Das Schicksal scheint eine Frau zu sein

IMG_8208Buchrezension: „meine trauer traut sich was!“ von Andrea Riedinger

Das Schicksal scheint eine Frau zu sein. Eine zickige, unberechenbare. Eine, die schreit: „Nimm mich endlich wahr! Ich bin hier!“ Und dem provozierend hinzufügt: „Du kannst vor mir nicht weglaufen!“

Stimmt, man kann nicht weglaufen. Selbst wenn man sehr schnell rennt. Aber man kann reden, sich die radikale Freiheit nehmen laut zu schreien oder man kann leise traurig sein. Man kann sich ein kleines Glück schaffen und weinend lachen. Die Journalistin Andrea Riedinger zeigt ihren Lesern, wie das geht.

Und sie weiß, wovon sie schreibt. Andrea Riedinger ist eine der Hauptpersonen. Ihr Mann Andi erkrankt mit 35 Jahren an einem Hirntumor. Die Autorin berichtet über die Behandlungen, die immer wieder aufkeimende Hoffnung und über die Momente, in denen die Zeit stehen bleibt. „Es ist der Krebs.“ Detailliert, fast wie aus einer Kameraperspektive gesehen, beschreibt sie ihre Wahrnehmungen im Krankenhaus, den Alltag mit dem kranken Mann, das Zurückschrecken der Freunde vor der Frage Wie geht es euch? Die scheinbar heile Welt bedroht nicht nur unmittelbar Andrea R. und ihre Familie, sondern auch ihr gesamtes Umfeld. Ihr Mann Andi verstirbt nach zehnmonatigem Kampf gegen die Krankheit und lässt sie mit der zweijährigen Tochter zurück. Das Fragen nach der Gerechtigkeit von Schicksalsschlägen setzt sich im Freundeskreis fort und hinterlässt Hilflosigkeit. Denn wie erklärt man sich, dass die junge Frau, schwanger bei der Diagnosestellung Krebs, in den Folgemonaten ihr Kind verlieren muss?

Spätestens hier wäre die Handlung für das Buch oder einen Film ausreichend gewesen. Doch das Schicksal ist ja diese zickige Person und Andrea R. schien ihr wohl noch nicht „fügsam“ genug zu sein. Drei Jahre nach dem Tod ihres Mannes erkrankt sie selbst schwer an Krebs. „Mich gab es in dieser Zeit nicht mehr.“

Doch sie gibt nicht auf. Sie will leben. Sie erkennt ihre Grenzen. Das Vertrauen und die wachen Blicke der Tochter Svenja geben ihr Kraft. Nach vielen Auseinandersetzungen, Gesprächen Gedanken und dem Akzeptieren der Frau Schicksal kann sie Sätze wie „Die Zeit heilt alle Wunden“ ertragen, als Reaktionen von Menschen, die es gut meinen, die jedoch selbst mit der Situation überfordert sind. Ab diesem Moment berichtet eine Autorin, die sich langsam zu verändern beginnt. Sie berichtet, wie sie ihre Traurigkeit überwindet, indem sie Dinge „einfach“ anpackt. Besonders beeindruckend sind die Szene der unzähligen Luftballons zum 40. Geburtstag des toten Ehemanns sowie die Idee eines Buches „Über Papa“, in dem Freunde und Verwandte Fotos und ihre Erlebnisse mit Andi für Svenja sammeln.

Es gibt kein Vergessen, aber ein Weiterleben. Eine enge Zweisamkeit zwischen einer Mutter und ihrer heranwachsenden Tochter. Beide lernen über den Tod zu reden, sich Bilder von Andi anzusehen, und dabei auch zu lachen. Andrea entdeckt: „Ein gewisses Chaos muss ich in meinem Leben anerkennen. Und welches Leben verläuft denn wirklich normal?“

Die Frau Schicksal lächelt endlich. Es wird ruhiger in der Zweipersonenfamilie.

Das Buch berührt durch seine Offenheit. Die Autorin teilt ihre Wahrnehmungen mit dem Leser vom Zeitpunkt der Diagnosestellung bis in die folgenden Jahre.

Die Form ist überlegt gewählt: Persönliche Sequenzen sind kursiv geschrieben. Diesen folgt jeweils eine erläuternde Nachbetrachtung. Durch ihren Beruf als Journalistin baut Andrea Riedinger gerade durch diese perspektivgewandelte Betrachtungsweise einen neuen Leseschwerpunkt ein und macht das Buch für „Außenstehende“ zu einer Lesebereicherung. „Es wird alles gut.“ Welche Hilfsangebote wären natürlich und willkommen gewesen? „Was ist schon selbstverständlich?“ Die Arbeit von betreuenden Ärzten und Pflegekräften werden ebenfalls in sehr persönlichen und sachlichen Sequenzen gespiegelt.

Das Buch ist absolut lesenswert. Es macht Mut, sich dem Leben zu stellen. Nach dem Lesen des Buches wird man in den Himmel schauen wollen und vielleicht wird der eine oder andere das Lied „Somewhere over the rainbow“ mitsummen.

Man wird jedenfalls wacher durch das Leben gehen. Vielleicht war das der Plan von Frau Schicksal?

Uta Hoess

 

Andrea Riedinger: „meine trauer traut sich was! nach einem schicksalsschlag wieder mut zum leben fassen“
Erstausgabe 2014
267 Seiten, Maße: 14,1 x 22,1 cm
Gebunden
Deutsch
Verlag: Adeo
ISBN-10: 3863340302
ISBN-13: 9783863340308

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