Räuber mit Rollator

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Joe (Micha­el Cai­ne, links) und Wil­lie (Mor­gan Free­man) auf der Flucht Bild: War­ner Bros.

In Abgang mit Stil ste­hen drei Rent­ner vor dem finan­zi­el­len Ruin und sehen sich zu einem extre­men Schritt gezwun­gen. — Um wie­der an Geld zu kom­men, wol­len sie eine Bank aus­rau­ben. Das klingt ent­we­der nach einem sozi­al­kri­ti­schen Alters­ar­mut-Dra­ma oder nach einer durch­ge­dreh­ten Senio­ren-Komö­die. Regis­seur Zach Braff ver­sucht bei­des gleich­zei­tig. Kei­ne gute Idee.

Rent­ner Joe (Micha­el Cai­ne) erfährt gera­de, dass sich sei­ne müh­sam zusam­men­ge­tra­ge­nen Erspar­nis­se in Luft auf­ge­löst haben, da wird er Zeu­ge eines Bank­über­falls. Drei Mas­kier­te stür­men das Gebäu­de und ent­kom­men mit meh­re­ren Mil­lio­nen Dol­lar. Als wenig spä­ter sei­ne Ren­te gestri­chen wird und der Gerichts­voll­zie­her vor der Tür steht, um sein Haus zu pfän­den, beschließt Joe selbst ins offen­bar so lukra­ti­ve Bank­räu­ber­ge­schäft ein­zu­stei­gen. Zusam­men mit sei­nen Freun­den Wil­lie (Mor­gan Free­man) und Albert (Alan Arkin) macht er den Gangs­ter Jesus (John Ortiz) aus­fin­dig, der die Senio­ren lang­sam in die Welt der Kri­mi­na­li­tät ein­führt. Nach einem Übungs­durch­gang im ört­li­chen Super­markt stür­men die drei so tat­säch­lich mit Schreck­schuss­pis­to­len bewaff­net ihre Bank. Doch mit­ten im Über­fal­len erlei­det Wil­lie einen Schwä­che­an­fall — genug Zeit für einen der Ange­stell­ten den Alarm aus­zu­lö­sen.

Mal Komö­die, mal Tra­gö­die

Dem Ori­gi­nal von 1979 gelang der Spa­gat zwi­schen Dra­ma und Komö­die nahe­zu per­fekt. Lei­der fin­det Scrubs-Regis­seur Zach Braff in sei­ner Neu­auf­la­ge nie zu einem ein­heit­li­chen Stil. So wirkt sein Film mal wie ein wit­zi­ges Gano­ven­film­chen mit augen­zwin­kernd-sozi­al­kri­ti­schem Hin­ter­grund­rau­schen, dann wie­der wie ein eis­kal­te Tra­gö­die mit klei­ner Bank­rau­bein­la­ge. So wird zum Bei­spiel Wil­lies Nie­ren­krank­heit erst in einer dra­ma­ti­schen Sze­ne ein­ge­führt, dann fal­len gelas­sen und schließ­lich auf den letz­ten Metern schnell geheilt. Damit gerät auch das so ambi­va­len­te Ende des Ori­gnin­al­films zu einem main­stream-taug­li­chen Hap­py End-Mit­tel­maß.

Die­se Unent­schlos­sen­heit führt dabei zu einer ziem­lich selt­sa­men Zeit­ein­tei­lung des Films. So ver­geht eine geschla­ge­ne hal­be Stun­de bis das ers­te Mal die Idee eines Bank­raubs im Raum steht. In die­ser Zeit häuft das Dreh­buch eine Men­ge dra­ma­ti­sche Neben­plots an, die für eine gan­ze Rei­he Dra­men gereicht hät­te. Die drei Rent­ner müs­sen sich durch ein Meer aus Neben­fi­gu­ren kämp­fen, einen ent­frem­de­ten Vater bekeh­ren, eine ein­sa­me Super­markt­mit­ar­bei­te­rin trös­ten und sich mit einem Dea­ler her­um­schla­gen, bis sie mit Jesus schließ­lich auf ihren vier­ten Mann tref­fen. Ab dann geht plötz­lich alles ganz schnell und eine kur­ze Trai­nings-Mon­ta­ge spä­ter ste­hen sie schon mas­kiert und bewaff­net in der Bank.

Gym­nas­tik­übun­gen zu Span­nungs­mu­sik

J plant den Bankraub

Jesus (John Ortiz, Mit­te) plant den Bank­raub
Bild: War­ner Bros.

Das ist umso tra­gi­scher, weil der Film aus­ge­rech­net als Rent­ner-Heist-Movie am bes­ten funk­tio­niert. Wenn die drei sich eine Ver­fol­gungs­jagd mit einer Laden­de­tek­ti­vin lie­fern oder zu trei­ben­der Span­nungs­mu­sik ihre Gym­nas­tik­übun­gen machen, braucht es die gan­zen tra­gi­schen Hin­ter­grund­ge­schich­ten nicht, um mit den Möch­te­gern-Bank­räu­bern mit­zu­fie­bern. Beson­ders Cai­ne und Free­man zei­gen hier auch immer wie­der ihr komi­sches Talent. — Jeden­falls mehr als in den Dia­log­sze­nen, die irgend­wie alle ver­däch­tig nach Clint East­woods zyni­schem Gran Tori­no-Rent­ner klin­gen.

Über all das könn­te man hin­weg­se­hen, wenn der Film in sei­nen dra­ma­ti­sche­ren Momen­ten eine ech­te poli­ti­sche Aus­sa­ge hät­te und sich zum Bei­spiel an einem rea­len Fall abar­bei­ten wür­de. Doch Braff ver­liert sich hier in all­zu bekann­ten Kli­schees. Feis­te Ban­ker ver­zo­cken das Geld der ahnungs­lo­sen Senio­ren und ein beson­ders schmie­ri­ger Fir­men­spre­cher ver­kün­det, dass die Ren­ten­zah­lun­gen wegen einer Umstruk­tu­rie­rung — Glo­ba­li­sie­rung und so — vor­erst ein­ge­stellt sind. Die Rent­ner blei­ben heroi­sche Robin Hoods, die sogar gele­gent­lich pathe­tisch in die Kame­ra schau­en und sich mit gerech­tem Zorn und ohne zu vie­le Details über die Zustän­de auf­zu­re­gen. Hier wur­de eine ech­te Chan­ce ver­spielt, die 1979er-Geschich­te in die Gegen­wart zu holen.

Simon Lukas

Abgang mit Stil läuft aktu­ell im Cin­ecit­ta‘ in Nürn­berg.

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