kultur>kolumne: Klowände streichen ist wie Bücher verbrennen!

SAMSUNG CAMERA PICTURESMan stellt sich als Mann eine öffentliche Damentoilette anders vor, als sie in Wirklichkeit ist. Unberührt, irgendwie unschuldiger, weiße Wände, Zitrusfrische. Der folgende Artikel räumt mit diesem Vorurteil auf: Männer und Frauen geben sich nichts, wenn es darum geht, obszöne Gedanken oder Merkverse über Fäkalien mit dem Edding 500 an die Wand zu kritzeln. Frei nach dem Motto: „Fränkische Braunwurst im eigenen Saft“. Das wird schon im alten Rom nicht anders gewesen sein, jedenfalls deuten Latrinalia in Pompeji darauf hin. Allerdings wäre es zu kurz gegriffen, der Gattung der Toilettenwandliteratur jede inhaltliche Tiefe abzusprechen. Denn, wer kennt es nicht, während eines unaufschiebbar zu verrichtenden Geschäfts rund um sich herum politische Manifeste, philosophische Grundsatzdebatten oder Schmähschriften wahlweise über den 1. FCN oder Greuther Fürth lesen zu müssen? Auf den Toiletten der Philosophischen Fakultät haben wir uns ein wenig umgesehen…

Sei dankbarExistenzielle Fragen…

Das Leben ist natürlich nicht leicht, wo steht diese Erkenntnis bitterer vor Augen als am öffentlichen stillen Ort: schlechte Luft, schlechtes Netz, und die Sorge nur keine Geräusche von sich geben zu wollen, peinlich berührt dem verschämten Rascheln des Nebenmannes, der Nebenfrau horchend. Kein Wunder also, dass in so einer Situation der Filzstift rasch gezückt ist: „Sei dankbar!“, liest man auf einer Damenkabine, und weiter: „Dein Leben könnte morgen schon zu Ende sein.“ Man möchte derjenigen zustimmen, die sich fragte, ob man für die Aussicht allen Ernstes dankbar sein könnte. Aber der geeignete Ort für schwindelerregende Gedankenexperimente ist die Toilettenwand allemal. An anderer Stelle liest man:

„mehr Käse ≙ mehr Löcher
mehr Löcher ≙ weniger Käse
mehr Käse ≙ weniger Käse“

Das „Käse-Paradox“ wird möglicherweise noch Generationen von Mathematikern und Ökonomen beschäftigen. Aufgeworfen wurde die Frage wo? Natürlich…

PhilologieSAMSUNG CAMERA PICTURES

Der kleine Prinz nimmt auf der Toilette Platz und rezitiert die Glocke. Dabei formt er die Vokale sehr deutlich: i: vorne geschlossen, o: hinten halb geschlossen. Philfak-Studenten scheinen eine Vorliebe für Klassiker zu haben – und fürs Klugscheißen. Deswegen steht die erste Strophe der Glocke nicht blank an der Toilettenwand, sondern ist um Metrumbestimmung und Reimschema reicher. Deswegen wird darüber diskutiert, ob „les yeux“ in den wohl bekanntesten Zeilen aus dem kleinen Prinzen korrekterweise im Deutschen nicht „die Augen“ heißen müsste und nicht „das Auge“, oder wie? Nein, meint da jemand und belehrt seinen Vorschreiber und sämtliche aufmerksame Toilettenleser:„metaphorisch gemeint, im Deutschen Singular“. Wer in der ebenfalls aufzufindenden Vokaltabelle auch noch eine Metaphorik findet, der notiere das schnellstmöglich an der zugehörigen Toilettenwand. Die wörtliche Komponente in der Semantik von Klugscheißen scheint signifikant präsenter zu sein als vermutet.
Politik
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Politik ist bekanntlich überall. Diese Erkenntnis wird überdeutlich, wenn man sich auf der Toilette sitzend mit seiner Umgebung beschäftigt. Da gibt es Botschaften, die mal politisch waren und es nicht mehr sind und Botschaften, die nicht politisch waren und es jetzt sind: Statt vormals Anarchisten werden nun Alkis zu besseren Menschen erklärt und wer ursprünglich als „Hurensöhne, die ihre Mutter ficken ins Arschloch“ deklariert wurde, ist nicht mehr erkennbar, jetzt sind es auf jeden Fall 99 %, nein, durchgestrichen und verbessert, 100% aller Nazis. Es finden sich sehr einfache Ansprachen: „Liebe Regierung, macht doch bitte, daß nicht immer alles so scheiße ist, denn es kotzt mich langsam ganz schön an hier“ und eher (komplexe?) Pyramiden (s. Bild). Thematisch wird ein durchaus breites Spektrum abgedeckt, von allgemeinpolitischen systemischen Äußerungen „Freiheit ohne Sozialismus ist Darwinismus“ bis zur Unipolitik: „Plagiatsskandal an deutschen Unis. Der FAU-Dekan beruhigt: ‚Das Einzige, was bei uns hochgestapelt wird, ist Asbest.‘“ Und manchmal gehen beide Pole eine geradezu harmonische Symbiose ein. Beispielsweise dann, wenn Hochschulpräsidentschaftskandidat Götz Hermann Teamarbeit Greiner neben folgender Aussage klebt: „Niemand hätt gedacht, dass Demokratie funktionieren würde. Aus Angst.“

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Schlusswort

Toilettenwände sind philosophisch, politisch, intellektuell, vulgär, sportlich und was bisher noch nicht erwähnt wurde, emotional („Schwiegermutter zu verschenken! Nicht nur in gute Hände! Metzger bevorzugt“). Sie weisen Merkmale von Intertextualität und Dialogizität auf, zeigen Streichungen und Text-Bild-Verbindungen, kurzum eignen sich für wissenschaftliche Analysen (vgl. die Literaturangaben auf Wikipedia). Und – sie kennen ihren eigenen Wert: „Klowände streichen ist wie Bücher verbrennen!“ und „Scheiß auf Twitter und ähnlichen Quatsch. Die Toilettenwand ist das beste Mitteilungsformat. – 1 Person gefällt das – Gibt es die Toilettenwand auch als App?“

 

Timo Sestu und Vera Podskalsky

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