kultur>kolumne: An die Nachwelt

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Was auch immer das sein soll… Bild: Patri­cia Ach­ter

Es pas­sie­ren schlim­me Din­ge in der Welt, ich weiß: Die Bri­ten ver­las­sen die EU – der Krieg in Syri­en – Eng­land wird von Island im EM-Ach­tel­fi­na­le geschla­gen. Alles wei­te­re Schreck­li­che über­las­se ich der Fan­ta­sie jedes ein­zel­nen. Ich schrei­be lie­ber über etwas, was ich per­sön­lich schlimm fin­de: Lap­tops in Vor­le­sun­gen.

Lap­top“ ist hier nur ein Über­be­griff für ver­schie­de­ne tech­ni­sche Gerä­te, auf denen man mit­schrei­ben kann. Gegen­wär­ti­ge Gerä­te wie Tablets und Smart­pho­nes, aber auch zukünf­ti­ge Gerä­te wie… wie auch immer die hei­ßen mögen. „Vor­le­sung“ ist ein Über­be­griff für Situa­tio­nen, in denen man etwas auf­schrei­ben muss, als Gedächt­nis­stüt­ze sozu­sa­gen. Dar­un­ter fal­len auch Unter­richts­stun­den, Bespre­chun­gen im Arbeits­all­tag, Ein­käu­fe, Tele­fon­ge­sprä­che, spon­ta­ne Ide­en.

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Bild: Patri­cia Ach­ter

Inzwi­schen ist es weit ver­brei­tet, alles ein­zu­tip­pen. Den Ein­kaufs­zet­tel ins Smart­pho­ne, die Vor­le­sun­gen in den Lap­top. Die Vor­tei­le lie­gen auf der Hand. Plötz­lich kann man sei­ne eige­nen Auf­zeich­nun­gen lesen (sogar Mona­te spä­ter), tip­pen geht mit eini­ger Übung schnel­ler, man braucht weder Wer­be-Kugel­schrei­ber noch Papier (Ret­tet den Regen­wald!), man kann neben­bei im Inter­net sur­fen. Tip­pen ist prak­tisch. Eines Tages, in fer­ner Zukunft, wird das Kul­tus­mi­nis­te­ri­um fra­gen: Müs­sen wir Grund­schü­lern über­haupt noch Hand­schrift bei­brin­gen? Das fra­gen jetzt schon man­che Men­schen, die aber glück­li­cher­wei­se von ande­ren Stim­men über­tönt wer­den. Noch.

An die­ser Stel­le sehe ich es als mei­ne Pflicht an, der Nach­welt einen Text zu hin­ter­las­sen, der ihr ins Gewis­sen spricht. Lie­be Nach­welt, die Hand­schrift ist eine Kul­tur­tech­nik! Kul­tur ist etwas Kost­ba­res, etwas Schüt­zens­wer­tes. Jede Hand­schrift ist indi­vi­du­ell – nicht immer leser­lich, aber ein­zig­ar­tig. Sie sagt so viel aus über einen Men­schen und sei­ne Per­sön­lich­keit und sei­nen aktu­el­len Gemüts­zu­stand. Und über­haupt: Die Mensch­heit schreibt schon seit Jahr­tau­sen­den mit der Hand.

Stell dir doch mal vor, lie­be Nach­welt, wie es wäre, wenn ein Klein­kind nicht mehr selt­sa­me Krin­gel und Stri­che malen wür­de (die die Eltern aus­ru­fen las­sen: „Unser Kind ist ein Natur­ta­lent! Es wird ein zwei­ter Van Gogh!“), nein, statt­des­sen wischt es über ein Tablet oder ver­wen­det irgend­ei­ne ande­re völ­lig simp­le, nicht-indi­vi­du­el­le Tech­nik. Wo bleibt denn da die Krea­ti­vi­tät? Wo wären all die wun­der­schö­nen (weil vom eige­nen Kind gemal­ten) Strich­männ­chen und Son­nen? Es wäre ein kul­tu­rel­ler Ver­lust, ein Ver­lust für das Kunst­er­le­ben jedes ein­zel­nen.

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Bild: Patri­cia Ach­ter

Und wie lang­wei­lig wären Doku­men­te, die in Vor­le­sun­gen oder Bespre­chun­gen getippt wur­den? Ein Stift und ein Papier (oder im Zwei­fel ein Tisch) genü­gen, um Krit­zel-Kunst­wer­ke zu erstel­len. Krit­ze­lei­en, die etwas über uns aus­sa­gen. Lie­be Nach­welt: Wenn du nicht mehr krit­zelst, ent­steht eine gro­ße Lücke. Noch heu­te kön­nen For­scher etwas in Höh­len­ma­le­rei­en lesen. Was wür­de dei­ne Nach­welt von dir fin­den, lie­be Nach­welt? Gerä­te, die nicht funk­tio­nie­ren, auf denen Daten gespei­chert sind, die nie­mand mehr öff­nen kann. Und will. Es wären dann sowie­so nur lang­wei­li­ge Com­pu­ter-Buch­sta­ben ohne jeg­li­che krea­ti­ve Krit­ze­lei zu sehen. Zum Gäh­nen.

Des­halb, lie­be Nach­welt, habe ich auf die­ser Sei­te ein paar ana­lo­ge Bil­der online gestellt. Falls es in der Zukunft kein Inter­net mehr geben soll­te, ist das nicht schlimm. Die Papie­re bewah­re ich in Ord­nern auf – nicht digi­tal, son­dern aus Pap­pe.

Patri­cia Ach­ter

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