Hexenjagd auf Rapper Kollegah

In einer medialen Hetzjagd soll Kollegah der Antisemitismus-Stempel aufgedrückt werden. Warum soll der Rapper gesellschaftlich geächtet werden und was ist an den Vorwürfen dran?

Vom Axel-Springer-Verlag, über Antideutsche, dem Pseudo-Punker Campino bis hin zu Außenminister Heiko Maas sind sich alle einig: Kollegah und Farid Bang seien Antisemiten und müssten mit allen Mitteln bekämpft werden. Die Schmutzkampagne gegen den selbsternannten Überboss-Rapper mit Hühnenfigur fand im Rahmen der Echo-Verleihung ihren traurigen Höhepunkt. Es ist keine neue Methode, unliebsame Personen mit dem Vorwurf des Antisemitismus zu überziehen, wobei sich dieser Vorwurf durch eine kurze Gegenrecherche meist selbst entlarvt, jedoch durch die fleißige Arbeit von Strg+C-Journalisten lange an den Geächteten anhaftet. Diesmal haben sich die Verleumder jedoch einen übermächtigen Gegner ausgesucht, der sich nicht leicht bezwingen lässt, über eine im doppelten Sinne breite Fanbase verfügt und sich solche Anschuldigungen nicht gefallen lassen wird.

Echo vor dem Echo

Ein großes Echo vor und nach der Echo-Verleihung. Kollegah und Farid Bang waren für diesen begehrten Musikpreis in der Kategorie „HipHop/Urban National“ nominiert. Wer den Preis erhält, entscheiden bereits Wochen vorher die Verkaufszahlen. Nach dem bahnbrechenden Boxenverkauf des jüngsten Kollaboration-Werkes „JBG 3“ (Jung Brutal Gutaussehend), war diese Platte selbstverständlich die wirtschaftlich stärkste in dieser Kategorie.

Nicht auf der Platte „JBG 3“ selbst – wie viele Medien fälschlicherweise berichteten – sondern auf der sich in der Premium-Box befindlichen Zusatz-EP „§185 EP“, genauer gesagt auf dem Track „0815“ befindet sich die Textzeile von Farid Bang: der Funke, der zur medialen Detonation führte.

„Mein Körper definierter als von Auschwitzinsassen“

Selbst als Rap-Fan, der schon so einiges gewohnt ist, kann man diese Zeile als enorm geschmacklos empfinden. Die Texte von Kollegah und Farid Bang bewegen sich in einem Bereich, der bei klar überspitzter und somit nicht ernstzunehmender Gewaltdarstellung beginnt:   

„geb dir Hiebe mit der Faust /

stampf dich in den Boden und du kommst in China wieder raus“

Königsaura (2014)

„box deinen Lieblings-MC weg /

Und er krepiert in ‘ner anderen Zeitzone

[…]

Ich hab bei Drive-Bys keine Panzerfaust dabei /

Ich mach Fly-Bys im Kampfhubschrauber /

Weil so mein Anzug sauber bleibt“

Red Light District Athem (2015)

…und bei Textzeilen endet, die nun wirklich die Grenze des guten Geschmackes überschreiten, wie zum Beispiel folgendes Exemplar:

„sie kochen für mich das Crystal Meth in Trailercamps/

Freaks mit ausgefallenen Frisur’n wie’n Krebspatient“

Kalter Krieg (2015)

Wenn der ehemalige Jurastudent Felix Blume in die Rolle des Zuhälter- und Überbosses Kollegah schlüpft, scheint es lyrisch keine Tabugrenzen zu geben. Die Kritik an harten Texten im Deutschrap hatte in den Nullerjahren ihre Blütezeit. Da waren die problematisierten Akteure des Deutschraps vor allem Bushido und das Aggro-Berlin-Lager. Das Augenmerk richtete sich allerdings auf die Gewaltverherrlichung, den Drogenkonsum und den Sexismus. Antisemitismus spielte in der „alten“ Debatte überhaupt keine Rolle. Dabei rappte Kollegah bereits 2006 (!) auf seinem zweiten Zuhältertape:

„ich verkauf Rauschgift in Massen /

An blasse Frauen, die aussehn wie Auschwitzinsassen“

Nacht (2006)

Hat das damals irgendjemanden gejuckt? Wo war da der große Aufschrei? Er blieb aus und kam auch in den Folgejahren nicht, in denen Begriffe wie „Über- oder Untermensch“ integraler Bestandteil von Kollegahs Wortschatz wurden oder er über die „Endlösung der Rapperfrage“ sinnierte.

Die Frage war rhetorisch, da sie sich sehr schnell beantworten lässt: 2006 war Kollegah

1. nicht politisch,

2. nicht berühmt, weswegen Punkt 1 im umgekehrten Falle keinen Effekt gehabt hätte,

3. noch nie in Palästina gewesen.

Warum diese drei Faktoren, nachdem sie jetzt erfüllt sind, aktuell diese Diffamierungswelle ausgelöst haben, möchte ich erst später beantworten. Vorab sollten wir die Chronik dieser Schlammschlacht genauer unter die Lupe nehmen.

Chronik einer Schlammschlacht

Die BILD, die ich nun wirklich als „Zeitung“ bezeichnen möchte, eröffnete das Feuer und war in der gesamten Debatte um Antisemitismus und künstlerische Freiheit an vorderster Front. Ein Artikel jagte den nächsten. Die restlichen Medien zogen mit in die Schlacht, der WDR veröffentlichte gar eine dreiviertelstündige Dokumentation über Antisemitismus im Deutsch-Rap. 

Kollegah und Farid Bang zögerten nicht lange. Auf dem Kanal von Kollegahs Label Alpha Music Empire erschien ein achtminütiges Video, das stilistisch – insbesondere was die dramatische Musik im Hintergrund anbelangt – mehr wie  ein billiges Propaganda-Video wirkt, aber inhaltlich zu glänzen vermag. Kollegah hält den Medien wie BILD und RTL den Spiegel vor, prangert den zwar abnehmenden, aber stets noch schlechten Einfluss ihrer Inhalte auf die Konsumenten an sowie die heuchlerische Haltung, Dinge wie Zensur oder Einschränkung der Meinungsfreiheit, die diese anderen Staaten wie Russland vorwerfen, selbst zu praktizieren. Wie allseits bekannt, gehört es im Hause BILD zum guten Ton, gegen Gruppen wie Moslems, „gierige Griechen“, „gefährliche Ausländer“ und „faule Hartz-IV-Schmarotzer“ zu hetzen. Sich als ein Hetzblatt wie dieses als Schutzpatron für eine bedrohte Minderheit aufzuspielen, ist – gelinde gesagt – unglaubwürdig! Weiter verurteilt er insbesondere RTL, Formate wie DSDS zu unterhalten, die von der Bloßstellung einzelner lebt, was im Gegensatz zu einem Rap-Battle nicht auf Gegenseitigkeit beruht.

Weiterhin weist er die Vorwürfe des Antisemitismus zurück und verweist auf seine Freundschaften mit Leuten unterschiedlichster Ethnien und Glaubensrichtungen, unter denen sich früher auch der Jude Sun Diego aka. Spongebozz befand.

Er belässt es nicht bei Kritik und Rechtfertigung. Er ruft die Medien dazu auf, das Thema adäquat zu behandeln oder die Waffen niederzulegen, um einen nicht zu gewinnenden Kampf nicht sinnlos fortzuführen. Dem folgend ruft er sämtliche Künstler sowie seine Fans dazu auf, sich für diese Sache mit ihm und Farid zu solidarisieren und neben dem Hashtag #jesuisjbg3 auch mit #AlphaKellerBanger Farbe zu bekennen.

Die Medien, allen voran die BILD, reagierten augenblicklich auf das Video, gehen dabei jedoch nicht auf die Punkte Kollegahs ein, sondern beißen sich an einer kurzen Stelle fest, in der eine eindeutig antisemitische Karikatur zu sehen ist. Und hier hat die BILD wieder am selben Köder angebissen, der ihr schon mal vom Bord der TITANIC in Form eines inszenierten Russia-Gate zwischen Juso-Chef Kevin Kühnert und einem ominösen russischen Hacker zugeworfen wurde. Das Video wurde nämlich – und das erklärt vielleicht auch die teils schludrig-dilettantische und propagandistische Machart – von dem YouTuber Mois im Auftrag von Kollegah geschnitten. Dieser hat die Karikatur – hört, hört – mit Absicht reingeschnitten. Reingeschnitten, um zu testen, ob die Medien das achtminütige Video auf eine Sekunde reduzieren und sich über ein Stilmittel echauffieren, welches man bei Charlie Hebdo einfach durchwinken würde. Wette gewonnen!

Farid Bang äußerte sich indes auf Facebook mit einer Entschuldigung an Auschwitzüberlebende und Rapperin Esther Bejarano, die sich im Vorfeld über diese Nominierung echauffiert hatte, in der er für seine „Unreflektiertheit“ um Verzeihung bat und ihr anbot, mit ihr zusammen einen Track mit Kollegah zu recorden und diese Einnahmen einer Einrichtung ihrer Wahl zu spenden.

Etwa zeitgleich erschien ein Statement von Kollegah als Instagram-Story, in dem er den Medien gezielte Rufschädigung vorwarf, ihnen aber gleichzeitig anbot, ein Interview mit ihm zu machen, welches er selbst aufzeichnen würde, um es dann ungeschnitten hochzuladen. Gleichzeitig wendete er sich fragend an seine jüdischen Fans, ob diese sich auf antisemitische Art und Weise von ihm angegriffen fühlen würden. Zum Ende packte er dann den „Finishing-Move“ aus und gestattete allen Juden lebenslänglich (!) kostenlosen Zugang zu seinen Konzerten, inklusive Backstage-Zutritt! Dies, sowie die öffentliche Entschuldigung von Farid, fand in den Medien – wie Kollegah es bereits vermutete – nicht einmal den Hauch einer Erwähnung. Dieses Weglassen, das Hauptinstrument von Lückenpresse, demaskiert das Vorhaben der Medien, gezielt Rufschädigung zu betreiben. Zu erwähnen, dass ein Rapper auf abertausende Euros zugunsten jüdischer Fans verzichtet, würde nämlich die Narration eines Antisemiten-Rappers in ihren Grundfesten zerstören.

Obwohl nun eigentlich klar war, nach welcher Agenda die Medien arbeiten, wollte es Kollegah in einer weiteren Instagram-Story genauer wissen. Er forderte die großen Medienhäuser auf, über Pizza-Gate zu berichtet und bot demjenigen Journalisten, der berichtet, sogar 25.000 Euro an. Pizza-Gate ist ein Thema, welches von den Mainstream-Medien voreilig mit dem Kampfbegriff „Verschwörungstheorie“ abgestempelt wird, dabei aber im Hinblick auf den Fall Dutroux in Belgien oder dem Sachsensumpf hierzulande, keineswegs so abwegig ist. Weiterhin bietet der geleakte  Mailverkehr zwischen Hillary Clinton und ihrem befreundeten Wahlkampfleiter John Podesta keine stichhaltigen Beweise, aber durchaus Grund zum Stirnrunzeln! Und da bei dieser ganzen Debatte das Fass aufgemacht wurde, wie weit Kunstfreiheit gehen darf, kann man sich beim Anblick von John Podestas wirklich abstoßender und pädophile Elemente enthaltender „Art Collection“ die Frage stellen:

Ist das Kunst oder kann das angekotzt werden?

Die Ethik-Kommission des Echos entschied in einem Statement, das Duo zuzulassen. Wer nun glaubt, die Sache sei damit gegessen, der hat sich geirrt!

Die Echo-Verleihung und Campino

Als der Echo in der Kategorie „Rock national“ an Campino ging, gab er diesen schnell an die Moderatorin zurück um zu seinem Hauptanliegen zu kommen. Statt es in rebellischer Punker-Manier in die Menge zu rotzen, fischte er ein DINA-4-Papier aus seiner Gesäßtasche, welches er mit zitternder Hand mehr oder weniger stockend vorlas. Provokation und Grenzüberschreitungen seien Stilmittel, mit welchen er und seine Band selber operiert hätten, weswegen er vom Fach sei, was er allerdings im nächsten Atemzug mit seiner zum Brüllen komischen Aussprache von „Battle-Rap“ widerlegte. Nach einer langen Volksrede um den heißen Brei herum verurteile er den Song 0815. Eine Grenze sei zu ziehen, wenn es um „frauenverachtende, homophobe, rechtsextreme, antisemitische Beleidigungen geht“. Für diese, im Grunde genommen richtige Aussage, erntete er tosenden Beifall.

Das „Jung Brutal Gutaussehend“-Duo reagierte bei der Entgegennahme ihres Echos entsprechend darauf. Kollegah imitierte mit einem Blatt in der Hand Campinos Zittern und bezeichnete dessen Aufspielen als „moralische Instanz“ als „relativ stillos“. Es gebühre einem so großen Musiker wie Campino nicht. Gegen einen Schwall aus Pfiffen und Buhrufen, hielt er, malbegabt wie der Boss ist, ein spontan entstandenes Porträt von Campino mit einem Heiligenschein auf dem Haupt in die Höhe, mit dem Versprechen, dieses kleine Werk für einen guten Zweck zu versteigern.

Es tut fast weh, wenn man mit Campino und den „Toten Hosen“ aufgewachsen ist, nun so schonungslos mit ihm ins Gericht ziehen muss. Nur steckt hinter Kollegahs Campino-Porträt mehr als nur ein Funke Wahrheit. Campino ist schon lange kein Punker mehr! Ganz abgesehen davon, dass die Musik der „Hosen“ seit diesem Jahrzehnt allerhöchstens noch als Kuschel-Punkrock bezeichnet werden kann, der für das System keinerlei Gefahr darstellt; Man kann so eine Musik auch nicht von einem „Punker“ erwarten, der seinen Bruder dafür lobt, dass dieser Banken rettet, die sich auf Kosten der Bürger im Börsen-Kasino des Kapitalismus verzockt haben – und der sich dafür kaiserlich bezahlen lässt – oder der sich auf die Seite einer konservativ-christlichen Kanzlerin stellt.

Es stellt sich zudem die Frage, ob sich Campino darüber Gedanken gemacht hat, ob die die von ihm selbst gezogenen Grenzen nicht auf seinem eigenen Label JKP überschritten werden . Dort finden wir nämlich die antideutsche Rap-Gruppe Antilopen Gang, die nicht müde werden, ihrem Hass und Verachtung gegenüber Deutschland zu frönen und sich in ihren Texten den in einem Baggersee mündenden atomaren Fallout auf dem Gebiet der BRD herbeizusehnen. Ein Wunder, dass es noch keinen Aufschrei von Hiroshima- oder Nagasaki-Überlebenden oder der IPPNW gab. An der Stelle sei vermerkt, dass die Antilopen selbstverständlich ebenfalls auf diesen Zug aufsprangen, da dieses Thema das gefundene Fressen für Antideutsche ist.

Echo vom Echo

Künstler gaben ihre Echos zurück, BILD feuerte weiter gegen die beiden Rapper, Anorak-Revoluzzer-NGO Campact rief zur Solidarität mit Campino auf. Auch Promis und Politik mischten sich nun in das Geschehen ein. Sido bezeichnete auf Twitter das Statement von Campino prompt als „Opferaktion“, auch Bushido solidarisierte sich – dem Rapbeef zum Trotz – mit Boss und Banger. Carmen Geissen empörte sich über Farid Bang. Ein Glück, dass die Geissens lediglich auf RTL II ihr verblödendes Unwesen treiben und nicht rappen, da wir ansonsten im Deutschrap keine Antisemitismus- sondern eine Legasthenie-Debatte hätten.Alice Weidel, ehemals bei Goldman Sachs und nun bei der AfD, forderte gar die Abschiebung von Farid Bang.

Besonders bezeichnend war die Reaktion des Außenministers Heiko Maas. In Anbetracht der Tatsache, dass in der Woche der Echo-Verleihung die Weltpolitik eine Situation vergleichbar mit der Kubakrise erlebte, erstaunt es doch, dass ein Politiker dieses Amtes nichts anderes im Sinne hat, als eine Textzeile zweier Düsseldorfer Rapper. In einer Situation, von der man vermuten kann, dass Außenminister Tag und Nacht wach sind, um auf diplomatischer Ebene für Deeskalation zu sorgen, hatte Maas also noch genügend Zeit und Nerv, um sich mit Campino zu solidarisieren.

 

Kollegah und die Politik

In den ersten acht Jahren seiner Rapkarriere hat sich Kollegah mit politischen Statements komplett zurückgehalten. Im Winter 2013/14 ging es dann allerdings schlagartig und sehr schnell damit los. Der fast zehnminütige Storytelling Freetrack Armageddon, mit dem er sich für eine Million Facebook-Fans bedankte, enthielt das erste Mal eindeutige Querverweise auf die Politik, war aber ganz klar als eine fiktionale Heldengeschichte gekennzeichnet, in der die Figur Kollegah die Welt vor Dämonen rettet.

Wesentlich eindeutiger wurde es dann kurz vor Weihnachten in dem ebenfalls als Freetrack veröffentlichten Werk NWO (New World Order), welches die Machtverhältnisse, die Kriege der Reichen gegen die Armen, die Ausweitung des Überwachungsstaates, explizit den Nahostkonflikt thematisierte und … für den Frieden appellierte!

Ich kann mich noch sehr gut daran erinnern, als ich das erste Mal diesen Track samt Video hörte und sah und mir die Kinnlade auf die Tatstatur fiel! Kollegah macht einen Friedenstrack!

„Wir sind Brüder, wir sind Schwestern /

Nachkommen von Adam /

Ganz egal, ob wir nun „Jahwe“, „Gott“ oder /

„Allah“ sagen“

NWO (2013)

Diese Textstelle entkräftet die Kritik, die sich Kollegah in seinem Armageddon Nachfolgetrack Apokalypse im Jahr 2016 einheimste. Zwischenzeitlich hatte er sich in Facebook-Statements klar zu dem Nahost-Konflikt geäußert und sich tendenziell auf die Seite der Palästinenser gestellt. Auch machte er in einem Interview vage Andeutungen auf Okkultismus in der Musikszene. Zurück zu Apokalypse:

Der Track den wir uns im Folgenden genauer ansehen wollen, ist vom Plot her ähnlich aufgebaut wie Armageddon. Eine dämonische Macht möchte sich die Welt untertan machen. In drei Akten kann Kollegah den teuflischen Plan vereiteln. Im vierten Akt breitet sich der Weltfrieden aus und ausgerechnet dieser Akt wird Kollegah bei seinen Kritikern zum Verhängnis. Aber eines nach dem anderen.

Ein Hexagramm in dem Musikvideo zu „Apokalypse“ genügt Kritikern, um Kollegah Antisemitismus nachzusagen. Bild: Screenshot aus Youtube.

Politikwissenschaftler Jakob Baier hat in der eben schon erwähnten WDR-Dokumentation das Werk genauer unter die Lupe genommen. Im ersten Akt des Werkes wird eine Postapokalypse beschrieben, der zweite Akt handelt davon, wie „dunkle Magie“ beherbergende Schriften aus Babylon, in der al-Aqsa-Moschee zwischengelagert, schließlich durch die Tempelritter bei den Illuminaten landen.

 

In diesem zweiten Akt sieht man bei 07:10 eine Arbeitsfläche mit drei Monitoren, einem Laptop und zweier sich auf der Tatstatur befindlichen Hände, von denen die Linke einen Hexagramm-Ring auf dem Ringfinger stecken hat. Dies wird von Baier als unwiderlegbarer Beweis für eine unterschwellig antisemitische Botschaft ausgemacht. Die Herkunft des Hexagramms reicht allerdings weit zurück und wird erst deutlich später mit dem Judentum assoziiert. Ersteres wird dabei gekonnt weggelassen. Weiterhin diente es auch als Schutzsymbol gegen Dem Strick nach, den Baier Kollegah damit drehen möchte, sitzt in dieser Einstellung ein Jude an den Hebeln der Macht und kontrolliert die Geschehnisse auf der Welt. Das ist aber reine Interpretation. Das Gesicht wird nämlich nicht gezeigt. Die Hände könnten genauso gut zu Kollegah gehören, der im darauf folgenden Akt gegen die Dämonen kämpft. Dagegen spricht, dass Kollegah in den anderen Einstellungen kurzärmlig ist, was bei 07:10 nicht der Fall ist.

Im dritten Akt kämpft Kollegah in Ost-Jerusalem gegen eine Dämonen-Armee und kann ihren Anführer durch einen Teleporter – wer spätestens hier das Fiktionale nicht erkennt, dem ist nicht mehr zu helfen – in die zerstörte City of London folgen und ihn vertreiben. Die Frames „Ost-Jerusalem“ und „City of London“ und die damit verbundene Assoziation mit dem (jüdischen) Großkapital, ist der Stoff, mit dem der Strick des Antisemitismus-Vorwurfes weiter geflochten wird.

Ganz heikel wird es dann im vierten Akt „Eden“. Die Welt wurde gerettet und „man sieht, wie Buddhisten, Muslime und Christen gemeinsam die zerstörten Städte wieder errichten“.

Das Problem wird schnell deutlich. In diesem Plot gibt es in der „schönen, neuen Welt“ scheinbar keine Juden mehr, nachdem die Dämonen in Ost-Jerusalem bekämpft wurden. Waren die Juden etwa die Schergen der Dämonen? So lautet zumindest die Schlussfolgerung Baiers. Ist das nun der Antisemitismus-Beweis? Hinduisten, Naturvölker, Atheisten und Agnostiker wurden allerdings ebenfalls nicht aufgezählt. Selbstverständlich hat das Judentum aufgrund seines jahrtausendlangen Bestehens und seiner weiten Verbreitung eine prominentere Stellung als die eben aufgezählten Ausrichtungen und hätte es eigentlich verdient, in dieser Aufzählung aufgenommen zu werden.

Warum diese Aufzählung nur drei Religionen enthält, lässt sich allerdings auch mit dem Metrum, beziehungsweise – im Falle von Rap – mit dem Flow erklären. Eine saubere Aufzählung besteht aus drei Elementen. Beispiel: Sonne, Mond und Sterne. Wenn man zur besagten Stelle bei 11:42 geht und auf den Takt des Beats achtet, merkt man, dass eine Aufzählung mit vier Weltreligionen Kollegah zum Doubletime (schnellen Rappen) „zwingen“ würde und der Text nicht mehr so sauber auf den Beat passen würde.

Dieses wuchtige Rap-Epos, das zu allem Überfluss auch noch mit einer Bücherverbrennung der Schriften mit der „dunklen Aura“ endet – was den Kritikern noch mehr in die Hände spielt – kann nun vielseitig gedeutet werden und bedarf auf jeden Fall eines umfassenden Geschichtsverständnisses. Ich ganz persönlich halte dieses Werk für eine Demonstration von Kollegahs sprachlicher Raffinesse, gepaart mit dessen Rap-Skills, das auf der einen Seite unterhalten möchte (Kollegah springt aus Kampfhubschraubern und verprügelt Dämonen mit bloßer Faust) und auf der anderen mit dem gezielten Einsatz von Easter-Eggs arbeitet und die aktuell vorherrschende Finanzelite kritisieren möchte. Diese Finanzelite ist dabei keinesfalls mit den Juden gleichzusetzen! Der österreichische Rapper Kilez More brachte es auf seinem Track New World Order gut auf den Punkt:

„Man spricht von Banken /

doch vergisst dabei die City of London /

Willst du Kritik verfassen /

Dann kommt die Antisemiten-Klatsche /

Als würden nur Juden in Finanzeliten handeln“

New World Order (2017)

Den gesamten Kasino- und Raubtierkapitalismus den Juden in die Schuhe zu schieben wäre absolut falsch und durchaus antisemitisch! Es gibt genauso russische wie chinesische Oligarchen. Die Kluft zwischen Arm und Reich ist ein globales, Länder- und Religionsgrenzen überschreitendes Problem! Reiche, jüdische Großfamilien sind lediglich ein paar von vielen Spielteilnehmern, sowie der FC Bayern in der UEFA Campions League nur eine Mannschaft von vielen ist und niemand auf die Idee kommen würde zu behaupten, Bayern würde weltweit den Fußball dominieren.

Wenn wir nun aber schon beim Thema Raubtierkapitalismus angelangt sind, kommen wir zu der jüngsten Geschichte vor dem Echo-Krimi, bei der Kollegah der Elite in die Kniekehle trat.

Kollegah spricht das Geldsystem an!

Nun mal Buddha bei de Fische! Welcher vermeintlich aufgeklärte, intellektuelle Studentenrapper hat das vor ihm getan? Wer hat das so klar und deutlich ausgesprochen wie Kollegah in seiner dringend zu empfehlenden Instragram-Story? Statt simple Plattitüden von sich zu geben, spricht er in aller Deutlichkeit aus, wie die Menschheit, ohne es zu merken, versklavt wird, durch das Zinseszins-System durchgehend – jede Sekunde – enteignet wird und Banken aus dem Nichts(!) Geld drucken. Der anschließende Aufruf, das Geld gewinnbringend zu investieren, anstatt es auf der Bank liegen zu lassen, dürfte den Finanzeliten so gar nicht schmecken!

Hierauf folgte medial kein so großes Echo, wie auf Kollegahs Palästina-Reise, bei der er Schulen im Westjordanland errichtete. Die Nahostproblematik steht stets im Fokus der Öffentlichkeit, was bei der Thematik des Geldsystems nicht der Fall ist. Dieses heiße Eisen wird sehr selten angerührt. Die Summe all dieser Aktionen macht Kollegah für die herrschende Ordnung gefährlich und erklärt damit die Medialen Kugeln, die gegen Kollegah nun in Salven geschossen werden.

Antilopen gegen einen Löwen

Eine Antilope, die sich mit einem Löwen anlegt – so etwas Bescheuertes gibt es nicht in Afrika, sondern nur im Deutschen Rap! Ohne hier noch zusätzlich das Statement der antideutschen Antilopengang aufzurollen, soll es hier generell um die Aussichtslosigkeit dieses – zu unrecht geführten – Kampfes gegen Kollegah und Farid Bang gehen. Nicht, dass man einen Kampf nicht führen sollte, nur weil der Gegner übermächtig ist.

Wenn Raubtiere in der Wildnis auf die Jagd gehen, dann suchen sie sich die schwächsten Mitglieder der Herde raus und nicht den Kopf. Das soll nicht bedeuten, dass ich Kollegah und Farid Bang eine „Führerrolle“ zuspreche, nur sind diese beiden Figuren diejenigen, die am schwersten verwundbar und am ehesten in der Lage sind, sich zu verteidigen. Aber genau diese Figuren picken sich nun die prominenten Verleumder von Campino bis Heiko Maas raus.

Unliebsame Personen als Antisemiten zu stigmatisieren ist in Deutschland nichts Neues. Der investigative Journalist Ken Jebsen kann davon – wenn auch nicht ganz so schnell wie Kollegah – ein Lied singen. Bedenkt man, dass Jebsen in seiner Zeit beim RBB in jeder seiner 545 Radiosendungen in seiner Rubrik „NachdenKEN“ à fünf Minuten vor einer Wiederkehr des Holocausts warnte – das sind 45 Stunden am Stück, beziehungsweise beinahe zwei Tage, an denen Jebsen durchgehend nichts anderes tat – und man es dennoch schafft, mit einer Pipi-Langstrumpf-Methodik die Dinge so hinzudrehen, dass Jebsen als „glühender Antisemit“ dasteht, wird klar, dass man wirklich jeder Person den Antisemitismus-Stempel aufdrücken kann.   

Der Bumerang-Effekt, der bereits bei Jebsen sehr groß war, wird im Falle von Kollegah um noch ein Vielfaches größer sein! Der Boss wird noch mehr Rückhalt in der Bevölkerung erfahren und die Fakten, die klar für Kollegah sprechen, werden die Medien in eine noch größere Glaubenskrise stürzen. Die Zeilen aus dem im Zuge der Echo-Verleihung entstanden Track All eyez on us  sind nur ein seichtes Vorbeben auf das, was Julian Reichelt von der BILD, die Antideutschen und sämtliche andere Prominente, die sich auf dieses Thema stürzten, auf den kommenden Alben von Boss und Banger erwarten wird. Der mangels Rückgrat abgeschaffte Echo – mit dessen Zerstörung sich die beiden auf den kommenden Platten ebenfalls brüsten werden – ist dabei nur das erste Opfer. Ob man das nun gut oder schlecht findet – es werden auf die oben genannten Personen nicht gerade zärtliche Verse niederregnen. Kollegah weiß es in jeder Hinsicht, seine Gegner auseinander zu nehmen:

„Ich bin ihnen lyrisch überlegen /

Bin ihnen psychisch überlegen /

Und sie sehen /

Nachdem sie intensive Pimpslaps kriegen /

Ich bin ihnen auch physisch überlegen“

Bossaura (2011)

Wie sehr Kollegah einen lyrisch in die Mangel nehmen kann, mussten schon zahlreiche Berliner Rapper am eigenen Leib erfahren. Völlig zu Recht behauptet Kollegah, dass seine Tracks gegen jemanden mit Rufmord vergleichbar seien. Und mit physischer Gewalt – ein Mittel vor dessen Gebrauch sich insbesondere Antideutsche schon lange nicht mehr scheuen – können die Gegner dem Boss ebenfalls nicht begegnen. Selbst in Überzahl und mit Baseballschlägern bewaffnet dürfte es ihnen schwer fallen, dem Muskelprotz auch nur einen Zahn aus dem Siegerlächeln zu schlagen.

Das Ende vom Lied

Sind Kollegah und Farid Bang nun Antisemiten? Die Antwort lautet ganz klar: Nein! Kollegah und Farid Bang kreieren mit ihren Texten eine fiktionale Welt mit einer dazugehörigen Diegese. Und diese hat mit der Realität nicht viel gemein. So gelten innerhalb dieser Diegese nicht einmal die physikalischen Gesetze, wenn zum Beispiel „heranbretternde Dampfloks“ an dem Geschlechtsteil von Kollegah „zerschmettern“, selbiger seine Gegner in die Umlaufbahn des Jupiters prügeln kann oder dessen Bizeps gar über eine eigene Umlaufbahn verfügt. Diese Diegese zerbricht, sobald „der Beat nicht mehr läuft“, respektive man als Hörer seine Kopfhörer aus dem Gehörgang zieht.

Felix Blume und Farid Hamed El Abdellaoui sind trotz eines gewissen Grades an „Realness“ komplett andere Personen als die fiktionalen Figuren, die sie in ihren Texten skizzieren. Sie zeichnen sich in der Realität durch große Wohltaten – wie die oben erwähnte Palästina-Reise aus – was ihre fiktionalen Charaktere niemals tun würden, sowie durch aufklärende Beiträge, die an manchen Stellen holprig sind und hier und da auch mal Fehler enthalten. Sie haben abseits ihrer Musik einen Wertekanon, der auch fragwürdige Werte beinhaltet und der durchaus eine Brise Nichtkampf-Prinzip vertragen könnte, der jedoch ganz klar Solidarität und Anstand vermittelt. In den letzten Jahren konnte man das Gefühl bekommen, Rap sei für Kollegah nur noch ein Mittel zum Zweck:

„Alles erreicht, doch ich scheiß drauf, /

dass ich raptechnisch der König bin /

Raperfolge sind für mich nur Treppenstufen zu was Größerem /

Denn um was zu verändern /

Braucht man Reichweite und Geld /

[…]

und komm mir nicht mit „Verschwörungstheorie!“ /

auf dieser Welt sieht man so viel Zerstörung wie noch nie /

Hör auf mich und sieh, wie sie Urwälder verbrennen /

Naturvölker verdrängen und in Flutwellen ertränken /

Und weil kaum einer Geld oder Finanzen versteht /

Versklaven sie die Welt durch das moderne Bankensystem

[…]

Doch ich kämpf‘ für diese sterbende, kranke Welt“

Fokus (2016)

Und was ist nun mit dieser Auschwitz-Textzeile? Ja, sie ist dumm, unüberlegt und ausgesprochen geschmacklos! Sie öffnet einen unheilvollen Frame, durch den nichts Gutes mehr kommen kann. Gleichzeitig stellt sich die Frage, warum diese Zeile ausschließlich antisemitisch gedeutet wird? Waren in Auschwitz nicht auch andere politisch verfolgte Gruppen inhaftiert? Widerständler, Homosexuelle und Behinderte? Wäre es dann nicht angemessener von Menschenfeindlichkeit im Allgemeinen zu sprechen? Doch anscheinend gibt es ein Interesse, die beiden Rapper als Antisemiten abzustempeln.

Worte und Taten

Wir müssen uns die Frage stellen, was wir bevorzugen? Hässliche Worte und schöne Taten oder schöne Worte und hässliche Taten? Ist es nicht besser, wenn wir unsere destruktiven Triebe im aggressiven Rap als Ablassventil raus lassen und danach wieder – im positiven Sinne – normale, empathische und hilfsbereite Menschen sind? Oder sehnen wir uns mehr nach vermeintlich smarten, netten Politikern wie Obama oder Macron, die es wissen, uns mit schönen Worten zu umschmeicheln, aber dann in der Realität(!) völkerrechtswidrige Angriffe durchführen?

Ich bin für Ersteres!

„Ich hab zwar nen schlechten Ruf dank der Gangstarapalben /

doch ganz ohne Ruf kannst du keine Echos erhalten“

Genozid (2015)

Nicolas Riedl

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