Zwei Stunden Kinomagie

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Zau­ber­lehr­ling Stran­ge (Bene­dict Cum­ber­batch) Bild: Dis­ney

Wäh­rend Spi­der-Man, Scar­lett Witch und Visi­on ziem­lich umstands­los ins Mar­vel-Uni­ver­sum gesetzt wur­den, bekommt Doc­tor Stran­ge mal wie­der eine ech­te Orig­in­sto­ry spen­diert. Regis­seur Scott Der­rick­son wirft den Zuschau­er in ein­drucks­voll ani­mier­te magi­sche Wel­ten — und hat neben­bei eine wirk­lich gute Geschich­te zu erzäh­len. 

Dr. Ste­phen Stran­ge (Bene­dict Cum­ber­batch) zählt zu den Top-Chir­ur­gen der Welt. Wenn er nicht gera­de im OP Leben ret­tet oder Aus­zeich­nun­gen ent­ge­gen nimmt, düst er mit sei­nem schi­cken Sport­wa­gen durch New York. Bei einem beson­ders ris­kan­ten Fahr­ma­nö­ver kommt sein Wagen von der Stra­ße ab und der Dok­tor fin­det sich selbst als Pati­ent in der Not­auf­nah­me wie­der. Trotz meh­re­rer Ope­ra­tio­nen in den mehr­fach gebro­che­nen Hän­den ist klar, dass Stran­ge nie mehr ope­rie­ren kön­nen wird. Auf der ver­zwei­fel­ten Suche nach einer Hei­lung reist er bis nach Nepal, wo ihn die geheim­nis­vol­le „Ältes­te“ (Til­da Swin­ton) in uraltes magi­sches Wis­sen ein­weiht. Die Zeit drängt, denn einer ihrer ehe­ma­li­gen Schü­ler (Mads Mikkel­sen) steht kurz davor, einen mäch­ti­gen Dämon auf die Erde los­zu­las­sen.

Medi­zi­ni­sche Magie, magi­sche Medi­zin

Regis­seur Scott Der­rick­son stand vor der nicht ganz ein­fa­chen Auf­ga­be der in sich geschlos­se­nen Mar­vel-Welt eine magi­sche Sphä­re hin­zu­zu­fü­gen. Damit fin­den Zau­be­rei und Wis­sen­schaft bei ihm zu einer cle­ve­ren und über­ra­schend plau­si­blen Koexis­tenz. Die Ältes­te lehrt neben Cha­k­ren und Aku­punk­tur auch nüch­ter­ne Ana­to­mie und wenn Dr. Stran­ge von einem magi­schen Dolch durch­bohrt wur­de, ver­traut er sich den Hän­den sei­ner Chir­ur­gen­freun­de an.

Bei den über­na­tür­li­chen Fähig­kei­ten sei­ner Figu­ren beschränkt sich Der­rick­son glück­li­cher­wei­se auf eine Hand­voll Zau­ber, die wir zusam­men mit Stran­ge ken­nen ler­nen. Die Magie wirkt damit nie belie­big und Kämp­fe blei­ben über­sicht­lich — selbst wenn sie in einer Spie­gel­di­men­si­on statt­fin­den, in der Natur­ge­set­ze nach Lust und Lau­ne gebro­chen wer­den kön­nen. Hier kip­pen die Zau­be­rer Wol­ken­krat­zer inein­an­der, erwe­cken anti­ke Archi­tek­tur zum Leben und rei­ßen gan­ze Stra­ßen­zü­ge in Stü­cke. Der Film zün­det dabei ein Feu­er­werk an guten Ide­en und opu­len­ten Effek­ten, für die sich das 3D-Ticket aus­nahms­wei­se wirk­lich lohnt.

Mar­vel made for Chi­na

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Kae­ci­li­us‘ (Mads Mikkel­sen, Mit­te) ver­dreh­te Welt Bild: Dis­ney

Am schwächs­ten ist Doc­tor Stran­ge tat­säch­lich, wenn er zu sehr der bewähr­ten Mar­vel-For­mel folgt. Auch wenn das Schick­sal der gan­zen Welt auf dem Spiel steht legt das Dreh­buch dem Dok­tor immer wie­der die typisch wit­zi­gen One­li­ner in den Mund und unter­gräbt damit ein Stück weit Cum­ber­batchs ernst­haf­te Dar­stel­lung. Neben­bei wird er noch in eine unpas­sen­de Lie­bes­ge­schich­te ver­hed­dert, die die eigent­lich inter­es­san­te Rachel McA­dams zur gene­ri­schen Gelieb­ten her­ab­stuft. Dage­gen erfüllt sich ein ande­res Mar­vel-Kli­schee nicht: Der Film war­tet tat­säch­lich mit einem guten Ant­ago­nis­ten auf. Mads Mikkel­sen‘ Kae­ci­li­us ist ein psy­cho­lo­gisch inter­es­san­tes Gegen­bild zu Stran­ge, des­sen Moti­va­ti­on weit über die gewöhn­li­chen Welt­herr­schafts­plä­ne hin­aus­geht.

Über sol­chen tie­fen Cha­rak­ter­stu­di­en — und den fan­tas­ti­schen Schau­wer­ten — ist die größ­te Kon­tro­ver­se um Doc­tor Stran­ge im Kino schnell ver­ges­sen: Til­da Swif­ton über­nahm die Rol­le des im Ori­gi­nal tibe­ti­schen Magier­meis­ters, um poli­ti­sche Kon­tro­ver­sen im wich­ti­gen Zuschau­er­land Chi­na zu ver­mei­den. Auch an ande­ren Stel­len wird schnell klar wie gezielt der asia­ti­sche Markt ins Auge genom­men wur­de — so fin­det die End­schlacht in den Stra­ßen von Hong­kong statt. Im Gegen­satz zu ande­ren Anbie­de­rungs­ver­su­chen der letz­ten Jah­re funk­tio­niert es hier aber gut, als mäch­ti­ger Zau­be­rer muss sich Stran­ge schließ­lich um die gan­ze Welt küm­mern. Und mit der obli­ga­to­ri­schen Sze­ne nach dem Abspann wird klar, dass der Dok­tor auch in sei­ner Hei­mat­stadt New York bald wie­der alle Hän­de voll zu tun haben wird.

Simon Lukas

Doc­tor Stran­ge läuft aktu­ell im Cin­ecit­ta‘ in Nürn­berg.

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