Einmal Bildung, bitte

Rita (Carolin Strobl) will es ganz genau wissen Bild: AMVi-Theater Erlangen

Rita (Caro­lin Stro­bl) will es jetzt end­lich ganz genau wis­sen Bild: AMVi-Thea­ter Erlan­gen

Ohne Vor­kennt­nis­se, aber mit gro­ßen Ambi­tio­nen mel­det sich Fri­seu­se Rita zu einem Lite­ra­tur­kurs an. Ihr Ziel ist klar – sie will ein­fach alles ler­nen. Mit ihrer direk­ten Art bringt sie Leh­rer Frank schnell aus dem Kon­zept. Was als humo­ris­ti­scher Schlag­ab­tausch zwei­er ori­gi­nel­ler Cha­rak­te­re beginnt schraubt sich in der Auf­füh­rung von Edu­ca­ting Rita des AMVi-Thea­ters schnell zu einem gro­ßen Dra­ma über das Wesen von Wis­sen­schaft, Kunst und den Wert der Bil­dung empor.

Der Alko­hol ist schuld. Als Lite­ra­tur­pro­fes­sor Frank Bryant beschließt einen zusätz­li­chen Abend­kurs anzu­bie­ten, will er anfangs nur sei­nen stei­gen­den Schnaps­kon­sum decken. Doch schon sei­ne ers­te Schü­le­rin ent­puppt sich als ech­te Her­aus­for­de­rung: Rita ist eine unaus­ge­las­te­te Fri­seu­se mit gro­ßen Ambi­tio­nen. Mit Lite­ra­tur hat die quir­li­ge Mitt­zwan­zi­ge­rin nicht viel am Hut und ver­steht auch nicht, war­um sie ihre gelieb­ten Gro­schen­ro­ma­ne nicht als Sekun­där­quel­le ange­ben darf. Nur lang­sam dringt Frank zu sei­ner Schü­le­rin durch. Doch der Unter­richt for­dert Opfer: Um ihrem Traum vom Examen ein Stück näher zu kom­men ver­lässt Rita ihren Mann und bricht alle Brü­cken zu ehe­ma­li­gen Freun­den ab.

 

Bücher­at­trap­pen im Schuh­kar­ton

Frank (Daniel Rothenbücher) staunt: Seine Schülerin lernt schnell Bild: AMVi-Theater Erlangen

Frank (Dani­el Rothen­bü­cher) staunt: Rita lernt schnell dazu Bild: AMVi-Thea­ter Erlan­gen

Was als ein­fa­che Kli­schee-Komö­die beginnt, nimmt schnell Fahrt auf und stei­gert sich beson­ders im Ver­lauf des schnel­le­ren zwei­ten Aktes zum Dra­ma um essen­ti­el­le Fra­gen. Das funk­tio­niert vor allem dank Rita-Dart­stel­le­rin Caro­lin Stro­bl. Wäh­rend ihre Figur vom Glit­zer-Shirt zum seriö­sen Pull­over wech­selt, passt Stro­bl Duk­tus und Habi­tus spie­le­risch an Ritas stei­gen­des Bil­dungs­le­vel an. Aus der ner­vö­sen Fri­seu­se wird die begeis­ter­te Stu­den­tin. In Abstän­den von min­des­tens einer Woche huschen die Sze­nen durch einen enor­men Zeit­raum und bie­ten auch immer wie­der Moment­auf­nah­men des sich wan­deln­den Schü­ler-Leh­rer-Ver­hält­nis­ses.

In dem dau­ern­den Wech­sel von Per­sön­lich­keit und Kräf­te­ver­hält­nis bil­det Franks Lehr­stu­be eine dank­ba­re Kon­stan­te. Mit beschei­de­nen Mit­teln wur­de hier die per­fek­te Fas­sa­de für ein aka­de­mi­sches Dra­ma errich­tet. Schuh­kar­tons wer­den zu Rega­len, die Hälf­te der Buch­rü­cken sind Attrap­pe. Ein Not­be­helf, der sich auch als Alle­go­rie auf den zwei­ten Prot­ago­nis­ten lesen lässt. Franks Leben ist so impro­vi­siert und pro­vi­so­risch wie sei­ne Büro­ein­rich­tung. Sei­ne Frau hat ihn ver­las­sen, inzwi­schen lebt der Lite­ra­tur­pro­fes­sor mit einer Stu­den­tin zusam­men. Sei­ne Aben­de ver­bringt er in der Knei­pe. Und auch in der Regal­ku­lis­se ver­ste­cken sich an den unmög­lichs­ten Stel­len Schnaps­fla­schen.

 

Hin­ter der aka­de­mi­schen Fas­sa­de

Im Auf­ein­an­der­pral­len des des­il­lu­sio­nier­ten, fest­ge­fah­re­nen Leh­rers und sei­ner neu­gie­ri­gen, lebens­lus­ti­gen Schü­le­rin liegt die Kraft des Stücks. In bes­ter Kam­mer­spiel-Manier nähern sich bei­de lang­sam an, um sich schließ­lich das Herz aus­zu­schüt­ten. Spä­tes­tens hier bleibt von der ver­spiel­ten Leich­tig­keit der ers­ten Sze­nen nicht viel übrig. Und auch wenn die Fra­ge des Klas­sen­kon­flikts nicht die Schlag­kraft des Eng­lands der 70er erreicht, die Autor Wil­liam Rus­sell vor Augen hat­te, gelingt es Stro­bl und Rothen­bü­cher die Sor­gen und Pro­ble­me ihrer Figu­ren spür­bar zu machen. Ob es dazu nötig war, die Büh­ne bei beson­ders emo­tio­na­len Mono­lo­gen als „Ach­tung, es wird dramatisch“-Signal in oran­ge­nes Licht zu tau­chen, steht auf einem ande­ren Blatt.

In den letz­ten Sze­nen ste­hen die per­sön­li­chen Kon­flik­te im Hin­ter­grund, hier wird das Stück noch ein­mal auf eine gänz­lich neue Ebe­ne geho­ben. Rita und Frank wer­fen einen Blick hin­ter die Fas­sa­de der aka­de­mi­schen Welt und stol­pern dabei über gro­ße Fra­gen. Wie viel muss man für die Bil­dung opfern? Wo ver­läuft die Gren­ze zwi­schen Kul­tur und Unter­hal­tung? Sol­len Schü­ler selbst­stän­dig den­ken – wenn ja, wie­so wol­len Leh­rer dann nur ihre eige­ne Mei­nung lesen? Und reicht ein Dok­tor in Lite­ra­tur­wis­sen­schaft, um ein guter Künst­ler zu sein? Mit die­sen Fra­gen ent­las­sen die Schau­spie­ler das Publi­kum in den Abend – beant­wor­tet wird kei­ne. Das so wen­dungs­rei­che Dra­ma fin­det ein pas­sen­des offe­nes Ende. Nur eines scheint sicher: Für einen von bei­den endet die Komö­die als Tra­gö­die.

Simon Lukas

 

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