rei­se, bei der er Schu­len im West­jor­dan­land errich­te­te. Die Nah­ost­pro­ble­ma­tik steht stets im Fokus der Öffent­lich­keit, was bei der The­ma­tik des Geld­sys­tems nicht der Fall ist. Die­ses hei­ße Eisen wird sehr sel­ten ange­rührt. Die Sum­me all die­ser Aktio­nen macht Kol­le­gah für die herr­schen­de Ord­nung gefähr­lich und erklärt damit die Media­len Kugeln, die gegen Kol­le­gah nun in Sal­ven geschos­sen wer­den.

Anti­lo­pen gegen einen Löwen

Eine Anti­lo­pe, die sich mit einem Löwen anlegt – so etwas Bescheu­er­tes gibt es nicht in Afri­ka, son­dern nur im Deut­schen Rap! Ohne hier noch zusätz­lich das State­ment der anti­deut­schen Anti­lo­pen­gang auf­zu­rol­len, soll es hier gene­rell um die Aus­sichts­lo­sig­keit die­ses – zu unrecht geführ­ten – Kamp­fes gegen Kol­le­gah und Farid Bang gehen. Nicht, dass man einen Kampf nicht füh­ren soll­te, nur weil der Geg­ner über­mäch­tig ist.

Wenn Raub­tie­re in der Wild­nis auf die Jagd gehen, dann suchen sie sich die schwächs­ten Mit­glie­der der Her­de raus und nicht den Kopf. Das soll nicht bedeu­ten, dass ich Kol­le­gah und Farid Bang eine „Füh­rer­rol­le“ zuspre­che, nur sind die­se bei­den Figu­ren die­je­ni­gen, die am schwers­ten ver­wund­bar und am ehes­ten in der Lage sind, sich zu ver­tei­di­gen. Aber genau die­se Figu­ren picken sich nun die pro­mi­nen­ten Ver­leum­der von Cam­pi­no bis Hei­ko Maas raus.

Unlieb­sa­me Per­so­nen als Anti­se­mi­ten zu stig­ma­ti­sie­ren ist in Deutsch­land nichts Neu­es. Der inves­ti­ga­ti­ve Jour­na­list Ken Jeb­sen kann davon – wenn auch nicht ganz so schnell wie Kol­le­gah – ein Lied sin­gen. Bedenkt man, dass Jeb­sen in sei­ner Zeit beim RBB in jeder sei­ner 545 Radio­sen­dun­gen in sei­ner Rubrik „Nach­den­KEN“ à fünf Minu­ten vor einer Wie­der­kehr des Holo­causts warn­te – das sind 45 Stun­den am Stück, bezie­hungs­wei­se bei­na­he zwei Tage, an denen Jeb­sen durch­ge­hend nichts ande­res tat – und man es den­noch schafft, mit einer Pipi-Lang­strumpf-Metho­dik die Din­ge so hin­zu­dre­hen, dass Jeb­sen als „glü­hen­der Anti­se­mit“ dasteht, wird klar, dass man wirk­lich jeder Per­son den Anti­se­mi­tis­mus-Stem­pel auf­drü­cken kann.   

Der Bume­rang-Effekt, der bereits bei Jeb­sen sehr groß war, wird im Fal­le von Kol­le­gah um noch ein Viel­fa­ches grö­ßer sein! Der Boss wird noch mehr Rück­halt in der Bevöl­ke­rung erfah­ren und die Fak­ten, die klar für Kol­le­gah spre­chen, wer­den die Medi­en in eine noch grö­ße­re Glau­bens­kri­se stür­zen. Die Zei­len aus dem im Zuge der Echo-Ver­lei­hung ent­stan­den Track All eyez on us  sind nur ein seich­tes Vor­be­ben auf das, was Juli­an Rei­chelt von der BILD, die Anti­deut­schen und sämt­li­che ande­re Pro­mi­nen­te, die sich auf die­ses The­ma stürz­ten, auf den kom­men­den Alben von Boss und Ban­ger erwar­ten wird. Der man­gels Rück­grat abge­schaff­te Echo – mit des­sen Zer­stö­rung sich die bei­den auf den kom­men­den Plat­ten eben­falls brüs­ten wer­den – ist dabei nur das ers­te Opfer. Ob man das nun gut oder schlecht fin­det – es wer­den auf die oben genann­ten Per­so­nen nicht gera­de zärt­li­che Ver­se nie­der­reg­nen. Kol­le­gah weiß es in jeder Hin­sicht, sei­ne Geg­ner aus­ein­an­der zu neh­men:

Ich bin ihnen lyrisch über­le­gen /

Bin ihnen psy­chisch über­le­gen /

Und sie sehen /

Nach­dem sie inten­si­ve Pimps­laps krie­gen /

Ich bin ihnen auch phy­sisch über­le­gen“

Bos­saura (2011)

Wie sehr Kol­le­gah einen lyrisch in die Man­gel neh­men kann, muss­ten schon zahl­rei­che Ber­li­ner Rap­per am eige­nen Leib erfah­ren. Völ­lig zu Recht behaup­tet Kol­le­gah, dass sei­ne Tracks gegen jeman­den mit Ruf­mord ver­gleich­bar sei­en. Und mit phy­si­scher Gewalt – ein Mit­tel vor des­sen Gebrauch sich ins­be­son­de­re Anti­deut­sche schon lan­ge nicht mehr scheu­en – kön­nen die Geg­ner dem Boss eben­falls nicht begeg­nen. Selbst in Über­zahl und mit Base­ball­schlä­gern bewaff­net dürf­te es ihnen schwer fal­len, dem Mus­kel­protz auch nur einen Zahn aus dem Sie­ger­lä­cheln zu schla­gen.

Das Ende vom Lied

Sind Kol­le­gah und Farid Bang nun Anti­se­mi­ten? Die Ant­wort lau­tet ganz klar: Nein! Kol­le­gah und Farid Bang kre­ieren mit ihren Tex­ten eine fik­tio­na­le Welt mit einer dazu­ge­hö­ri­gen Die­ge­se. Und die­se hat mit der Rea­li­tät nicht viel gemein. So gel­ten inner­halb die­ser Die­ge­se nicht ein­mal die phy­si­ka­li­schen Geset­ze, wenn zum Bei­spiel „her­an­bret­tern­de Dampf­loks“ an dem Geschlechts­teil von Kol­le­gah „zer­schmet­tern“, sel­bi­ger sei­ne Geg­ner in die Umlauf­bahn des Jupi­ters prü­geln kann oder des­sen Bizeps gar über eine eige­ne Umlauf­bahn ver­fügt. Die­se Die­ge­se zer­bricht, sobald „der Beat nicht mehr läuft“, respek­ti­ve man als Hörer sei­ne Kopf­hö­rer aus dem Gehör­gang zieht.

Felix Blu­me und Farid Hamed El Abdel­laoui sind trotz eines gewis­sen Gra­des an „Real­ness“ kom­plett ande­re Per­so­nen als die fik­tio­na­len Figu­ren, die sie in ihren Tex­ten skiz­zie­ren. Sie zeich­nen sich in der Rea­li­tät durch gro­ße Wohl­ta­ten – wie die oben erwähn­te Paläs­ti­na-Rei­se aus – was ihre fik­tio­na­len Cha­rak­te­re nie­mals tun wür­den, sowie durch auf­klä­ren­de Bei­trä­ge, die an man­chen Stel­len holp­rig sind und hier und da auch mal Feh­ler ent­hal­ten. Sie haben abseits ihrer Musik einen Wer­te­ka­non, der auch frag­wür­di­ge Wer­te beinhal­tet und der durch­aus eine Bri­se Nicht­kampf-Prin­zip ver­tra­gen könn­te, der jedoch ganz klar Soli­da­ri­tät und Anstand ver­mit­telt. In den letz­ten Jah­ren konn­te man das Gefühl bekom­men, Rap sei für Kol­le­gah nur noch ein Mit­tel zum Zweck:

Alles erreicht, doch ich scheiß drauf, /

dass ich rap­t­ech­nisch der König bin /

Raper­fol­ge sind für mich nur Trep­pen­stu­fen zu was Grö­ße­rem /

Denn um was zu ver­än­dern /

Braucht man Reich­wei­te und Geld /

[…]

und komm mir nicht mit „Ver­schwö­rungs­theo­rie!“ /

auf die­ser Welt sieht man so viel Zer­stö­rung wie noch nie /

Hör auf mich und sieh, wie sie Urwäl­der ver­bren­nen /

Natur­völ­ker ver­drän­gen und in Flut­wel­len erträn­ken /

Und weil kaum einer Geld oder Finan­zen ver­steht /

Ver­skla­ven sie die Welt durch das moder­ne Ban­ken­sys­tem

[…]

Doch ich kämpf‘ für die­se ster­ben­de, kran­ke Welt“

Fokus (2016)

Und was ist nun mit die­ser Ausch­witz-Text­zei­le? Ja, sie ist dumm, unüber­legt und aus­ge­spro­chen geschmack­los! Sie öff­net einen unheil­vol­len Frame, durch den nichts Gutes mehr kom­men kann. Gleich­zei­tig stellt sich die Fra­ge, war­um die­se Zei­le aus­schließ­lich anti­se­mi­tisch gedeu­tet wird? Waren in Ausch­witz nicht auch ande­re poli­tisch ver­folg­te Grup­pen inhaf­tiert? Wider­ständ­ler, Homo­se­xu­el­le und Behin­der­te? Wäre es dann nicht ange­mes­se­ner von Men­schen­feind­lich­keit im All­ge­mei­nen zu spre­chen? Doch anschei­nend gibt es ein Inter­es­se, die bei­den Rap­per als Anti­se­mi­ten abzu­stem­peln.

Wor­te und Taten

Wir müs­sen uns die Fra­ge stel­len, was wir bevor­zu­gen? Häss­li­che Wor­te und schö­ne Taten oder schö­ne Wor­te und häss­li­che Taten? Ist es nicht bes­ser, wenn wir unse­re destruk­ti­ven Trie­be im aggres­si­ven Rap als Ablass­ven­til raus las­sen und danach wie­der – im posi­ti­ven Sin­ne – nor­ma­le, empa­thi­sche und hilfs­be­rei­te Men­schen sind? Oder seh­nen wir uns mehr nach ver­meint­lich smar­ten, net­ten Poli­ti­kern wie Oba­ma oder Macron, die es wis­sen, uns mit schö­nen Wor­ten zu umschmei­cheln, aber dann in der Rea­li­tät(!) völ­ker­rechts­wid­ri­ge Angrif­fe durch­füh­ren?

Ich bin für Ers­te­res!

Ich hab zwar nen schlech­ten Ruf dank der Gang­s­tar­a­pal­ben /

doch ganz ohne Ruf kannst du kei­ne Echos erhal­ten“

Geno­zid (2015)

Nico­las Riedl

5 Gedanken zu „Hexenjagd auf Rapper Kollegah

  1. Schön, dass wenigs­tens ein Arti­kel mal für Kol­le­gah spricht. Es herrscht aktu­ell ja immer noch eine rei­ne Het­ze gehen ihn (9. Novem­ber 2019). Es hört ein­fach nicht auf. Er muss die Eli­ten schreck­lich geär­gert haben mit sei­ner Auf­klä­rung. Das zeigt doch wie recht er hat mit dem was er sagt. Ich wür­de mich ein­fach wün­schen, dass sich mehr Stim­men erhe­ben. Aber ich den­ke durch einen Alb­um­kauf kann man ihm zei­gen, dass man auf sei­ner Sei­te steht.

  2. Nico­las Riedl, dein Arti­kel lässt deut­lich erken­nen, wie­viel Recher­che, Aus­ein­an­der­set­zung und damit Zeit und Ener­gie du inves­tiert hast.
    Vie­len Dank! Das ist es, was Demo­kra­tie für mich aus­macht: Wir reden über Mei­nungs­ver­schie­den­hei­ten und kon­su­mie­ren nicht ein­fach Ansich­ten.

  3. Das war der bes­te Kom­men­tar, den ich zu die­ser The­ma­tik je gele­sen habe. Ich dach­te zwar, die­ses The­ma sei zuen­de aber die Main­stream-Pres­se über­rascht mich immer wie­der! Die­ser Arti­kel hat alle Möch­te­gern-Zei­tun­gen mit Fak­ten zer­legt und mund­tot gemacht, mal gucken wel­che drei Zei­le sie sich aus die­sem Kom­men­tar raus­zie­hen um ihn als Anti­se­mi­tisch zu bezeich­nen 🙂

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