Am Ende sammeln sie unsere Herzen ein

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Bild: Kunihiro Fukumori

Live-Herzschläge und 3-D-Animationen: Eine außergewöhnliche Darbietung hat die japanische Tänzerin Yui Kawaguchi im Oberen Foyer des Markgrafentheaters Erlangen gezeigt. Außergewöhnlich – selbst für ein internationales Figurentheaterfestival. Eine normale Kritik würde dem Format nicht gerecht werden. Zuerst beschreibe ich meine Eindrücke, dann meine spontanen Gedanken. Los geht’s!

Beschreibung: Wir setzen uns in zwei Reihen auf Stühle, einander zugewandt.
Gedanke: Tanzen die beiden Frauen mit den pinken Haaren um uns herum, oder wie?

„Die beiden Frauen mit den pinken Haaren“, das sind Assistentinnen der Tänzerin Kawaguchi. Sie positionieren sich an den beiden Enden der Stuhlreihe.
Jetzt wird es spannend. Sie fangen an!

Sie verteilen Desinfektions-Tücher.
Werden wir alle gleich so dreckig, dass wir die Tücher brauchen?

Mit den Tüchern sollen wir unsere Hände säubern. Die beiden Assistentinnen geben Anweisungen: Eine auf Deutsch, eine auf Englisch. Zwischendurch tuscheln einige Zuschauer und sprechen meine Gedanken aus:
Das ist ja wie im Flugzeug! (Kichern)

Sie führen uns in Zweierreihe zu den Zuschauerrängen. Immer nur zehn Personen auf einmal.
Nicht schlecht, wie geordnet hier alles zugeht. Davon können Lehrer nur träumen.

Wir sitzen auf unseren Plätzen, setzen uns die 3-D-Brille und die Kopfhörer auf – wie angewiesen. Ein leises regelmäßiges Wummern ist zu hören.
Das kommt aus den Kopfhörern – oder? Ja, eindeutig. Es ist nur so leise. Was für ein Geräusch ist das?

Vor uns auf der Bühne kniet Kawaguchi. Sie hält sich ein Kabel an die Brust.
Ist das leise Wummern ihr Herzschlag? Möglich wär’s, so ruhig und gleichmäßig, wie sich das anhört.

Die beiden Frauen mit den pinken Haaren verteilen etwas. Dabei sind sie ruhig, nehmen sich Zeit, machen kaum Geräusche. Ich bekomme auch etwas in die Hand gedrückt. Ein Herz. Aus Silikon.
Fühlt sich so eine Silikonbrust an? Kühl, weich, irgendwie gummiartig. Ein Wackelpudding. Ah, deshalb sollten wir unsere Hände waschen!

Sie verneigen sich, gehen ab, es wird dunkel. Über die Kopfhörer ist etwas zu hören. Schritte. Als würde jemand direkt neben mir die Treppe herunterkommen. Zwei Zuschauer vor mir drehen sich suchend um.
Anscheinend hören wir die Schritte nur über die Kopfhörer. Ich könnte sie kurz abnehmen und den Test machen. Nein, das stört bestimmt die Zuschauer hinter mir. Und ich will auch nichts verpassen.

Die Bühnenwand ist eine riesige Leinwand. Kleine, leuchtende Bläschen schweben im Dunkeln auf uns zu. Sie scheinen zum Greifen nahe. Und in der Mitte tanzt Kawaguchi. Wir sind mittendrin.
Wow! Endlich wird die 3-D-Technik mal sinnvoll verwendet. Das sieht so schön aus!

Auf der Leinwand ist das Meer zu sehen, über die Kopfhörer rauschen die Wellen in meinen Ohren. Wir sind am Meer. Kawaguchi tanzt mit wellenförmigen Bewegungen.
Ganz schön beweglich! Moment mal – hat sie sich gerade wirklich so weit nach hinten verbogen? Das sieht bei ihr so leicht aus!

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Bild: Kunihiro Fukumori

Nach einer längeren Tanzeinlage hält sie wieder das Kabel an ihre Brust.
Huch, das Silikonherz in meinen Händen bewegt sich! Es vibriert! Als wäre es ihr Herz. Verrückt, ich stelle mir gerade vor, ein echtes Herz in der Hand zu halten. Lebendig und pochend. Das Leben selbst in Händen zu halten. Wahnsinn.

Zusätzlich zu dem Vibrieren in den Händen ist der Herzschlag über Kopfhörer zu hören.
Ist es normal, dass der Herzschlag so stolpert? Was würde ein Arzt dazu sagen?

Es wird völlig dunkel, kein Lichtpunkt taucht auf. Die ersten Zuschauer klatschen.
Oh nein, ist es schon vorbei?

Ich bin sprachlos, habe eine Gänsehaut.
Hoffentlich hält das noch eine Weile an.

Zum Schluss kommen die beiden Frauen mit den pinken Haaren wieder, eine sagt: „Wir kommen, um Ihre Herzen einzusammeln.“

 

Patricia Achter

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