Männer sind vom Mars, Frauen von der Venus?

Lächeln Sie nicht zuviel_ (c) Karoline Felsmann

Sze­ne aus „Lächeln Sie nicht zuviel“, Bild: © Karo­li­ne Fels­mann

Lächeln Sie nicht zuviel. Ralph Jung probt Emi­lia Galot­ti“ — ein inter­es­san­ter Titel, der nicht all­zu viel ver­rät. Das Thea­ter Erlan­gen zeigt im Rah­men der „Werk­schau: Les­sing“ vom 3. bis zum 8. März unter ande­rem die­ses Stück. Im Inter­view mit Regis­seu­rin Anni­ka Schwei­zer geht es um die Insze­nie­rung und das Män­ner- und Frau­en­bild in unse­rer Gesell­schaft. Mögen alle Frau­en pink und alle Män­ner Fuß­ball?

re>flex: Die Grund­ge­schich­te von Emi­lia Galot­ti ist ja, dass der Prinz Emi­lia auf sein Lust­schloss holt und ger­ne als sei­ne Gelieb­te hät­te. Zu der Zeit wäre es nicht so gut gewe­sen, wenn sie sich dar­auf ein­ge­las­sen hät­te…

Anni­ka: …zumin­dest im bür­ger­li­chen Kon­text.

re>flex: Genau. Des­we­gen hat sie dann ihren Vater gebe­ten sie umzu­brin­gen, bevor sie den Ver­füh­run­gen des Prin­zen erliegt.

Anni­ka: So kann man das sagen. Man kann natür­lich auch alles Mög­li­che hin­ein­in­ter­pre­tie­ren. Theo­re­tisch könn­te man auch sagen: Sie will eigent­lich nicht so einen Typen haben, weil sie so einen Men­schen grund­sätz­lich ver­ab­scheut. Das ist die eine Sei­te. Die ande­re Sei­te ist, dass sie ihn tie­risch scharf fin­det und sie möch­te nicht, dass die Sei­te gewinnt. (lacht)

re>flex: Und ihr ver­sucht jetzt, das Stück in die aktu­el­le Zeit zu brin­gen?

Anni­ka: Eigent­lich ver­su­chen wir nicht, das Stück in die aktu­el­le Zeit zu brin­gen. Wir set­zen uns damit aus­ein­an­der, was für ein Män­ner- und Frau­en­bild wir heu­te haben und wel­ches uns die­se Emi­lia Galot­ti zeigt, die 1772 geschrie­ben wur­de. Man könn­te den­ken, das ist total ver­al­tet. Wenn man die­se Emi­lia anschaut, die wie ein klei­nes, unschul­di­ges Mäd­chen kei­nen eige­nen Wil­len hat — zumin­dest zu Beginn des Stücks — wür­de man den­ken: So etwas gibt es heu­te eher nicht. Ein Mäd­chen, das sich kom­plett unter­ord­net und mit dem man machen kann, was man will. Neben Emi­lia schau­en wir uns noch die Prin­zen­fi­gur an, um auf das Män­ner­bild zu kom­men. Was ist das für ein Typ? Es geht dann aber mehr um uns: Was haben wir heu­te für ein Män­ner­bild, wie soll ein Mann sein?

re>flex: Also in der Gesell­schaft.

Anni­ka: Genau. Am Anfang habe ich zu Ralph, dem Schau­spie­ler, gesagt: Wie ist ein Mann? Was ist das ers­te, das dir ein­fällt, ohne Zen­sur? Dann hat er zum Bei­spiel gesagt: Fuß­ball, Wei­ber, Bier und Hea­vy Metal. Das wür­de er männ­lich fin­den. Er wür­de sich nicht als unmänn­li­chen Mann sehen, aber er schaut kaum Fuß­ball, trinkt zu Hau­se kein Bier und hört kein Hea­vy Metal. Es gibt ein gesell­schaft­li­ches Bild davon, wie man zu sein hat und das ist gera­de ein biss­chen im Wan­del.

re>flex: Ich habe einen Arti­kel in der Zeit ent­deckt, der dazu passt. Es geht dar­um, dass frü­her in der patri­ar­cha­len Gesell­schaft vor­ge­ge­ben war, dass der Mann der Beschüt­zer ist. Das wird durch die Gleich­be­rech­ti­gung heut­zu­ta­ge anders gese­hen…

Anni­ka: Das ist so eine Sache, die wir infra­ge stel­len. Offi­zi­ell sehen wir das nicht mehr so, aber irgend­wie herrscht die­ses Rol­len­bild trotz­dem noch vor. Es gibt wahr­schein­lich trotz­dem noch vie­le Frau­en, die eigent­lich einen Mann haben wol­len, an den sie sich anleh­nen kön­nen. Ein Fels in der Bran­dung. Eigent­lich sind wir kom­plett eman­zi­piert, aber wenn der Mann – sagen wir mal böse – ein Schwäch­ling ist und kein Fels in der Bran­dung, dann ist das nicht so attrak­tiv.

re>flex: Das ist inter­es­sant. Weil in dem Arti­kel geht es gera­de dar­um, dass bei den Sil­ves­ter-Vor­fäl­len in Köln die deut­schen Män­ner, die mit ihren Frau­en dort waren, sich nicht für sie geschlä­gert haben.

Anni­ka: Das wird ange­krei­det, oder?

re>flex: Ja. Und dann heißt es, dass sich das wohl geän­dert hat und Män­ner anschei­nend gar nicht mehr die­se Beschüt­zer­rol­le haben.

Anni­ka: Der Witz ist ja, dass alle empört sind und es die­ses Bild gibt: Eigent­lich müss­ten die Män­ner das doch gemacht haben. Das zeigt ja auf der ande­ren Sei­te, dass das noch immer die Anfor­de­rung an den Mann ist. Des­we­gen war es ganz gut, mit einem Schau­spie­ler zu arbei­ten, weil er die­se männ­li­che Sicht­wei­se mit ein­brin­gen konn­te. Wenn ich jetzt eine Schau­spie­le­rin auf die Büh­ne gestellt hät­te, die erzählt, wie benach­tei­ligt die Frau ist, dann kann das rich­tig schön abge­wun­ken wer­den: Mein Gott, wie­der so eine Frau, die sich beschwert. Wenn das ein Mann macht, ist es noch­mal etwas ande­res.

re>flex: Ist das auch sei­ne Mei­nung? Kann er mit Femi­nis­mus etwas anfan­gen?

Anni­ka: Er ist auf jeden Fall für Gleich­be­rech­ti­gung, aber der Gen­der-Dis­kurs war kom­plett neu für ihn. Das hat er sich über das Pro­jekt erar­bei­tet und es war für ihn eher ein Ent­de­cken, sich in die­sem Rah­men mit Rol­len­bil­dern und gen­der und sex zu beschäf­ti­gen. In die Figur, die wir ent­wi­ckelt haben, ist viel von Ralph ein­ge­flos­sen. Aber was er auf der Büh­ne sagt, ist natür­lich nicht hun­dert­pro­zen­tig das, was er auch pri­vat sagt.

Annika Schweizer

Die Regis­seu­rin von „Lächeln Sie nicht zuviel“: Anni­ka Schwei­zer. Foto: Pri­vat.

re>flex: Hal­tet ihr euch dann noch an den Stück­text?

Anni­ka: Es gibt ein­zel­ne Pas­sa­gen von Les­sings Figu­ren, die ange­spielt wer­den: Emi­lia, der Prinz und Orsi­na.

re>flex: Der Fokus liegt auf den drei Figu­ren?

Anni­ka: Ja, es gibt eine Ein­füh­rung in den Plot, aber alles ande­re wäre sonst zu viel gewe­sen. Wir hat­ten zehn, zwölf Pro­ben, in denen wir uns mit Gen­der und Femi­nis­mus aus­ein­an­der­ge­setzt haben, mit Emi­lia Galot­ti und dann sze­nisch gear­bei­tet und Text kre­iert haben. Zum Bei­spiel spielt Ralph Emi­lia in einer Sze­ne auf ver­schie­de­ne Wei­sen.

re>flex: Also ist es ein Aus­pro­bie­ren, wie man die Figu­ren inter­pre­tie­ren kann?

Anni­ka: Es ist ein Offen­le­gen des Bil­des, das vie­le von Emi­lia haben. Emi­lia als unbe­deu­ten­de Titel­fi­gur, eine Figur, die man eigent­lich nur braucht, um zu erzäh­len, wie schlecht das Sys­tem ist. Dass Adli­ge belie­big herr­schen dür­fen und Bür­ger sich noch nicht eman­zi­piert haben. Es gibt vie­le Les­ar­ten des Stücks, die dar­auf hin­zie­len. Das fin­de ich irgend­wie sehr wit­zig. Da wird die­se Frau­en­fi­gur zum rei­nen Werk­zeug, um etwas ande­res zu erzäh­len. Wir haben uns jetzt sehr stark mit Emi­lia als Figur beschäf­tigt. Die Hand­lung pas­siert ja an einem Tag. Früh wird sie von dem Prin­zen fast ver­ge­wal­tigt, dann wird ihr Ver­lob­ter umge­bracht und sie auf das Lust­schloss des Prin­zen gebracht, eigent­lich ent­führt.

re>flex: Des­we­gen ver­ste­he ich auch, war­um ande­re dar­in lesen, dass sie sehr fremd­be­stimmt ist.

Anni­ka: Ja, aber der Witz ist ja, dass die äuße­ren Umstän­de zu der Zeit so sind, dass sie nicht sagen kann: Nein, lass mich. An einer Stel­le sagt sie aber, dass sie einen Wil­len hat. Und da ist sie sehr stark und eman­zi­piert, fin­de ich. Sie sieht in die­sem Sys­tem nur kei­nen ande­ren Weg, ihren Wil­len durch­zu­set­zen, als dass sie sich umbringt. Anders kann sie dem nicht ent­kom­men. Dann bringt sie ihren Vater dazu, sie umzu­brin­gen. Das ist doch sehr selbst­be­stimmt. Sie ist ein Opfer, weil sie kei­nen ande­ren Weg her­aus­fin­det, aber sie ist kein schwa­ches Opfer. In ande­ren Kon­tex­ten ist das ein Mär­ty­rer.

re>flex: Ihr seht sie als moder­ne, eman­zi­pier­te Frau?

Anni­ka: Auf jeden Fall ist sie auf dem Weg dahin. Am Anfang ord­net sie sich noch unter. Am Schluss ord­net sie sich nicht unter. Der Vater möch­te nicht, dass sie sich umbringt. Trotz­dem ist sie in fast allen Dis­kur­sen das Opfer, und ande­re Insze­nie­run­gen stel­len sie auch fast immer so dar. Wir haben uns dann mit den Frau­en­bil­dern beschäf­tigt und damit, wie sie in unse­rer Gesell­schaft immer noch vor­kom­men.

re>flex: Seid ihr dann dar­auf gekom­men, dass es heut­zu­ta­ge gar nicht so anders ist?

Anni­ka: Das ist die Behaup­tung, dass wir gar nicht so weit weg sind von Les­sing. Nach außen, klar, haben wir Eman­zi­pa­ti­on. Die Frau darf wäh­len und arbei­ten, aber eigent­lich hat sich nicht so viel geän­dert. Wir haben näm­lich kein Pro­blem damit, immer und immer wie­der sol­che wei­chen, schwa­chen Frau­en­op­fer auf der Büh­ne und im Fern­se­hen zu sehen. Vor allen Din­gen im Thea­ter, da ist Emi­lia kei­ne Aus­nah­me. Es gibt Gret­chen, Lui­se …

re>flex: Die wer­den alle noch klas­sisch gespielt.

Anni­ka: Ja, und wenn sie mal nicht klas­sisch gespielt wer­den, dann empö­ren sich vie­le Zuschau­er. Aber über das schwa­che Opfer, das auf der Büh­ne heult, dar­über beschwert sich kei­ner. Also scheint das unser Bild zu sein. Es ist okay. Und das ist jetzt mei­ne Aus­sa­ge, unab­hän­gig vom Stück: Ich fin­de das nicht okay. Das glei­che gilt aber auch für die Män­ner. Die haben auch ihre Pro­ble­me damit, wie über „den“ Mann gedacht wird, wie er sein soll, was er kön­nen muss. Wenn er nicht so ist, hat er’s auch nicht leicht. Und dann gibt’s noch Orsi­na, die eine eman­zi­pier­te, star­ke Frau ist und von den Män­nern eher als läs­tig ange­se­hen wird. So wird sie auch in vie­len Insze­nie­run­gen dar­ge­stellt, als Vamp. Das ist ein span­nen­des Phä­no­men, fin­de ich. Wenn Frau­en zu eman­zi­piert sind, zu stark, dann müs­sen sie immer noch damit rech­nen, dass sie eine Femme Fata­le sind. Dazu habe ich einen Arti­kel gele­sen, wie mäch­ti­ge Frau­en in der Pres­se beti­telt wer­den: Als „Power­frau“, „Femme Fata­le“, „lis­ti­ge Wit­we“. Män­ner als „Alpha­tier“, „Leit­wolf“ oder „Mana­ger­denk­mal“. Wenn du als Frau etwas erreicht hast und eman­zi­piert bist, wirst du von gesell­schaft­li­chen Medi­en nega­tiv bewer­tet. Män­ner posi­tiv.

re>flex: Das ist die beruf­li­che Sei­te. Im Pri­va­ten ist es ja auch noch so, dass Frau­en, die zu vie­le Part­ner haben, schnell als Schlam­pe gel­ten. Und für Män­ner ist es nor­mal. Da hat sich das Rol­len­ver­ständ­nis im Kopf auch nicht wirk­lich ver­än­dert.

Anni­ka: Es gibt immer noch zwei­er­lei Maß­stä­be, und das fin­det man auf ganz vie­len Ebe­nen. Ich glau­be, wenn Medi­en der Gesell­schaft immer wei­ter ver­mit­teln, dass erfolg­rei­che Frau­en irgend­wie schwie­rig sind, wird auch das gesell­schaft­li­che Bild in der brei­ten Mas­se so sein. Oder wenn Frau­en in der Poli­tik sind, muss immer her­vor­ge­ho­ben wer­den, dass sie müt­ter­lich sind. „Mama Mer­kel“ ist das per­fek­te Bei­spiel. Ich habe noch nie „Dad Oba­ma“ gehört. Aber Frau Mer­kel, die nicht mal Mut­ter ist, ist die Mama aller Deut­schen, damit sie bloß nicht zu männ­lich ist. Es ist eine Wech­sel­be­zie­hung, wie wir Frau­en zei­gen und über sie den­ken. Weil wir immer noch so den­ken, zei­gen wir sie auch so. Und wenn ich als Mensch immer gezeigt bekom­me, wie eine Frau ist, ver­hal­te ich mich ja auch so. Ich iden­ti­fi­zie­re mich damit und neh­me bestimm­te Sachen an. Das prägt. Gera­de ach­tet man auch wie­der stär­ker dar­auf, dass es hell­blau für Jungs gibt und rosa für Mäd­chen. Das bewirkt ja etwas. Man lernt als Mäd­chen, dass man rosa und pink mögen soll­te und wird auf eine Art wie­der in eine süße, klei­ne Rol­le gepresst. Dar­aus folgt, dass vie­le sich so geben und so wer­den. Dann hole ich mir einen Freund, der groß und stark ist und mir sagt, was ich tun soll.

re>flex: Aber wer­den die Jungs über­haupt noch so erzo­gen?

Anni­ka: Das ist das Pro­blem, das die Män­ner haben. Man möch­te nicht mehr sol­che Bru­ta­lo-Jungs haben, jeden­falls theo­re­tisch, und man möch­te Män­ner, die ver­ste­hen und kom­mu­ni­zie­ren. Also wer­den Jungs auch meis­tens so erzo­gen. Dann sind sie so erzo­gen und es gibt trotz­dem noch die Anfor­de­rung, dass sie stark und Beschüt­zer sein sol­len. Das ist ihr Pro­blem. Klar, durch die Eman­zi­pa­ti­on kön­nen sie sich nicht mehr dadurch defi­nie­ren, dass sie arbei­ten und das Geld nach Hau­se brin­gen. Jetzt müs­sen sie etwas Neu­es fin­den, was sie aus­macht. Mei­ne Behaup­tung ist, das hängt alles mit den Geschlech­ter­rol­len zusam­men. Ein Mann hat die­se Eigen­schaf­ten, eine Frau hat jene Eigen­schaf­ten. Wenn wir auf­hö­ren wür­den, in so einem binä­ren, total abgren­zen­den Sys­tem zu den­ken und ein­fach nur Indi­vi­du­en angu­cken wür­den, dann kann jedes Indi­vi­du­um selbst ent­schei­den. Es gibt Men­schen, die pas­sen in das Sys­tem nicht hin­ein, die sind nicht typisch Mann oder typisch Frau. Es ist nicht so schwarz-weiß, wie wir ger­ne den­ken. Nicht so klar.

re>flex: Dan­ke für das Inter­view und viel Erfolg bei der Auf­füh­rung!

Das Inter­view führ­te Patri­cia Ach­ter

Werk­schau: Les­sing, 03.–08.03.2016:
  • „Lächeln Sie nicht zuviel. Ralph Jung probt Emi­lia Galot­ti“, 04. und 06.03.2016, 20 Uhr, Gara­ge
  • „Min­na von Barn­helm … oder das Sol­da­ten­glück“, 03.03.16, 19:30 Uhr, Mark­gra­f­en­thea­ter
  • „Nathan der Wei­se“, 05.03.16, 19:30 Uhr, Mark­gra­f­en­thea­ter
  • „Die Juden“, 08.03.16, 19:30 Uhr, Mark­gra­f­en­thea­ter

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.