Meuterei der Monster

Bild: Panini

Willkommen in Cthulhus schönen neuen Welt Bild: Panini

Im letzten Band seiner Providence-Lovecraft-Bücher enthüllt Comic-Legende Alan Moore warum die Welt untergehen wird: Es gibt einfach zu viele Lovecraft-Bücher! Was wie die schlechteste Verkaufsmasche aller Zeiten klingt, ist nur eine von vielen augenzwinkernden Ausflügen auf die Meta-Ebenen in diesem immer konfuseren Universum. Spannend bleibt es trotzdem.

Entwarnung für Robert Black – die mysteriöse Geheimgesellschaft, deren Spuren er quer durch Neuengland verfolgt hat, scheint sich als harmloser Herrenclub zu entpuppen. Immerhin hat der Journalist genug Material gesammelt, um endlich seinen Roman zu schreiben und als Autor durchzustarten. Bevor es losgeht, besucht er aber erst einmal seinen neuen Freund und Schriftstellerkollegen H. P. Lovecraft im verschlafenen Providence. Doch hier warten weitere Fragen auf ihn: Woher hat der verschrobene junge Mann seine bizarren Ideen? Wieso ist er so wichtig für die Geheimgesellschaft? Und warum bezeichnet ihn seine eigene Mutter als „Monster“? Als Black dann eines Nachts auch noch von einem interdimensionalen Reisenden besucht wird, ahnt er langsam, dass hier etwas nicht mit rechten Dingen zugeht.

Zurück in die Gegenwart

Nach einer gewohnt ruhigen ersten Hälfte zieht Moore das Tempo zum großen Finale hin kräftig an. Während Black nach seinen neuesten Erkenntnissen erschüttert in den 1910ern zurückbleibt, schlingert die Handlung in großen Sprüngen durch die Jahrzehnte bis in die Gegenwart, wo uns eine hochschwangere FBI-Agentin erwartet, deren Kind das Schicksal der Welt entscheiden könnte. Wer hier noch durchblicken will muss nicht nur die bisherigen Providence-Bände im Kopf haben, sondern auch mehr als einen flüchtigen Blick ins Neonomicon, Moores erste Auseinandersetzung mit Lovecrafts Monsterwelt, geworfen haben. Letzteres ist wahrscheinlich sogar wichtiger, denn die bisher mit viel Spannung und seitenlanger Atmosphäre aufgebauten Providence-Kreaturen, werden in der Hektik des Finales oft genug in einzelnen Bildern aus dem Weg geschafft, um Platz für eine neue Generation von Ungeheuern und ihre Rebellion gegen das bestehende System zu machen.

Zum Glück verzichtet Moore bei diesen schlaglichtartigen Rückblenden darauf, jedes einzelne der seltsamen Phänomene auf der Reise kleinteilig zu einem großen Geheimplan zu verknüpfen. Black versteht gerade genug, um einen der wichtigsten Plotpunkte aufzudecken, der Leser – je nach Lovecraft-Kenntnis – vielleicht ein bisschen mehr. Auch Lovecraft selbst bleibt das ganze Buch über in der Rolle des liebenswerten, aber ahnungslosen Einzelgängers, der keine Ahnung hat, was der Geheimbund und die Literaturgeschichte für ihn geplant haben – und was seine Kurzgeschichten schließlich entfesseln werden. Leider verpasst Black die Chance, ein bisschen in den Notizen seines neuen Freundes zu stöbern und seinem Tagebuch ein, zwei unveröffentlichte Geschichten oder Romanfragmente des Meisters beizufügen. So bleiben uns wiedermal nur die detailreichen Tagebucheinträge und unausgegorenen Romanideen des Möchtegern-Schriftstellers Black, bevor das Tagebuch in der Mitte des Bandes selbst zum Handlungselement wird und – endlich – abbricht.

Besuch im Lovecraft-Wunderland

Bild: Panini

Wolkig mit Aussicht auf Ungeheuer  Bild: Panini

Wie schon in den vorherigen Bänden begibt sich Moore immer wieder auf eine ironische Meta-Ebene. Kurz bevor sich sein Schicksal entscheidet, philosophiert Black, unser Hauptcharakter für 10 Bände, darüber, dass der Protagonist einer guten Horrorgeschichte nicht überleben sollte – „obwohl das die Vernichtung einer Figur bedeuten würde, die mir bis dahin ans Herz gewachsen ist“. Im 21. Jahrhundert angekommen wird es sogar noch eindeutiger. Hier stellt der Autor seinen Protagonisten kurzerhand den realen Lovecraft-Forscher Sunand Tryambak Joshi zur Seite, mit dem sie diskutieren können, wie man sich als Lovecraft-Figur so zu verhalten hat. Eine bizarre, aber nicht uncharmante Idee, die perfekt in die traumhafte Atmosphäre des letzten Bandes passt.

Hier am Ende kann Jacen Burrows endlich jede Verbindung zur Realität kappen und sein nüchternes Neuengland binnen weniger Seiten in ein sumpfig-wimmelndes Märchenland verwandeln. Während der Zeichner einige der faszinierendsten Bilder der Reihe zaubert, löst Moore das seit sechs Jahren offene Ende seines Neonomicon mit einem Handstreich auf und legt nebenbei das Schicksal der ganzen Welt fest. Ob das die richtige Entscheidung war, bleibt Geschmacksache. Möglich, dass das stillere, offene Ende typischer für Lovecraft wäre. Der Pomp des Weltuntergangsszenarios in Providence ist dagegen unverkennbar Moore. Und das ist auch nicht das Schlechteste.

Simon Lukas

Die Kritik zu Band 1 gibt es hier, Band 2 hier.

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Alan Moore / Jacen Burrows
Providence Band 3

 

Panini
2017

19,99 €
180 Seiten

Empfohlen ab 18 Jahren

 

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