kultur>kolumne: Kunst oder Einkaufswagen?

20150614_170447Alles, was in einem Kunst­mu­se­um steht, ist Kunst. Alles? Hier schei­den sich die Geis­ter. So man­cher Künst­ler hat schon die bedeu­tends­ten Inter­pre­ta­tio­nen für etwas gefun­den, das ande­re für Müll hal­ten. Buch­stäb­lich. Es ist kein Ein­zel­fall, dass eine Putz­frau ein Kunst­werk weg­ge­wischt oder weg­ge­wor­fen hat. Der Scha­den: Uner­mess­lich. Kunst ist eine Fra­ge des Betrach­tens. So gese­hen kann einem Kunst jeder­zeit und über­all begeg­nen: Beim Fri­seur, auf der Arbeit, beim Ein­kau­fen. Oder beim Spa­zie­ren­ge­hen, wo ein Ein­kaufs­wa­gen auf der Wie­se steht.

 

Ein Gedan­ken­spiel

Wenn die­ser Ein­kaufs­wa­gen auf dem Gelän­de eines Kunst­mu­se­ums stün­de, wenn er den beein­dru­cken­den Titel Ein­kaufs­wa­gen auf der Wie­se hät­te, wenn dane­ben Pablo Picas­so stün­de (schlech­tes Bei­spiel, dann wäre der Titel ja auf Spa­nisch und der Künst­ler tot) und wenn die Kura­to­rin eine über­zeu­gen­de Inter­pre­ta­ti­on anbrin­gen wür­de, dann wäre das Kunst. Nie­mand wür­de sich fra­gen: Wie kommt denn der Ein­kaufs­wa­gen hier­her? Nein, man wür­de den­ken: Was hat sich der Künst­ler wohl dabei gedacht?

An die­ser Stel­le hilft die Kura­to­rin mit einer aus­führ­li­chen Erläu­te­rung wei­ter:

 

Wir ste­hen hier vor einer Instal­la­ti­on des berühm­ten Künst­lers *** mit dem Titel: „Ein­kaufs­wa­gen auf der Wie­se“. Die Tech­nik ist so spe­zi­ell, dass es kei­nen Namen dafür gibt. Des­halb beschrei­be ich Sie Ihnen in weni­gen Wor­ten: Der Künst­ler kauf­te einen Ein­kaufs­wa­gen, ent­schied sich für den pas­sen­den Hin­ter­grund und ver­bot, das Gras zu mähen. Dann stell­te er den Wagen im 40°-Winkel par­al­lel zum Bach auf. Man könn­te auch sagen: Die Wie­se ist die Lein­wand und der Ein­kaufs­wa­gen das Öl. Die Instal­la­ti­on ist im Juni 2015 in Erlan­gen ent­stan­den.

Im Vor­der­grund sehen Sie einen han­dels­üb­li­chen Ein­kaufs­wa­gen inmit­ten einer wil­den Wie­se. Im Hin­ter­grund erken­nen Sie Bäu­me, Sträu­cher, abge­knick­te Äste. Viel­leicht erah­nen Sie sogar von hier aus den Bach. Nicht? Wenn Sie vor­sich­tig sind, dür­fen Sie noch eini­ge Schrit­te vor­tre­ten, um die Instal­la­ti­on in ihrer gan­zen Pracht zu bewun­dern.

Der Künst­ler selbst hat mir in einem Gespräch die Bedeu­tung sei­nes Kunst­werks ver­ra­ten: Der Ein­kaufs­wa­gen sym­bo­li­siert den Kapi­ta­lis­mus, der aus sei­nem gewohn­ten Umfeld – dem Super­markt – her­aus­ge­ris­sen wur­de. Jetzt steht er in der wil­den Natur: dem Ursprüng­li­chen, dem mensch­lich Unbe­rühr­ten, dem völ­li­gen Gegen­satz. Der Ein­kaufs­wa­gen befin­det sich fern der Zivi­li­sa­ti­on und der geord­ne­ten Gesell­schaft im Cha­os, in der Anar­chie. Mit die­sem star­ken Kon­trast will der Künst­ler zei­gen, wie weit unse­re heu­ti­ge Gesell­schaft und Lebens­wei­se von dem Natür­li­chen ent­fernt ist. Der Ein­kaufs­wa­gen wur­de aus sei­nem Gefäng­nis, aus dem All­tags­trott befreit. Der 12-Stun­den-Tag, die Arbeit und der Stress im Super­markt sind Ver­gan­gen­heit. Es ist ein Aus­bruch aus der kapi­ta­lis­ti­schen Welt, die nur an Geld und Macht denkt. Der Künst­ler will uns bewusst machen, dass jeder in sei­nem eige­nen Gefäng­nis gefan­gen ist, ohne es zu mer­ken. Erst ein völ­li­ger Wech­sel der Umge­bung öff­net einem die Augen. [Thea­tra­li­sche Pau­se] Als nächs­tes zei­ge ich Ihnen das Gemäl­de mit dem Titel „Chi­li con Car­ne ohne Fleisch“. Fol­gen Sie mir bit­te.

Ende des Gedan­ken­spiels, das tat­säch­lich eine etwas über­trie­be­ne Inter­pre­ta­ti­on ent­hält. Ein Ein­kaufs­wa­gen mit 12-Stun­den-Tag? Kon­se­quent wei­ter­ge­dacht wür­de das bedeu­ten, dass er Geld ver­dient und gna­den­los aus­ge­beu­tet wird. Da erhält der Ein-Euro-Job eine völ­lig neue Bedeu­tung. Den Euro, den er bekommt, ver­liert er nach geta­ner Arbeit. Die ein­zi­ge Beloh­nung ist ein ver­ges­se­ner Kas­sen­bon. Das wäre ein so trau­ri­ges Leben, dass es bes­ser ist zuzu­ge­ben: Es ist tota­ler Unsinn, den Ein­kaufs­wa­gen zu ver­mensch­li­chen. Er ist und bleibt ein Ein­kaufs­wa­gen. Kei­ne Kunst. Wir müs­sen den Tat­sa­chen ins Auge sehen: Irgend­je­mand hat ihn mit­ten auf der Wie­se ver­ges­sen. Fehlt nur noch die Durch­sa­ge: „Der Ein­kaufs­wa­gen Nr. 1234 möch­te an der Wie­se im Erd­ge­schoss abge­holt wer­den.“ Da steht er nun, der ver­las­se­ne Ein­kaufs­wa­gen. Und wenn ihn nie­mand abge­holt hat, dann war­tet er noch heu­te.

Patri­cia Ach­ter

 
Die kultur>kolumne erscheint ab jetzt regel­mä­ßig bei re>flex. The­ma: Kunst und Kul­tur im All­tag (im wei­tes­ten Sin­ne). Falls ihr ein Kul­tur­er­leb­nis der beson­de­ren Art habt und idea­ler­wei­se sogar ein Foto geknipst habt, könnt ihr es ger­ne sen­den an: patricia.achter@reflexmagazin.de. Ich freue mich auf eure Vor­schlä­ge!
 

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