Alles nur Show

Barnum (Hugh Jackman) und seine „Freaks“
Bild: Fox

In seiner ersten Regie-Arbeit versucht sich Spezialeffekt-Experte Michael Gracey an einem echten Drahtseilakt. Greatest Showman will einerseits eine dramatische Außenseiter-Geschichte über gesellschaftliche Randfiguren sein, andererseits ein möglichst massentaugliches Wohlfühl-Musical. Letztendlich klappt beides nicht wirklich.

Mitte des 19. Jahrhunderts steht der New Yorker Museumsbetreiber P.T. Barnum (Hugh Jackman) vor dem sicheren Ruin – niemand interessiert sich für seine Ausstellung exotischer Tierpräparate und gruseliger Wachsfiguren. Die rettende Idee kommt schließlich von seinen jungen Töchtern: Warum nicht ein paar lebendige Kuriositäten in die Sammlung aufnehmen? Die Mädchen denken an Einhörner und Meerjungfrauen, aber Barnum hat es auf Sehenswürdigkeiten einer anderen Art abgesehen. Er schart einen bunten Haufen gesellschaftlicher Außenseiter um sich und geht mit seiner „Freak Show“ auf Tour. Die Presse ist entsetzt, das Publikum gespalten – aber die Einnahmen stimmen endlich. Barnum genießt den Erfolg in vollen Zügen, bis er das undurchsichtige Opern-Sternchen Jenny Lind (Rebecca Ferguson) ins Programm aufnimmt und wieder alles auf eine Karte setzt.

„Freaks“ im Hintergrund

Megastar Hugh Jackman ist als Hauptdarsteller Fluch und Segen zugleich. Einerseits kann er mal wieder mit seiner Broadway-Stimme glänzen und funktioniert in den seltenen witzigen Szenen – in denen er seinen Riesen auf Stelzen stellt und den „Dicksten Mann der Welt“ mit Kissen ausstopft – hervorragend. Andererseits wirkt er wie immer einen Hauch zu sympathisch für seine Figur. Auch das Drehbuch tut alles um die Schattenseiten des umstrittenen Zirkus-Pioniers möglichst weiträumig zu umschiffen. Der echte Barnum war ein bekannter Betrüger, der neben siamesischen Zwillingen und Kleinwüchsigen regelmäßig Sklaven und Kinder ausgestellte. Hier wird seine „Freak Show“ zum sicheren Hafen für alle Randgruppen und rechtzeitig zum dröhnenden Finale schnell noch zur „Feier der Menschlichkeit“ erklärt. Diese historische Umdeutung ist keine große Überraschung, aber doch ein bisschen ironisch für einen Film, der einem mit jedem zweiten Song einhämmert, Menschen genau so anzunehmen wie sie sind.

Ansonsten tut Regisseur Michael Gracey wenig um die „Freaks“ aus dem Hintergrund zu holen. Die wenigen, die eine echte Sprechrolle bekommen bleiben meist auf unpassend-witzige Kommentare reduziert – und sind nie mehr als Mittel zum Zweck, um den Lebenstraum unseres Protagonisten zu erfüllen. Der lockt sie ins Rampenlicht („Die Leute lachen sowieso, warum sollen sie nicht dafür bezahlen?“), lässt seine bunte Truppe aber auf der Straße stehen, sobald der Erfolg seiner Show ihm die Türen der höheren Gesellschaft öffnet. Einzig die Trapez-Künstlerin Anne (Zendaya) bekommt eine Nebenhandlung mit eigener kleiner Romanze spendiert – und damit ausgerechnet die Artistin, die als Schwarze zwar aus der Norm des 19. Jahrhunderts fällt ansonsten aber ziemlich jedem Schönheitsideal entspricht.

Zuviel Drama, zu wenig Musical

Liebe am seidenen Faden: Assistent Phillip (Zac Efron) und Artistin Anne (Zendaya) Bild:Fox

Dass für die einzelnen Schaustellern keine Zeit bleibt, liegt auch daran dass Barnums Jugend zur dramatischen Vorgeschichte aufgebauscht wird. Die Liebe des armen Arbeiterkindes zu einer reichen Unternehmertochter wird in kitschigster Romeo & Julia-Manier ausgeschlachtet, bis der Zirkus öffnet und das Familienleben zum Hintergrundrauschen wird. Ab hier zerfasert das Drehbuch mehr und mehr in Nebenhandlungen, bis hin zu Barnums Tochter und ihren Problemen in der Ballett-Schule.

Diese unausgewogene Struktur hemmt nicht nur die Handlung sondern auch den Fluss der Songs. Die Musik funktioniert am besten, wenn sich der Film ganz der durchgedrehten Zirkus-Optik hingibt und Gracey hemmungslos mit Spezialeffekten um sich werfen darf. Die besten Szenen sind die rauschenden Trapez-Vorstellungen und ein Geschäftsessen bei dem Barnum und sein neuer Assistent Phillip (Zac Efron) im Wechselgesang über Geschäftsbedingungen verhandeln. Diese Leichtigkeit steht Greatest Showman sehr viel besser als die dramatisch-realistische Außenseiterpassagen, können den Film aber letztendlich nicht retten. So bleibt ein Musical mit zu wenigen Songs, eine dramatische Biographie, die sich nicht um historische Fakten kümmert und ein Inklusions-Film, der wieder nur auf bekannte Gesichter setzt. Schade.

Simon Lukas

Greatest Showman läuft aktuell im Cinecitta‘ in Nürnberg.

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