kultur>kolumne: Fußball versus Theater

zcuwFVIVLUp8MicjSPCbYGq5ntLI70PHAcTbPdmR0B8

Foto: Rebec­ca Vogt

Flip-Flop heißt eine krea­ti­ve Tech­nik aus der Sozi­al­wis­sen­schaft. Wer eine eige­ne Theo­rie ent­wi­ckeln will und gera­de auf dem Schlauch steht, kann damit auf völ­lig neue Ein­fäl­le kom­men. Denn man stellt sich das kom­plet­te Gegen­teil von etwas vor, ver­gleicht Extrem­po­le mit­ein­an­der. Extrem­po­le wie Fuß­ball und Thea­ter.

 

Es sind zwei kom­plett ver­schie­de­ne Berei­che: Sport und Kul­tur. Was haben Fuß­ball und Thea­ter auf den ers­ten Blick gemein­sam? Nichts. Auf den zwei­ten Blick? Bei­des sind Ver­an­stal­tun­gen. In der Mathe­ma­tik wäre das der kleins­te gemein­sa­me Nen­ner. Es gibt aber bestimmt noch mehr gemein­sa­me Nen­ner, wenn man genau­er hin­sieht.

 

Der Ort

Eine Ver­an­stal­tung fin­det im gro­ßen Sta­di­on statt, die ande­re im klei­nen Thea­ter­saal (selbst ein „Gro­ßer Saal“ ist im Ver­gleich mick­rig). Ein Spiel­feld ist laut DFB-Richt­li­ni­en min­des­tens 90 Meter lang und 45 Meter breit. Eine Büh­ne? Wenn man zwi­schen bei­de Zah­len jeweils ein Kom­ma setzt, ergibt das unge­fähr eine rea­lis­ti­sche Büh­nen­grö­ße. Trotz­dem gibt es eine Gemein­sam­keit: Das Spiel­feld ist die Büh­ne des Fuß­balls und die Büh­ne das Spiel­feld des Thea­ters. Bei­des ist zen­tral, im Blick­punkt, der Mit­tel­punkt.

 

Das Publi­kum

Ins Sta­di­on gehen Fans jeden Alters, etwas mehr Män­ner als Frau­en. Etwas mehr Frau­en als Män­ner trifft man im Thea­ter an, die älte­re Genera­ti­on ist ein­deu­tig in der Über­zahl. (Alle Anga­ben sind rein sub­jek­ti­ve Beob­ach­tun­gen. Ich habe kei­ne Umfra­gen durch­ge­führt.) Auf­fäl­lig ist auch die unter­schied­li­che Klei­dung. Tri­kots, Fan­schals und wehen­de Flag­gen einer­seits, Anzug, Bla­zer und fun­keln­der Schmuck ande­rer­seits. Bier ver­sus Wein.

Und rich­tig span­nend: Das Ver­hal­ten. Joh­len­de, sprin­gen­de, sin­gen­de Voll­blut-Fans ste­hen klat­schen­den, Knig­ge-treu­en, gesit­te­ten Thea­ter­gän­gern gegen­über. Die einen geben ihre Jacken an der Gar­de­ro­be ab, die ande­ren wer­den am Ein­gang nach Waf­fen und Ben­ga­los durch­sucht. Es zeigt sich, dass Sta­di­on­be­su­cher für gefähr­li­cher gehal­ten wer­den – sie dür­fen nicht mal Glas­fla­schen mit­neh­men. Im Thea­ter müs­sen nur die Han­dys aus­ge­schal­tet wer­den (damit ist für Atten­tä­ter ein Kom­mu­ni­ka­ti­ons­ka­nal aus­ge­schal­tet, den sie seit Edward Snow­dens Ent­hül­lun­gen ohne­hin nicht mehr ver­wen­den).

 

Die (Schau)Spieler

Vor­ne­weg eine Gemein­sam­keit zwi­schen Schau­spie­lern und Fuß­ball­spie­lern: Sie spie­len. Sie besor­gen kein Essen, sie ver­sor­gen kei­ne Kran­ken – kurz: Sie haben kei­ne über­le­bens­wich­ti­ge Funk­ti­on für die Mensch­heit. Aber sie unter­hal­ten Men­schen, schaf­fen Gemein­schaft und Glücks­mo­men­te. Sie berei­chern das Leben (kei­ne Sor­ge, für die­se Kom­pli­men­te wer­de ich weder vom DFB noch von irgend­ei­nem Thea­ter bezahlt, wobei letz­te­res sich das sowie­so nicht leis­ten könn­te). Ab jetzt ver­lie­re ich kein Wort mehr über Bezah­lung. Das wäre unge­recht für die Schau­spie­ler. Dafür ver­lie­re ich auch kein Wort über Bil­dung – das wäre unge­recht für die Fuß­bal­ler (und viel­leicht ist es auch ein Vor­ur­teil).

Jetzt aber zu dem offen­sicht­li­chen Unter­schied: Wer­den Schlä­ge­rei­en nur gespielt oder beißt tat­säch­lich ein Spie­ler sei­nem Geg­ner in die Schul­ter? Der Unter­schied rela­ti­viert sich, wenn man die Schau­spiel­leis­tun­gen man­cher Fuß­bal­ler bedenkt, die eine Schwal­be vor­täu­schen. Ein wei­te­rer Unter­schied: Im Thea­ter kommt es vor, dass Zuschau­er plötz­lich selbst auf der Büh­ne ste­hen. Es wur­de aber noch nie ein Spie­ler gegen einen Zuschau­er aus­ge­wech­selt. Ande­rer­seits ren­nen manch­mal Flit­zer über das Feld. Das kommt im Thea­ter weni­ger vor. Wenn, dann sor­gen die Schau­spie­ler selbst für nack­te Haut — ihnen ist nicht ver­bo­ten, das Tri­kot aus­zu­zie­hen.

 

Das Team hin­ter dem Team

Was für die Schau­spie­ler der Regis­seur ist, ist für die Fuß­ball­spie­ler der Trai­ner. Im ent­schei­den­den Moment haben bei­de wenig Ein­fluss und müs­sen ruhig sein (auch Jür­gen Klopp). Regis­seu­re haben noch den Vor­teil, dass sie nicht auf schwer ein­schätz­ba­re Geg­ner reagie­ren müs­sen. Trai­ner kön­nen immer­hin durch Aus­wech­seln, Zuru­fen und Reden in der Halb­zeit Ein­fluss neh­men. Gemein­sam ist dem Fuß­ball­team und der Thea­ter­grup­pe das gro­ße Team aus Pla­nern, Tech­ni­kern und ande­ren wich­ti­gen Hel­fern im Hin­ter­grund. Wie wich­tig die Beleuch­tung ist, merkt man erst, wenn sie nicht funk­tio­niert. Im Sta­di­on und im Thea­ter.

Einen Schieds­rich­ter gibt es im Thea­ter nicht. Eine Souf­fleu­se gibt es im Fuß­ball nicht (mit der Aus­nah­me, dass Andre­as Köp­ke bei der WM 2006 Jens Leh­mann im ent­schei­den­den Moment einen Spick­zet­tel zuge­steckt hat). Wenn es um Fuß­ball geht, darf die FIFA nicht ver­ges­sen wer­den. In ihrer Erschei­nungs­wei­se ist sie so ein­zig­ar­tig (kor­rupt, geld­gie­rig, kri­mi­nell), dass es unge­recht wäre, irgend­ein Thea­ter-Organ damit zu ver­glei­chen.

 

Vor­sichts­hal­ber ent­schul­di­ge ich mich bei allen Sozi­al­wis­sen­schaft­lern, die sich gera­de die Haa­re gerauft haben. Ich über­neh­me kei­ne Gewähr dafür, dass ich die Flip-Flop-Tech­nik hier im wis­sen­schaft­lich kor­rek­ten Sinn ange­wen­det habe (was ich garan­tiert nicht getan habe).

Patri­cia Ach­ter

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.