Sin­fo­nie aus Blut und Nebel

40bc840a534642dd5228b2ffe7dbe70fac69445c.jpg__1920x1080_q85_crop_upscale

Schlacht­ge­mäl­de in schot­ti­schem Nebel     Bild: Stu­dio­Ca­nal

Anfang des 17. Jahr­hun­derts mach­te Shake­speare den his­to­ri­schen König Mac­beth zum Sinn­bild mensch­li­chen Schei­terns. Heu­te, 400 Jah­re und meh­re­re kino­tech­ni­sche Revo­lu­tio­nen spä­ter, kann sei­ne Geschich­te end­lich ange­mes­sen erzählt wer­den: Als zwei­stün­di­ger Monu­men­tal­film. Regis­seur Jus­tin Kur­zel unter­legt die klas­si­schen Ver­se mit atem­be­rau­ben­den Bil­dern und schafft ein zeit­lo­ses Meis­ter­werk. Das ist beson­ders sei­nem Haupt­dar­stel­ler zu ver­dan­ken.

Schott­land im tiefs­ten Mit­tel­al­ter. Eine Rebel­li­on erschüt­tert das Reich, macht­gie­ri­ge Fürs­ten stel­len sich gegen König Dun­can (David Thew­lis) und dro­hen das Land ins Cha­os zu stür­zen. Der königs­treue Mac­beth (Micha­el Fass­ben­der) hat gera­de eine ent­schei­den­de Schlacht geschla­gen, als dunk­le Mäch­te ein­grei­fen. Drei Hexen pro­phe­zei­en dem Heer­füh­rer eine gol­de­ne Zukunft — er selbst könn­te König wer­den. Ange­trie­ben von sei­ner macht­hung­ri­gen Ehe­frau (Mari­on Cotil­lard) mor­det Mac­beth sich sei­nen Weg zum Thron. Doch je mehr Vor­her­sa­gen sich erfül­len des­to para­noi­der wird der neue König — denn die Hexen haben auch noch einem ande­ren die Kro­ne ver­spro­chen. Beim Ver­such sei­ne Kon­kur­renz aus­zu­schal­ten ent­fes­selt Mac­beth eine neue Rebel­li­on.

 

Schlacht der Effek­te

Regis­seur Jus­tin Kur­zel zeigt schnell, was er effekt­tech­nisch drauf­hat. Gleich in einer der ers­ten Sze­nen stürzt er den Zuschau­er in ein atem­be­rau­ben­des Schlacht­ge­tüm­mel zwi­schen Slow Moti­on und Zeit­raf­fer. Der Aus­tra­li­er pumpt ein Gemet­zel irgend­wo im schot­ti­schen Hin­ter­land zur Jahr­hun­dert­schlacht auf und ent­wi­ckelt neben­bei eine Ästhe­tik des Krie­ges, neben der selbst Zack Sny­ders 300 blass aus­se­hen. Zum Glück schal­tet der Regis­seur nach die­ser ers­ten Demons­tra­ti­on sei­ner Küns­te ein paar Gän­ge zurück und fin­det bald zu einer gemä­ßig­te­ren aber nicht weni­ger effek­ti­ven Bild­spra­che. Shake­speares unsterb­li­che Ver­se kön­nen in ruhi­gen Ein­stel­lun­gen ihre vol­le Wir­kung ent­fal­ten. Mit majes­tä­ti­schen Natur­auf­nah­men wird neben­bei das Land, um des­sen Herr­schaft hier so lei­den­schaft­lich gekämpft wird, gewür­digt. Schon für die­se Bil­der hat es sich gelohnt, an den Ori­gi­nal­schau­plät­zen des Dra­mas zu dre­hen.

In einem so epo­cha­len Set­ting bleibt für Sta­tis­ten natur­ge­mäß wenig Platz. So ist es auch nicht wei­ter schlimm, dass die Rie­ge der Neben­cha­rak­te­re in ers­ter Linie aus aus­tausch­ba­ren mar­tia­lisch drein­schau­en­den Män­nern mit strup­pi­gen Bär­ten besteht. Hier den Über­blick zu behal­ten, wel­cher Mac gera­de gegen wen in Stel­lung gebracht wird, ist so kom­pli­ziert wie unnö­tig. Lei­der hat aber auch die wich­tigs­te Neben­fi­gur kaum Mög­lich­kei­ten Akzen­te zu setz­ten: Mari­on Cotil­lard bleibt als Lady Mac­beth — von eini­gen weni­gen Sze­nen abge­se­hen — immer in der Rol­le der kal­ten Intri­gan­tin. Sie darf den Mord an König Dun­can pla­nen und dabei hel­fen die ande­ren Thron­an­wär­ter aus dem Weg zu räu­men. Sobald das erle­digt ist ver­schwin­det sie erstaun­lich unspek­ta­ku­lär aus dem Dreh­buch. Hier wur­de wohl eine Gele­gen­heit ver­passt- demons­triert Kur­zel doch an ande­rer Stel­le wie viel dra­ma­ti­sches Poten­ti­al in den Fami­li­en­ver­hält­nis­sen der Mac­beths liegt.

 

MacBethFassbender-xlarge

Mac­beth (Micha­el Fass­ben­der) holt sich Rat Bild: Stu­dio­Ca­nal

Mon­arch im Unter­hemd

Glück­li­cher­wei­se darf Micha­el Fass­ben­der alle emo­tio­na­len Facet­ten aus­spie­len. Er macht nicht nur die Dra­ma­tik, son­dern auch die Schi­zo­phre­nie sei­ner Figur fühl­bar: Der mäch­tigs­te Herr­scher des Lan­des lässt sich von sei­ner Frau instru­men­ta­li­sie­ren und rei­tet — wenn sie ihm gera­de nicht wei­ter­hel­fen kann — auch mal im Unter­hemd durchs Moor, um bei den Hexen um Rat zu fra­gen. Die unbe­hag­lichs­te Sze­ne des Films ist so auch kei­ner der zahl­rei­chen bru­ta­len Mor­de, son­dern der Ner­ven­zu­sam­men­bruch des Königs bei sei­nem ers­ten offi­zi­el­len Ban­kett. Fass­ben­ders Ent­wick­lung vom ehren­haf­ten Vasal­len zum wahn­sin­ni­gen Tyran­nen ist nicht weni­ger als eine dar­stel­le­ri­sche Meis­ter­leis­tung.

Inter­es­sant ist auch Kur­zels Dar­stel­lung der pro­phe­ti­schen Hexen. Hier sind sie nicht die aus ande­ren Inter­pre­ta­tio­nen bekann­ten krei­schen­den Dämo­nen, son­dern kal­te Schick­sals­göt­tin­nen, die das Leben der Sterb­li­chen mit emo­ti­ons­lo­ser Selbst­ver­ständ­lich­keit durch­ein­an­der­wir­beln. Sie wis­sen haar­ge­nau wie alles enden muss und ste­hen den­noch an der Sei­ten­li­nie bereit, um Mac­beths Schei­tern zu ver­fol­gen. Viel­leicht kön­nen die­se drei in dem an Sym­pa­thie­trä­gern so armen Dra­ma letzt­end­lich zu Iden­ti­fi­ka­ti­ons­fi­gu­ren des Publi­kums wer­den. Es ist die alte Geschich­te vom mensch­li­chen Schei­tern und obwohl wir sie schon unzäh­li­ge Male gese­hen haben schau­en wir doch wie­der hin. Dies­mal lohnt es sich.

Simon Lukas

Man­hat­tan Kino

Mon­tag, 9. Novem­ber, bis Mitt­woch, 11. Novem­ber

18.00 Uhr

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.