Woyzeck: Live in Concert

Andreas Pommer im Interview mit dem Reflexmagazin

Andre­as Pom­mer im Inter­view mit dem Reflex­ma­ga­zin                                                                   Bild: Jonas Nekol­la

Andre­as Pom­mer hat es wie­der ein­mal geschafft. Ein alt­be­kann­tes Stück neu zu insze­nie­ren und auf eine enorm viel­sa­gen­de und viel­sei­ti­ge Wei­se zu bewer­ben, den poten­ti­el­len Zuschau­er dann doch fra­gend, aber neu­gie­rig zurück­zu­las­send.
Des­halb tra­fen wir uns mit ihm, um die­se Fra­gen zu klä­ren und über die Bedeu­tung von klas­si­schen deut­schen Wer­ken, anstren­gen­de und doch ange­neh­me Pro­be­pha­sen, die Sym­bio­se von Musik und Thea­ter und natür­lich „Woy­zeck“ zu spre­chen.

re>flex: Begin­nend eine Fra­ge zu dir. Ich habe gese­hen, dass dein ers­tes pro­du­zier­tes Stück  „Nach dem Früh­lings Erwa­chen“ gewe­sen ist, wel­ches eines der erfolg­reichs­ten Stü­cke der Stu­dio­büh­ne ist.

Andre­as: (lacht) Das haben sie net­ter­wei­se vor vier Jah­ren da rein­ge­schrie­ben, und seit dem hat­ten wir schon vie­le tol­le Sachen, aber es hat nie­mand gelöscht, des­we­gen steht das jetzt immer noch da.

Hast du Druck, wenn du ein neu­es Stück insze­nierst?  Also hat man da das Gefühl, dass da eine Erwar­tungs­hal­tung von den Zuschau­ern ist, die man erfül­len muss?

Ja tat­säch­lich, also es ist mir immer wich­tig. Wird das Stück ästhe­tisch gut? Bin ich zufrie­den mit den ein­zel­nen Sze­nen? Hat man am Ende noch genü­gend Zeit, um es gut zu machen? Kom­men genü­gend Schau­spie­ler? Fährt man kein Minus ein damit? Das sind vie­le Sachen, die schwin­gen so im Hin­ter­kopf mit. Und das gehört auch zum Thea­ter dazu. Ja, das ist auf jeden Fall so, dass ich mir da Gedan­ken mache.

Weil du gera­de den Punkt der eige­nen Zufrie­den­heit ange­spro­chen hast. Was ist dir wich­ti­ger? Eige­ne Zufrie­den­heit? Oder gehst du dann schon ein biss­chen nach der Publi­kums­hal­tung, dass es da gut ankommt.

Ich hat­te bis­her immer das Glück, dass wenn es mir gefal­len hat, dem Publi­kum auch gefal­len hat. Und ich glau­be ein­fach, dass das auch in Zukunft so sein wird. Ich hof­fe, dass das bei­des nicht aus­ein­an­der­drif­tet, son­dern dass das sehr ähn­lich ist.

Nun legen wir den Fokus auf Woy­zeck. Wie kam es dazu, dass du dich für „Woy­zeck“ ent­schie­den hast?

Ich habe letz­tes Jahr Faust insze­niert und habe, als ich Faust gemacht habe, für mich beschlos­sen, dass ich jetzt eine Rei­he deut­scher Klas­si­ker mache. Also Faust und Woy­zeck, danach viel­leicht Nathan der Wei­ße oder die Räu­ber, das wer­den wir dann sehen. Ich fin­de an deut­schen Klas­si­kern hat man den gro­ßen Vor­teil, dass man davon aus­ge­hen kann, dass die meis­ten unse­rer Zuschau­er die­se Stü­cke ken­nen, weil sie sie ent­we­der schon mal im Thea­ter gese­hen oder in der Schu­le gele­sen haben. Und dadurch hat man eine grö­ße­re Frei­heit in der Inter­pre­ta­ti­on, als man sie bei ande­ren Stü­cken hat. Man kann mit die­sem Vor­wis­sen des Publi­kums ein­fach spie­len und das fin­de ich beson­ders span­nend. Außer­dem ist Woy­zeck eines der größ­ten Stü­cke, die wir im deut­schen Thea­ter haben und daher ist es immer rele­vant und inter­es­sant, sich die­sem Stück zu wid­men.

Hast du dabei aber kei­ne Angst? Wie du schon selbst ange­spro­chen hast, kennt die­ses Stück so gut wie jeder, da könn­te es doch gut sein, dass die Men­schen kei­ne Lust mehr haben und über­sät­tigt sind?

Ich hab die Erfah­rung nicht gemacht. Ich bin jetzt auch schon län­ger in der Stu­dio­büh­ne Erlan­gen dabei und da wer­den im Jahr so zehn Stü­cke insze­niert. Und man sieht doch immer wie­der, dass die Stü­cke, die bekann­te Namen haben, schon einen gro­ßen Vor­teil haben. Da kom­men ein­fach grund­sätz­lich mehr Leu­te. Das kann noch ein so toll insze­nier­tes Stück sein, wenn es einen Namen hat, der nie­man­dem etwas sagt, dann wer­den weni­ger Zuschau­er kom­men. Von daher hab ich nicht das Gefühl, dass das Erlan­ger Publi­kum, zumin­dest das Publi­kum, das wir anspre­chen, in irgend­ei­ner Form über­sät­tigt ist davon.

Also hast du auch kei­ne Angst auf­grund der Woy­zeck-Pro­duk­ti­on des let­zen Monats? Siehst du das even­tu­ell auch als Ansporn um eine ande­re Her­an­ge­hens­wei­se, und somit etwas Neu­es zu zei­gen?

Ja, das war natür­lich super, das die The­Wi-Stu­den­ten schon mal vor einem Monat Woy­zeck auf­ge­führt haben. Da haben wir ganz schön geschaut, als auf ein­mal die Pla­ka­te dort hin­gen. Aber unser Ansatz ist hin­rei­chend unter­schied­lich, so dass es sich eigent­lich fast um zwei kom­plett unter­schied­li­che Stü­cke han­delt. Die The­Wi-Stu­den­ten haben das ganz groß­ar­tig gemacht. Sie woll­ten, dass man so rich­tig mit­füh­len kann mit den Cha­rak­te­ren. Und das haben sie klas­se umge­setzt. Wir ver­fol­gen einen post­mo­der­nen Ansatz. Bei uns ist das Stück frag­men­ta­risch, expe­ri­men­tell und in gänz­li­cher Wei­se anders, als man das nor­ma­ler­wei­se so gewohnt ist.

Und wie wür­dest du jetzt die­ses anders beschrei­ben? Auf eurer Inter­net­sei­te der Stu­dio­büh­ne steht ja auch, dass es sehr inno­va­tiv ist. Was ist da so die neue Her­an­ge­hens­wei­se an das Stück?

Unse­re neue Her­an­ge­hens­wei­se an das Stück ist, dass wir ver­su­chen ein Kon­zert zu imi­tie­ren. Wir haben uns die Fra­ge gestellt, was ist eigent­lich der Unter­schied zwi­schen einem Kon­zert und einem Thea­ter­stück. War­um glau­ben wir es einem Front­man einer Band, wenn er zwei trau­ri­ge Songs spielt und zwi­schen­drin einen Witz erzählt? Und was pas­siert, wenn das Schau­spie­ler plötz­lich zwi­schen ihren Sze­nen machen? Und die­se Fra­ge stel­len wir uns mit die­ser Insze­nie­rung. Die funk­tio­niert wie ein Kon­zert. Ein­zel­ne Songs, ein­zel­ne Sze­nen, wer­den sepa­rat von­ein­an­der gespielt, mit klei­nen Pau­sen dazwi­schen und einer auf­bau­en­den Set­list. Das ist unser Ansatz.

Also wür­dest du sagen, dass es mehr ein Kon­zert als ein Thea­ter­stück ist?

Es ist weder noch, oder bei­des. Wir haben Live­mu­sik die jede Sze­ne unter­legt, wobei unter­legt sogar das fal­sche Wort ist. Das ist wie ein inte­gra­ler Bestand­teil jeder Sze­ne. Wobei das Schau­spiel natür­lich auch da ist. Viel­leicht bie­ten wir ein biss­chen von bei­dem, und schaf­fen etwas Neu­es. Wir sind, so haben wir es auf unse­ren Fly­ern genannt, Grenz­gän­ger zwi­schen Musik und Thea­ter.

Ihr habt euch aber klar davon abge­grenzt, dass es kein Musi­cal ist. Die Leu­te könn­ten ja schnell dar­auf kom­men bei der Kom­bi­na­ti­on von Musik und Thea­ter.

(lacht) Jaja, das ist rich­tig. Even­tu­ell kom­men des­we­gen auch so vie­le Leu­te. Wir haben vie­le Reser­vie­run­gen. Viel­leicht den­ken sie alle, es ist ein Musi­cal. Die ziehn auch sonst immer. Aber nein, es ist kein Musi­cal. Bei uns ist nichts gesun­gen. Es ist Musik und Thea­ter, gleich­zei­tig, alles in allem.

Seid ihr durch die­sen Kon­zert­as­pekt auch auf die Idee mit den Vor­bands gekom­men? Das ist schon etwas total Neu­es, denn man kennt es so nicht, dass vor einem Thea­ter­stück noch irgend­wel­che Musi­ker per­for­men.

Das ist genau des­we­gen. Um den Kon­zert­cha­rak­ter unse­rer Insze­nie­rung und unse­res Abends zu beto­nen. Denn wenn wir das gleich eta­blie­ren mit einer Vor­band, dann wird gespielt und geklatscht zwi­schen den Songs. Und dann stel­len sich die Leu­te gleich ganz anders auf das, was sie spä­ter sehen wer­den, ein und sind nicht so „über­fah­ren“,  wie wenn wir ein­fach gleich auf die Büh­ne sind.

Gab es für die Acts bestimm­te Kri­te­ri­en? Wie kam es zu genau die­sen Bands? Bei einem Künst­ler ist es logisch, da er zur Stu­dio­büh­ne gehört. Ein Über­a­schungs­act. Aber wie war es bei den bei­den Ande­ren? Ein­fach nur weil sie euch gefal­len?

Letzt­end­lich haben wir sie gewählt, weil sie uns gefal­len. Wir haben meh­re­re Bands ange­fragt. Vie­le hat­ten auch Lust und dann haben wir ein­fach die aus­ge­sucht, die am Bes­ten zu dem Gesamt­stil des Abends pas­sen. Aus ganz unter­schied­li­chen Grün­den. Die Band, die am Don­ners­tag spielt, ist musi­ka­lisch ein­fach sehr ähn­lich mit dem, was wir machen. Bei der Band am Frei­tag sind die Tex­te auf Deutsch, leicht ver­ständ­lich und gehen häu­fig auch über Lie­be und Schmerz. Das ist spä­ter natür­lich auch das zen­tra­le The­ma, das wir dann in Woy­zeck behan­deln.

Andreas Pommer im Interview mit dem Reflexmagazin

Andre­as Pom­mer im Inter­view mit dem Reflex­ma­ga­zin                                                                   Bild: Jonas Nekol­la

Wie waren die Pro­ben? Wel­che Art von Kom­pli­ka­tio­nen gab es?

Das war glaub ich die kom­pli­zier­tes­te Pro­be­pha­se die ich jemals hat­te, weil wir ja immer mit Live­mu­sik geprobt haben. Das heißt, man muss schon ein­mal immer einen Ver­stär­ker dabei haben und eine Gitar­re, und man kann nicht ein­fach mit­ten­drin eine Sze­ne unter­bre­chen, und sagen: Spiel das mal mit mehr Gefühl oder so. Man muss direkt von vor­ne anfan­gen, weil das mit der Musik ja per­fekt getimed ist. Und das war eine gro­ße Her­aus­for­de­rung. Wir benut­zen auch auf der Büh­ne stän­dig Mikro­fo­ne. Und die­se Mikro­fo­ne kön­nen wir aber nur im Auf­füh­rungs­ort anschlie­ßen. In unse­rem Pro­be­raum haben wir gar kei­ne Anla­ge, wo wir Mikro­fo­ne anschlie­ßen kön­nen. Also da hat­ten wir ganz ganz gro­ße Her­aus­for­de­run­gen. Pro­ble­me ist jetzt viel­leicht Quatsch, da wir ja alles gelöst haben und alles gut ist, aber es war viel schwie­ri­ger als die ande­ren Stü­cke, die ich so gemacht habe.

Und wie kam es dann dazu, dass ihr in Zim­mern von Leu­ten geprobt habt (was zumin­dest in den Face­book Vide­os den Anschein macht). Hat­te das bestimm­te Grün­de oder habt ihr ein­fach kei­nen Ort, um da aus­zu­wei­chen?

Also die Stu­dio­büh­ne Erlan­gen probt an ver­schie­de­nen Orten in Erlan­gen. Wir waren eine Zeit lang im Gemein­de­zen­trum am Ber­li­ner Platz, ’ne Zeit lang in unse­rem Pro­be­raum in Dech­sen­dorf. Der sieht halt auch ein biss­chen aus wie ein Wohn­zim­mer. Das ver­wech­selt man schon ein biss­chen. Ges­tern hat­ten wir tat­säch­lich unse­re Gene­ral­pro­be in einem Wohn­zim­mer. Das war sehr nett, da haben wir gesagt, das nächs­te Mal müs­sen wir mal ein Wohn­zim­mer­thea­ter­kon­zert machen. Wenn es Wohn­zim­mer­kon­zer­te gibt müss­te es das eigent­lich auch mit Thea­ter geben. Das war super nett. Da saßen wir alle so auf dem Sofa und haben dann so unse­re Tex­te gespro­chen. Musik gemacht. Das war total gemüt­lich. Hat mir rich­tig gut gefal­len.

Also zusam­men­fas­send klingt es so, als ob es eine doch recht spa­ßi­ge und ange­neh­me Pro­be­zeit war.

Ja, es war eine sehr ange­neh­me Pro­be­zeit. Eine gro­ße Her­aus­for­de­rung, aber eine sehr ange­neh­me Pro­be­zeit. Das liegt natür­lich vor allem an den wahn­sin­nig tol­len Schau­spie­lern, die ich habe, die fan­tas­ti­sche Schau­spie­ler, fan­tas­ti­sche Men­schen und auch gute Freun­de sind.

In Woy­zeck geht es ja eigent­lich haupt­säch­lich dar­um, dass die Haupt­per­son dem Wahn­sinn ver­fällt. Wie wollt ihr das dann dar­stel­len? Wenn ich nach den Aus­schnit­ten auf Face­book gehe (die Dok­tor Sze­ne), dann wirkt es so, dass die ver­schie­de­nen Schauspieler/Stimmen den Wahn­sinn ver­kör­pern und für den Zuschau­er greif­ba­rer machen sol­len.

Genau, das ist rich­tig. Wir spie­len mit Dop­pel­be­set­zun­gen an vie­len Stel­len. In der Dok­tor Sze­ne haben wir vier Dok­to­ren und einen Woy­zeck. An ande­ren Stel­len haben wir meh­re­re Woy­zecks und eine Marie. Und das wech­selt von Sze­ne zu Sze­ne, da jede Sze­ne eine abge­schlos­se­ne Ein­heit wie ein Song ist. Und dann wäh­len wir immer genau die Kon­stel­la­ti­on, die unse­rer Mei­nung nach die aktu­el­le Stim­mungs­la­ge am bes­ten ver­kör­pert.

Gibt es da nicht Kom­pli­ka­tio­nen mit den Zuschau­ern, wenn die Beset­zung stän­dig wech­selt? Nicht dass das Publi­kum den Durch­blick ver­liert.

Ja, die gibt es, aber damit kom­men wir wie­der zurück zur Idee: War­um deut­sche Klas­si­ker? Das kann ich mit einem deut­schen Klas­si­ker machen. Wo ich den Fokus auf Woy­zeck und Marie habe, und even­tu­ell noch den Dok­tor und den Tam­bour­ma­jor ken­nen muss. Und die kann ich rela­tiv schnell iden­ti­fi­zie­ren. Wenn ich jetzt aber ein sehr abs­trak­tes post­mo­der­nen Stück mache, zum Bei­spiel etwas von Sarah Kay­ne, dann kann ich das nicht, dann ver­wirrt es da Publi­kum viel schnel­ler. Also ich glau­be, der post­mo­der­ne Ansatz ist für Klas­si­ker gut geeig­net.

Ich habe ja schon ange­spro­chen, dass ihr vie­le Vide­os und Bil­der zu dem Stück vor­ab aus Wer­be­zwe­cken über Face­book ver­brei­tet habt. Habt ihr nicht die Befürch­tung, dem Zuschau­er zu viel vor­weg­zu­neh­men? Das Prin­zip kennt man ja auch bei Kino­trai­lern.

Das ist auch immer eine gro­ße Sor­ge mei­ner Schau­spie­ler gewe­sen. Ich per­sön­lich kann von Thea­ter nicht gespoi­lert wer­den. Und ich fin­de Thea­ter ist etwas anders als Kino, denn da geh ich nicht rein und den­ke mir, dass ich die bes­ten Sze­nen schon gese­hen habe. Jeder Abend ist da etwas beson­de­res, weil eine Che­mie zwi­schen den Auf­tre­ten­den und den Zuschau­ern ent­steht. Des­we­gen den­ke ich, ist das für Thea­ter nicht so rele­vant. Ich muss aber auch dazu sagen, dass wir so eini­ge Schman­kerl nicht gezeigt haben. Wenn man dann am Don­ners­tag und am Sams­tag und am Frei­tag kommt ist da noch viel, das es zu ent­de­cken gibt.

Das Inter­view führ­te Nico Hil­scher.

Die kom­men­den Stü­cke der Stu­dio­büh­ne fin­det ihr hier.

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