Mein Freund, die Kartoffel

IMG_4046SPOTS-Kri­tik zu Jobless actor con­fes­si­ons (Mar­cin Zar­ze­cz­ny) auf dem ARE­NA-Fes­ti­val — von Mela­nie Schoepf.

Für sei­nen Mono­log über die Abgrün­de und Höhe­punk­te eines ambi­tio­nier­ten Schau­spie­lers braucht Mar­tin Zar­ze­cz­ny kaum mehr als sei­nen (Beicht-)Stuhl. Auf­ge­teilt sind sei­ne Bekennt­nis­se, die „Jobless Actor Con­fes­si­ons“, in meh­re­re Kapi­tel: Anek­do­ten aus sei­nem oft­mals geschei­ter­ten beruf­li­chen Leben, sei­ne Ängs­te, sei­ne Träu­me. Er refe­riert über Erleb­nis­se mit sei­nem Freund (einer Kar­tof­fel), schil­dert sei­ne erfolg­lo­sen Auf­nah­me­prü­fun­gen an Schau­spiel­schu­len und schwärmt von sei­nen Wunsch­vor­stel­lung, ein­mal neben Meryl Streep und Al Paci­no im Abspann eines Films auf­ge­führt zu sein.
Die Höhe­punk­te der Insze­nie­rung, die die teil­wei­se lang­wie­ri­gen Erzäh­lun­gen (vor denen der Schau­spie­ler anfangs aber warn­te) auf­bre­chen, stel­len die drei Lebens­träu­me Zar­ze­cz­nys dar. Allen vor­an Traum Num­mer zwei: sein gro­ßer Wunsch, ein­mal den Ham­let spie­len zu dür­fen – wel­chen er dann in einem äußerst humor­vol­len Inter­mez­zo auf tsche­chisch lebt. Dem Publi­kum hält er in sei­nen Erzäh­lun­gen ganz sub­til den Spie­gel vor: 99 Cent auf dem Kon­to, ein unter­be­zahl­ter Job in der Gas­tro­no­mie, tief drin­nen der gro­ße Traum vom „mehr sein“ – und dann die Depres­sio­nen, wenn man schei­tert. Wer das alles nicht kennt, soll­te sich glück­lich schät­zen. Eine Auf­for­de­rung an die Zuschau­er, die Ich-blei­be-heu­te-im-Bett-Pha­sen zu über­win­den und sie in krea­ti­ve Ener­gie
umzu­wan­deln.

Bei allem Humor schwingt in den „Jobless Actor Con­fes­si­ons“ stets eine behut­sa­me, aber doch wahr­nehm­ba­re Kri­tik am Stand des Schau­spie­ler­be­ru­fes in der heu­ti­gen Gesell­schaft mit. Durch sei­ne auto­bio­gra­fi­schen Berich­te bezieht Mar­tin Zar­ze­cz­ny Stel­lung zur schlech­ten Bezah­lung, zum feh­len­den Job­an­ge­bot und zur For­de­rung an Schauspieler_innen, sich doch einen „nor­ma­len“ Job zu suchen, um der Mise­re ums Leben auf der Büh­ne zu ent­kom­men. Dabei ist es genau das, was für ihn nor­mal ist: Schau­spie­len.

Ein klei­ner Mann, der mit sub­ti­lem Wort­witz und viel Charme beein­dru­ckend offen mit den Varia­blen der Selbst­in­sze­nie­rung von Dra­ma, Tra­gö­die bis Komö­die zu spie­len weiß. Und dem man abnimmt, dass er sein gan­zes Leben lang nie­mals etwas ande­res machen woll­te. Zar­ze­cz­ny pen­delt in sei­ner Auf­füh­rung zwi­schen Sym­pa­thie und Bewun­de­rung für einen Dar­stel­ler, der zeigt, dass er die Hoff­nung auf den Tag, an dem sich alles ändert und er end­lich rich­tig Ziga­ret­ten rau­chen kann, noch nicht ver­lo­ren hat. Die­se Hoff­nung trans­por­tiert er auch an die Zuschau­er wei­ter. Denn es
trifft zu, was Zar­ze­cz­ny ankün­digt: Wenn die Lich­ter wie­der ange­hen, dann ist alles anders.

Mela­nie Schoepf

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