Ich hasse meinen Hass

IMG_4417SPOTS-Kri­tik zu Jakob Roths Insze­nie­rung „War­um bin ich eigent­lich heim­lich so ver­dammt stolz auf mei­nen Nazio­pa“ auf dem ARE­NA-Fes­ti­val — von Moritz Holz­kamp.

Ich has­se mei­nen Vater, ich has­se mei­ne Mut­ter. Ich has­se das Wet­ter, die Son­ne. Ich has­se die freund­li­che Wer­be­stim­me beim Ein­kau­fen. Ich has­se Kul­tur. Ich has­se Thea­ter. Ich has­se Art. Ich has­se Arte. Ich has­se 3Sat. Ich has­se rich­tig, ich has­se falsch.“

Wort­ge­wand und trotz­dem frag­ment­ar­tig quas­selt Moritz Kie­ne­mann Sät­ze und Wor­te, Wort­fet­zen und Lau­te auf der Büh­ne in sich hin­ein. Mal brüllt er, mal wird er ganz still, oft bleibt das Wort ein­fach nur so ste­hen. Man merkt ihm sei­ne Poe­try-Slam-Ver­gan­gen­heit an: Er spielt mit den Wor­ten, dreht sie sich im Mund her­um und ent­wi­ckelt dar­aus schon ein­mal einen Rhyth­mus, bis die­ser schließ­lich in einem erlö­sen­den Furz-Laut mün­det: „Boah, Alda warst du das?”

War­um bin ich eigent­lich heim­lich so ver­dammt stolz auf mei­nen Nazio­pa“ ist ein Stück über unse­re Genera­ti­on, unse­re Spaß­ge­sell­schaft, über unse­re Igno­ranz und unse­re Lethar­gie. Es ist eine Hass­re­de, eine Auf­for­de­rung zu mehr Betei­li­gung. Und zwar zu gewalt­tä­ti­ger Betei­li­gung: Jeder sol­le eine Waf­fe haben und von die­ser auch Gebrauch machen, for­dert Kie­ne­manns Figur. Viel­leicht muss man mal so rich­tig auf die Schnau­ze fal­len, oder mal so rich­tig auf die Schnau­ze geben?  Alles gip­felt in dem Auf­ruf, Josef Acker­manns zu erschie­ßen, und in der Bewun­de­rung der Anschlä­ge auf die Redak­ti­on von „Char­lie Heb­do“: „Das hat wirk­lich etwas ver­än­dert.“ Klar, die Pro­vo­ka­ti­on mag als bewuss­tes Stil­mit­tel gewählt wor­den sein. Doch man kommt nicht umhin, sich davon zu distan­zie­ren: In was für Welt leben wir, wenn ein Anschlag auf die Mei­nungs­frei­heit und Gewalt­ver­herr­li­chung gut sein sol­len? Wir also machen alle wei­ter­hin nur die Mer­kel – also nichts –, und schau­en zu, wie ande­re tau­sen­de Men­schen ohne mit der Wim­per zu zucken umbrin­gen. Wir nut­zen unse­re Mög­lich­kei­ten nicht, tref­fen kei­ne Ent­schei­dun­gen, über­neh­men kei­ne Ver­ant­wor­tung. Mes­ser­scharf hält Moritz Kie­ne­mann dem Publi­kum eine Stun­de lang den Spie­gel vor.

Zwi­schen­drin wer­den Zuschau­er nach Beruf oder Bezie­hungs­sta­tus befragt. Aus einer Stu­den­tin wird in einem Gedan­ken­spiel die Ehe­frau von Klaus. Wie wenig sie doch brauch­ten, wenn sie und Klaus sich wirk­lich lieb­ten. Eine Zwei­zim­mer­woh­nung und Spa­ghet­ti Bolo­gne­se vorm Fern­se­her rei­che da doch aus. Oder? Etwa nicht? Wie wol­len wir leben? Was macht uns aus?

Die Insze­nie­rung von Jakob Roth schafft mit spar­ta­ni­schen Mit­teln den gro­ßen Ent­wurf. Sinn­bild­lich dafür steht auch das Büh­nen­bild: Matrat­zen. Mal sind sie Pro­jek­ti­ons­flä­che, mal sind sie Wohn­flä­che, mal sind sie Schau­platz japa­ni­scher Fin­ger­kämp­fe, aber eben auch immer Aus­druck unse­rer Genera­ti­on: weich und bequem.

Moritz Holz­kamp

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