Das ist die Seuche dieser Zeit: Verrückte führen Blinde!“

König Lear

King Lear mit sei­nen drei Töch­tern und deren Ehe­män­nern. Foto: Mari­on Bühr­le

Ver­rat, Heu­che­lei, Mord und Grau­sam­keit – dazwi­schen ver­lo­ren, die Wahr­heit und die Lie­be. Ein Dra­ma über das Alter, den Wahn­sinn und die Ver­blen­dung. Ein Stück mit einer kla­ren Mora­li­tät: Gut gegen Böse.

All das ist „King Lear“ bei der gest­ri­gen Pre­mie­re im aus­ver­kauf­ten Schau­spiel­haus Nürn­berg. Der alt gewor­de­ne König will sei­ne Macht und sei­nen Besitz zwi­schen den drei Töch­tern und ihren Ehe­män­nern auf­tei­len – um über die Antei­le zu ent­schei­den, gibt der Vater Cor­de­lia, Regan und Gone­ril die Auf­ga­be, ihre Lie­be zu ihm in Wor­te zu fas­sen. Von sei­nem Lieb­ling, der jüngs­ten Toch­ter Cor­de­lia, erhofft King Lear sich dabei am meis­ten. Doch gera­de sie ist es, die ihn wahn­sin­nig ent­täuscht, da sie ihren Vater nicht mehr lie­be als es die Pflicht gebie­tet. Der zorn­ent­brann­te König ver­stößt sie als Toch­ter und ver­bannt sie aus sei­nem Reich. Regan und Gone­ril erhal­ten sei­ne gan­ze Macht und alles Land. Doch die­se ver­ra­ten ihren Vater bald; sie geste­hen ihm nicht die ver­ein­bar­te Beleg­schaft von 100 Rit­tern zu, die den König beglei­ten soll, und las­sen ihn vor ver­schlos­se­nen Türen im Sturm ste­hen. King Lear irrt ver­lo­ren und ver­las­sen durch die Hei­de und wird wahn­sin­nig vor Kum­mer über den Ver­rat sei­ner zwei gelieb­ten Töch­ter.

Ret­tung durch die wah­re Lie­be?!
Doch Cor­de­lia, die ein­zi­ge Toch­ter, die ihren Vater wahr­haf­tig geliebt hat, schickt als­bald ein Heer nach Eng­land, um das Macht­stre­ben ihrer Schwes­tern auf­zu­hal­ten; sie eilt selbst ihrem König zu Hil­fe. Doch die Schlacht wird ver­lo­ren, Lear und Cor­de­lia wer­den als Gefan­ge­ne in den Ker­ker der Schwes­tern gesperrt, wo sie eini­ge weni­ge Augen­bli­cke der Ver­söh­nung und Lie­be genie­ßen dür­fen, bevor Cor­de­lia gehängt wird. Der arme Vater stirbt vor Trau­er über den Ver­lust eben­falls kurz dar­auf. Sei­ne bei­den ande­ren Töch­ter brin­gen sich selbst um – die ein­zi­gen Über­le­ben­den sind der treue Die­ner des Königs, der auch durch einen Ver­rat hin­weg bei sei­nem Meis­ter geblie­ben ist, der recht­schaf­fe­ne Ehe­mann Gone­rils und Edgar – der ver­ra­te­ne Bru­der der Neben­hand­lung, der sei­nen bos­haf­ten unehe­li­chen Bru­der Edmund nach dem Ver­lust sei­nes gelieb­ten, geblen­de­ten Vaters ersto­chen hat.

König Lear

Ist die Lie­be die Ret­tung? Foto: Mari­on Bühr­le

Ein Stück wie das Leben selbst
Lie­be, Ver­rat, Treue, Täu­schung, List, Betrug – um all das geht es in Shake­speares „King Lear“. Dabei steht immer der mora­li­sche Aspekt im Mit­tel­punkt: Wer ist gut, wer ist böse? Die Gren­ze ist im Stück leicht zu zie­hen, genau 6 der 12 Cha­rak­te­re sind gut, die ande­re Hälf­te böse. Dazwi­schen gibt es zahl­rei­che Intri­gen, Affä­ren und Täu­schun­gen. Erst nach und nach, in sei­nem Wahn­sinn, kommt der ver­ra­te­ne König zur Ein­sicht, was wirk­lich wahr ist. Zwi­schen­durch der Ruf an die Natur und die Göt­ter – der Glau­be dar­an, dass alles einen Sinn hat und die Göt­ter schon das Rich­ti­ge für die Men­schen tun, ist fest in den Figu­ren ver­an­kert. Am Ende ster­ben sowohl Gerech­te als auch Unge­rech­te, und nach der Erkennt­nis der Wahr­heit blei­ben den zuvor ver­blen­de­ten Cha­rak­te­ren nur weni­ge Momen­te des Glücks. Shake­speares „King Lear“ ist ein Stück wie das Leben selbst. Es ist ein Dra­ma, das nichts schönt und doch einen mär­chen­haf­ten Cha­rak­ter hat. Obwohl in der vor­rö­mi­schen Zeit datiert, könn­te die Hand­lung eben­so heu­te statt­fin­den – es gibt zahl­rei­che über­zeit­li­che Wahr­hei­ten, die auch heu­te gel­ten: „Sagt, was ihr fühlt, nicht, was sich gehört!“ Ganz typisch Shake­speare eben.

Durch­dach­te Insze­nie­rung
Die Insze­nie­rung von Klaus Kusen­berg ist durch­aus gelun­gen: ein schlich­tes, anpas­sungs­fä­hi­ges Büh­nen­bild, das zugleich die raue Erde als auch ein pom­pö­ses Königs­haus dar­stel­len kann; auf­wen­di­ge Kos­tü­me, die das Stück in die Moder­ne holen und in den Far­ben schwarz und weiß die Mora­li­tät von Gut und Böse ver­an­schau­li­chen; eine per­fek­te musi­ka­li­sche Unter­ma­lung, die die Stim­mung im Saal unter­stützt und ver­stärkt; Schau­spie­ler, die ihre Rol­len authen­tisch ver­kör­pern und tat­säch­lich füh­len. Ernst­haf­te Kon­flik­te, her­vor­ra­gen­der tra­gi­scher Stoff auf­ge­lo­ckert durch spitz­zün­gi­ge, fei­ne Poin­ten – Und doch reißt einen das Stück nicht ganz und gar mit, man ver­gisst als Zuschau­er die Außen­welt nicht. Und so fällt auch die Zuschau­er­re­ak­ti­on aus: Der Applaus ist lang und durch­aus begeis­tert, aber eupho­ri­sche Begeis­te­rungs­ru­fe, wie man sie durch­aus manch­mal im Thea­ter ver­nimmt, blei­ben aus. Die Insze­nie­rung ist soli­de, sie ist gut; aber nicht atem­be­rau­bend. Den­noch ist ein Besuch loh­nens­wert – allein die epi­sche Grund­la­ge Shake­speares, die direkt aus dem Leben stam­men könn­te, ver­lei­tet zu einem Thea­ter­gang. Und die Insze­nie­rung im Nürn­ber­ger Schau­spiel­haus ist über­zeu­gend. Sie setzt Shake­speares Stoff sehr gut um.

Sabi­ne Storch

Kar­ten und wei­te­re Infor­ma­tio­nen zu Stück und Spiel­zei­ten fin­det ihr hier:
https://www.staatstheater-nuernberg.de/index.php?page=schauspiel,veranstaltung,koenig_lear,95208

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.