Hexen in der Hugenottenkirche

TE1-Hexenjagd_(c) Jochen Quast

Die Mäd­chen schei­nen vom Teu­fel beses­sen zu sein. Foto: © Jochen Quast

Salem 1692: 20 Men­schen wur­den hin­ge­rich­tet. Mehr als 200 wei­te­re der Hexe­rei beschul­digt. Nur durch Geständ­nis­se und Denun­zia­tio­nen konn­ten Men­schen der Todes­stra­fe ent­ge­hen. In vie­len Fäl­len wur­den sie gefol­tert. Das Thea­ter­stück Hexen­jagd von Arthur Mil­ler beruht auf wah­ren Bege­ben­hei­ten.

Erlan­gen 2015: Für die Auf­füh­rung hat sich das Thea­ter Erlan­gen einen beson­de­ren Ort aus­ge­sucht: Die Huge­not­ten­kir­che, die im Jahr 1693 ein­ge­weiht wur­de. Ein Ort, der die Besu­cher in die rich­ti­ge Zeit und Situa­ti­on ver­setzt. Damals in Salem war es ein Pre­di­ger – Samu­el Par­ris – der gegen Teu­fel und Hexe­rei ankämpf­te. Der Schau­platz der Auf­füh­rung klingt viel­ver­spre­chend. Schwar­ze Umhän­ge wer­den um die Schul­tern aller Zuschau­er gelegt. Das Erlan­ger Publi­kum ist zugleich die Gemein­de von Salem. Auf den im Halb­kreis ange­ord­ne­ten Kir­chen­bän­ken sind über 20 Plät­ze reser­viert. Für die Schau­spie­ler und den Mäd­chen­chor. Büh­ne und Zuschau­er­raum sind eins. Der Regis­seur Domi­nik von Gun­ten bin­det den Innen­raum der Kir­che her­vor­ra­gend in die Insze­nie­rung ein – ob Kan­zel, Trep­pen oder Empo­re.

Zu Beginn ste­hen alle Dar­stel­ler von ihren Plät­zen auf und gehen auf die Büh­ne in der Mit­te zu. Dort bil­den sie einen Chor, beglei­tet von Orga­nist Chris­toph Rein­hold Morath. Ein­zel­ne Töne wer­den nicht immer getrof­fen – beim Orgel­spiel absicht­lich und pas­send zur Sze­ne, beim Gesang ver­mut­lich unab­sicht­lich. Aber wer ins Thea­ter geht, erwar­tet auch kei­ne Opern­arie. Durch die Akus­tik in der Kir­che wirkt der Chor trotz­dem beein­dru­ckend.

TE6-Hexenjagd(c) Jochen Quast

V.l.: Vio­let­ta Zupančič, Patrick Nel­les­sen, Her­mann Gro­ße-Berg. Foto: © Jochen Quast

Bet­ty Par­ris rennt wie vom Teu­fel beses­sen die Trep­pen hin­auf. Gespielt wird sie von Caro­lin Gewalt, einem jun­gen Mäd­chen, das in ihrer Spiel­wei­se mit den pro­fes­sio­nel­len Schau­spie­lern mit­hal­ten kann. Ihr Vater, Rever­end Par­ris, hält sie für ver­hext oder ver­flucht. Die Hexen­jagd beginnt. Immer mehr Men­schen wer­den beschul­digt und beschul­di­gen ande­re. Ein Teu­fels­kreis. Das tota­le Cha­os ent­steht, Mäd­chen bezeu­gen, wen sie mit dem Teu­fel sahen, ren­nen durch­ein­an­der, zie­hen sich bis auf die Unter­wä­sche aus und schrei­en. Sie krei­schen. In ihre Mikro­pho­ne. Die Laut­stär­ke kann mit krei­schen­den Fans auf Boy­group-Kon­zer­ten mit­hal­ten. Meh­re­re Zuschau­er hal­ten sich die Ohren zu. Ob vom Regis­seur beab­sich­tigt oder nicht: Es ist uner­träg­lich laut. Zu laut, als dass man es als Mit­tel recht­fer­ti­gen könn­te, die Dra­ma­tik der Situa­ti­on zu ver­an­schau­li­chen.

Ins­ge­samt ist es kei­ne Insze­nie­rung, die Zuschau­er in eine ande­re Zeit ver­set­zen will, wie man am Anfang ver­mu­tet hät­te. Schwar­ze Umhän­ge, Kir­che, Orgel­mu­sik – es scheint, als wäre die Insze­nie­rung sehr klas­sisch. Es gibt jedoch vie­le Brü­che, moder­ne Ein­schü­be: Eine E‑Gitarre, Spray­do­sen, Kunst­licht. Dabei wäre es gera­de in die­ser Umge­bung span­nend gewe­sen, sich auf die ande­re Zeit ein­zu­las­sen, Mit­tel zu ver­wen­den, die ins Jahr 1692 gepasst hät­ten. Ker­zen­licht zum Bei­spiel. Die Illu­si­on, dass die Zuschau­er mit ihren Umhän­gen eine klei­ne Zeit­rei­se machen, wird schnell zer­stört. So ist es moder­nes Thea­ter in einer alten Kir­che. Der größ­te Unter­schied zu ande­ren Insze­nie­run­gen des Thea­ters Erlan­gen ist der Ort. Bloß nicht zu vie­le klas­si­sche Ele­men­te. War­um eigent­lich nicht? Im Jahr 2015 gehört für ein Thea­ter anschei­nend mehr Mut dazu, eine klas­si­sche Insze­nie­rung zu zei­gen, als mit moder­nen Mit­teln zu pro­vo­zie­ren. Das heißt nicht, dass die Hexen­jagd schlecht ist. Ins­ge­samt ist die Insze­nie­rung sehens­wert und gera­de in der Kir­che wir­kungs­voll. Gera­de hier wäre eine Thea­ter­in­stal­la­ti­on aber noch span­nen­der gewe­sen.

Patri­cia Ach­ter

Wei­te­re Vor­stel­lun­gen in die­ser Spiel­zeit: 18. und 19.06.2015, jeweils um 20.00 Uhr

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