How do you say „NO“ to God?

Bild: Filmplakat Spotlight © Paramount Pictures Germany

Bild: Filmplakat Spotlight © Paramount Pictures Germany

Im Jahr 2002 kam durch die Arbeit der investigativen Abteilung „Spotlight“ der Tageszeitung „Boston Globe“ ein schier unglaublicher Missbrauchsskandal der katholischen Kirche ans Tageslicht. Dieser beschränkte sich zunächst nur auf die Bostoner Region, doch schnell umfasste er die gesamten USA. Der Film unter Regie von Tom McCarthy, welcher Ende letzten Monats in den deutschen Kinos anlief, erzählt in zwei fesselnden Stunden, wie dieser Skandal enthüllt wurde und inwieweit zahlreiche Institutionen und Menschen trotz ihres Wissens dieser Verbrechen über Jahrzehnte schwiegen.

 

Der Film macht dies, um es gleich vorweg zu nehmen, dermaßen gut, dass es einen nicht wundert, an wen der Oscar für den besten Film in diesem Jahr ging. Regisseur McCarthy schaffte es, einen Film, der zum Großteil nur aus Dialogen besteht und im Grunde keinen wirklichen Spannungsbogen aufweist, so unterhaltsam zu gestalten,dass man teilweise das Gefühl hat, selbst bei den Aufdeckungen des Spotlight-Teams live dabei zu sein. Logischerweise lässt einen die Story deshalb nie kalt und man leidet bei jeder neuen Aufdeckung förmlich mit. Auch die teilweise enormen Zeitsprünge, welche im Jahr 2001 aufgrund von 9/11 die tatsächliche Arbeit von Spotlight für mehrere Monaten stoppten, fallen während des Films nicht weiter negativ ins Gewicht. Das kann abermals der sehr guten Regiearbeit McCarthys und dem Drehbuch zugeschrieben werden.

Einen großen Anteil an dieser Authentizität haben die, durch die Bank, genialen Darsteller. Angefangen bei Michael Keaton, der im Moment seinen zweiten Frühling als Schauspieler erlebt, über Liev Schreiber und Rachel MacAdams bis hin zu Stanley Tucci, spielt der komplette Cast derart gut und mit einem, ich nenne es jetzt einfach mal „Realismus“, der dem Film unheimlich gut tut. Es gibt nur ganz selten Situationen, in denen ein Charakter aufgrund der Enthüllung die Fassung verliert und in einen Wutanfall verfällt. Vielmehr reagieren die Spotlight-Journalisten genauso, wie wir wahrscheinlich auch auf solche Neuigkeiten reagieren würden: Geschockter Gesichtsausdruck, verbunden vermutlich mit dem Gedanken „ach du Scheiße“.Sollte man auf Teufel komm raus einen der Darsteller hervorheben, so wäre es wohl Mark Ruffalo, der eine seiner besten Karriereleistungen abliefert und meine Theorie bestätigt, dass es keine wirklich schlechten Filme mit Mark Ruffalo gibt. Abgerundet wird der hervorragende Cast und das starke Drehbuch durch die Musik von Howard Shore, die genau in den richtigen Szenen einsetzt, um diesen das letzte Quäntchen emotionaler Tiefe zu geben.

„…and suddenly a whole town looks the other way.“ (Michael Keatons Charakter Walter „Robby“ Robinson)

Die Story fokussiert sich in erster Linie auf den Bostoner Kardinal Francis Law, welcher die Missbräuche seines Priesters John Geoghan über drei Jahrzehnte deckte. Von anfänglicher Unsicherheit der Journalisten aufgrund des Umgangs der Kirche mit anderen Personen, die ähnlichen Storys auf der Spur waren, über die Angst, vielleicht sogar mit seinen Anschuldigen falsch zu liegen, bis hin zum puren Entsetzen über das tatsächliche Ausmaß der Vorfälle, verfolgen wir das Spotlight-Team auf Schritt und Tritt. Die bereits erwähnten exzellenten schauspielerischen Leistungen geben einem, wie ebenfalls schon beschrieben, das Gefühl nahezu selbst an der Aufdeckung mitzuwirken, was vor allem die geschilderten Einzelschicksale jeweiliger Opfer umso härter zu beobachten macht. Zum Ende hin stellt sich für nicht wenige Personen aus der Bostoner Gesellschaft die Frage, inwieweit man dies alles hätte verhindern können und inwiefern man selbst eine gewisse Mitschuld an dem Skandal trägt.

Spotlight ist nicht nur etwas für Freunde des etwas anspruchsvolleren Kinos, die sich nicht für 90 Minuten lang berieseln lassen wollen, während sie sich mit Popcorn vollstopfen. Der Streifen wird jeden unterhalten, der sich auf die harte Geschichte einlässt. Und wer das macht, wird mit einem der wahrscheinlich jetzt schon besten Filme des Jahres belohnt.

Am Ende der Aufdeckungen standen übrigens 6700 Missbrauchsvorwürfe gegenüber 4392 US-Priester in der Zeitspanne von 1950 bis 2004. Allein in Boston musste die katholische Kirche bisher 85 Millionen Dollar Wiedergutmachung zahlen. Es waren allein 130 Kinder die von Priester John Geoghan missbraucht wurden. Er wurde 2002 schon wegen eines Falles zu zehn Jahren Haft verurteilt. Ein Jahr später wurde Geoghan von einem Mithäftling mit den Worten „keine Kinder mehr für dich, mein Freund“ im Gefängnis erwürgt.

Wer mehr über die Arbeit des wahren Spotlight-Teams wissen möchten, dem können wir für den Anfang folgendes Video empfehlen.

Lukas Mischkus

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