kultur>kolumne: We will, we will rock you!

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Vor dem Konzert im E-Werk: Joris im Interview. Bild: Patricia Achter.

„Atemlos durch die Nacht …“

„Herz über Kopf – und immer wenn es Zeit wird zu geh‘n…“

Hat sich einer der Songs schon als Ohrwurm festgesetzt? Ich habe absichtlich Texte ausgewählt, die hierzulande ziemlich bekannt sind. Das Spannende daran ist, dass man die Zeilen nicht einfach liest. Nicht, wenn man die Melodie dazu kennt. Denn sofort, ob man will oder nicht, macht es Klick und die Musik wird im Kopf abgespielt. Ausgelöst durch ein paar Worte. Hätte ich geschrieben: „Heute verkatert aufgewacht …“, würde die Reaktion vollkommen anders ausfallen.

Vielleicht würde jetzt jemand auf eine spannende oder witzige Geschichte hoffen. Oder man denkt sich: Aha, na und? Jedenfalls entsteht kein Lied im Kopf, solange diese Zeile nicht von Helene Fischer oder Herbert Grönemeyer oder der singenden italienischen Nonne (Schwester Cristina) vertont wird. Je nachdem, wer von den dreien meinen Text singen würde, kämen sehr unterschiedliche Versionen heraus. Ich persönlich finde, dass die Grönemeyer-Version im Stil von „Der Weg“ großes Potenzial zu einer tragischen Geschichte hätte. „Heute verkatert aufgewacht“ mit einer schweren, tragenden Musik … das wäre sicherlich sehr beeindruckend.

Solche Vergleiche helfen, sich Musik vorzustellen. Es entstehen Bilder, Melodien im Kopf. Aber wie würde man über eine Band schreiben, die noch niemand kennt? Wie könnte man diese Musik mit Worten beschreiben? Natürlich kann man technisch an die Sache herangehen. Musikexperten können das. Sie verwenden Fachausdrücke, die sie besser als alle anderen Menschen kennen. Sie schreiben von Dur und Rondo und Staccato. Sie beurteilen die Qualität der Musik. Als Laie kann man beeindruckt sein, aber einen Eindruck von der Musik bekommt man nicht. Wie klingt sie denn nun? Nur Vergleiche können noch helfen: Eine Stimme wie Rod Stewart (was auch immer man für diese Stimme tun muss), ein Sound wie Abba und eine Lautstärke wie zehn gleichzeitig startende Flugzeuge. Darunter kann man sich ein bisschen mehr vorstellen. Dann kommen noch die Gefühlsbeschreibungen dazu: Das Lied klingt romantisch, es zaubert allen Zuhörern ein Lächeln aufs Gesicht, Feuerzeuge werden im Takt geschwenkt. Oder: Die Gitarrenriffs erzeugen eine aggressive Grundstimmung. Erinnerungen an Schlägereien aus der Kindheit werden wach.

Musik in Worten beschreiben

Ganz im Ernst, ich habe einen Heidenrespekt vor denjenigen, die versuchen, Musik in Worten auszudrücken. Ich selbst habe immer einen großen Bogen um Musikkritiken gemacht. Das sollen die Musikexperten machen, dachte ich. Letzte Woche war ich aber bei dem Konzert von Joris („Herz über Kopf“ – es hat sich in spontanen Umfragen unter Bekannten gezeigt, dass der Titel bekannter ist als der Sänger). Wir haben ein Interview mit ihm geführt, wobei ich mich aufs Fotografieren beschränkt habe. Zugegebenermaßen kannte ich nämlich nur etwa zwei seiner Songs (was ich ihm höflichkeitshalber nicht gesagt habe). Das Konzert war für mich also voller neuer, unbekannter Musik. Es war großartig. Warum? Ich könnte das Gefühl des bebenden Bodens beschreiben, des Klangs, der durch Mark und Bein ging. Ich könnte davon erzählen, dass Joris alle Zuschauer im Saal dazu gebracht hat, die Augen zu schließen, den Nachbarn in den Arm zu nehmen und zu springen. Von dem Gefühl, im Sommerregen zu tanzen, obwohl wir doch in einem Saal waren. Von dieser unglaublichen Stimme, die ich dem jungen Mann, den wir interviewt haben, nie zugetraut hätte.

Was auch immer ich beschreibe, es reicht bei Weitem nicht an die Realität heran, an den Moment des gemeinsamen Feierns, Singens und Alltagsvergessens. Musik ist eine Kunstform wie kaum eine andere, die direkt das Herz berührt und Stimmungen erzeugt, verändert, zerstört. Sie ist dabei so individuell, dass der eine bei Helene Fischer jubelt und sich der andere die Ohren zuhält.

Ebenso individuell und persönlich sind Musikkritiken. Am Ende muss jeder Leser einen Song selbst hören, um zu entscheiden, ob er ihm gefällt. Ich dachte nach dem Joris-Konzert, dass ich mir das Album anhören sollte – und war enttäuscht. Gegen das Liveerlebnis ist die Aufnahme blass und eintönig. Jemand anders mag anderer Meinung sein. Im Zweifelsfall ist es immer besser, sich die Musik selbst anzuhören, als sich der Meinung eines professionellen Kritikers anzuschließen. Der größte Musikexperte der Welt kann nicht jeden Geschmack treffen. Ein Grund, warum ich ausnahmsweise über Musik schreibe.

Patricia Achter

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