Literatur für alle Zeit

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Foto: homun­cu­lus-Ver­lag

Sebas­ti­an Fren­zel, Lau­ra Jaco­bi, Phil­ip Krö­mer und Joseph Reintha­ler haben Anfang die­ses Jah­res den homun­cu­lus-Ver­lag gegrün­det. Das ist zum einen etwas Beson­de­res, weil alle vier momen­tan noch Stu­den­ten sind. Zum ande­ren aber, weil Name und Kon­zept viel­ver­spre­chend klin­gen und den Ein­druck erwe­cken, hier ent­ste­he etwas mit Allein­stel­lungs­merk­ma­len. Unse­re Redak­teu­re Timo Ses­tu und Vera Podskalsky haben genau­er nach­ge­fragt und mit den Ver­le­gern unter ande­rem über den Homun­cu­lus, lite­ra­ri­sche Mons­ter, E‑Books und Zeit­lo­sig­keit gespro­chen.

 

Reflex/Timo: Zunächst ein­mal stel­len wir fest, dass ihr vier Stu­den­ten in der Abschluss­pha­se eures Stu­di­ums seid. Wahr­schein­lich hät­tet ihr Bes­se­res zu tun, als gera­de jetzt einen Ver­lag zu grün­den. War­um habt ihr es trotz­dem getan?

Sebas­ti­an: Die Idee gibt es schon lan­ge. Es hat eigent­lich nichts damit zu tun, dass wir nicht wis­sen, was wir nach dem Stu­di­um machen sol­len.

Phil­ip: Aber wir wol­len uns unser Berufs­le­ben, sagen wir, sel­ber for­men. Wir wol­len nicht zahl­lo­se Prak­ti­ka und Volon­ta­ria­te absol­vie­ren, wie das in der Bran­che eigent­lich üblich ist, bei Hun­ger­löh­nen wohl­ge­merkt.

Joseph: Naja, der Hun­ger­lohn, der ist’s ja jetzt sicher auch. Ich glau­be, eine Sache, die wir auch immer wie­der betont haben, ist, dass wenn du im Berufs­le­ben steckst mit dei­nem Acht-Stun­den-Tag, dann wirst du dich schwer tun, dich mit Gleich­ge­sinn­ten zusam­men­zu­tun und die Arbeits­zeit auf­zu­brin­gen, so ein unter­neh­me­ri­sches Pro­jekt zu star­ten. Und ich glau­be, da eig­net sich wie­der­um das Ende des Stu­di­ums als Start­punkt die­ser Unter­neh­mens­grün­dung und Pro­jekt­pha­se recht gut.

Reflex/Timo: Jetzt star­tet ihr mit dem homun­cu­lus-Ver­lag. „Homun­cu­lus“ ist ja so ein Wort, das eigent­lich, glau­be ich, nur im Faust II fällt, oder viel­leicht in der Nach­fol­ge noch manch­mal. Und das ist ein künst­lich erschaf­fe­ner Mensch.

Joseph: … fällt auch schon bei Para­cel­sus.

Phil­ip: Also in der Lite­ra­tur­ge­schich­te ist es, glau­be ich, das Pro­mi­nen­tes­te, dass es bei Faust fällt. Wir haben dazu einen fan­tas­ti­schen Text für die Inter­net­sei­te geschrie­ben, den du viel­leicht…

Reflex/Timo: … den unse­re Leser ja wahr­schein­lich nicht ken­nen, wenn sie das Inter­view lesen.

Joseph: Das ist rich­tig. Jaja, eben, jaja.

Phil­ip (Lacht): Nein. Joseph, viel­leicht willst du mal kurz zusam­men­fas­sen, was du da geschrie­ben hast.

Joseph: Der Homun­cu­lus als Figur. Moment, ich muss mich erst sam­meln. Den Text noch­mal auf­bau­en.

Sebas­ti­an: Das wird jetzt alles wie­der im Inter­view ste­hen blei­ben.

Joseph: Alles. Joseph sam­melt sich.

Reflex/Vera: Und lacht. (Timo lacht.)

Joseph: Timo lacht.

Phil­ip: Also, der Homun­cu­lus.

Joseph: Genau, der Homun­cu­lus. Der Homun­cu­lus ist, kul­tur­his­to­risch betrach­tet, die künst­lich erschaf­fe­ne Intel­li­genz, weil der Leib oder die mate­ri­el­le Erschei­nung des Homun­cu­lus nicht so wich­tig sind. Künst­lich erschaf­fe­ne Intel­li­genz, das ist die Idee von der abso­lu­ten Krea­ti­vi­tät des Men­schen. Das tat­säch­li­che Erschaf­fen einer Lebens­form, und zwar nicht durch Klo­nen oder der beseel­te Golem, dem der Odem ein­ge­haucht wird, oder leben­di­ge Pup­pen oder Androi­den, son­dern die leben­di­ge Intel­li­genz, die der Mensch selbst erschafft. Und die­se Beseelt­heit ist ja ein abso­lu­ter Schöp­fungs­akt bezie­hungs­wei­se Krea­ti­vi­tät in abso­lu­ter Form. Und das ist sozu­sa­gen das heh­re Ziel, das wir viel­leicht auch in der Lite­ra­tur fin­den. (Pau­se) Das ist jetzt viel zu abs­trakt…

Phil­ip (lacht): Viel­leicht, ja.

Joseph: Ja, es ist schwie­rig zu beschrei­ben. Wie schon gesagt wur­de, ist der Homun­cu­lus auch eine Figur in der Lite­ra­tur, in der Lite­ra­tur­ge­schich­te, Goe­thes Faust II als Para­de­bei­spiel. Dann haben wir den Homun­cu­lus noch in der Wahr­neh­mungs­psy­cho­lo­gie, was sehr inter­es­sant ist. Der Homun­cu­lus wird als Second-Level-Figur bezeich­net, die im Kopf sitzt und wahr­nimmt -

Lau­ra: — und vor­liest.

Joseph: Genau, und das fin­den wir zum Bei­spiel im Lese­pro­zess. Wir lesen einen Text und der Psy­cho­lo­ge wür­de sagen, jetzt wan­dern erst­mal die sen­so­ri­schen Rei­ze durchs Auge ins Gehirn, aber Vor­le­sen muss dann noch­mal einer. Und das ken­nen wir ja auch, dass wenn wir einen Text lesen, es im Kopf schon sowas wie eine Stim­me gibt. Ich wür­de sagen, das sind die drei Grö­ßen, die uns am Homun­cu­lus inter­es­sie­ren: Ers­tens die lite­ra­ri­sche Figur, die jeder aus dem Faust II kennt. Dann die­ses Ide­al der abso­lu­ten Krea­ti­vi­tät, der Erschaf­fung von Wesens- und Geis­tes­zu­stän­den, die in irgend­ei­ner Form abso­lut sind. Und drit­tens der Rezi­pi­ent im eige­nen Kopf, der uns stän­dig beglei­tet, wenn wir lite­ra­tur­in­ter­es­siert sind und lesen.

Reflex/Vera: Aber so ein biss­chen denkt man ja auch zum Bei­spiel an E.T.A. Hoff­mann mit dem Auto­ma­ten und an das Maschi­nel­le.

Phil­ip: Das ist prak­tisch das Gegen­mo­dell zum Homun­cu­lus. Nach Para­cel­sus, oder wer war das, ent­steht der Homun­cu­lus… Wer hat­te die­ses groß­ar­ti­ge Rezept?

Joseph: Parace­lus hat ein Rezept geschrie­ben.

Phil­ip: Jeden­falls musst du dei­nen Samen drei­ßig Tage lang…

Joseph: …aus­brü­ten in Pfer­de­schei­ße und so wei­ter….

Phil­ip: …in einer Phio­le im Mist­hau­fen aus­brü­ten. Und wenn du dann nach drei­ßig Tagen die Phio­le wie­der her­aus­ziehst, ist da drin ein win­zig klei­ner Mensch gewach­sen, aus dei­nem Samen.

Joseph: Aber oft wird er eben so schön abs­trakt bezeich­net, dass er trans­pa­rent und nur noch ein Prin­zip ist. Er ist dann irgend­wie bei­na­he kör­per­los und braucht ein Trä­ger­me­di­um, darf nicht aus der Fla­sche, das haben wir auch bei Faust: „Natür­li­chem genügt das Welt­all kaum, was künst­lich ist, ver­langt geschloß­nen Raum.“

Phil­ip: Und das gibt’s bei uns zwi­schen zwei Buch­de­ckeln.

Reflex/Timo: Klingt zunächst ein­mal ver­kopft.

Joseph: Ihr dürft übri­gens die immer sehr pro­sai­sche Ent­schei­dung für einen Mar­ken­na­men nicht über­schät­zen (lacht).

Sebas­ti­an: Das war auch ein rebel­li­scher Akt. Weil man uns gera­ten hat, dass wir eigent­lich unse­re Nach­na­men neh­men sol­len. (Lachen)

Joseph: Übri­gens auch mit Rat aus der Bran­che. Über­legt euch doch, was die berühm­tes­ten Ver­la­ge sind. Die hei­ßen Fischer, Suhr­kamp, Rowohlt, Beck…

Phil­ip: Aber wir wol­len kei­ne gro­ße Ver­le­ger­per­sön­lich­keit auf­bau­en und uns dann qua­si leit­stern­mä­ßig hin­ter die­ser for­mie­ren.

Lau­ra: Ja, auch ins­ge­samt merkt man das in der jün­ge­ren Ver­lags­bran­che, dass da tat­säch­lich häu­fi­ger eben zu sol­chen Begrif­fen gegrif­fen wird, wie zum Bei­spiel beim Ver­bre­cher-Ver­lag.

Joseph: Das ist sehr wich­tig. Das funk­tio­niert auch in Abgren­zung zu dem Kanon der eta­blier­ten Ver­la­ge, der ja oft­mals erscheint, als wäre er nicht durch­brech­bar.

Reflex/Timo: Aber jetzt habt ihr die Star­tups schon erwähnt. Da ist doch der Markt wahr­schein­lich auch rela­tiv umkämpft. Das ist ja nicht ein­fach, sich noch ein­zu­rei­hen, oder?

Lau­ra: Da sehe ich nicht so eine gro­ße Kon­kur­renz. Es sind ein­fach vie­le klei­ne, die zum Teil dann ihre Nischen bedie­nen oder ihre Autoren haben und da wird nicht so viel umkämpft. Wir sehen das eher als Chan­ce, da es zeigt, dass vie­le klei­ne Ver­la­ge die Mög­lich­keit haben, Fuß zu fas­sen und neben den gro­ßen etwas zu errei­chen.

Reflex/Vera: Viel­leicht könnt ihr erklä­ren, wie ihr euch kon­kret posi­tio­nie­ren wollt.

Phil­ip: Da kann man eine schö­ne Lis­te auf­ma­chen. Denn man hat immer gesagt, Indie-Ver­la­ge und Klein-Ver­la­ge, die sol­len sich ihre Nische suchen. Je klei­ner und enger die Nische, des­to bes­ser pas­sen sie rein. Wer zum Bei­spiel Lyrik ver­legt, der muss noch eine Spur mehr Idea­lis­mus und Risi­ko­be­reit­schaft mit­brin­gen. Und Opfer­be­reit­schaft, vor allem bei Lyrik. Lyrik ist ja sowie­so das Stief­kind der deut­schen Lite­ra­tur­land­schaft, zumin­dest wirt­schaft­lich.

Reflex/Timo: Es wur­de ja in den gro­ßen Zei­tun­gen viel dar­über spe­ku­liert, dass die Lyrik jetzt zurück­kommt.

Phil­ip: Naja und gleich­zei­tig kam das Jahr­buch der deut­schen Lyrik, bei dem im Nach­wort die Her­aus­ge­be­rin Nora Gom­rin­ger erklärt hat, dass lei­der die­ses Jahr nur Rotz dabei ist.

Joseph: Nein, sie hat das so for­mu­liert: Das Jahr­buch der Lyrik ist reprä­sen­ta­tiv für das, was wir erhal­ten haben. Auch wenn vie­le Men­schen eini­ges ver­mis­sen wer­den. Sie hat es näm­lich ele­gant for­mu­liert. Du hast es gera­de nicht ele­gant for­mu­liert. Aber wir ver­las­sen wirk­lich die Fra­ge.

Reflex/Timo: Ja, das wün­schen wir uns, dass wir ein biss­chen so…

Reflex/Vera: mäan­dern…

Phil­ip: Wir ach­ten dar­auf, dass auch genug Infor­ma­tio­nen im Inter­view drin sind. Also ich woll­te eigent­lich sagen, wir wol­len in kei­ne Nische. Wir haben fünf Stand­bei­ne, die wir eta­blie­ren wol­len, die ich gleich mal auf­zäh­le: Da ist natür­lich unser Druck­pro­gramm, unse­re gedruck­ten Bücher. Wir haben dazu noch E‑Books, die bei uns einen gro­ßen Stel­len­wert haben, weil wir genau­so viel Arbeit in die Auf­be­rei­tung, in die opti­sche Her­stel­lung und sowas legen.

Joseph: Zwei.

Phil­ip: Hm?

Joseph: Ich zäh­le die Stand­bei­ne mit.

Phil­ip: Okay, unser drit­tes Stand­bein wäre dann der vor­erst mit einem ein­zi­gen Pro­dukt ver­tre­te­ne Non-Book-Bereich, der mög­li­cher­wei­se (lacht) am bes­ten gehen wird. Das ist näm­lich unser lite­ra­ri­sches Trumpf­kar­ten­spiel.

Joseph: Das war jetzt ein zyni­scher Kom­men­tar von dir.

Phil­ip: Genau, „Lacht“ bit­te nach­her ein­fü­gen.

Joseph: Klam­mer auf: Lacht: Klam­mer zu.

Phil­ip: Also unser Trumpf­kar­ten­spiel Mons­ter mit lite­ra­ri­schen Mons­tern, die dann in ver­schie­de­nen Kate­go­ri­en gegen­ein­an­der antre­ten kön­nen. Mit Zita­ten aus den Ori­gi­nal­wer­ken. Also alles schön lite­ra­risch, aber auch sehr unter­halt­sam und eigent­lich der per­fek­te Geschenk­ar­ti­kel für einen Lite­ra­tur­be­geis­ter­ten.

Reflex/Timo: Fast schon Off-Topic-Fra­ge: Was ist der Super­trumpf?

Lau­ra: Es gibt zwei, die die Grö­ße „unend­lich“ haben. Und das waren der Levia­than und …

Joseph: Doch, der Levia­than und Nid­högg, die haben Grö­ße unend­lich. Das ist ziem­lich fies.

Lau­ra: Genau.

Phil­ip: Weil Nid­högg nach den Ragnar­ök alle Toten abtrans­por­tiert.

Joseph: Des­we­gen muss er ein­fach rie­sen­groß sein, das ist klar. Aber an Kurio­si­tät ist das Nas­o­bem ganz groß.

Reflex/Timo: Was ist denn das Nas­o­bem?

Joseph: Da beschreibt Mor­gen­stern ein Tier, das auf sei­ner Nase schrei­tet und am Schluss heißt es: „Es steht noch nicht im Mey­er. / Und auch im Brock­haus nicht. / Es trat aus mei­ner Ley­er / zum ers­ten Mal ans Licht.“ Und der Brock­haus und das Mey­er­sche haben dar­auf eini­ge Jähr­chen spä­ter einen Ein­trag gemacht zum Nas­o­bem. Da hat sich um die­ses Nas­o­bem zwi­schen den Medi­en eine wit­zi­ge Dyna­mik ent­wi­ckelt. Das ist ein­fach irgend­wie so ein klei­nes Kult­ob­jekt gewor­den.

Reflex/Vera: Ziem­lich cool. Du warst bei Säu­le drei. Es feh­len noch zwei.

Reflex/Timo: Ach, fünf Säu­len haben wir?

Reflex/Vera: Ja, fünf Säu­len.

Joseph: Non-Book hat­ten wir jetzt.

Phil­ip: Ja, vier­te Säu­le wäre unse­re Zeit­schrift: Sei­ten­ste­chen. Wir arbei­ten gera­de ziem­lich flei­ßig dran, dass die Debüt­aus­ga­be her­aus­kommt.

Joseph: Die wird viel dicker, als wir dach­ten.

Phil­ip: Bei jähr­li­chem Erschei­nen ist das schon in Ord­nung, wenn sie auf 250 Sei­ten kommt. Gut mög­lich, dass sie unge­fähr die Län­ge haben wird. Ja, The­ma ist See­fah­ren macht bes­ser. Nach Kla­bund. Und da haben wir, glau­be ich, eine sehr gute Aus­wahl getrof­fen.

Joseph: 315 Tex­te hat­ten wir zu bear­bei­ten.

Reflex/Vera: Wie vie­le Tex­te sind jetzt drin?

Reflex/Timo: Ihr habt doch nicht alle auf­ge­nom­men, die gekom­men sind?

Lau­ra: Das geht gar nicht.

Joseph: Alle. Was? Nein.

Phil­ip: Es wird zwan­zig­bän­dig sein. (lacht)

Joseph: Nein, ein Bruch­teil, natür­lich, um Got­tes wil­len. (Pau­se) Fünf­tes Stand­bein ist die Trenn-Soft­ware, genau.

Reflex/Vera: Was macht die Soft­ware?

Joseph: Mit ihr ist es mög­lich, an E‑Books eine Post­pro­duc­tion halb­au­to­ma­tisch anzu­kop­peln. Also Absatz­for­ma­tie­run­gen und Tren­nun­gen anzu­fü­gen, die nicht bewäl­tig­bar sind, wenn du es manu­ell machen wol­len wür­dest, für uns aber maß­geb­lich sind für eine anspre­chen­de Typo­gra­phie im elek­tro­ni­schen Publi­ka­ti­ons­be­reich. Die gab‘s noch nicht. Und das Ding haben wir jetzt geschrie­ben. Das war ziem­lich viel Auf­wand. Die wird aber erst im Herbst vor­ge­stellt und ein­ge­führt, wenn unser ers­tes Print­pro­gramm raus ist. Dann hof­fen wir als Dienst­leis­ter für die E‑Book-Post­pro­duc­tion, also die Nach­pro­duk­ti­on nach dem ers­ten Set­zen auf­tre­ten zu kön­nen, die sehr vie­le Feh­ler berei­nigt, die momen­tan in E‑Books gang und gäbe sind, weil das nöti­ge Hand­werks­zeug noch fehlt.

Reflex/Timo: Vie­le Ver­la­ge haben auch in den letz­ten Jah­ren immer noch kei­ne beson­ders gute Stra­te­gie für das digi­ta­le Pro­gramm ent­wi­ckelt. Ja… und ihr habt aber so eine Stra­te­gie?

Phil­ip: Es ist momen­tan übli­che Bran­chen­pra­xis, die Text­da­tei, die man am Ende hat, die man dann ins Druck­buch klatscht…

Joseph: … als E‑Book abzu­spei­chern.

Phil­ip: Ja ne, ein­fach exter­nen Fir­men zu geben, IT-Dienst­leis­tern, die das dann schnell kon­ver­tie­ren. Also es ist momen­tan eine rein tech­ni­sche Sache, bei der viel­leicht der ver­le­ge­ri­sche Gedan­ke am wei­tes­ten in den Hin­ter­grund gerückt ist. Und ja, wir machen das eben alles sel­ber. Und des­we­gen machen wir das auch mit dem glei­chen Enga­ge­ment, mit dem wir unse­re Bücher gestal­ten.

Joseph: Wobei man natür­lich ver­ste­hen kann, war­um das ein biss­chen stief­müt­ter­lich behan­delt wird. Wir haben im deut­schen Buch­markt bei E‑Books einen Absatz­an­teil von unge­fähr vier Pro­zent.

Reflex/Timo: Und trotz­dem wird in allen Ver­öf­fent­li­chun­gen, die man zu die­sem The­ma liest, das Ende des Buches pro­pa­giert.

Phil­ip: Man sieht in der Bran­che ger­ne sein eige­nes Ende vor­aus, mög­li­cher­wei­se um sei­ne Rele­vanz in der Gegen­wart zu beto­nen.

Joseph: Oder um sei­ne Hand­lungs­träg­heit, die in der Buch­bran­che extrem aus­ge­prägt ist, ein biss­chen zu recht­fer­ti­gen. Da spricht man ger­ne von der Unaus­weich­bar­keit eines bestimm­ten Pro­zes­ses.

Phil­ip: Wir vier sind der Mei­nung, dass das Hard­co­ver-Buch als das Buch, das man zu Hau­se liest und ins Regal stellt, bestehen blei­ben wird und das E‑Book dafür das Taschen­buch als Gebrauchs­buch ablö­sen wird. Also dass man sagt, das eine ist das Samm­ler-Objekt und das E‑Book ist dann das Gebrauchs­ob­jekt, das aber des­we­gen nicht weni­ger gut aus­se­hen soll­te.

Joseph: Samm­ler-Objekt ist auch schon zu viel gesagt – das ist ein­fach ein hap­ti­sches Objekt. Etwas, das man beim Lesen ger­ne in der Hand hat – dazu muss man nicht mal Samm­ler sein.

Reflex/Vera: Gut, nur war­um soll­te ich denn so eine „hap­ti­sche“ Klas­si­ker­aus­ga­be bei euch kau­fen anstatt woan­ders?

Lau­ra: Zunächst ein­mal ist es natür­lich so, dass wir nicht das ver­öf­fent­li­chen, was es schon gibt. Dicken­s’ berühm­tes Weih­nachts­mär­chen woll­ten wir jetzt z.B. expli­zit als eine schö­ne Weih­nachts­aus­ga­be gestal­ten, mit vie­len Illus­tra­tio­nen, die es in die­sem Umfang und der Qua­li­tät noch nicht gibt.

Joseph: Eine ganz klas­si­sche Schmuck­aus­ga­be. Aber mit Down­load-Con­tent! Jeder, der eine Dickens-Aus­ga­be kauft, kriegt einen Down­load-Code, da kann man sich eine Kar­te von Lon­don von 1870 her­un­ter­la­den und ein tra­di­tio­nel­les Weih­nachts­lied. Bei der Kar­te haben wir dar­auf geach­tet, dass man die Schau­plät­ze der Geschich­te dar­in fin­den kann.

Lau­ra: Carl Ein­stein hin­ge­gen wird gar nicht mehr, oder kaum noch, ver­legt, der ist ja ziem­lich in Ver­ges­sen­heit gera­ten. Da haben wir uns für den Pro­zess die­ses Ver­ges­sens an sich inter­es­siert – und für das Schick­sal die­ses Tex­tes. Gleich nach­dem Die schlim­me Bot­schaft das ers­te Mal erschien, wur­de er ja wegen Blas­phe­mie ein­ge­stampft. Und Joseph hat da eini­ges an zeit­ge­nös­si­schen Mate­ria­li­en her­aus­ge­sucht, die die­sen Pro­zess doku­men­tie­ren und uns zei­gen, wie das pas­sie­ren konn­te, dass sol­che Tex­te in Ver­ges­sen­heit gera­ten. Und dann gibt es noch unse­re Rei­he zur Ent­ste­hung der Kri­mi­nal­li­te­ra­tur. Das ist eine Zusam­men­stel­lung von Tex­ten, die es so noch nicht gibt, die Schritt für Schritt zei­gen soll, wie sich die­ses Gen­re ent­wi­ckelt hat. Außer­dem haben wir für die fremd­spra­chi­gen Tex­te, zum Bei­spiel Dickens, die Erst­über­set­zun­gen voll­stän­dig über­ar­bei­tet, weil wir fan­den, dass die aktu­el­len Über­set­zun­gen immer noch nicht aus­rei­chend sind.

Joseph: Exakt­heit, die Mate­ria­li­tät des Buches und Auf­be­rei­tung des Mate­ri­als, Anrei­chern durch Kom­pi­lie­ren und Down­load-Con­tent mit ton­nen­wei­se Illus­tra­tio­nen. Das ist unser Allein­stel­lungs­merk­mal. Und unse­re Zeit­schrift spie­gelt im Prin­zip unse­re Pro­gramm­ge­stal­tung im Klei­nen.

Phil­ip: Viel­leicht könn­te man hier unser Mot­to ein­flie­ßen las­sen: Lite­ra­tur für alle Zeit.

Reflex/Timo: Lite­ra­tur für alle Zeit… das ist in sei­ner Dop­pel­deu­tig­keit auch irgend­wie ambi­tio­niert.

Phil­ip: Genau.

Joseph: … also, Lite­ra­tur als zeit­lo­ser Fak­tor, Lite­ra­tur, die ihre Rezi­pier­bar­keit nicht ver­liert, die dann aber von uns zeit­ge­nös­sisch auf­be­rei­tet wird. Wir machen eben kein Cas­par-David-Fried­rich-Bild vor­ne drauf und sagen: „Schaut mal, wie alt das Zeug ist“. Zeit­lo­sig­keit also – und das beinhal­tet natür­lich auch unse­re zeit­ge­nös­si­sche Lite­ra­tur. In unse­rer Zeit­schrift haben wir 50% „klas­si­sche“ Lite­ra­tur und 50% Gegen­warts­li­te­ra­tur, vom Bach­mann-Preis­trä­ger bis zum abso­lu­ten Anfän­ger. Unser ers­tes The­ma „See­fah­ren macht bes­ser“ hat dabei so ein brei­tes Spek­trum auf­ge­macht, es wird wun­der­bar sein, zu sehen, wie ein bestimm­tes The­ma durch die Zeit bear­bei­tet wird.

Reflex/Timo: Dann kön­nen wir uns ja dar­auf freu­en. Vie­len Dank für das Inter­view. Bleibt uns nur noch, eurem Ver­lag die im Mot­to anklin­gen­de Lang­le­big­keit zu wün­schen!

 Das Inter­view führ­ten Timo Ses­tu und Vera Podskalsky.

Wei­te­re Infos zum homun­cu­lus-Ver­lag gibt es hier.

 

 

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