Die Lust am Anderen

42389Ann Cotten ist kein literarischer Noname – und dennoch werden die wenigsten diesen Namen bisher gehört haben. Das ist nicht schlimm, immerhin hat sich das soeben bereits geändert. Sie wurde 1982 in Iowa geboren, was erklärt, warum sie als deutschsprachige Autorin einen Namen hat, der so klingt, als hätte sie einen deutschen Übersetzer. Nun, den hat sie nicht. Dass der Leser mitunter einen bräuchte, darauf kommen wir nun zu sprechen.

Der Band Der schaudernde Fächer versammelt 18 Erzählungen von Liebe und Gegenliebe, begehrender Körperlichkeit und Zurückweisung. Das Umfeld der Erzählerin ist dabei stets ein neues, trotzdem kehren die gleichen Motive immer und immer wieder. Manche Texte sind dabei sehr narrativ und wirken in ihrer Dramaturgie sorgsam komponiert, andere wiederum erscheinen als hermetische Textflächen, die doch auch der banalsten Reflexion Raum geben, etwa dieser: „Wie kann es sein, dass einer liebt und der von ihm Geliebte ihn ablehnt?“ Gerade die reflektierenden Texten sind für den Rezipienten nur schwer zugänglich. Mitunter erfährt man von der äußeren Umgebung, überhaupt von allem was außerhalb der wirr kreisenden Gedanken der Erzählerin vor sich geht in etwa so viel: nichts.

Die soeben aufgemachte Zweiteilung der Texte ist bei genauerer Betrachtung aber auch sofort zu verwerfen. Die Texte mäandern auch in sich zwischen Innerlichkeit und Äußerlichkeit, auf erzählerischer Ebene sind sie gleichzeitig konventionell und experimentell. Ein Beispiel? Hier: In Die gelangweilte Combo oder Wie man gut schreibt wirft die Erzählerin an einer Stelle plötzlich ein:

„(Merkt man an den zwischen den verschiedenen Ebenen so hemmungslos verschalteten Argumentationsketten meinen Kater? Es ist, als wäre in alter Zeit eine Telefonistin nach und nach über Arbeit und Wodka eingeschlafen, ohne ihr Pult aufzuräumen, sodass die Verbindungen, insofern sie nicht von neuen überkreuzt wurden, stehen blieben. […]“ (10)

Die Klammer zieht sich noch eine halbe Seite fort. Eine Erzählerin, die mit dem Erzählten ringt, die nach den richtigen Worten sucht, sich auch vergaloppiert, meldet sich in dieser Sache immer wieder einmal zu Wort:

„Als ich aufwachte, erinnerte ich mich an etwas, es ist das, was ich gerade versäumt habe zu erzählen. […] [W]ie herrlich daneben‘ es von mir ist, dass ich die ganze Runde hier zwei Stunden lang gelangweilt habe mit einer ausführlichen Erzählung eines Nachmittags und Abends in Nagoya, aber das, worum es mir dabei ging, vergessen habe zu erzählen[…]“ (176)

Es ist aber im Grunde genau diese Inkonsequenz, die Ann Cotten zum ästhetischen Prinzip erhoben hat: Eine Ästhetik des Irrtums. Auch ihre Protagonistinnen und Erzählerstimmen kommen schließlich nie ganz zu sich selbst. So stellt sich die Erzählerin in Des Todes dummer Bruder die Frage:

„Woran erkennen wir eine Lösung? An ihrer beziehungsreichen Beziehung zum Rätsel. In dem Augenblick, wo wir eine Lösung als Lösung erkennen, wird dadurch zugleich allerhand über das Rätsel klar.“ (31)

Dass mit einer derart tautologischen Definition nichts zu gewinnen ist, wird schnell klar, noch dazu, wenn sich diese diversen Baustellen, die sich alle zusammen ein Leben nennen, dadurch nicht einmal beschreiben lassen. Jedes denkbare Muster, jedes Deutungsangebot wird sowohl inhaltlich als auch erzählerisch irgendwann wieder verworfen.

Trotzdem sind Ann Cottens Erzählungen nicht depressiv oder resignierend. Sie bewegen sich im Spannungsfeld zwischen Lakonie und fast schon barocker Beschreibungslust, etwa im surrealistisch angehauchten Text Idyllen.Cillen, der etwa an Ror Wolf denken lässt.. Es ist die Lust am Anderen: am anderen Geschlecht, an der anderen Meinung, am anderen Leben. Was auch sonst: „Jedenfalls zog es mich nicht besonders an, dass etwas Plausibles wirklich wahr werden sollte.“

Ann Cotten: Der schaudernde Fächer. Erzählungen. Berlin: Suhrkamp 2013, 251 S., 21,95 €, ISBN: 978-3-518-42389-9.

Timo Sestu

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